‚Kreuzzug‘ von Marc Ritter

Titel: ‚Kreuzzug‘

Autor: Marc Ritter

Sprache: Deutsch

Sprecher: Detlef Bierstedt

Medium: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo (Normalpreis € 24,95)

Länge: 14 Std 22 min (ungekürzt)

Inhhaltsbeschreibung (von audible.de):

Der internationale Terrorismus ist im beschaulichen Oberbayern angekommen: Die gesamte Zugspitze wird gekidnappt und 6.000 Zivilisten sind die Geiseln von hochausgerüsteten Terroristen. Die Zugspitzbahn wurde im Tunnel mit Sprengungen von der Außenwelt abgeschnitten. Die bayerische Polizei und die Gebirgsjäger müssen mit dem Verteidigungsminister und seinem Berliner Großkopferten-Tross zusammenarbeiten. Doch im Zug sitzt der Garmisch-Partenkirchener Alpinistenfotograf und Extremsportler Thien Hung Baumgartner, mit dem die Terroristen nicht gerechnet haben.

Zum Buch:

Ein junger Mann rast mit dem Auto irgendwo auf der Welt über einen Salzsee. Dann ein Schnitt, und wir finden uns an der Zugspitze wieder. Jemand redet über eingeschmuggelte Bomben, und dann kracht mit Getöse und äußerst spektakulär eine Seilbahngondel in die Tiefe. Es ist ein eindrucksvolles Bild, das sich ins Gehirn des Zuhörers prägt, als der Unbekannte kaltblütig per Knopfdruck einen Pfeiler der Seilbahn sprengt und damit den Absturz und den Tod von 100 Menschen herbeiführt.

Allerdings ist diese erste Szene auch ein leichter Trugschluss. KREUZZUG ist in erster Linie kein Action-Thriller, in dem eine solche Szene die nächste jagt. Trotz der korrekten Inhaltsangabe haben wir es nicht mit einer ‚Stirb langsam‘-Version im Gebirge zu tun, aus der Thien Baumgartner als heldenhafter Einzelkämpfer hervorgeht.

KREUZZUG, so zeigt sich bald, ist ein umfassender, minutiöse ‚Live-Bericht‘ über einen Terrorangriff in Deutschland. Und die unmittelbare ‚Action‘ ist dabei nur eine der vielen Seiten und Perspektiven der Geschichte. Sicher, Thien, der mit den anderen Geiseln in der Zugspitzbahn festsitzt, dient als Anker für den Thriller. Aber er ist nicht wirklich die Hauptperson, sondern reiht sich ein in das groß ausgebreitete Ensemble an Figuren, die alle eine Rolle spielen in diesem Terror-Drama.

Sorgfältig und ausführlich (manchmal zu ausführlich) beleuchtet Ritter in ‚Echtzeit‘ die Ereignisse. Was geschieht vor Ort, wie reagieren die Bahnangestellten, die Techniker,  die örtliche Polizei? Die Terroristen und die Geiseln selbst? Die Medien bekommen natürlich Wind, und es geht um die besten Bilder und Exklusivberichte. Das THW und das Rote Kreuz sind im Einsatz, und bald kraxeln auch die Gebirgsjäger der Bundeswehr auf dem Berg herum, nebst KSK und GSG-9. Und sowohl vor als auch hinter den Kulissen ziehen die Politiker die Fäden, und zwar gleich in mehreren Ländern. Auf deutscher Seite muss die (nicht mit Namen benannte, aber eindeutig erkennbare) Bundeskanzlerin mit ihren Beratern die Krise meistern, während sich der bayerische Ministerpräsident und der Verteidigungsminister beharken. Die Österreicher sind ebenfalls von der Katastrophe betroffen. Zwischendrin erfährt der Hörer in Rückblenden mehr über einen der Terroristen. Und sogar die Amerikaner haben ihre Finger mit im Spiel.

Es gibt also viele Schauplätze in dieser ‚Doku‘, viele Personen, Nebengeschichten und – nicht außer Acht zu lassen – eine Menge historische, geographische, technische und sogar geologische Exkurse. KREUZZUG ist komplex und dicht gepackt. Und erhebt deutlichen Anspruch auf Authentizität. Ich habe mal gegoogelt, und siehe da: die benannten Hotels und Orte sind ebenso real wie die Fakten über die Zugspitze und ihre Bahnen. Und dass die Politiker bissig gezeichnete Alter Egos real existierender Personen sind, wird spätestens klar, als Verteidigungsminister von Brunnstein seiner hübschen, jungen Frau ein knackiges Ski-Outfit samt UGG-Boots verordnet, bevor man sich lächelnd und kompetent der Presse präsentiert. Da sind schon einige Spitzen drin, und der sich wiederholende Verzweiflungsausruf der Kanzlerin „Ja, sind denn alle im Urlaub?!“ hat etwas beißend Komödiantisches.

Damit wir uns in all dem nicht verlieren, gibt Ritter dem Leser Einzelfiguren aus beinahe jeder mitspielenden Gruppe zum Festhalten: Da ist natürlich Thien, der bergerfahrene Fotograf und Partenkirchener vietnamesischer Herkunft, der einfach zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Und dann sind da noch der Gebirgsjäger Denninger, seine Freundin Sandra, der Zugspitzbahner Hellweger, der CIA-Agent Bouvier, die Unterhändlerin Dembrowski, der Terrorist Pedro, der BKA-Mann Schnur usw., usw…

Und da sind wir auch bei dem, was sowohl die größte Stärke als auch die größte Schwäche von KREUZZUG ausmacht: Die Geschichte wird durch die vielen Handlungsstränge und Personen, die unzähligen Details und Abzweigungen hoch komplex. Das bedeutet auch, dass sie lang ist, und an manchen Stellen zu lang. Figuren werden sorgsam eingeführt, obwohl sie später kaum noch eine Rolle spielen und anderen Platz machen müssen. So manche Nebengeschichte ist zwar interessant, aber doch ausschweifend. Ritter scheint manchmal allzu versessen auf Vollständigkeit zu sein und darauf, zu beweisen, dass er sich bestens mit allem auskennt – und verliert dabei die eigentlich hoch spannende Geschichte etwas aus dem Auge.

