‚Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht‘ von Jakob Hein

Titel: ‚Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht‘

Autor: Jakob Hein

Sprache: deutsch

Medium: Hardcover für € 16,90

Länge: 173 Seiten

Kurzbeschreibung (von amazon.de):

Seit Boris Moser seine Agentur für verworfene Ideen eröffnet hatte, war niemand anderes als er selbst durch die Eingangstür getreten. Nun stand diese Frau vor seinem Schreibtisch, Rebecca. Kastanienbraunes Haar fiel auf ihre Schultern, und ihre Augen leuchteten. Während Boris noch darüber sinnierte, ob ihre elegante Nase ihr einen evolutionären Vorteil einbrachte, sprach Rebecca ihn an. Schlagartig wurde Boris klar, dass er diese Frau nie wieder gehen lassen durfte. Und dann tat er etwas, das er sonst unter allen Umständen vermieden hätte: Er erzählte ihr von einem verworfenen Romananfang. Er erzählte ihr von Sophia, die für ihren Auftrag­geber eine Geschichte aufschrieb. Sie handelte von dem Wissenschaftler Heiner, der kurz davor stand, den Sinn des Lebens zu ergründen.

Zum Buch:

Man muss wissen, dass ich dieses Buch aus der Not heraus gelesen habe. Tatsächlich sind mir die selbst gekauften/gewünschten Bücher ausgegangen, und so habe ich mein Regal nach etwas ungefragt Geschenktem und Lesbarem gesucht. Dabei fiel mir VOR MIR DEN TAG… in die Hände.

Zunächst dachte ich, ich hätte einen Schatz gefunden. Der Anfang des Buches ist charmant und hat das, was man schon mal als ‚Espirit‘ bezeichnet. Da sitzt Boris in seiner Agentur Für Verworfene Ideen und bemüht sich, eben diese zu sammeln und dabei einen etwaigen Geniestreich zu entdecken. Vielleicht findet sich in Boris‘ Kartei für die verworfene Idee einer Erfindung, die technisch unmöglich umsetzbar erschien, ja genau die verworfene Idee für ein Material, das die Umsetzung möglich macht?

Boris ist so ein netter Träumer. Eigentlich sowas wie ein hoffnungsloser Fall, denkt man, aber liebenswert. Und dann verirrt sich Rebecca in den Laden, die ihren Computer reparieren lassen will (Boris‘ Agentur war früher der Sitz der Computerfirma, und er hat das Schild über der Tür nie ausgetauscht oder einen neuen Firmennamen gefunden). Die beiden verwickeln sich in ein amüsant zu lesendes Gespräch, und man wähnt sich am Beginn einer spritzig-skurilen Liebesgeschichte.

Tja, und dann kommt es ganz anders. Boris erzählt Rebecca den Anfang eines verworfenen Romans. Und damit geht das Buch dann weiter: mit der Geschichte von Sophia, die auf der Straße umkippt, und im Krankenhaus per Gedankenübertragung dem Notarzt Sebastian wiederum eine Geschichte erzählt: die von der chinesichen Mauer und dem blinden Schriftsteller, den Sophie betreute. Und von der Geschichte, die er ihr diktiert: die von Heiner, der beinahe den Sinn des Lebens entdeckt hätte, wäre er nicht einen Faust’schen Pakt eingegangen, der das verhindert.

Erst ganz zum Schluss der Geschichte in der Geschichte in der Geschichte landen wir wieder bei Boris und Rebecca. Für mich eine mittlere Enttäuschung, empfand ich ihre Geschichte doch als die interessanteste und geistreichste.

Ja sicher, vor allem die Geschichte von Heiner hat auch diese melancholisch-humorvollen Momente. Auch hier tänzelt die Schreibe von Hein leichtfüßig-philosophisch dahin. Alltäglichkeiten werden erforscht und hinterfragt (so wie die Seitenlange Beschreibung der perfekten Zubereitung eines Milchkaffees), und das ist immer wieder nett zu lesen. Auch die ein oder andere Frage nach dem Sinn der Dinge, des Lebens, und nach dem Scheitern vielversprechender Anfänge steigt auf. ‚Verworfene Ideen‘ und vielversprechende Anfänge, die sich verlaufen oder im Keim erstickt werden gibt es zuhauf in VOR MIR DER TAG…

Letztendlich bleibt das Buch aber Antworten jeglicher Art schuldig – vielleicht ist seine Aussage auch, dass es gar keine Antworten gibt. Für ein philosophisches oder gesellschaftskritisches Werk ist es zu diffus. Für einen erheiternden kleinen Roman zu verkopft und seltsam. Handlung gibt es wenig; das Buch besteht fast gänzlich aus inneren Monologen, tatsächlichen Monologen oder Dialogen. Ich selbst war vom Anfang regelrecht begeistert, aber diese Begeisterung ist dann doch etwas verpufft. Am Ende fehlt eine greifbare Aussage.

Fazit:

Nett zu lesen, von sympathischem, subtilem Humor, mit Ansätzen zu Gesellschaftskritik und philosophischer Reflektion. Eine dreifach verschachtelte Geschichte mit liebenswerten Hauptfiguren, die allerdings Platz machen für weniger erfüllende Charaktere und Erzählstränge. Eine Geschichte, die mit ganz viel Potential Erwartungen aufbaut, um dann nicht an diesen Maßstab heran zu reichen.

Man mag in Hein’s kurzer Erzählung viel Tiefe und Denkanstöße entdecken – oder für sich entscheiden, dass VOR MIR DER TAG… auch nur als eine von diesen Karteikarten in Boris‘ Sammlung enden sollte: als vielversprechender Beginn, aus dem dann aber doch nichts wurde.

Bewertung: 5/10

Advertisements

Verfass' einen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s