‚Oath of Office‘ von Michael Palmer

Titel: ‚Oath of Office‘

Autor: Michael Palmer

Sprecher: Robert Petkoff

Sprache: Amerikanisch

Medium: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo (Normalpreis € 24,95)

Länge: 10 Std 24 min (ungekürzt)

Hörprobe

Inhaltsangabe:

Dr. Lou Welcome, Notfallarzt an einem Krankenhaus in Washington D.C., hat schwere Zeiten hinter sich gelassen. Vor Jahren ließ ihn der Druck des Jobs in Tabletten- und Alkoholsucht verfallen, was ihn auch seine Ehe gekostet hat. Inzwischen ist er erfolgreich rehabilitiert und setzt sich für andere Ärzte ein, die dasselbe durchgemacht haben.

Einer seiner Schützlinge, John Meacham, dreht plötzlich durch und erschießt in einem Krankenhaus mehrere Menschen, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtet. Lou glaubt nicht, dass erneute psychische Probleme Meachams für dessen Amoklauf verantwortlich waren. Selber suspendiert, begibt Lou sich auf die Suche nach den wahren Gründen.

Es kommt zu weiteren Vorfällen, alle in einer kleinen Gemeinde nicht weit von D.C. Es gibt Verletzte und Tote, und jedesmal scheinen völlig irrationale Handlungen der Beteiligten der Auslöser zu sein.
Zeitgleich versucht in Washington ein in Ungnade gefallener Politiker, die First Lady von einer Verschwörung zu überzeugen, die bis ins Weiße Haus reicht.
Bei seinen Recherchen kommt Lou der beängstigenden Wahrheit immer näher und wird selbt zum Gejagten.

Zum Buch:

Schon die erste Szene ist ein Knaller: Wir befinden uns im Kopf von John Meacham, als dieser durch das Krankenhaus marschiert und völlig von Sinnen seine Kollegen über den Haufen schießt, einen nach dem anderen. Das ist gruselig und fesselnd, und schon hat OATH OF OFFICE einen im Griff.

Anschließend lernt der Hörer Dr. Lou Welcome kennen, der in der Notaufnahme im Beisein seiner Teenager-Tochter Emily einen Obdachlosen versorgt. In dieser Szene und den folgenden schließen wir nicht nur den besonnen, durch und durch sympathischen Lou direkt ins Herz, sondern erfahren auch direkt das Wichtigste über ihn: Lou ist geschieden, und er hat schwere Zeiten überwunden. Stress und äußere Umstände, von denen wir später noch mehr erfahren, haben ihn vor Jahren zu Aufputschmitteln und Alkohol greifen lassen. Eine Sucht, an der seine Ehe zu Bruch gegangen ist, die er aber erfolgreich überwunden hat. Auch seine verlorene Zulassung ist ihm längst wieder zuerkannt worden. Seine Erfahrung hat ihn dazu gebracht, sich als Mitarbeiter des PWO (Physicians Wellness Office) für Kollegen einzusetzen, die sich nach ähnlichen Problemen in der Rehabilitationphase befinden.

Einer seiner Klienten war Dr. John Meacham. Nach dessen Amoklauf im Krankenhaus schiebt man den schwarzen Peter rasch Lou zu, der Meacham wieder für arbeitstauglich gehalten hatte. Lou wird suspendiert. Für ihn bestehen jedoch keinerlei Zweifel, dass die Gründe für Meacham’s Wahnsinnstat woanders liegen müssen als in dessen überwundener Sucht. Bestärkt wird Lou in diesem Verdacht, als er Zeuge weiterer, irrationaler Handlungen mehrer Menschen wird, die sich und andere in höchste Gefahr bringen.Getrübtes Urteilsvermögen und obsessive Fixierung sind die gemeinsamen Nenner. Die Spur führt in eine Kleinstadt, und Lou ist immer mehr davon überzeugt, dass die Aufnahme giftiger oder unverträglicher Stoffe für das gestörte Verhalten der Opfer verantwortlich ist.

