‚Schwarzer Schmetterling‘ von Bernard Minier

Titel: ‚Schwarzer Schmetterling‘
französicher Originaltitel: ‚Glacé‘)

Autor: Bernard Minier

Sprache: deutsch

Sprecher: Johannes Steck

Format: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo (Normalpreis € 29,95)

Länge: 19 Std  7 min (ungekürzt)

Hörprobe

Inhaltsangabe (von audible.de):

In einem düsteren Tal in den Pyrenäen machen zwei Arbeiter eine verstörende Entdeckung: Ein riesiger, bedrohlich schwarzer Schmetterling scheint sich von den schnee und blutbefleckten Felsen abzuheben. Ein Tierkadaver, grauenvoll inszeniert. Das Werk eines Wahnsinnigen? Am Tatort werden DNA Spuren des hochintelligenten Serienmörders Julian Hirtmann gefunden. Doch dieser sitzt seit Jahren im Hochsicherheitstrakt einer hermetisch abgeriegelten Anstalt. Wie konnte der einst meistgesuchte Täter Europas seine Spuren hinterlassen, obwohl er nie seine Zelle verlassen hat? Noch während Commandant Servaz und die junge Anstaltspsychologin Diane Berg versuchen, das Rätsel zu lösen, wird das Tal von einer kaltblütig inszenierten Mordserie erschüttert, die die Ermittler an den Rand ihrer psychischen Belastbarkeit bringt…

Zum Buch:

Ein französischer Thriller. Das war schon mal reizvoll. Hat man ja nicht alle Tage. Und fragt sich auch direkt, warum eigentlich nicht? Offensichtlich können Franzosen nämlich auch Thriller schreiben, wie man anhand von SCHWARZER SCHMETTERLING rasch feststellt. Und das, ohne nach ‚Schema F‘ vorzugehen, wie uns die amerikanischen Thriller-Schreiberlinge das vormachen.

Zunächst fängt es aber klassisch an: Wir fahren mit einer Handvoll hartgesottener Arbeiter eine Seilbahn in den verschneiten Pyrenäen hoch. Zwischen zwei Pfeilern, so sehen die Männer beim Näherkommen, hängt etwas. Es sieht aus wie ein großer, schwarzer Schmetterling, ist aber tatsächlich der Kadaver eines grauenvoll zugerichteten Pferdes. (Hier finde ich es etwas albern, dass alle erstmal von einer ‚Leiche‘ sprechen, bis sich dann viel später herausstellt, dass es sich ’nur‘ um ein Pferd handelt. Das ist ein sehr gepushter Überaschungseffekt, der sprachlich nicht glaubhaft erscheint, zumindest nicht in Deutsch. In Französisch ist das etwas Anderes, da ‚cadavre‘ sowohl ‚Leiche‘ als auch ‚ Tierkadaver‘ bedeuten kann. Ein Übersetzungproblem also, das nicht gelöst werden konnte. Ende des Diskurses.)

An sich ist diese Eröffnungsszene aber wie gewünscht schockierend und unheilvoll, erfüllt somit voll und ganz ihren Zweck. Der Hörer hängt am Haken.

Ein Schnitt. Weiter geht es mit der Psychologin Diane Berg, die zum ersten Mal ihren neuen Arbeitsplatz erblickt: Das versteckt in den Bergen gelegene Institut Varnier, in dem psychisch kranke Verbrecher einsitzen. Die Beschreibung des einsamen, abweisend wirkenden Gebäudes mitten im Nirgendwo der winterlichen Pyrenäen verursacht schon mal leichte Gänsehaut. Man fühlt sich ein bisschen an ‚Das Schweigen der Lämmer‘ erinnert, und das setzt sich später fort, als Diane einen der berühmtesten Insassen kennenlernt – Julian Hirtmann, dessen DNA man unerklärlicherweise an zwei Tatorten finden wird.

