Rezension: ‚Lehrerkind – Lebenslänglich Pausenhof‘ von Bastian Bielendorfer

Titel: ‚Lehrerkind – Lebenslänglich Pausenhof‘

Autor: Bastian Bielendorfer

Sprache: Deutsch

Format: Hörbuch-Download von audible.de für €9,95 im Flexi-Abo

Länge: 3 Std 55 min (gekürzt)

Hörprobe

Beschreibung (audible):

„Liebe Kinder, das ist euer neuer Mitschüler Bastian, der Sohn eures Deutschlehrers“, stellte mich unser Klassenlehrer vor. Übersetzt bedeutete das allerdings: „Liebe Kinder, dieser dicke Junge, der Missing Link zwischen Knabenbusen und Herrentorte, ist der neue Spitzel des Lehrerzimmers. Wir haben ihn vorsorglich mit einem T-Shirt ausgestattet, auf dem das Wort „Opfer“ in Neonfarben aufgedruckt ist, damit ihr ihn auch bei schlechten Lichtverhältnissen zünftig vermöbeln könnt.“ Lusche, Mädchen, Spion… ich hatte verschissen.

Der Überraschungsbestseller endlich als Hörbuch – gelesen vom Autor, mit Bonustracks und Korrekturhilfen von Oberstudienrat Bielendorfer.

Zum Hörbuch:

Man muss nicht (so wie ich) das Schicksal des Autors teilen und selbst Lehrerkind sein, um dieses Hörbuch amüsant zu finden. Wenn man unter der kritischen, rhetorisch einwandfreien Hand von Lehrern aufgewachsen ist, verleiht die gemeinsame Erfahrung dem Anhören von LEHRERKIND einen ganz besonderen Reiz, ja. Aber es reicht vollkommen, schon einmal in einer deutschen Schule eingesessen zu haben, um Bielendorfers Anekdoten über Lehrer, Schüler und Eltern oft schmunzelnd und manchmal laut lachend folgen zu können.

In einer Ansammlung von kurzen Kapiteln verfolgt der Hörer Bastians Leidensweg durch die Schulzeit bis ins Erwachsenenleben. Und man muss wirklich Mitleid haben: Nicht nur, dass die Eltern des kleinen, pummeligen, unsportlichen Bastian beide Lehrer sind, nein – sein Vater ist auch noch Oberstudienrat am Gymnasium, das Bastian besucht und – oh Gott! – unterrichtet seine Klasse! Mit anderen Worten: Bastian ist von Anfang an unten durch und dazu noch Opfer regelmäßiger süffisanter Bloßstellungen durch den eigenen Vater. Ist doch schön, wenn man schon morgens um acht vor den Mitschülern mit den tragischsten Versagerfiguren der klassischen Literatur verglichen wird!

Und obwohl es nicht wirklich witzig ist, wenn der kleine Bastian seine Entschuldigungsbriefe an den Vater vom selbigen mit roten Korrekturen wieder zurück bekommt, hört es sich in diesem Hörbuch so an. Das liegt an den deutlichen Übertreibungen und Überhöhungen, die Bielendorfer heranzieht. Er legt so deutlich noch eine Schippe drauf, dass man nicht weiß, wie groß der wahre Kern der Anekdoten eigentlich ist und wie sehr der Autor zum großen Vergnügen aller noch Einiges hinzu gedichtet hat.

Diese Übertreibung führt dazu, dass man über die Lieblosigkeit der Eltern, die Unerbittlichkeit der Pauker und Bastians schulische Bauchplatscher befreit lachen kann. Andererseits kann man die dargebotenen Szenen tatsächlich nicht mehr ernst nehmen, und das wirkt immer mal unglaubwürdig und selbstverliebt. Bielendorfer hat ganz deutlich Freude daran, in jeden Satz Süffisanz, Wortspiele und komödiantische Superlative zu packen. Wirklich in jeden. Das ist teils ungeheuer witzig, teils einfach zu geballt und zu viel des Guten. Es muss nicht jedes Wort ein germanistischer Brüller sein, nicht jeder Absatz vor absurdem Humor sprühen.

