‚The Book Thief‘ von Markus Suzak

Titel: ‚The Book Thief‘
(dt. Titel: ‚Die Bücherdiebin‘)

Autor: Markus Zusak

Sprache: Englisch

Medium: Taschenbuch von amazon.de für € 7,99

Länge: 560 Seiten

“I guess humans like to watch a little destruction. Sand castles, houses of cards, that’s where they begin. Their great skills is their capacity to escalate.”
–Markus Zusak, The Book Thief

Kurzbeschreibung (von audible.de):

Liesel lebt während des Zweiten Weltkrieges bei Pflegeeltern in der Himmelstraße in Molching, wo sie die Juden nach Dachau ziehen sieht und die Bombennächte über München erleidet. Das Mädchen überlebt, weil der Tod – in dieser Zeit beschäftigter denn je und Erzähler dieses außergewöhnlichen Romans – Liesel in sein Herz geschlossen hat. Sie und die Menschen aus der Himmelstraße.

Zum Buch:

Es gibt nicht alle Tage Bücher, die einem das Herz zerreissen und gleichzeitig voller Zauber sind. Bücher, die einen in die Knie zwingen. Um es vorweg zu nehmen: ‚The Book Thief‘ ist so eins. Wer es nicht liest (womöglich, weil er sich von der Einordnung als ‚Jugendbuch‘ abschrecken lässt), verpasst etwas Einzigartiges. So einfach ist das. Punkt.

Man schaue sich nur mal die ersten Sätze an, und man weiß, da kommt etwas Besonderes auf einen zu:

DEATH AND CHOCOLATE

First the colors.
Then the humans.
That’s usually how I see things.
Or at least, how I try.

HERE IS A SMALL FACT
You are going to die.

So beginnt der seltsame Ich-Erzähler das Buch, und stellt sich anschließend vor: der Tod selbst erzählt diese Geschichte, und er mag Farben und – trotz ihrer wankelmütigen, zu Grausamkeiten neigenden Natur – auch die Menschen. Er ist, wie er zugibt, fasziniert von ihnen.

Zu der Zeit, in der die Geschichte spielt, hat der Tod überwältigend viel zu tun: Wir befinden uns in Deutschland im Zweiten Weltkrieg, und an jeder Ecke gibt es sterbende Seelen behutsam aus ihren toten Leibern zu pflücken und abzustransportieren. Während der folgenden Jahre trifft der Tod drei Mal auf das Mädchen Liesl, die spätere ‚Bücherdiebin‘. Drei Gelegenheiten, bei denen er die tapfere Kleine immer mehr in sein Herz schließt.

Das erste Zusammentreffen erfolgt in einem Zug auf dem Weg nach München, wo Liesl die kommenden Jahre bei Pflegeeltern verbringen wird. Ohne etwas zu verraten: Es ist ein leiser, schockierender Beginn, durchzogen von schmerzhaft poetischen Momenten, in denen der Australier Markus Zusak den Ton für den Rest der Geschichte setzt. Wer hier mit seinem metaphorisch-kuriosen Stil, der Erzählperspektive und Thematik nicht klar kommt, der sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen. Alle anderen haben sich nach diesen wenigen Seiten längst in das Buch verliebt.

In München findet Liesl ein liebevolles neues Zuhause. Die barsche und resolute Art ihrer Pflegemutter kann deren großes Herz nicht verstecken. Und Liesls neuer Vater, sanft, geduldig und ein begnadeter Akkordeonspieler, geht mit aller Güte und Liebe auf das traumatisierte Kind ein, die ein Mensch nur aufbringen kann.

Und dann ist da Rudi. Rudi, der so schnell rennen kann wie Jesse Owens. Rudi, mit dem man Äpfel klauen kann. Rudi, der keine Lust hat auf die Hitlerjugend und Liesl stattdessen endlich küssen will. Die tiefe Freundschaft zwischen Liesl und dem strohblonden Jungen aus der Nachbarschaft beginnt, wie echte Freundschaften beginnen – mit einem Schneeball mitten ins Gesicht – und wird Liesl ein Leben lang prägen.

Der Holocaust wird natürlich auch thematisiert, und zwar auf ganz nahe, intime Weise. Eines Tages taucht ein erschöpfter, kranker Mann bei Liesl zu Hause auf: Max Vandenburg ist Jude, und Liesls Eltern verstecken ihn monatelang im Keller ihres Hauses. Liesl wird für Max das Tor zur Außenwelt und hilft, ihn durch die Angst und Einsamkeit hindurch am Leben zu erhalten. Eine weitere ergreifende Freundschaft entsteht.

