Rezension: ‚Der Wind bringt den Tod‘ von Ole Kristiansen

Titel: ‚Der Wind bringt den Tod‘

Autor: Ole Kristiansen

Sprache: Deutsch

Format: Taschenbuch

Länge: 496 Seiten

Inhaltsangabe (amazon):

Jule Schwarz ist selbstbewusst, erfolgreich und schön. Hinter ihrem makellosen Äußeren verbirgt sich aber ein tiefes Schuldgefühl, das die junge Frau schon lange in kein Auto mehr steigen lässt. Ausgerechnet sie soll nun ein Windparkprojekt in einem abgelegenen Dorf umsetzen. Am liebsten würde Jule alles hinschmeißen, doch dieser Auftrag bedeutet neben den täglichen Autofahrten aufs Land auch einen großen Sprung auf der Karriereleiter. Jule setzt sich hinters Steuer. Vor Ort sieht sie sich plötzlich mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Eine Frauenleiche wird im nahegelegenen Wald gefunden. Die Tote sieht Jule zum Verwechseln ähnlich.

Zum Buch:

Hinter dem Klappentext verbirgt sich – zum Glück – kein konventioneller Serienmörder-Thriller. Verantwortlich dafür ist vor allem das Setting der Geschichte: ein kleines norddeutsches Dorf und seine halsstarrigen Bewohner. Wer (wie ich) auf dem Land lebt, ahnt gleich zu Beginn, in welche Mauer die Karrierefrau aus der Stadt, Jule Schwarz, hineinrennen wird, als sie den Landeiern den Bau eines Windparks vor ihrer Haustür schmackhaft zu machen versucht. Dass bereits ein Kollege von ihr, der aus dem Dorf stammt, kläglich gescheitert ist, hätte sie eigentlich aufhorchen lassen sollen.

Überhaupt startet die Geschichte (passend zum düsteren Coverfoto) unheilvoll. Beklemmung macht sich von Anfang an breit. Das liegt natürlich auch an Jule selbst. Hinter der Maske der coolen Geschäftfrau verbirgt sich eine von Ängsten und Zwängen beherrschte junge Frau. Wir erfahren früh, warum Jule bis dato lange Jahre unfähig war, sich ans Steuer eines Autos zu setzen. Ihr Therapeut ermutigt sie zwar, aber vielleicht war es doch keine so gute Idee, es ausgerechnet an diesem Tag wieder zu versuchen. Von Panikattacken geschüttelt, schafft Jule es bis in das kleine Provinznest. Wo sie dann prompt auf blinkende Polizeifahrzeuge stößt, dunkle Gestalten durch den Wald huschen und auch noch ihr Navi mitten im Unterholz versagt. Wirklich, kein guter Start.

Der Leichenfund zu Beginn schockiert Jule, die der Toten zum Verwechseln ähnlich sieht. Wer glaubt, jetzt fielen nacheinander übel zugerichtete Frauenleichen vom Himmel und eine wilde Jagd auf den Mörder beginne, der irrt aber. Sowohl Kommissar Smolski,  genannt ‚der Pole‘, als auch die immer skeptischere Jule stoßen im Dorf auf eine Mauer des Schweigens. Noch nicht einmal die Identität der Leiche lässt sich feststellen. Die ‚Gäste‘ aus der Stadt werden von Mißtrauen und teils offener Feindseligkeit begrüßt. Etliche Dorfbewohner machen einen verdächtigen Eindruck und scheinen etwas zu verbergen zu haben.

Man muss Geduld haben, um sich mit Jule durch diesen zähen Morast aus Vertuschung und alten Geheimnissen zu kämpfen. Langweilig wird das allerdings nie. Die Charakterzeichnungen sind verschroben, düster und bedrohlich. Häppchenweise hingeworfene Halb-Informationen fördern ein Gefühl wachsender Paranoia, das man mit der armen Jule immer mehr teilt. Wem kann man überhaupt noch trauen?

Für leichten Grusel sorgen auch Jules Sinneswahrnehmungen, von denen man sich nie sicher ist, ob sie ihrer Panik entwachsen oder echt sind: War da wirklich ein Mann im Wald? Was ist das für ein Geräusch im Auto? Ist die Sache mit der Puppe wirklich nur ein dummer Streich?

Die langsame Steigerung der Angst und die Abgründe, die sich in dem verschlafenen Nest nach und nach auftun sind es, die DER WIND BRINGT DEN TOD zu etwas Besonderem machen. Hier hat sich ein Autor gegen Rasanz und hastige Figurenzeichnungen entschieden. Eine sehr gute Entscheidung von Kristiansen, wie ich finde. Wobei auf Brutalität und grausige Szenarien nicht ganz verzichtet wird. Im letzten Viertel des Buches steigt das Tempo stark an, und es kommt zu einem eher konventionellen Finale. Das ist spannend, enthält aber auch einige Momente, wo ich angesichts der Entscheidungen von Jule nur den Kopf schütteln konnte.

Jule ist auch diejenige Figur, die mir am meisten Probleme machte. Einerseits ist sie eine interessante Figur voller Gegensätze: Hier die toughe Geschäftfrau, die in Verhandlungen Haare auf den Zähnen hat;, da das ängstliche kleine Mädchen, das seine Ängste nur mithilfe zwanghafter Rituale und trainierter Mantras im Zaum zu halten vermag. Manchmal fand ich diese Gegensätze unvereinbar miteinander und besonders Jules Karriere vor diesem Hintergrund nicht glaubhaft.  Mit Sicherheit aber fördert ihr ängstliches Wesen die bedrohliche Atmosphäre, die sich immer mehr verdichtet. Fast hat man den Eindruck, der Thriller will an einigen Stellen ins Mystery-Genre kippen. Das sorgt für Verfolgungswahn und das gruselige Gefühl, dass man selbst nicht mehr weiß, was man glauben soll.

Enttäuschend fand ich, dass einige Charaktere nur ein Gastspiel verrichten, obwohl man viel mehr von ihnen erwartet hätte. Besonders von Smolski hätte ich gerne mehr gesehen, und auch bei seinen Kollegen von der Polizei fragt man sich, warum die eigentlich recht sorgsam eingeführt worden, wenn sie die meiste Zeit doch nur am Rande der Geschichte rumkaspern. Etwas merkwürdig.

Fazit:

Ein Thriller, der sich nicht durch hohes Tempo auszeichnet, sondern durch den Tatort: Ein kleines Dorf voller schweigsamer Bewohner, das unter seinem Ackerboden dunkle Geheimnisse verscharrt hält. Damit konfrontiert wird diesmal keine Ermittlerin, sondern eine Karrierefrau mit psychischen Problemen. Die Stimmung wird immer bedrohlicher, der Argwohn wächst, und Wirklichkeit und Einbildung verwischen bis hin zur Paranoia.

Das ist gut gemacht, trotz einiger Holprigkeiten gerade im Ablauf des Finales und einer ‚Heldin‘, die für eine gestandene Geschäftsfrau öfters kopflos erscheint. Erfahrene Thrillerleser werden den Mörder vermutlich schon vor der Auflösung enttarnen, aber die Aufdeckung der Beweggründe bietet genug Überraschungen für Spannung bis zum Ende.

Hebt sich als ‚Dorf-Thriller‘ heraus aus der Masse.

Bewertung: 8/10

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