Rezension: ‚Der Tote im Eisfach‘ (Dr. Siri Nr. 5) von Colin Cotterill

Titel: ‚Der Tote im Eisfach‘ (Dr. Siri Nr. 5)
(engl. Originaltitel: ‚Curse of the Pogo Stick‘)

Autor: Colin Cotterill

Sprache: Deutsch (Originalsprache: Englisch)

Sprecher: Jan Josef Liefers

Format: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo (ohne Abo € 13,95)

Länge: 7 Std 44 min (ungekürzt)

Hörprobe

Inhaltsangabe (von audible.de):

Viel lieber würde Dr. Siri Paiboun wie gewöhnlich Leichen untersuchen, doch ist er zu einer politischen Konferenz im Norden von Laos geschickt worden. Da fällt einer der Genossen tot vom Stuhl, Dr. Siris Diagnose: Langeweile. Währenddessen schlägt sich seine Assistentin Dtui in der Hauptstadt mit einer Leiche herum, die sich als höchst explosiv erweist. In ihrem Bauch findet sich eine Handgranate, die wohl für Dr. Siri gedacht war. Und plötzlich bekommt Dr. Siri es mit einem Fall zu tun, der die Langeweile rasch verfliegen lässt.

Zum Hörbuch:

Wenigstens bin ich ehrlich: Dieses Hörbuch habe ich mir vor allem wegen des Sprechers runtergeladen. Jan Josef Liefers, der im Münsteraner Tatort schon so herrlich einen Pathologen spielt, schien mir die Idealbesetzung für den laotischen Gerichtsmediziner Dr. Siri zu sein.

Ist er auch. Colin Cotterill’s feinsinniger Humor und Zynismus sind ein gefundenes Fressen für Jan Josef, und die Figur des ebenso weisen wie nonchalanten Dr. Siri findet in ihm den perfekten Resonanzkörper. Hier haben sich zwei gesucht und gefunden.

Zum Sprecher später mehr, zuerst aber zur Geschichte.

DER TOTE IM EISFACH ist schon der fünfte Fall für Dr. Siri (wenn es auch meine erste Begegnung mit ihm war). Fans der Serie kennen die Grundsituation: Im kommunistischen Laos der 70er Jahre, noch geprägt vom Vietnamkrieg und dem politischen Umsturz, ist der über 70jährige Dr. Siri Paiboun gegen seinen Willen zum einzigen Gerichtsmediziner von Laos erkoren worden. Das Fachwissen hat sich der Mediziner aus Büchern angelesen. Umgeben von seinen Helfern Daeng, Dtui und Geung stolpert er immer wieder in Kriminalfälle, die es mit Geschick, Klugheit, und dem Wenigen, was er ermittlungstechnisch zur Verfügung hat, zu lösen gilt. Was im sozialistisch armen Laos viel Kreativität verlangt.

Auch in diesem fünften Band sieht Dr. Siri sich mit gleich mehreren kriminalistischen Rätseln konfrontiert. Tatsächlich ist die Geschichte in zwei Handlungsstränge und -orte aufgeteilt (was mir persönlich nicht so recht war): In Vienteane kriegen es Daeng, Dtui und Geung mit besagtem Toten im Eisfach zu tun, dessen Bauch mit Sprengstoff präpariert ist. Da Dr. Siri nicht in der Stadt weilt, lösen seine Assistenten den Fall im Grund genommen ohne ihren Chef. Ist mir ein bisschen negativ aufgestoßen, und ich kam mir an der Nase herum geführt vor – das sollte doch ein Fall für Dr. Siri sein!

Besagter hält sich derweil im unruhigen Norden des Landes auf und gerät dabei in sein eigenes Abenteuer. Ja, auch da gibt es eine Leiche und ein Rätsel – aber eben keinen echten Kriminalfall. Stattdessen schlägt sich der Gerichtsmediziner in der Wildnis mit dem Hmong-Volk und seinem inneren Schamanen rum. Dieser Teil der Geschichte hat einen mysthischen Aspekt, den man mögen muss. Kulturell und religionsgeschichtlich ist das interessant, nimmt für meinen Geschmack aber zu viel Raum ein und bildet einen Widerspruch zu Dr. Siris Vorliebe für coole Logik. Natürlich ist das Aufeinanderprallen von Vernunft und Schamanismus gewollt und auch reizvoll, reibt sich allerdings auch etwas aneinander.

Das Wichtigste an der Geschichte war für mich allerdings nicht der Kriminalfall, und auch nicht das Mysterium im Bergdorf (obwohl das nette kleine Knobeleien sind). Viel wichtiger waren für mich das exotische Setting, die herrlichen Charaktere und der feine Sprachwitz Cotterill’s.

Laos war bis zu diesem Hörbuch ein weißer Fleck auf meiner persönlichen Landkarte. DER TOTE IM EISFACH hat das geändert. Nicht nur, weil Cotterill seine Geschichte einbettet in die laotische Kultur, Geschichte, Politik und Lebensart (und das auf niemals aufdringliche, aber stets interessante Art). Da er das nämlich häppchenweise tut und so neugierig macht auf mehr, fand ich mich während des Hörens im Internet wieder, bei der Laos-Recherche. Und kann dieses faszinierende, gebeutelte Land jetzt nicht nur auf einer Karte identifizieren, sondern weiß auch über die gegenwärtige politische Situation bescheid.

Das soll noch mal einer sagen, Krimis würden nichts zur Allgemeinbildung beitragen!

