Rezension: ‚Heart Shaped Box‘ von Joe Hill

(dt. Titel: ‚Blind‘)
Autor: Joe Hill
Sprache: Amerikanisch
Sprecher: Stephen Lang
Format: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo (normal € 20,95)
Länge: 11 Std 6 min
Inhaltsangabe (amazon):

Früher oder später holen die Toten dich …Der Rockstar Judas Coyne erwirbt über das Internet einen Geist. Was als vermeintlicher Spaß beginnt, wird bald zu einem blutigen Horrortrip auf der Straße des Todes.

Zum Hörbuch:

Horror ist gar nicht mein Fall. Wenn’s gruselig wird, bin ich die erste, die sich im Kino Augen und Ohren zu hält. Filme aus diesem Genre gehen gar nicht. Bei Hörbüchern bzw. Hörspielen ist das etwas anderes. Da fordere ich mich schon mal selbst gerne heraus und bin bereit, es mit den Bildern, die in meinem Kopf entstehen, aufzunehmen.

Zufällig bin ich beim Stöbern auf einem Blog auf HEART SHAPED BOX gestoßen, und eins lies mich aufhorchen: Der Autor, Joe Hill, ist kein Geringerer als der Sohn von Horror-Meister Stephen King! Und obwohl ich mit Stephen King immer mal meine Probleme habe, interessierte mich doch brennend, was sein Sohn da so in den großen Fußstapfen seines Vaters treibt.

Der Anfang ist schön schräg und von subtilem Unwohlsein unterfüttert. Jude Coyne, alternder Gothic/Metal Rock Star, der eine Sammlung makabrer Memorabilia sein Eigen nennt, kann nicht widerstehen, als im Internet ein Geist zur Versteigerung angeboten wird. Während sein chronisch lebendiger Manager Danny und sein mageres, drogenumnebeltes Groupie um Jude herumgeistern, wird ein merkwürdig riechender Anzug geliefert – das ‚Transportvehikel‘ des Geistes. Es wird plötzlich kälter im Raum, Marybeth (das Groupie) sticht sich an einer Nadel, die im Anzug verborgen ist, und dann sitzt plötzlich ein Mann in besagtem Anzug stumm und bewegungslos in einem Sessel im Wohnzimmer. Jude, den gemeinsam mit dem Leser ein instinktives Grauen befällt, ist schockiert, als der Geist sich nach vergeblichem Ignorieren irgendwann zu ihm umdreht: Statt Augen besitzt der Mann im Anzug schwarze Flecken, als hätte sie jemand mit einem schwarzen Permanent Marker übermalt.

Ihr ahnt, was kommt: Den Geist, den Jude rief, wird er nicht mehr los. Zusammen mit Marybeth versucht er zunächst ergebnislos die Flucht, bis klar wird, was ihn hier eigentlich jagt: seine Vergangenheit. Fehler, die er begangen hat, und die gravierende Auswirkungen auf Menschen um ihn herum hatten, suchen ihn heim und sind auf Rache aus. Und Jude ahnt: Nur, wenn er sie irgendwie wieder in Ordnung bringt, hat er eine Chance zu überleben.

Tja. Hört sich soweit ja ganz gut an, oder? Aber trotz dieses verheißungsvollen Grundgerüsts gibt es mit HEART SHAPED BOX da ein paar Probleme.

Zunächst lässt Hill sich viel Zeit, bis die Geschichte in Schwung kommt. Das will ich, was den Anfang des Buches angeht, gar nicht kritisieren. Horror, der auf leisen Sohlen daher kommt, finde ich wesentlich effektiver als den Einstieg über Schockeffekte. Aber leider verliert die Geschichte auch zwischendurch immer wieder an Fahrt, verliert sich in zu ausführlichen Zeitsprüngen, Jude’s Grübeleien und Szenen, die auch im Nachhinein überflüssig erscheinen. Und hier handelt es sich bereits um die gekürzte Fassung!

Dabei versteht Hill es, besonders bei Jude’s direkten Begegnungen mit dem rachesüchtigen Geist, ohne große Effekthascherei Gänsehaut und Spannung aufkommen zu lassen. Dazwischen ist nur einfach viel krudes Zeug, aus dem man den roten Faden für sich hervor wühlen muss.

