‚Niceville‘ von Carsten Stroud

Titel: ‚Niceville‘

Autor: Carsten Stround

Sprache: Deutsch (Originalsprache: Amerikanisch)

Sprecher: Michael Hansonis

Medium: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo (Normalpreis € 24, 95)

Länge: 14 Std 19 Min (ungekürzt)

Inhaltsangabe (von audible.de):

Niceville. Eine Kleinstadt im Süden der USA, idyllisch, altmodisch und noch immer fest in den Händen der Gründerfamilien. Hier lässt es sich leben. Aber irgendetwas läuft schief in Niceville. An einem Sommertag verschwindet der kleine Rainey Teague. Zehn Tage später wird er gefunden – in einer alten Gruft. Er liegt im Koma. Nick Kavanaugh, der Ermittler, steht vor einem Rätsel. Niceville findet keine Ruhe mehr. Merle Zane und Charlie Danziger überfallen eine Bank und machen sich mit zweieinhalb Millionen Dollar aus dem Staub. Nach einer Meinungsverschiedenheit knallen sie sich gegenseitig ab. Beide überleben schwer verletzt. Niceville wird zu einem Ort ohne Gnade. Während eines infernalischen Wochenendes überschlagen sich die Ereignisse. Liegt ein Fluch über Niceville? Geht er aus von einem mit schwarzem Wasser gefüllten Loch auf dem Felsen über der Stadt? Man sagt, etwas lebt darin. Doch was?

Zum Buch:

Bei diesem Hörbuch gab’s eine Premiere: für NICEVILLE musste ich eine mindmap anlegen, um nicht den Überblick zu verlieren. Nachdem ich bei ca. Stunde 5 merkte, wie ich immer wieder den Überblick verlor über die vielzähligen Figuren und Handlungsstränge und ihre Vernetzung, stellte sich das als äußerst hilfreich heraus. Ohne die Notizen auf meinem Handy und besagte mindmap wäre ich jetzt wirklich nicht in der Lage gewesen, eine halbwegs vernünftige Rezension zu schreiben.

NICEVILLE beginnt erfreulich unheilvoll: Der kleine Rainey Teague verschwindet auf dem Heimweg von der Schule. Und ‚Verschwinden‘ ist damit wörtlich gemeint. Bei den Ermittlungen findet sich der Beweis, dass Rainey tatsächlich von einer auf die andere Sekunde ganz einfach nicht mehr da ist – bis er zehn Tage später in einer offenbar seit ewigen Zeiten versiegelten Gruft wieder auftaucht. Befragen kann ihn niemand mehr; Rainey fällt ins Koma.

Der Junge ist nicht der Letzte, der verschwindet. Und neben den (wie sich herausstellt) überproportional vielen ‚Verschwundenen von Niceville‘ ereignen sich weitere unschöne Vorkommnisse: Mord, Betrug, Erpressung, Pädophilie, Drogenmissbrauch… die Liste des Bösen, das in dem so gar nicht netten Niceville die Menschen durchdringt, wird länger und länger, ebenso wie das Figurenensemble in der ersten Hälfte des Hörbuchs wächst und wächst.

Aus dem anfangs scheinbar zusammenhanglosen Sammelsurium an parallelen Handlungssträngen lassen sich die beiden auch auf dem Klappentext ewähnten herausfiltern: Das mysteriöse Verschwinden von Rainey einerseits, und andererseits ein Bankraub mit Folgen. Mehrere Cops werden dabei getötet, und die in den ausgeklügelten Raub verwickelten Personen versuchen, sich gegenseitig zu hintergehen und umzubringen. Der einzige verbindende Faktor und Charakter, an den man sich automatisch klammert, ist der CID-Ermittler Nick Kavanaugh, der mit seiner Entourage an Kollegen und Familienmitgliedern Licht ins Dunkel beider Fälle zu bringen versucht.

Neben diesen beiden Handlungssträngen gibt es noch weitere, für ich ich beide Hände brauche, um sie an den Fingern abzuzählen: Da ist der Chef eines Sicherheitsunternehmens, der Dreck am Stecken hat; ein rachsüchtiger, simpel gestrickter Kleinkrimineller, der zum Denunzianten wird; da ist ein chinesischer IT-Spezialist, der um sein Visum bangt; eine indianisches Mädchen, das zu viel mit ansieht und eine Rechnung mit ihrem Vater offen hat; da ist eine undurchsichtige Südstaatenbraut mit langer Familiengeschichte; da ist die alte Celia Cotton mit ihrem Haus voller Glas und Spiegel; da ist ein Wanderer zwischen den Welten unterwegs zu einem Duell…. die Liste geht noch weiter, aber ich höre hier auf. Wie gesagt – das mit der mindmap war kein Witz.

Für die erste Hälfte des Hörbuchs braucht man dann auch einen langen Atem, gute Konzentration und ein noch besseres Gedächtnis (oder meine mindmap…), sonst ist die Gefahr groß, dass man verwirrt und etwas gelangweilt aufgibt. Die Geschichte hat schon Längen. Vor allem bei den vielen, vielen Dialogen habe ich gedacht, dass eine gekürzte Fassung ausnahmsweise mal von Vorteil sein könnte. Natürlich, die Verknüpfungen und Details werden später wichtig, aber man hätte doch Einiges streichen können. Alles kann man sich sowieso nicht merken.

Man muss auch über die immer wieder durchhängende Spannungskurve hinwegsehen können und den Blick auf das große Ganze halten. Die Geschichte um Rainey, mit der NICEVILLE beginnt, lässt einen auf langsam, aber stetig steigenden Nervenkitzel mit einer gehörigen Portion feinem Horror hoffen. Auch die Actionszenen sind mit knackiger, eiskalter Präzision geschrieben, dass es einem wohlig kalt den Rücken herunterläuft. Aber dann kommen eben immer wieder lange Abschnitten, in denen viel geredet wird, noch mehr Personen dazu kommen und eigentlich nicht viel passiert.

