Rezension: ‚The Wolf Gift‘ von Anne Rice

Titel: ‚The Wolf Gift‘
(noch nicht auf Deutsch erschienen)

Autorin: Anne Rice

Sprache: Englisch

Format: Hardcover, z.B. von amazon für € 15,95

Seiten: 416

“I’m hoping what all sentient beings hope … that somehow I’m part of something larger than myself, in which I play a role, an actual role that is somehow intended and meaningful.”
― Anne Rice, The Wolf Gift

Inhaltsangabe:

Reuben ist ein junger, gut aussehender Reporter für den San Francisco Chronicle. Er soll einen Artikel schreiben über ein Anwesen, versteckt in den kalifornischen Wäldern, das zum Verkauf steht. Als er die Besitzerin, Marchent, für ein Interview aufsucht, nehmen ihn sowohl der Ort als auch die gebildete, schöne Marchent sofort gefangen. Eine romantische, magische Nacht folgt – die in Gewalt endet. Bei einem Überfall gibt es Tote, und Reuben wird von einem brutalen, seltsamen Wesen schwer verletzt.

Er erholt sich erstaunlich schnell und muss entdecken, dass er sich verändert. Eines Tages hört er eine Stimme, und sie ruft um Hilfe, löst eine Verwandlung aus. Hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Rausch, entdeckt Reuben seine neue Existenz. Doch er ist in Gefahr…

Zum Buch:

Ach, Anne Rice! Was haben wir und eine ganze Riege von Vampiren uns nicht schon die Nächte um die Ohren geschlagen. Melancholie, Leidenschaft, Gewalt – mit diesem Rezept stahlen sich Lestat & Co. schon vor einer Ewigkeit in mein Herz. Für mich war (und ist) Anne Rice die unangefochtene Queen der Vampirromanze, seit ihr INTERVIEW WITH A VAMPIRE die Leserwelt mit prickelnder Gänsehaut erschütterte.

Dieses Gefühl, diesen Rausch wollte ich mit THE WOLF GIFT wieder durchleben.

Und da ist so viel Vertrautes: Rice’s Sprache ist immer noch geprägt von beinahe brutaler Sinnlichkeit. Dunkle, ganz und gar erdverbundene Magie erweckt sie auch in diesem Roman zum Leben. Reuben, dieser blonde, gebildete, engelsgleiche Traum von einem hübschen Kerl – ihn nimmt Rice und verwandelt ihn in eine rohe, reißende Bestie. Eine Bestie allerdings mit nobler Gesinnung, als es Reuben gelingt, seine ‚Gabe‘ zu kontrollieren.

Wie in ihren Vampirzyklen schafft Rice mit ihm eine zerrissene Figur, die Gut und Böse in sich vereint. Ein Wesen, das mit seiner Existenz hadert und darum kämpft, sich selbst zu verstehen und zu akzeptieren. Mit dem Unterschied, dass Reuben letztendlich berechenbarer und harmloser erscheint als seine vampirischen Romanbrüder. Und das nimmt THE WOLF GIFT zugegebenermaßen ein wenig den Pfeffer und das Feuer. Vielleicht wird schon zu schnell klar, dass von diesem Werwolf keine echte Gefahr ausgeht. Womit das schaurige Prickeln sich doch reduziert.

Wie Rice’s Vampire, bekommt auch ihr ‚Wolf Man‘ seine Liebesgeschichte. Zwischen ihm und seiner Laura kommt es bei der ersten Begegnung zu einer recht surreal anmutenden Nacht der Leidenschaft. Keine Frage – sprachlich sind das erregende Szenen, voller Erotik und Sinnlichkeit. Aber irgendwie wirkt sie aufgesetzt, diese Liebesnacht, und scheint nicht so ganz in den Kontext zu passen.

Überhaupt gibt es viele Reibungen zwischen dem sehr real angelegten Setting der Geschichte und den übernatürlichen Elementen, die in sie hereinbrechen. Beides mischt sich nicht ohne Bauchschmerzen. Man hat den Eindruck, Rice’s romantisch-altmodische Geschichte von der Schönen und dem Biest wolle sich einfach nicht in die moderne Zeit verpflanzen lassen.

Die Krankenhausszenen, die Cops, die an die Tür klopfen, die DNA-Jäger wirken einfach fehl am Platz. Man möchte sie wie lästige Fliegen verscheuchen, und zum eigentlichen Kern des Romans zurück kehren. Konzentriert sich das Geschehen dann auf das alte Anwesen im Wald, auf die Menschen um Reuben, die so viel besser in die Vergangenheit passen als in die Gegenwart, atmet man richtig gehend auf. Dann stimmt die Atmosphäre, dann passen die Gespräche über Metaphysik und Philosophie, dann geht man auf in der wilden Passion von Reuben, der nachts in den Wäldern sein neues Ich zelebriert. Hier ist sie wieder, die Wehmut und die Sinnlichkeit, wie ich sie von Anne Rice kenne und liebe.

Große Fragen werden natürlich auch aufgeworfen. Wer bin ich? Wer hat mich zu dem gemacht, was ich bin? Und wozu? Der Sinn der eigenen Existenz, und die Koexistenz von Gut und Böse im Menschen, im ‚Wolf Man‘ Reuben auf die Spitze getrieben – das sind Themen, die Rice ausladend aufgreift und dabei fast so etwas wie eine athistische Religion erfindet.

Trotzdem bleibt das Gefühl, dass es nicht ganz funktioniert. Die ausschweifenden Beschreibungen sind lustvoll und wunderschön, aber bald stellen sich Ermüdungserscheinungen ein. Irgendwie habe ich das alles schon mal gehört, von Anne Rice selbt. Der Schluss ist merkwürdig antiklimaktisch, und alles Diskutieren und Erklären der Hauptfiguren verläuft sich in einer vagen Vorstellung, wie die Geschichte vermutlich weitergeht. Man fragt sich, ob ein Folgeband intendiert ist. Wahrscheinlich, würde ich sagen, denn zumindest eine essentielle Entscheidung bleibt offen.

Die ganze Zeit über war ich bereit für Magie. Dafür, in diesem Buch zu versinken, und melancholisch wieder daraus aufzutauchen. Ich wollte mich verlieren in dem leidenschaftlichen Sog, den Anne Rice’s Worte auszulösen vermögen. Tja, und das passierte einfach nicht.

Bleibt die Frage: Hat Anne Rice ihren Zenith überschritten? Oder ist sie noch ganz die alte Meisterin – aber ich bin es, bei der die Formel nicht mehr aufgeht? Vielleicht hat alles seine Zeit, auch bei Büchern, und meine Zeit mit Anne Rice ist vorbei. Es kommt mir beinahe so vor.

Bewertung: 5/10

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