Soweit das Negative.

Andererseits macht es Spaß, einen Thriller zu lesen, der äußerst realistisch daher kommt. Wenn ein Terrorakt geschieht, ist es eben nicht so, dass mal eben ein KSK-Kommando loszieht und die Sache bereinigt. Da hängt in Wahrheit so Vieles dran und da sind so viele involviert, dass es eben nicht mit ein paar schusssicheren Westen und einer Handvoll mutiger Helden getan ist. Und das kommt hier eindrucksvoll rüber. Es geht eben nicht nur um die gekonnt geschriebenen, eiskalt-distanziert wirkenden Action-Momente, sondern vor allem um das, was hinter den Kulissen abgeht. ‚Ganzheitlich‘ ist das Wort, das mir zu KREUZZUG einfällt.

Und noch etwas muss man sagen: Gräbt man den roten Faden der Geschichte aus, findet man eine sehr intelligente Geschichte mit doppeltem oder gar dreifachem Boden. Die Verbindungen sind clever und werden von Ritter gekonnt jongliert und verknüpft. Und wenn man gut aufpasst (denn das muss man), ergibt sich am Ende auch ein zusammenhängendes Bild mit einem bissigen Schluss.

Fazit:

KREUZZUG ist ein dokumentarisch anmutender Thriller, der eher im Politik- als im Actionbereich anzusiedeln ist. Was an Action vorkommt, wird im großen Geflecht von Politikern, Medien, Technikern und sonstigen Entscheidungsträgern teilweise nebensächlich, ist dafür aber mit abgebrühter Coolness geschrieben. Aufgrund der Breite und Komplexität der Geschichte leiden Tempo und Spannung ab und an, doch im Gegenzug wird der Hörer mit einem intelligenten, vielschichtigen Terrorismus-Drama belohnt, dessen politische Machtspielchen sich besorgniserregend realistisch anfühlen.

Marc Ritter hat hier keinen Popcorn-Action-Bergthriller geschrieben, sondern das teils sehr bissige Protokoll eines Terroranschlags, aus allen Blickwinkeln beleuchtet. Zu ein paar Raffungen und der Streichung einiger der unzähligen Nebenfiguren hätte Ritters Lektor sich noch durchringen sollen, und es war nicht nötig, den Leser derartig erschöpfend mit Heimatkunde rund um die Zugspitze zu zu schütten. Aber wer gerne viel Hintergrund erfährt und Fakten zu schätzen weiß, der ist hier richtig.

Ich selbst schwanke ein bisschen, ob mir die Geschichte auf Kosten der Spannung zu vollgestopft war mit zu vielen Informationen. Auf jeden Fall aber war es eine Herausforderung, alle die verschiedenen Perspektiven und Beweggründe zu verarbeiten und zu verstehen, und das hat mir gut gefallen. Von einer dünnen, anspruchslosen Geschichte kann bei KREUZZUG jedenfalls keiner reden!

Zum Sprecher:

Detlef Bierstedt wird wohl noch eine Weile darauf reduziert werden, ‚die deutsche Stimme von George Clooney‘ zu sein. Auch ich konnte mich beim Hören nicht davon freisprechen, mir besagten graumelierten Herrn mit KREUZZUG auf dem Schoß und einer Lesebrille auf der Nase vorzustellen. Das stört aber nicht.

Bierstedt liest diesen Thriller routiniert vor. Zum Glück verzichtet er größtenteils darauf, die Charaktere mit einem bayerischen Akkzent zu versehen. Das macht er nur ansatzweise und nur dann, wenn es wichtig ist. Nicht falsch verstehen jetzt: Ich mag Bayerisch; überhaupt finde ich es toll, wenn ein Sprecher authentisch Akkzente und Dialekte nachmachen kann. Bei Bierstedt hört sich das wenige vorkommende Bayerisch allerdings etwas gekünstelt an, und das wäre mir über die ganze Länge der Geschichte schon arg auf die Nerven gegangen.

Es fiel auf, dass Bierstedt nicht groß stimmlich zwischen den verschiedenen Figuren unterscheidet. Männer klingen härter und tiefer, Frauen weicher. Aber zwischen dem Verteidigungsminister, Thien oder Hauptfeldwebel Denninger konnte ich keinen großen Unterschied hören. Da hätte ich gerne etwas mehr Differenzierung gehabt. Eigentlich verwundertlich, dass ich die Charaktere deswegen nicht öfters durcheinander geschmissen habe.

Gefallen hat mir Bierstedts ironischer Unterton im Zusammenhang mit den vorkommenden Politikern. Die Kanzlerin hat etwas fast komisch Hysterisches an sich, und Bierstedt hat es raus, die Entscheidungsträger auf subtile Art und Weise so manches Mal wie Schießbudenfiguren klingen zu lassen.

Zusammen genommen eine ordentliche Performance.

Bewertung: 7/10

Webseite des Autors: marcritter.de

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