‚Blackout‘ von Marc Elsberg

Titel: ‚Blackout – Morgen ist es zu spät‘

Autor: Marc Elsberg

Sprache: deutsch

Sprecher: Steffen Groth

Format: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo (Normalpreis €29,95)

Länge: 22 Std 3 min (ungekürzt)

Hörprobe

Inhaltsangabe (von audible.de):

Zuerst ging das Licht in Italien aus. Dann brechen in ganz Europa die Stromnetze zusammen, die Kraftwerke schalten sich ab. Der totale Blackout. Der italienische Informatiker Piero Manzano vermutet einen Hackerangriff und versucht zu den Behörden durchzudringen – erfolglos. Als der Europol-Kommissar Bollard ihm endlich zuhört, tauchen plötzlich dubiose E-Mails auf seinem Computer auf. Er gerät selbst unter Verdacht, und ihm wird klar, dass sie gegen einen ebenso verschlagenen wie unsichtbaren Gegner kämpfen. Unterdessen herrscht Finsternis in Europa, und die Menschen stehen vor ihrer größten Herausforderung: Überleben.

Zum Hörbuch:

Eine Anfangsszene ganz nach meinem Geschmack: Ohne langwieriges Vorgeplänkel geraten wir in die Dramatik eines Autounfalls, als ‚Beifahrer‘ einer der Hauptfiguren von BLACKOUT. Der Mailänder Piero Manzano kommt mit einer Platzwunde davon, als plötzlich die Ampeln ausfallen und Autos um ihn rum ineinander krachen – im Gegensatz zu den Toten bzw. Schwerverletzten, denen er zur Hilfe zu eilen versucht. Eine plastisch geschriebene, packende Szene.

Danach geht es weiter in einer italienischen Stromnetz-Schaltzentrale. Aus heiterem Himmel färben sich auf den Bildschirmen immer mehr Gebiete erst gelb, dann rot, als innerhalb von Minuten in ganz Italien der Strom ausfällt. Weitere Länder folgen. Als hätte jemand das Licht ausgeknippst, sitzt der Großteil von Europa plötzlich im Dunkeln.

Und dass es mit Kerzenlicht und im Schnee gekühlten Nahrungsmitteln nicht getan ist, stellt Marc Elsberg in seinem Energie-Thriller eindrucksvoll in über 20 Stunden Hörbuch klar. Ein bisschen hat mich das an Marc Ritters KREUZZUG erinnert, den ich erst kürzlich gehört habe. Auch in BLACKOUT geht es um einen Terroranschlag, und auch hier erleben wir aus den unterschiedlichsten Perspektiven, in geradezu dokumentarischem Stil und minutiös, was sich in Folge abspielt.

Natürlich ist Piero Manzano, geläuterter Hacker mit charmantem Helden-Appeal, die Hauptfigur der Geschichte. Und er ist es auch, dem wir für seinen Mut und seine Cleverness all unsere Sympathie entgegenbringen. Manzano ist auch der am besten ausgefüllte Charakter der Geschichte sowie der, der uns die spannendsten Action-Momente beschert. Man vermisst ihn ein wenig, wenn die Geschichte zu anderen Schauplätzen und Figuren von BLACKOUT schwenkt. Und das sind einige:

Fast ebenso wichtig wie Manzano ist François Bollard von Europol, der den Spagat zwischen seinen Ermittlungen und seiner Familie schaffen muss. Diese sind vom Stromausfall ebenso betroffen wie alle anderen ‚ganz normalen‘ Einwohner. Bollard ist auch derjenige, der den armen Manzano jagt, als er in den Verdacht gerät, mit dem Anschlag etwas zu tun zu haben – zu Unrecht, wie wir von Anfang an wissen.

Starke Frauenfiguren sind auch mit von der Partie, und das nicht zu knapp. An Manzanos Seite schlagen sich abwechselnd eine schwedische Mitarbeiterin des EUMIC und eine amerikanische Reporterin quer durch das im Chaos versinkende Europa. Und im deutschen Innenministerium bemüht sich Claudia Michelsen um Aufklärung und Koordination.

