‚The Gargoyle‘ von Andrew Davidson

Titel: ‚The Gargoyle‘
(
dt. Titel: ‚Gargoyle‘)

Autor: Andrew Davidson

Sprache: Amerikanisch

Erzähler: Lincoln Hoppe

Medium: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo

Länge: 19 Std 15 min (ungekürzt)

Inhaltsangabe (von audible.de):

Ein Mann überlebt einen Unfall mit schwersten Verbrennungen. Entstellt und voller Schmerzen hat er danach nur einen Gedanken: Wie kann er seinem elenden Zustand ein Ende bereiten? Da taucht eine mysteriöse Frau an seinem Krankenbett auf: die schöne Marianne Engel, exzentrische Bildhauerin beeindruckender Fabelwesen. Sie behauptet, sie seien einst Liebende gewesen – vor siebenhundert Jahren in Deutschland, als sie eine Nonne war und er ein Söldner auf der Flucht. Ist diese Frau einfach verrückt? Oder ist sie der rettende Engel, der ihn erlösen wird?

Zur Geschichte:

Accidents ambush the unsuspecting, often violently, just like love.

Es war der erste Satz der Hörprobe, der mich direkt in den Bann schlug. Mit näselnder, leicht hochnäsiger Stimme erzählt dort ein Mann mit brutaler Distanzlosigkeit und in allen grausigen Einzelheiten, wie er bei einem Autounfall fast bei lebendigem Leibe verbrennt. Der Auslöser des Unfalls: unser ‚Held‘ fährt im Drogenrausch und sieht  einen brennenden Pfeil auf sich zuschießen.

Soweit, so bizarr.

Was folgt, ist eine Geschichte in drei Akten:

Da haben wir zuerst die Schilderung des langen Klinikaufenthaltes des verunfallten (und namenlos bleibenden) Ich-Erzählers. Schonungslos, gespickt mit (wirklich lehrreichen) medizinischen Fakten und unter Grauen teilt der Hörer die Qualen, den Ekel, und die depressive Ernüchterung des Protagonisten, der gerade zu Beginn nicht unbedingt sympathisch ist. Als selbstverliebter, arroganter Pornodarsteller muss er sich damit auseinandersetzen, den Rest seines Lebens grausam entstellt zu verbringen. Der mit der Behandlung einhergehende Drogenentzug macht die Sache nicht einfacher, und schließlich mündet die Qual – trotz aufrichtiger Bemühungen einer asiatischen Pflegerin und eines Psychiaters – in ganz konkreter Selbstmordplanung.

Vorhang auf für den 2. Akt: Die Künstlerin Marianne Engel tritt ins Leben des selbtmordgefährdeten Rekonvaleszenten. Sie behauptet unverblümt, die beiden würden sich schon seit mehreren hundert Jahren kennen, lieben, und dies sei nicht das erste Mal, dass sie ihn als Brandopfer vorfindet. Perplex, aber immer faszinierter von dieser seltsamen Person, lauscht der Verletzte ihren Erzählungen: Zum einen der Lebensgeschichte Marianne Engels, die im Mittelalter in  einem Kloster in Deutschland beginnt; zum anderen sind da die ergreifenden Liebesgeschichten aus verschiedenen Ländern und Zeiten, die sie ihm vorträgt. Irgendwo dazwischen erfahren wir, dass Marianne Bildhauerin ist und mit Vorliebe ‚Gargoyles‘ (das sind grotesk aussehende Wasserspeier-Figuren) meißelt.