Doch wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, hängt alles irgendwie miteinander zusammen. Und eine wesentliche Rolle spielen dabei der ‚Crater Sink‘, ein unheimliches Wasserloch in Niceville, und das, was sich darin verbirgt. Besonders das letzte Drittel des Hörbuches schaltet dann einen Gang höher. Einige Puzzleteile (wenn auch längst nicht alle) fügen sich ineinander, das Horrorelement tritt deutlicher hervor, die Spannung insgesamt steigt. Am Ende hat man das Gefühl, durch einen Sumpf des Bösen zu waten, das NICEVILLE wie ein Virus infiziert hat, und dass man trotz der Verwirrung und deutlichen Längen doch gerne wissen möchte, wie es mit den Menschen in dieser Kleinstadt weitergeht.

Und weitergehen wird es: NICEVILLE wird als erster Teil einer Trilogie gehandelt. Und wenn man das weiß, kann man auch eher mit der langatmigen Einführung und den vielen Figuren der Geschichte leben. Das hat dann wirklich etwas von Fernsehserien wie ‚Lost‘ oder ‚Twin Peaks‘, mit denen Carsten Stroud’s Buch gerne verglichen wird. Ich fühlte mich zum Teil auch an Stephen King’s ‚Dark Tower‘ Buchserie erinnert. Jedenfalls sehe ich NICEVILLE in einem positiveren Licht, seit ich weiß, dass das noch nicht alles ist.

Zum Sprecher:

Michael Hansonis konnte mich nicht überzeugen. Zwar liest er deutlich und arbeitet auch die Emotionen der Figuren gut heraus. Jedoch hören sich die Charaktere in Stimmtiefe und -farbe oft sehr ähnlich an, selbst Frauen und Männer. Bei den vielen Personen ist es da manchmal schwer, zu wissen, wer gerade spricht und/oder Fokus des jeweiligen Kapitels ist. Hansonis hat eine recht coole, raue Stimme, die allerdings manchmal so klingt, als würde sie ihm gleich ganz wegbleiben. Auch sein Stimmumfang ist daher nicht besonders groß. Ich könnte ihn mir gut für Ich-Erzählungen vorstellen, wenn es um kaltblütige, eher distanzierte Charaktere geht (wie z.B. Martin Kessler in den Paul Cleave-Hörbüchern). Ein cooler Einzelgänger – das wäre sein Stil. Für ein Hörbuch wie NICEVILLE mit seinem unübersichtlichen Ensemble ist Hansonis‘ Stimme leider weniger gut geeignet. Das kostet einen vollen Punkt Abzug.

Fazit:

NICEVILLE hat Längen und hält nicht ganz das, was der Klappentext verspricht. Viele Figuren und Handlungsstränge sorgen für Verwirrung, zu der Michael Hansonis als Sprecher noch beiträgt. Der hoch spannende Horror-Thriller, den ich erwartet hatte, stellte sich als langsamer, komplizierter, subtil unheimlicher Mystery-Krimi heraus, in dem das ‚Etwas‘, das im Crater Sink zu hausen scheint, nur marginal eine Rolle spielt. Das Böse in einer nach außen freundlich-friedlichen Kleinstadt ist das, worum es hier geht. Jeder hat hier irgendwie etwas zu verbergen, und keiner eine weiße Weste. Was wirklich dahinter steckt, deckt NICEVILLE nicht zufrieden stellend auf. Aber da kann man ja auf die Fortsetzung hoffen. Und auch, wenn ich mit der Langatmigkeit und Verworrenheit der Geschichte so meine Probleme hatte, hat Stroud mich doch tief genug hinein ziehen können, um wissen zu wollen, wie es im zweiten Buch weiter geht.

Bewertung: 5/10

Website des Autors: www.carstenstroudbooks.com

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4 Gedanken zu “‚Niceville‘ von Carsten Stroud

  1. Sunsy 1. März 2012 / 17:29

    OK, Danke für deine Einschätzung. Dann lasse ich lieber die Finger davon 😉

    glg, Sunsy

    • papercuts1 1. März 2012 / 21:15

      Naja, das ist ja nur MEINE Meinung. Und ich weiß, dass du auch mit langen Stephen King-Romanen gut klar kommst. Ich daher weniger. Da neige ich manchmal zu Ungeduld.
      Trotzdem bleibe ich dabei: die erste Hälfte des Buches ist anstrengend und nur etwas für Leute mit Durchhaltevermögen.
      Danke für’s Vorbeischauen!

      • Sunsy 2. März 2012 / 7:53

        Aber ich habe das doch richtig im Kopf, dass dies ein Auftakt zu einer Serie ist? Weil, wenn es dann schon so lahm anfängt, dann gibt es viele Längen… erfahrungsgemäß 😉 – *winke* – Sunsy

      • papercuts1 6. März 2012 / 6:46

        Das ist eine Möglichkeit. Das haben wir ja schon öfters erlebt, dass es dann nur noch länger wurde… 😉
        Allerdings ist es bei Niceville auch möglich, dass nun, wo alle Figuren bestens eingeführt sind, die Geschichte mehr Fahrt aufnimmt. Und es drehte sich am Schluß doch mehr um den mysteriösen Crater Sink, von dem das Böse ausgeht. Es besteht also Hoffnung.
        Falls es mit dem Erscheinen des Folgebandes also nicht zu lange dauert (*seufz*), werde ich da wohl mal reinhören.

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