Parallel und immer im Wechsel gibt es einen zweiten Handlungsstrang, der direkt in Washington im Weißen Haus spielt. In der Ehe zwischen Präsident Martin Mallory und seiner Frau Darleen scheint es zu kriseln. Mallory’s Stern als Präsident sinkt – die lahmende Wirtschaft, steigende Arbeitslosigkeit und nicht zuletzt ein Skandal in seinem eigenen Kabinett sorgen für schlechte Laune. Der mit Mallory lange befreundete Agrarminister wurde wegen eines Techtelmechtels mit einer Prostituierten gefeuert. Eben dieser Ex-Minister ist es, der Darleen um Hilfe bittet: Vor seiner Absetzung kämpfte er um die Einführung eines neuen Gesetzes für die Landwirtschaft, das seiner Meinung nach unbedingt durchgesetzt werden muss, um Gefahr abzuwenden. Ein mysteriöser Fremder tritt ebenfalls an Darleen heran, mit demselben Ziel.

Derweil stößt Lou bei seinen Recherchen auf immer mehr Widerstand und gerät rasch in Lebensgefahr. Die Spur führt zurück ins Weiße Haus, und schließlich fügen sich die beiden Handlungsstränge zusammen. Es wird hoch dramatisch.

Michael Palmer hat uns mit Lou einen tollen Kerl vorgesetzt. Mich hat seine Ruhe im Sturm sofort beeindruckt, und wie sanft und klug er mit seiner Tochter umgeht. Ohne die schwarzen Flecken auf seiner weißen Weste, die seine Sucht hinterlassen haben, wäre er mir fast zu gut, zu perfekt; aber mit dem Wissen um seine Vergangenheit kann man diesen Menschen, der aus schlimmen Fehlern gelernt hat und an ihnen gereift ist, vorbehaltlos ins Herz schließen. Es ist clever, Lou zum Notfallmediziner zu machen – die plötzliche Nervenstärke, die er in den brenzligsten Situationen hat, wird sehr plausibel aufgrund seiner Erfahrungen in der Notaufnahme. Und auch die vielen physisch anspruchsvollen Szenen, die Kämpfe, kauft man Lou ab, der praktischerweise in der Freizeit seinen überschüssigen Stress im Boxring abbaut.

Umgeben ist Lou von einer ganzen Rige sympathischer Charaktere: von ‚Captain Crunch‘, seinem Boxerfreund, über Lou’s charmant-granteligen Vater bis hin zu seiner verständnisvollen Ex-Frau Renee – sie alle sind glaubhafte, angenehme Figuren. Eine weitere Hauptdarstellerin, auf deren Seite man sich schlägt, ist Darleen Mallory, die First Lady und ehemalige Kinderärztin. Im Unterschied zu Lou musste sie sich meinen Respekt und meine Zuneigung allerdings ein bisschen länger erarbeiten. Doch als sie schließlich ihre Toughness und Warmherzigkeit immer mehr unter Beweis stellt, wünscht man sich glatt, dass OATH OF OFFICE den Mut entwickelt, einen gewagten (wenn auch eher unrealistischen) Schluß abzuliefern. Ihr werdet wissen, was ich meine, wenn ihr lest.

Die Bösewichte sind angenehm mehrdeutig, und man vermutet nicht immer direkt, wer Dreck am stecken hat, oder muss gar einen Verdacht revidieren. Das spricht sehr für diesen Thriller, der seinen Namen auch mal wirklich verdient. OATH OF OFFICE treibt die Spannungskurve ganz traditionell immer weiter nach oben, mit kurzen Verschnaufpausen, die Sinn machen. Es wird zunehmend dramatischer, die Action-Szenen häufen sich, der Gewalt- und Grausamkeitsfaktor steigt, und alles kulminiert im klassisch hoch dramatischen Finale. Für Empfindliche sei gesagt, dass es zwischendurch auch mal etwas ekelig wird, aber in angemessenen Grenzen. Da gibt es wesentlich Schauderhafteres heutzutage.

OATH OF OFFICE fällt auch zurecht ins Genre ‚medical thriller‘. Vom wissenschaftlich-medizinischen Kern der Geschichte ganz abgesehen (und der kommt herrlich wenig verkopft daher), gibt es einige Sequenzen, in denen Lou sein Können als Mediziner unter Beweis stellen kann, und die sind interessant, spannend und wunderbar plausibel in die Geschichte integriert. Dazu kommt noch Lou’s Arbeit im PWO, die am Rande das heiße Eisen ‚Ärzte und Sucht‘ anfasst – eine Arbeit, der, wie sich im angehängten Interview herausstellt, der Autor (und Notfallarzt) Michael Palmer im tatsächlichen Leben mit viel Herzblut nachgeht. Vielleicht kommt Dr. Lou Welcome deshalb so authentisch und überzeugend daher.