Das größte Problem hatte ich mit der Klassifizierung von HEART SHAPED BOX als Horror-Roman. Das ist er letztlich einfach nicht. Ja, es gibt einen Geist. Ja, es gibt gerade zum Ende hin gruselige Szenen. Aber eigentlich ist das hier eine Geschichte von Schuld und Sühne, (mit einer Liebesgeschichte huckepack), die viel besser im Mystery-Genre zu Hause ist. Horror hat (meiner Meinung nach) mehr mit Schrecken und Schock zu tun, als Joe Hill in HEART SHAPED BOX auffährt. Und je mehr sich die Story zu einem mystischen Road Trip entwickelt, umso deutlicher wird das.

Hill hat sogar eine Botschaft. Oder mehrere. Er schickt Jude, der im Grund genommen ein unsympathischer Sack ist, durch die Hölle, um zum guten Menschen zu werden. Selbstsucht, Narzissmus, Gedankenlosigkeit – Hill knallt sie ihm vor die Brust und hält mahnend den Finger hoch, an die Konsequenzen seines Handelns zu denken. In dieser Hinsicht ist HEART SHAPED BOX ein wirklich moralisches Buch, und so manches Mal hat man das Gefühl, dass Jude den ganzen Alptraum vielleicht tatsächlich verdient hat.

Aber zum Schluss dreht das Ganze doch sehr ab. Es gibt einen spannenden, bemerkenswerten Showdown, aber dazu Besuche im Jenseits oder einer Zwischenwelt, und das wird alles etwas zu viel, zu dick aufgetragen, zu abgedriftet. So sehr Hill zwischendurch die Geschichte dahin dümpeln lässt, so sehr übertreibt er am Ende. Mir persönlich einfach zu viel des Guten.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass HEART SHAPED BOX kein Horror-Roman ist, und dass King junior Potential hat, das noch nicht ausgereift ist. Dem Buch fehlt die richtige Balance. Hier zu wenig, da zu viel. Hill’s größte Stärke, soviel ist aber klar, sind die leisen Momente des Grauens. Die Momente, wo er subtil Atmosphäre aufbaut und ohne Tam-tam mit kleinen, gruseligen Gesten dafür sorgt, dass einem Gänsehaut den Nacken hoch kriecht. Das Böse, das auf leisen Sohlen kommt – dafür hat Hill Talent. Jetzt muss ihn nur noch ein Lektor richtig an die Hand nehmen und für die richtigen Tempi-Wechsel und ein ausgewogenes Maß sorgen.

Zum Sprecher:

Stephen Lang ist so einer, bei dem ich mich nicht entscheiden kann, ob mir seine Erzählweise gefällt oder nicht. Zu Hill’s Stoff passt es eigentlich, wie er das macht. Kühl-distanziert und beinahe sachlich erzählt Lang dieses ‚Road Movie‘ zum Hören. Er ist kein spektakulärer Sprecher, der atemloses Drama verwendet. Ganz unterschwellig kriecht uns seine Stimme ins Ohr und trägt damit der Subtilität von Joe Hill Rechnung.

Allerdings ist diese zurückhaltende Art nicht hilfreich, wenn es um die langatmigeren Passagen im Hörbuch geht. Da hätte ein emotionalerer Sprecher vielleicht etwas über Längen oder Unstimmigkeiten hinwegtrösten können. Bei Lang’s manchmal eintönig wirkendem Erzählen ist mir doch manchmal die Konzentration flöten gegangen.

Die abgedrehten Passagen zum Schluss wiederum verankert Lang mit seiner geerdeten Erzählweise dafür zumindest teilweise am Boden. Ein animierterer Sprecher hätte hier für noch mehr Kopfschütteln gesorgt.

Fazit:

Horror ist das nicht. Ein mystisch-gruseliges ‚Road Movie‘. Eine Geschichte um Schuld, Rache und Vergebung. Nebenbei eine Liebesgeschichte, die sich allmählich mausert. Dort hinein setzt Hill das Horror-Element ‚Geist‘, der zuerst ganz subtil für Grauen sorgt und in einem übertriebenen Finale dann leider über’s Ziel hinausschießt. Es sind viele gute Ideen vorhanden, teilweise wirklich Tiefgang. Hill hat Talent für Gänsehaut-Gruseln, das nicht pompös daher kommt, sondern sich von hinten anschleicht.  Zwischendurch allerdings geht der Geschichte immer wieder die Puste aus oder der rote Faden verloren. Und zum Schluß hätte Hill besser mal etwas die Zügel angezogen. Da geht die Geschichte einfach mit ihm durch.

Bewertung:  5/10

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