Die Kapitel selbst schwanken in ihrer Attraktivität. Manche sind zusammenhanglos und wirken wie eine komische Notiz, die nicht zuende gedacht wurde. Die Schwächsten spielen außerhalb des Mikrokosmos Schule und handeln von Bielendorfers weiterer Familie. So spannend sind Anverwandte auch nicht immer, selbst wenn man in sie alle Skurrilität hineinpresst, die man auftreiben kann.

Herrlich dagegen sind sämtliche Schul-Kapitel. Sie bieten jedem Ex-Schüler klassisches Identifikationspotential. Ob es um unfähige Luschen-Lehrer geht, flatterhafte Kunstlehrerinnen in suspekten Gewändern oder sadistische Sportpädagogen – das haben wir alle gehabt und erlebt und durchlitten. Diese Kapitel bieten auf die Spitze getriebene, aber sehr wahre Klischees und sind einfach nur zum Piepen.

Gleiches gilt für die aberwitzige Aufarbeitung von Bielendorfers Zivi-Zeit. Politisch korrekt geht es in den Kapiteln um die Kita und ihre minderbemittelten Besucher wahrlich nicht  zu. Aber die Typen, die da so treffend und überzeichnet dargestellt werden, führen unweigerlich zu Lachanfällen. Ein Heiliger ist der Autor nicht. Aber ein ganz genauer Beobachter.

Zum Sprecher:

Bastian Bielendorfer selbst spricht diese gekürzte Hörbuchversion. Es ist ja immer so eine Sache, wenn Autoren selbst ans Mikro gehen, aber hier passt es. Nicht nur, weil Bielendorfer seine ulkige Stimme samt leichtem Sprachfehler im Vorwort selbst durch den Kakao zieht. Tatsächlich spricht er sämtliche Kapitel mit viel Begeisterung und großem Talent für verschiedene Charaktere. Ob es um den nicht aus der Ruhe zu bringenden Oberstudienrat Bielendorfer geht, um die zirpende Mama, oder den denkwürdigen Fatih aus der Kita – Bielendorfer überzeugt mit wirklich komödiantischem Sprechertalent. Nur manchmal wirkt seine Erzählweise ein wenig verliebt in die eigene Komposition (s. oben), und zwei-, dreimal kann man hören, wie er sich selbst das Lachen nicht ganz verkneifen kann.

Nett auch die ‚Outtakes‘ zu Beginn des Hörbuchs. Solche Versprecher bei der Aufnahme mal zu hören, habe ich mir schon öfters gewünscht. Zumindest bei lustigen Stoffen kann man das ja mal machen, und hier passt das gut.

Fazit:

Die urkomische ‚Autobiographie‘ eines inzwischen erwachsenen Lehrerkindes. Geschrieben mit triefender Selbstironie, viel Übertreibung und etwas selbstherrlichem Sprachwitz. Nicht jedes Kapitel ist zum Wegwerfen lustig oder rund geschrieben, und manchmal ist die sprachliche Überfrachtung etwas nervig. Aber es gibt reichlich Gelegenheiten, lauthals zu lachen, sich wieder zu finden und die eigene Schulzeit Revue passieren zu lassen. Das gilt umso mehr für Hörer, die selber ‚Lehrerkinder‘ sind und genau wissen, wovon der arme Bastian da so erzählt…

Bewertung: 7/10

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2 Gedanken zu “Rezension: ‚Lehrerkind – Lebenslänglich Pausenhof‘ von Bastian Bielendorfer

  1. Kastanies-Leseecke 8. April 2015 / 16:10

    Outtakes bei einem Hörbuch! Wie cool ist das denn!!! Allein dafür müßte ich mir dieses Hörbuch wohl mal zulegen 😉

    • papercuts1 10. April 2015 / 11:42

      Ja, nicht wahr? 🙂 Solche Outtakes sollte man viel öfter noch mit in ein Hörbuch packen – zumindest, wenn es ein lustiges Buch ist. Schade, dass das eigentlich nie gemacht wird.

      Gruß,
      Ute

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