Während Diane mit einem mulmigen Gefühl das Institut betritt und der Direktor, Dr. Xavier, sie alles andere als mit offenen Armen empfängt, nimmt die Polizei ihre Ermittlungen im Falle des toten Pferdes auf. Das war nämlich ein edles Tier aus dem nahen Gestüt des bekannten, reichen Industriellen Eric Lombard. Mit dem Fall beauftragt wird Kommandant Martin Servaz. Eine weitere Ausgabe des geschiedenen, grantelnden Polizisten mit Narben auf der Seele, wird man dennoch zügig warm mit Servaz, der sich zwar unwillig, aber doch sehr professionell und mit zunehmender Hartnäckigkeit der Sache annimmt.

Zur Seite stehen ihm dabei seine Kollegen: eine toughe Polizistin, die vom Helikopter bis zum Schneemobil alles bedienen kann; eine bissige Staatsanwältin mit einer Schwäche für Astrologie, und Servaz‘ Partner, der gutaussehende, smarte Vincent, dessen ebenso schöne Frau pausenlos mit dem armen Servaz flirtet. Das sind nur die Hauptfiguren aus der Ecke der Polizei. Dazu kommen noch eine Menge weiterer Haupt- und Nebenfiguren, die meisten von ihnen sorgsam und mehrdimensional gezeichnet, nur wenige die üblichen Klischees bedienend.

All diese Charaktere einzuführen,das nimmt Zeit und Raum in Anspruch. So kommt es, dass das erste Drittel des Hörbuchs nach einem rasanten Start ein gemächliches Tempo anschlägt, das der ein oder andere als ‚langatmig‘ bezeichnen würde. Und auch ich hatte eine kurze Phase, in der ich ungeduldig darauf wartete, dass es nun endlich  losgeht mit der in der Inhaltsangabe angekündigten ‚Mordserie‘. Dass Julian Hirtmann, der faszinierend-furchteinflößende Soziopath im Institut Varnier in die Gänge kommt und sich zu einer Art Hannibal Lecter entwickelt.

Dann aber wurde mir klar, dass es hier mal wieder um ein Mißverständnis geht. Oder besser um falsche Erwartungen, die der Klappentext des Buches aufbaut. Das scheint in letzter Zeit häufiger aufzutreten, und es ist ärgerlich.  Hirtmann ist, wie sich herausstellt, nicht das Zentrum der Geschichte. Und eine ‚Mordserie‘ wird es nicht geben – zumindest nicht in dem Sinne, dass rechts und links die Leichen ins Bild kippen.

Nein, stattdessen liefert Minier uns eine stimmige, kluge und sorgfältige Mordermittlung mit zwei separaten Handlungssträngen, hier und da gespickt mit plötzlicher, intensiver Dramatik: Da ist Servaz mit seinen Nachforschungen, die ihn tief in die Vergangenheit führen und an einem eigenen, alten Trauma rühren. Und da ist Diane im Institut, wo längst nicht alles so läuft, wie es sich gehört. Ihre Geschichte ist zu Beginn am vielversprechendsten, und ich war erstaunt, dass sie sich letztlich als die schwächere Seite des Buches entpuppt. Während Servaz‘ Anteil sehr glaubhaft und bodenständig daherkommt, wirkt Diane sehr unerfahren, Direktor Xavier fast karrikaturhaft klein und fies, und die Begegnungen mit den geisteskranken Verbrechern erfüllen nicht wirklich die Erwartungen. Jetzt richtig verstehen: Auch Diane’s Seite ist spannend, aber Servaz mausert sich eindeutig und verdient zur stärksten Figur mit der stärksten Geschichte um sich herum.

Apropos ‚um sich herum‘: SCHWARZER SCHMETTERLING geht erzählerisch in die Breite. Es gibt etliche abzweigende und unterstützende Nebengeschichten (die niemals langweilig oder überflüssig wirken!) und faszinierende Figuren, neben denen man gerne herläuft. Minier gibt Servaz und dem Leser/Hörer ein verschachteltes Rätsel auf, dessen Lösung nicht vorhersehbar ist. (Okay, EINE Figur hatte ich sehr schnell durchschaut, aber zumindest nicht deren Motive, also gibt das nur einen minimalen Punktabzug).