Im 3. Akt ist es dann soweit: Der Protagonist wird aus dem Krankenhaus entlassen und findet ein Zuhause bei Marianne. Erst hier erkennt er, von welchen Kräften sie getrieben wird, was es mit den Skulpturen auf sich hat, und dass ihr gemeinsames Leben möglicherweise bald zu Ende sein kann…

Fazit:

‚Gargoyle‘ ist vollkommen irre. Dieses Buch platzt fast aus den Nähten: Geschichten stecken in Geschichten, es wimmelt von literarischen Anspielungen, historischen Teilwahrheiten, Verbeugungen vor fremden Kulturen (und Essen!) und kontroversen religiösen Fragen. Dazu kommt noch ein  medizinischer Fachkursus in Sachen Brandverletzungen und Drogenmissbrauch bzw. -entzug. Alles ganz schön viel auf einmal. Für Viele ist das eine der großen Schwächen des Buches – dieses Sammelsurium an Fakten und Behauptungen, die angerissen werden. Für mich dagegen ist es eine Schatzkiste, eine Wundertüte, die man aufmacht, und an deren Inhalt man sich gar nicht satt sehen kann.

Zugegeben: Das Ende der Geschichte ist – im Vergleich zum Anfang – etwas schwach, und insgesamt wirkt das Buch etwas unausgegoren. Es geht nicht alles so ganz ineinander, und durch die deutliche Unterteilung in mehrer Abschnitte hat das Ganze etwas von einem Patchwork-Teppich, der nicht wirklich sauber zusammengenäht ist. Vielleicht ist das auch darauf zurückzuführen, dass es sich um Davidson’s Romandebüt handelt.

Dafür ist die Geschichte allerdings unglaublich originell, und der Sprachgebrauch reicht von süffig über sarkastisch bis poetisch. Originell ist auch der Erzählstil – zwei Ich-Erzähler wechseln sich auf zwei verschiedenen Zeitebenen ab, vervollständigt von einem Dritten (der in der gedruckten Version auch optisch aufmerken lässt).

Vor allem aber stecken tiefe Emotionen in diesem Hörbuch. Es geht um so viel für unsere Hauptfiguren: Um Liebe, natürlich, aber auch um Verlust, Trauer, Akzeptanz, und um große Leidenschaft. Um das, wofür wir brennen. Wer sich davon berühren lässt, wird sich vielleicht (wie ich) Rotz und Wasser heulend erwischen. Und das sagt letztendlich mehr über die Geschichte aus als jede Analyse.

Zum Erzähler:

Lincoln Hoppe war mir unbekannt, und zunächst war mir seine nasale, hochnäsig anmutende Sprechweise auch ganz und gar nicht sympathisch. Wäre der Anfang des Hörbuches nicht so packend, hätte ich es wohl nicht gekauft. Schnell wurde mir aber klar, dass die Stimme haargenau zum (anfänglichen) Charakter der Hauptfigur passt. Genau diese leicht gelangweilte Herablassung, genau dieser ätzende Spott findet sich zwischen den Zeilen wieder.

In der amerikanischen Hörbuchversion spricht Hoppe beide Figuren, den Protagonisten und Marianne, beides in der Ich-Form (in der deutschen Variante gibt es dafür zwei Sprecher, einen Mann und eine Frau). Das hat bei mir allerdings nie zu Verwirrung oder sonstigen Problemen geführt. Hoppe bringt beide Erzählperspektiven gut rüber, ohne dafür groß die Stimmlage zu wechseln. Marianne gesteht er lediglich eine subtile Weichheit und Güte zu, verleiht ihr gleichzeitig aber auch die nötige Kraft.

Obwohl ich normalerweise tiefere, wärmere Männerstimmen bevorzuge, war Hoppe für diese Erzählung die richtige Wahl.

Bewertung: 11/10

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2 Gedanken zu “‚The Gargoyle‘ von Andrew Davidson

  1. buechermonster 17. Januar 2012 / 17:19

    Da kann ich dir nur zustimmen. Großartige, ungewöhnliche und sehr berührende Geschichte und in der von mir gehörten deutschen Fassung mit hervorragenden Sprechern (Stefan Kaminski/Sascha Maria Icks).

    • papercuts1 17. Januar 2012 / 17:45

      Ach, du kennst das auch? Ich fand’s ungewöhnlich, dass in der englischen Version 1 Sprecher vorträgt, in der deutschen aber 2 (obwohl sich das ja wirklich anbietet, mit 2 Ich-Erzählern!). Und Stefan Kaminski und Sascha Maria Icks sind natürlich klasse.

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