Natürlich spielen auch Bücher eine Rolle. Bücher, die Liesl in entscheidenden Augenblicken ihres Lebens stiebitzt, nachdem sie mühevoll das Lesen gelernt hat. Bücher, die sie mit geröteten Wangen und klopfendem Herzen stiehlt und hütet wie einen Schatz. Und ein Buch, das ein besonderer Freund für sie malt und schreibt.

Wie das alles endet, und zu welchen weiteren Gelegenheiten der Tod Liesls Wege kreuzt, das muss man selber lesen. Und sollte sich im letzten Teil des Buches darauf rüsten, kaum greifbares Grauen und tiefsten Schmerz mit Liesl zu durchleben. Es tut sehr weh, davor sei gewarnt. Zusak’s Art zu schreiben, und die melancholische, gezwungenermaßen gnadenlose Sichtweise durch die Augen des Todes selbst sind absolut ergreifend. Die intimen, auf einen Mikrokosmos reduzierten Szenen des Horrors und der Trauer machen es dem Leser unmöglich, auf Distanz zu bleiben. Man ist nah dran, vernichtend nah. Da kommt kein Leser durch, ohne selbst ganz schön etwas abzubekommen.

Aber nur Mut: Die letzten Seiten sind tröstlich, und die Geschichte findet einen stimmigen Abschluss, der den Kreis schließt und über viel Kummer ein wenig hinweg hilft.

Fazit:

Ein Buch, das ganz tief unter die Haut geht. Ein unerwarteter Erzähler mit einer einzigartigen Perspektive. Charaktere, an die man sein Herz verliert. Eine Geschichte, die den Zweiten Weltkrieg auf kleiner Bühne ganz dicht an den Leser heranträgt und erlebbar macht, mit allen Konsequenzen. Ein Schreibstil, so imaginativ und gleichzeitig lebensnah, dass man niederknien möchte. Zusak hat ein überwältigendes Buch geschrieben, das gleichzeitig erschüttert und von Glück erfüllt.

‚Die Bücherdiebin‘ ist offiziell ein Jugendbuch. Natürlich, es ist bestens geeignet, um Jugendlichen die Thematik Holocaust und Zweiter Weltkrieg in Deutschlang nahe zu bringen. Allerdings finde ich die Altersempfehlung ‚ab 12‘ mutig: Ich werde das Buch aufgrund der doch traumatisierenden Szenen meinen eigenen Kindern nicht in die Hand geben, bevor sie nicht mindestens 14 oder 15 sind. Und Erwachsene können (und sollten) über die Einordnung ‚Jugendbuch‘ einfach hinweg sehen.

Meine Empfehlung: Lesen! Ihr werdet es nie mehr vergessen.

Bewertung: 11/10

Zusätzliche Infos:

Inzwischen gibt es das Buch auch als Hörbuch. Die deutsche Version (erhältlich bei audible.de) liest Boris Aljinovic mit viel Einsatz. Eine ganz andere, tiefere Stimme hat der Erzähler der englischen Version, Allan Corduner. Die Hörproben beider Versionen hören sich vielversprechend an.

Facebook-Seite von Markus Zusak

Auf Twitter findet ihr ihn unter @Markus_Zusak

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2 Gedanken zu “‚The Book Thief‘ von Markus Suzak

  1. Alex 28. Januar 2012 / 16:56

    Ich muss leider zugeben, dass mich das Buch nicht sooo sehr gefesselt hat, auch wenn mich der Autor von seinem großen Talent überzeugt hat (ich hab gleich danach „Der Joker“ von ihm gelesen). Vielleicht sollte ich es nochmal lesen.

    • papercuts1 28. Januar 2012 / 22:55

      Nun, Geschmäcker sind ja (zum Glück) verschieden. Ich habe auch eine Freundin, die mit dem Buch überhaupt nichts anfangen konnte, weil ihr der Schreibstil und die Erzählperspektive so gar nichts gaben. Die meisten, die ich kenne fanden das Buch allerdings ergreifend. Mich hat es sehr berührt, aber das hat natürlich auch mit meinen ganz persönlichen Vorlieben zu tun und damit, welcher Schreibstil mich am besten packt.
      ‚Book Thief‘ war bisher das einzige Buch, das ich von Zusak gelesen habe. Es ist bestimmt interessant, mal ein Weiteres von ihm auszuprobieren. Man hat da ja immer so seine Erwartungen.
      ‚Joker‘ werde ich direkt mal nachschlagen.
      Danke für’s Vorbeischauen!

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