Geschickt platziert Minier Spannungsmomente und, in zunehmendem Maße, temporeiche Szenen. Besonders das letzte Drittel des Buches zieht in Sachen Intensität und Thrill spiralförmig an. Es macht Freude, Servaz und Diane dabei zu zu sehen, wie sie die Puzzlestücke an die richtigen Stellen sortieren und immer mehr Düsteres ans Tageslicht zerren. Vor allem Servaz, der emotionale Anker des Ganzen, läuft mit Verlauf der Geschichte zu immer sympathischerer Hochform auf, ohne je in plattes Heldentum zu verfallen. Er bleibt eine Figur mit Brüchen und Fehlern, und gerade das macht ihn so spannend.

Am Schluss gibt’s ein fulminantes Finale – und einen sehr interessanten Epilog, der einige Fragen beantwortet und gleichzeitig neue aufwirft. Ich hatte den sehr deutlichen Eindruck, dass das Ende von SCHWARZER SCHMETTERLING den Weg bereitet für eine Fortsetzung. Man könnte den Schluss auch einfach so stehenlassen, mit ein paar Fragezeichen und losen Enden. Das würde auch funktionieren, wäre allerdings schade. Da steckt noch eine Menge Potential in den nicht ganz abgehakten Teilen der Geschichte. Und mit Sicherheit in der Figur des Martin Servaz, den ich nur allzu gerne zu einem weiteren Fall begleiten würde.

Zum Sprecher:

Während ich SCHWARZER SCHMETTERLING hörte, wurde Johannes Steck  für ein anderes Hörbuch mit dem ‚Hörkules‘ ausgezeichnet, einem Publikumspreis. Das kommt nicht von ungefähr. Steck, den ich vorher noch nicht kannte, offenbarte sich als Meister seines Fachs. Er hat eine absolute Thriller-Stimme: Kantig, kerlig, intensiv, mit diesem Gänsehaut verursachenden Unterton, wie ihn nicht alle so mir-nicht-dir-nichts draufhaben. Frauenstimmen sind für Steck kein Problem, die französischen Namen gehen ihm leicht von der Hand, und für Servaz findet er eine Stimmlage, die wie Faust aufs Auge passt. (Sehr zu empfehlen ist das Video von den Aufnahmen, das ihr unter diesem Artikel findet. Steck beantwortet da auch sehr interessante Fragen zum Thema ‚Hörbuchsprecher‘)

Beim Rumstöbern auf Stecks Website www.johannes-steck.tv war ich erfreut (wenn auch nicht mehr total überrascht), wie viele Seiten Steck noch hat. In den Audioclips dort stellt er alles unter Beweis, von leichtfüßig über komisch bis zu verführerisch-romantisch. Alle Achtung. Da will ich noch viel mehr von hören!

Fazit:

Um packende Thriller schreiben zu können, muss man kein Amerikaner sein. Minier hat einen intelligenten, facettenreichen Psycho-Thriller aufs Parkett gelegt, von dessen Intensität und Charakterstärke sich so mancher noch eine Scheibe abschneiden könnte. SCHWARZER SCHMETTERLING bietet keine Story, bei der es sofort hektisch Schlag auf Schlag geht. Das Tempo steigert sich allmählich, zieht dafür aber eine kluge Geschichte mit sich, deren Tiefen der Hörer zusammen mit dem ungemein sympathischen Ermittler Servaz fasziniert ergründet. Der französische Touch des Ganzen ist da nur der Sahneklecks auf einer ohnehin fast perfekt servierten Geschichte. Und das Ende macht vor allem eins: Geschmack auf mehr.

Bewertung:  9/10

Buchtrailer:

Johannes Steck bei den Aufnahmen zu SCHWARZER SCHMETTERLING:

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4 Gedanken zu “‚Schwarzer Schmetterling‘ von Bernard Minier

  1. buechermonster 22. März 2012 / 19:31

    Sehr schöne Rezension, die fast exakt mit meiner Meinung übereinstimmt.

    Brauche ich meine eigentlich gar nicht mehr schreiben… 😉

    • papercuts1 23. März 2012 / 8:02

      Als ob…. 😉 Jetzt bin ich erst recht neugierig, wo die kleinen aber feinen Unterschiede in unserer Bewertung stecken!
      Danke für’s Vorbeischauen!

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