Daneben geben sich noch etliche weitere Figuren die erzählerische Klinke in die Hand: Kraftwerksbetreiber, Techniker, Politiker, Geschäftsleute, Europol-Mitarbeiter, Programmierer, Freunde und Verwandte der Hauptfiguren… Es ist ein umfassendes Paket an Handlungssträngen und Informationen, das Elsberg seinem Leser schnürt. Dass sein Hauptanliegen neben dem Erzählen einer spannenden Geschichte die Aufklärung über einen solchen Energie-GAU ist, merkt man deutlich: Immer wieder fügt er über Michelsen oder andere ‚Erklärer‘ Exkurse über die technologischen und wirtschalftlichen Aspekte der Stromindustrie ein, und welche Folgen ein derartiger Ausfall hat. Das sind die Momente, wo man schon ein gewisses Faible für das Thema ‚Energie‘  und die globalen Zusammenhänge dieses Wirtschaftszweiges haben sollte, um am Ball zu bleiben. Bei mir persönlich war genau dieses Interesse der Grund, dieses Hörbuch zu kaufen, und so fand ich die etwas seminarhaften Vorträge innerhalb der Geschichte absolut interessant – und sehr beängstigend.

Nach und nach wird einem klar, was ein solcher Stromausfall alles nach sich zieht: Kein Licht, keine Heizung, kein Telefon oder Internet – das sind nur die naheliegendsten Folgen. Aber aufgrund des fehlenden Stroms versagt auch die Wasserversorgung (und Abwasserentsorgung), Tankstellen können kein Benzin mehr zapfen, Bankautomaten spucken kein Geld mehr aus, auf den Bauernhöfen verenden ungemolkene Kühe an ihren entzündeten Eutern, und ohne Transportmöglichkeiten gibt es auch keinen Nachschub an Nahrungsmitteln, Medikamenten oder anderen lebensnotwendigen Gütern mehr. Ganz dramatisch wird es in den Krankenhäusern und Kernkraftwerken. Und die globalen wirtschaftlichen und politischen Folgen beschwören auf Jahre ein Bild von Rezession und Rebellion herauf.

All das macht man sich im Alltag gar nicht bewusst, und Elsberg öffnet uns die Augen. Beim Hören des Buches habe ich direkt entschieden, unseren offenen Kamin doch nicht zuzumauern, und mal ernsthaft über eine Zisterne im Garten nachzudenken. Und am liebsten hätte ich meine ‚Atomkraft- nein danke!‘-Plakate aus Studentenzeiten wieder hervorgeholt. Man kommt schon ans Nachdenken, und genau das will Elsberg ja auch.

Erzähltechnisch ist BLACKOUT vielleicht nicht ganz so spannend, wie ich erwartet hatte. Die dramatische Eröffnungsszene ist eine der Ausnahmen in einer ansonsten doch eher gesittet erzählten Geschichte, die zwar fesselt, aber über weite Strecken nicht das reißerische Tempo oder die atemlose Dramatik richtig heftiger Thriller erreicht. Es kommt auch zu überraschend wenigen gewalttätigen Szenen, als die Bevölkerung langsam immer verzweifelter und wütender über das Katastrophenmanagement wird. Ob die dargestellte relative Disziplin und Kooperationsbereitschaft nicht doch Wunschdenken des Autors ist, mag dahingestellt sein.

Piero Manzano ist es, der nicht nur auf die Spur der Terroristen kommt, sondern auch für die Action-Passagen Sorge trägt und BLACKOUT so doch noch dem Genre ‚Thriller‘ zuordnet. Ohne diese sehr aktive und physische Figur würde dem Buch das gewisse Etwas fehlen. Das hat Elsberg clever hingekriegt.

Probleme hatte ich allerdings mit den Motiven der Terroristen, und dafür gibt’s einen satten Punktabzug. Ich will hier nichts verraten, kann aber sagen, dass mir die Beweggründe zu diffus und realitätsfern erschienen, um für einen derartig lange geplanten und mit so vielen Verbündeten ausgeführten Anschlag plausibel zu wirken. Mich beschlich das Gefühl, dass für Elsberg die Terroristen nur ein etwas lästiges Mittel zum Zweck sind, um seinen Stromausfall-Alptraum inszenieren zu können. Warum sie das Stromnetz derart manipulieren, damit wollte er sich anscheinend nicht näher auseinander setzen – nur das wie und die Konsequenzen scheinen wichtig. Dazu passt auch der etwas abgedrehte Vortrag eines der Drahtzieher beim großen (und wirklich spannend geschriebenen) Finale. Solche erklärenden Last-Minute-Vorträge, die den Showdown unterbrechen, kann ich generell nicht gut haben.