Zum Sprecher:

Robert Petkoff ist einfach nur gut. Genau so, und wirklich genau so, sollte man einen Thriller erzählen. Ohne übertrieben zu dramatisieren oder sich in den Vordergrund zu stellen, gibt Petkoff jedem Charakter seine Stimme. Die Unterschiede sind subtil – mal rauchig, mal ein feiner Südstaatenakzent, mal sanft – aber deutlich. Ich mag es, wenn ein männlicher Sprecher auch weibliche Figuren überzeugend darstellt, ohne in eine lächerliche Kopfstimme zu verfallen. Petkoff kann das.

Zu einem Thriller-Sprecher gehört für mich immer eine gewisse Coolness. Dramatische Szenen sollten für sich selbst sprechen, ohne dass der Erzähler stimmlich in Hysterie verfallen muss, und das funktioniert hier mit Petkoff bestens.

Ein äußerst angenehmer Erzähler, der genau das tut, was er sollte: Eine spannende Geschichte spannend und glaubhaft erzählen. Von ihm höre ich gerne mehr!

Fazit:

Endlich mal wieder ein klassicher, perfekt gemachter Thriller. Und den kann man auch sehr gut lesen, wenn man sonst für das Genre ‚medical thriller‘ nicht viel übrig hat, weil Michael Palmer sich nicht sehr in wissenschaftliche Gefilde versteigt. Im Gegenteil: alles fügt sich nahtlos und sehr realistisch in die Handlung ein. Dialoge und Action halten sich wunderbar die Waage, die Logik ist schlüssig, und das dramatische Finale lässt einen das (Hör)buch kaum aus der Hand legen. Dazu kommen noch herzhaft geschriebene Charaktere, von denen man einige – vor allem den hoch sympathischen Dr. Lou Welcome – sehr gerne wiedersehen möchte. Gut, das Michael Palmer schon an einer Fortsetzung schreibt, wie er selbst mir auf Twitter verraten hat!

Einziger Kritikpunkt: Was den ‚gemeinsamen Nenner‘ der Opfer angeht, ist Lou schon ein bisschen vernagelt. Das hätte ich ihm gleich sagen können. Aber zu seiner Verteidigung sei gesagt, dass man das Naheliegendste ja oft nicht sieht, weil man zu dicht davor steht. Ist uns allen schon passiert, und es tut der Geschichte auch nicht weh. Andere Wendungen kommen dafür umso überraschender.

Gut gefallen hat mir übrigens, dass Palmer den Roman in gewissem Sinne als Mahnung benutzt und ihm eine politisch-wirtschaftliche Ebene verleiht. Was er da in der Fiktion durchspielt, wirkt bedrückend realistisch. Dazu mehr zu sagen, würde hier zu viel verraten. Selber lesen!

Summa summarum: Ein ‚medical thriller‘, wie er sein sollte! Zum Verschlingen!

Bewertung: 10/10

Webseite des Autors: www.michaelpalmerbooks.com

Folgendes Interview findet ihr übrigens auch am Ende des Hörbuchs:

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2 Gedanken zu “‚Oath of Office‘ von Michael Palmer

  1. Sunsy 6. März 2012 / 17:28

    WOW 10/10…werde ich mir mal notieren 😉 – Dankeschön für deine Einschätzung!

  2. papercuts1 6. März 2012 / 17:44

    Ich habe zwischen 9 und 10 Punkten geschwankt. Aber die Tatsache, dass ich mich in den letzten Tegen über jeden Stau und jeden vollen Wäschekorb gefreut habe, ist Beweis genug, dass dieser Thriller eine 10 verdient. 😉 Und es war angenehm, es mal nicht mit einem abgedrehten Psychopathen oder Übersinnlichem zu tun zu haben – einfach nur ein klassischer Thriller, toll geschrieben.
    OATH OF OFFICE gibt’s ja leider (noch?) nicht auf Deutsch, aber Palmer’s frühere Bücher zumindest teilweise. Da werde ich mir mit Sicherheit noch das eine oder andere von anhören oder auch lesen.
    Kann ich wirklich empfehlen!

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