Rezension: ‚Nennt mich nicht Ismael!‘ von Michael Gerard Bauer

Titel: ‚Nennt mich nicht Ismael!‘
(Originaltitel: ‚Don’t call me Ishmael‘)

Autor: Michael Gerard Bauer

Sprache: Deutsch (Originalsprache: Englisch)

Sprecher: Jens Wawrczeck

Format: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo (ohne Abo € 10,95)

Länge: 5 Std 32 min

Hörprobe

Inhaltsangabe (audible):

Sprache ist mächtiger als Fäuste. Hausaufgaben, Mobbing, Liebeskummer – mal abgesehen von den üblichen Schulproblemen trifft Ismael ein besonderes Schicksal: Sein Vorname macht ihn zum Gespött der Mitschüler. Zu allem Übel kann sein Vater nicht oft genug betonen, wie ihn die Lektüre von Moby Dick auf diesen Namen gebracht hat. Ismaels Reaktion: Abtauchen! Das ändert sich, als James Scobie in die Klasse kommt. Er hat seine ganz eigene Waffe gegen Klassenrowdys: die Sprache. James gründet einen Debattierclub. Auch Ismael soll mitmachen. Doch der hat panische Angst. Aber mit Hilfe seiner Freunde steht Ismaels überraschendem Redebeitrag bald nichts mehr im Wege. Und die Tür für ein Gespräch mit der bezaubernden Kelly Faulkner ist so offen wie nie…

Zum Hörbuch:

Ja, es handelt sich um ein Hörbuch für Kinder bzw. Jugendliche. Das hat diesmal aber nichts mit den vielen YA-Fantasy-Romanen zu tun, die derzeit auch gut und gerne von Erwachsenen verschlungen werden, und manchmal auch von mir. Wer mich ein bißchen kennt, der weiß, dass ich große Teile meiner Nachmittage mit dem Herumkutschieren von Kindern verbringe. Und dabei hören wir inzwischen gerne zusammen Hörbücher, die für die ganze Familie geeignet sind. Wie dieses hier!

Auf NENNT MICH NICHT ISMAEL bin ich in der ‚Hörbuch-Bibel‘, herausgegeben vom ‚Bücher Magazin‘ gestoßen. (Schaut da bloß nicht rein – euer Hörbuch-Wunschzettel wird sich sofort um mehrere hundert Hörbücher erweitern…) Auch die Hörprobe bei audible fand bei allen Beteiligten (Mama – Sohn,13 – Tochter,11) Zustimmung. Also rein ins Auto und Ismael mitgenommen!

Der Anfang ist exemplarisch für all das Großartige, was Michael Gerard Bauer in diesem und den beiden Folgebänden aufs Parkett wirft: Der Neuntklässler Ismael erklärt uns (mit der Stimme des fabelhaften Jens Wawrczeck) das ‚Ismael Leseur-Syndrom‘, welches dazu führt, dass er sich allein aufgrund seines Namens ständig wie ein absoluter Trottel benimmt und in die unmöglichsten Situationen schlittert.  Während er erklärt, prusten wir begeistert los, amüsieren uns königlich – und haben gleichzeitig tiefstes Mitgefühl für den armen Ismael, können wir uns doch alle problemlos mit ihm identifizieren. Ob man nun gerade Teenager ist, wenn man das Buch hört, oder sich bestens daran erinnern kann, wie man einer war – das Ismael Leseur-Syndrom kommt einem schrecklich bekannt vor, und endlich kann man mal darüber lachen.

So macht Bauer das im gesamten Buch: Er bringt ernste Themen wie Mobbing, Minderwertigkeitskomplexe, Außenseiter sein u.v.m. mit sehr viel Humor und beglückender Komik auf die Bühne, ohne dabei jemals aus den Augen zu verlieren, dass es im Grunde genommen gar nicht witzig ist. Zumindest nicht, wenn man mitten drin steckt. So wie Ismael und seine bemerkenswerte Truppe freakiger Freunde:

Da ist neben dem wenig selbstbewussten Ismael der dicke Science-Fiction-Fan Bill, das Mathegenie Ignatius, der clevere, von Tics geplagte aber mega-coole James Scobie, und (unser persönlicher Liebling) der impulsive, enthusiastische ‚Razza‘, den man fast am Stuhl festbinden muss, damit er nicht wegwirbelt. Sie alle finden sich im Laufe des Schuljahres am australischen St. Daniels Boys College, und zusammen machen sie sich stark füreinander. Ob es dann darum geht, den gemeinen Barry Bagsley in die Schranken zu weisen, im Debattierclub seinen Mann zu stehen, oder das Herz der hübschen Kelly Faulkner zu gewinnen – Ismael und seine Freunde biegen es irgendwie hin.

Beeindruckend wechselt Bauer dabei die Tonart zwischen witzig und tiefernst. Er hütet sich davor, für alle Probleme eine saubere Lösung zu bieten, macht in seiner Erzählung aber ganz klar: Auch aus Freaks werden Gewinner. Sie müssen nur zusammen halten und sich ein Herz fassen.