Lobend erwähnt sei noch das europäische Flair der Geschichte. Manzano treibt es von Italien bis in die Niederlande und schließlich Belgien, und weitere Figuren schlagen sich in Frankreich, Österreich oder Griechenland durch üble Herausforderungen. Es sind mal nicht das BKA oder der CIA, die auf der Jagd nach den bösen Jungs sind, sondern Europol und die Mitarbeiter der verschiedensten europäischen Einrichtungen. Ein internationales Ensemble an Figuren trägt zusätzlich zum farbenfrohen, globalen Tenor der Geschichte bei. Das ist wirklich mal etwas Anderes und macht Spaß beim Lesen (und noch mehr beim Hören).

Zum Sprecher:

Steffen Groth habe ich gegooglet, als ich so ein, zwei Stunden im Hörbuch drin war (was in meinem Kopf zu einem Augenfarben-Wechsel bei Piero Manzano führte…). Er ist deutscher Fernseh-Schauspieler, Baujahr 1974, Marke ‚jung und gut aussehend‘. Seine Stimme hört sich recht jung an und hat nicht die Tiefe und Mehrschichtigkeit, die ich bei Hörbuchsprechern eigentlich bevorzuge, passt aber sehr gut zur Figur des forsch-dynamischen Piero Manzano.

Groth erzählt mit viel schauspielerischem Eifer, sehr animiert, und ich musste mich entscheiden, ob mir das ein bisschen zu viel des Guten war oder nicht. Mit Inbrunst verleiht er den Personen die verschiedensten Dialekte und Akkzente – Norddeutsch, Sächsisch, Griechisch, Englisch, Französisch… Teils ist das sehr gelungen, teils nicht absolut authentisch, hat mir aber doch viel Freude bereitet und macht die Unterscheidung der vielen Charaktere einfacher. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich mich drüber aufregen können, dass z.B. François Bollard mit deutlich französischem Akkzent spricht, seine Frau Marie und seine Kinder aber überhaupt nicht. Habe ich aber nicht, einfach weil diese ‚europäische‘ Erzählweise mir genug Spaß gemacht hat, um über solche Ungereimtheiten hinweg sehen zu können.

Groths Stil zu mögen oder nicht ist letztendlich Geschmackssache. Ich habe mich für eine positive Bewertung entschieden, denn man spürt bei ihm die Begeisterung für seinen Job, und das finde ich bei einem Hörbuchsprecher immer enorm wichtig.

Fazit:

Wer sich für die Gefahren der modernen Energietechnologie interessiert und es gerne spannend hat, der ist bei Elsberg genau richtig. BLACKOUT ist eine geschickte Vermengung von Thriller, ‚Endzeit‘-Szenario und mahnendem Vortag über die Risiken, die wir mit der computerisierten Steuerung unserer Stromnetze vielleicht doch sehr blauäugig eingehen. Über die stellenweise etwas trockene Materie helfen sympathische Charaktere hinweg, die uns mit ihrer Jagd quer durch Europa bestens unterhalten und auch so manchen Schrecken einjagen. Leichte Punktabzüge gibt es bei den Terroristen und den Beweggründen für ihre Taten, was den Showdown etwas schwächt. Als Hörbuch empfiehlt sich BLACKOUT besonders, benutzt der Sprecher, Steffen Groth, den europäischen Charakter der Geschichte doch, um sich mit Begeisterung in die verschiedenen Akkzente der internationalen Besetzung zu schmeißen.

Bewertung: 7/10

Buchtrailer:

Recherche zum Buch ‚Blackout‘:

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Ein Gedanke zu “‚Blackout‘ von Marc Elsberg

  1. Sunsy (@sunsy37w) 1. April 2013 / 16:01

    Du hast völlig recht. Im Nachhinein betrachtet fällt mir auch auf, dass die Motiive der Terroristen nicht stichhaltig genug sind für einen derartigen GAU, aber mich hat das HB so sehr gefesselt, ich war mitgerissen und geschockt, dass ich das so richtig erst jetzt checke 😉

    Macht nichts. Das Buch war keine vertane Zeit, sehr gut recherchiert und wirkt absolut wie eine Dokumentation als eine Fiktion.

    Und ich habe darüber nachgedacht, vielleicht doch noch ein paar Konservendosen in den Keller zu stellen. Denn mein Nudel- und Reisvorrat nutzt herzlich wenig, wenn man kein Wasser und keinen Strom hat. So eine Dose bekommt man mit dem manuellen Öffner aber auf und kann sie zur Not auch kalt essen. Und ich sollte mehr Wasservorräte haben als mein 6er Pack 0,5 Liter-Flaschen…

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