Zu den ‚herrlichen Charakteren‘, die ich oben schon erwähnt habe: Sie sind für mich das Salz in der Suppe. Ein Plot kann noch so toll sein – wenn die Charaktere mich kalt lassen, ist das ganze Buch nichts. Hingegen kann selbst eine lahme Geschichte durch einen schillernden Cast absolut gewinnen.

In diesem Band aus der Dr. Siri-Reihe ist die Geschichte zwar ganz nett, aber es sind eindeutig die charmanten, teils skurrilen Figuren, die das Buch zu etwas Besonderem machen. Das gilt vermutlich für die gesamte Reihe, wage ich zu behaupten. Allen voran ist da natürlich Dr. Siri Paiboun, der gleich gegen mehrere übliche Krimi-Klischees verstößt: Die ‚besten Jahre‘ hat er als über 70jähriger definitiv hinter sich, als Action-Held ist er ziemlich untauglich, und er ist auch keiner von den üblichen gebrochenen, versoffenen Cops mit emotionalen Abgründen. Nein, er ist einfach ein cleverer, freundlicher, älterer Mediziner, der sich nicht auf den Arm nehmen lässt (und seinen Körper mit einem Schamanen-Geist teilt) . Eine Art asiatischer Columbo, auch wenn der Vergleich hinkt.

Dr. Siri’s Gehilfen Deng, Dtui und Geung tragen mit ihrer laotischen Gelassenheit und ebenso großer Gewitztheit zum Charme der Geschichte viel bei. Daneben dienen die ebenfalls vertretenen regierungstreuen Parteimitglieder so manches Mal als lachhafte Schießbudenfiguren und sorgen für viele unfreiwillige Comedy-Einlagen.

Cotterill eilt der Ruf eines feinsinnigen, spracheleganten Zynikers voraus, und das kann ich nur bestätigen. Sprachlich gesehen ist DER TOTE IM EISFACH graziös altmodisch, voller Humor und Ironie. Brüllende Lacher ruft dieser Stil nicht hervor – dafür aber beständiges Schmunzeln und still-vergnügten Sprachgenuss.

Zum Sprecher:

Jan Josef Liefers muss ich nicht weiter erklären, oder? Er liest Dr. Siri genau so, wie man es von ihm erwartet: mit süffisanter, zarter Komik. Ach was – er liest dieses Hörbuch nicht, sondern SPIELT es. Man kann seine hoch gezogenen Augenbrauen, die geschürzten Lippen und nonchalante Gestik geradezu durchs Mikro hören!

Irgendwo habe ich gelesen, dass sich jemand furchtbar über Liefers‘ deutliches Atemholen aufgeregt hat. Deshalb habe ich zwischendurch bewusst darauf geachtet. Und tatsächlich: Er hat eine markante Art, vor den Sätzen Luft zu holen. Manchem, der sich daran ‚aufhängt‘, mag das sehr auf die Nerven gehen. Mich hat es überhaupt nicht tangiert und – im Gegenteil – zu Jan Josef Liefers‘ unnachahmlicher Vortragsart dazugehört. Geschmackssache eben.

Ein Lob muss ich Liefers machen, was die Differenzierung der Figuren angeht. Für uns Europäer klingen die einsilbigen, laotischen Namen schon ähnlich genug – umso wichtiger ist es, dass man sie stimmlich unterscheiden kann. Am schwierigsten ist das bei Deng und Dtui, aber Liefers bekommt es selbst bei den beiden noch gut hin. Dr. Siri selbst verleiht er stimmlich ein deutlich fortgeschrittenes Alter, ohne ihn jedoch gebrechlich wirken zu lassen. Man hört sanfte, kecke Weisheit aus dieser Stimme. Passt hervorragend.

Vor allem hört man, dass die Lesung Herrn Liefers ganz offensichtlich Vergnügen bereitet. Und ein enthusiatischer, in die Geschichte verliebter Sprecher ist immer die halbe Miete.

Das sitzt!

Fazit:

Der Kriminalfall an sich ist nicht sehr aufregend. Auch das Geheimnis, das Dr. Siri im laotischen Norden aufdeckt, ist nicht mehr als einfach nett zu verfolgen. Stirnrunzeln verursacht die Tatsache, dass das Rätsel vom TOTEN IM EISFACH gar nicht von Dr. Siri selbst, sondern allein von seinen Mitarbeitern gelöst wird. Ohne es besser zu wissen, gehe ich davon aus, dass die anderen Bände es da mit der Wahrheit etwas genauer nehmen und tatsächlich Dr. Siri selbst ermittelt. Vielleicht ist dies auch einer der handlungstechnisch schwächeren Bände? Jedenfalls hatte ich mir da etwas mehr versprochen.

Seinen großen Reiz bezieht DER TOTE IM EISFACH (und vermutlich die gesamte Serie) aus dem exotischen Schauplatz, der Zeit und den Umständen, in denen die Geschichte spielt, sowie den markanten Charakteren. Cotterill schickt Letztere mit sprachlicher Lust und sanftem, aber spitzem Humor durch eine nette Knobelgeschichte, in der politische Kritik nicht zu kurz kommt, ebenso wie eine offensichtliche Liebe zu diesem für uns sehr fremden Land, Laos.

Trotz Schwächen im Plot empfehlenswert. Für neugierige Feingeister mit Lust auf etwas ‚Anderes‘.

Bewertung: 6/10

 

Colin Cotterill über seine Dr. Siri-Krimiserie:

Bisher in der Serie auf Deutsch erschienen:

1. Dr. Siri und seine Toten

2. Dr. Siri sieht Gespenster

3. Totentanz für Dr. Siri

4. Briefe an einen Blinden

5. Der Tote im Eisfach

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