Neben der umwerfenden Truppe um Ismael genießt man als Hörer außerdem die Rige der typisch gezeichneten Lehrkörper. Sie alle bedienen Klischees, wirken dabei aber nie platt – ein echtes Kunststück, das großes Lob verdient. So zuckt man auch als Erwachsener noch automatisch zusammen, wenn der strenge Konrektor Mr. Barker die Klasse betritt und alles erstarrt – um danach nostalgisch zu schmunzeln. Ismael’s Klassenlehrerin, die junge, attraktive Miss Tarango, ist dagegen die Erfüllung aller männlichen Teenagerträume, und nebenbei noch eine kluge Frau und hervorragende Lehrerin.

Eltern tauchen in diesem ersten Band bezeichnenderweise gar nicht auf. Auch spielt sich die Geschichte fast ausschließlich in der Schule ab. Sie bildet einen eigenen Mikrokosmos, mit eigenen Regeln und Gesetzen, in der Erwachsene (bis auf die wenigen vorkommenden Lehrer) nichts zu suchen haben. Die Bühne gehört alleine den Heranwachsenden, und das war vom Autor bestimmt so beabsichtigt.

Ach, und alle älteren Hörer werden sich über die ‚Moby Dick‘-Anlehnung freuen, die sich, angefangen bei Ismael’s Name, quer durch das Buch ziehen.Wer den Klassiker kennt, wird wissend schmunzeln. Viele andere werden vermutlich in Betracht ziehen, den ‚alten Schinken‘ doch mal zu lesen. ISMAEL macht jedenfalls Lust darauf.

Kritik? Finde ich nicht. Es gab Stellen, an denen haben wir weniger gelacht oder mitgelitten als an anderen. Aber das heißt in diesem Falle nur, dass das Niveau kurzfristig von wundervoll auf gut absinkt. Dasselbe denken übrigens meine Kinder, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven. Die 11jährige hat sich vor allem schlapp gelacht, während der 13jährige des öfteren einen gequält-wissenden Gesichtsausdruck machte. Er steckt eben voll drin im Ismael Leseur-Syndrom… Gefallen hat es beiden jedenfalls so gut, dass wir Band 2 und 3 gleich hinterher schieben mussten.

Zum Sprecher:

Jens Wawrczeck schwingt sich in ISMAEL zu hörbuchsprecherischen Höhen auf, die ich so bei ihm noch nicht erlebt hatte. Gut ist er ja immer, aber hier ist er einfach grandios! Ob es um den unsicheren Ismael geht, den schwerfälligen Bill oder den smarten Scobie – Wawrczeck trifft den richtigen Ton und macht sie alle einzigartig und unverkennbar. Mit seiner jungenhaften Stimme ist er bestens geeignet für die Ich-Erzählung aus Sicht eines Jugendlichen, und auch die Mädchen- und Frauenstimmen bereiten ihm keine Probleme.

Unnachahmlich ist seine Virtuosität, wenn es um die Darstellung von Orazio ‚Razza‘ Sorsotto geht. Der überschäumende Enthusiasmus und die quirlige Hyperaktivität, die Wawrczeck ihm verleiht, sind mitreißend und zum Brüllen komisch. Diesen Razza, so sehr er einem auch auf die Nerven gehen kann, muss man aus dem Mund von Wawrczeck einfach lieben!

Als kleines Manko mag man die überlangen Pausen zwischen Kapiteln empfinden. Einige Male gibt es auch Pausen an Stellen, wo eigentlich keine hingehören. Das stört aber wirklich nur unwesentlich und liegt vermutlich nicht am Sprecher, sondern an der Aufnahmen.

Summa Summarum: Ein absolutes Fest für die Ohren. Hut ab, Herr Warczeck. Das war 1 A!

Fazit:

Ein Hörbuch, welches das Label ‚Für die ganze Familie‘ wirklich verdient. Das gilt ab einem Alter von ca. 10 Jahren aufwärts, und vor allem für Jungs! Michael Gerard Bauer setzt sich auf witzige, aber unterschwellig ernste Weise mit dem Thema ‚Mobbing‘ auseinander, ohne den erhobenen Finger zu zeigen. Erste Liebe und der zugehörige Kummer werden ebenfalls auf höchst unterhaltsame, aber durchaus lebensechte Weise dargestellt. Bauer beschert subtile Lösungsansätze und Ermutigung auf die humoristische Art.

Wer Teenager ist oder war und in seinem Leben schon mal eine Schule besucht hat (also fast jeder), wird sich wiederfinden, mitleiden und mitlachen. Jens Wawrczeck’s Darbietung ist dabei ein einziger Glücksmoment.

Die Botschaft lautet: Teenager sein ist verdammt hart, aber es kann alles gut werden. Mit Freunden, Durchhaltevermögen, Mut und ein bisschen Glück.

Bewertung: 10/10

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