Rezension: ‚Rivers of London‘ (Midnight Riot, Peter Grant #1)

Titel: ‚Rivers of London‘ (Midnight Riot, Peter Grant #1)

(dt. Titel: ‚Die Flüsse von London‘)

Autor: Ben Aaronovitch

Sprache: Englisch

Sprecher: Kobna Holdbrook-Smith

Format: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo

Länge: 9 Std 58 min (ungekürzt)

Hörprobe

„So magic is real,“ I said. „Which makes you a…what?“

„A wizard.“

„Like Harry Potter?“

Nightingale sighed. „No. Not like Harry Potter.“

„In what way?“

„I’m not a fictional character.”

Inhaltsangabe (audible):

Der frischgebackene Police Constable Peter Grant war schon immer irgendwie anders. Wie anders erfährt er selbst erst, als er zum Tatort eines grausamen Mordes beordert wird und pflichtbewusst beginnt, einen Zeugen zu befragen, der sich jedoch ziemlich schnell als Geist herausstellt. Von da ab wird Peters Leben kompliziert, denn Inspector Thomas Nightingale, Exzentriker, Jaguar-Fahrer und letzter Zauberer Englands macht ihn kurzerhand zu seinem Lehrling. Eine zauberhafte Aufgabe, die Peters Wissen über Verbrechensbekämpfung, Latein und das Leben an sich auf die Probe stellt.

Zum Hörbuch:

RIVERS OF LONDON ist ziemlich abgefahren. Es ist ein wilder Mix aus moderner Urban Fantasy, Krimi und Magical Realism. Und sehr, sehr Englisch. Man muss einen Sinn für Schräges besitzen, um diese Geschichte zu mögen. Tut man das, ist dieser Auftaktband der Serie um Constable Peter Grant ein köstlicher Trip in die magische Unterwelt des modernen London nebst Aufklärung eines ungewöhnlichen Kriminalfalls.

Der Beginn zieht mich jedenfalls direkt in den Bann. Ich fühle mich wie in einer der aktuellen BBC-Krimiserien, als Constable Grant mit Kollegin Lesley May den Tatort eines Mordes sichert und nach Zeugen Ausschau hält. Dann wird es schnell seltsam. Der merkwürdig gekleidete Zeuge, den Grant für einen Straßenkünstler hält ist, nach eigenem Bekunden schon lange tot und auch ‚fucking transparent‘. Eine Tatsache, die Peter mit Erstaunen, aber mit der für ihn typischen Selbstbeherrschung und Coolness hinnimmt. Nur weil er jetzt den Verstand verloren habe, kommentiert Constable Grant, sei das kein Grund, auf eine ordentliche Zeugenbefragung zu verzichten. Und tut pflichtbewusst seinen Job.

Es geht in diesem Stil weiter. Kurios, abgedreht und teilweise recht blutig, aber einen Fuß immer in der Realität der Londoner Großstadt. Aaronovitch schafft den Spagat zwischen dem urbanen 21. Jahrhundert und einer altmodisch anmutenden, skuril-düsteren Parallelwelt. Auf der einen Seite wird mit Handies und Crime-Software ermittelt; auf der anderen Seite geben sich alltertümliche Göttergestalten und mit Gehstöcken bewehrte Zauberer ein Stelldichein. Magie hat mit Newtonschen Gesetzen und handfestem Latein zu tun und vor allem mit harter Übung. Nur sollte man es nicht übertreiben, sonst platzt einem sprichwörtlich der Kopf. Und Elektronik, so lerne ich schnell, gibt im Umkreis von 3m um magisches Geschehen herum unrettbar den Geist auf. Gut zu wissen.

Wie erste Folgen einer Serie es so an sich haben, verwendet RIVERS OF LONDON nach spannendem Anfang erst mal viel Zeit darauf, die Charaktere, Orte und – in diesem Fall – Welten einzuführen, um die sich alles dreht. Das ist diesmal ein großes Unterfangen, handelt es sich doch nicht nur um Constable Grant, seine Kollegin Lesley und den beeindruckenden Inspector Nightingale, sondern auch um solche kapriziösen Gestalten wie Mama Thames, die unheimliche Hausangestellte Molly und – last but not least – rachesüchtige Opernfans aus der Vergangenheit. Um nur ein paar zu nennen.

Nebenher erfahren wir noch eine ganze Menge über den Polizeiapparat in London. Vom Werdegang eines jungen Streifenpolizisten über die Ausbildung bis zu dessen Spezialisierung. Über die Einteilung der verschiedenen Kommissariate und Spezialeinheiten. Über Bürokratisches und Geographisches in diesem Zusammenhang. Einen ganzen Haufen Akronyme erklärt uns Aaronovitch dabei, und nicht alle kann man sich merken. Der eine mag diesen Ausflug in das Londoner Polizeiwesen interessant finden, dem anderen werden es zu viele Informationen sein.

Auch bei der Ausschmückung der (mehr oder weniger) magischen Figuren verirrt sich der Autor sehr ins Detail. Grundsätzlich wundervolle Ideen werden etwas zu weitschweifend ausgemalt, so dass man gerade in der zweiten Hälfte etwas genervt reagieren kann. Das gilt besonders im Zusammenhang mit den Gottheiten der Themse und ihres großen Clans. Der an sich köstlich angelegte Konflikt gewinnt zu sehr die Oberhand über die eigentliche Haupthandlung.

Diese ist genauso abgefahren wie das Drumherum, sorgt aber für ein erfrischendes und spannendes Krimi-Element und recht blutige Momente, die RIVERS OF LONDON sehr erwachsen machen. Der Spaß hört auf, wenn kopflose Leichen auf Seziertischen liegen und Gesichter sprichwörtlich auseinanderfallen. In vielen Romanen pure Effekthascherei, haben diese Ekelmomente hier einen gesunden Effekt auf die Geschichte: Sie sorgen für Ernsthaftigkeit und ziehen das Ganze von der albernen Seite in Richtung Realität.

Mit der Hauptfigur, Peter Grant, wird nicht jeder warm werden. Er wirkt ob der turbulenten Ereignisse meist ungewöhnlich cool und distanziert. Dem ein oder anderen mag da das Herz fehlen, ich selbst finde ihn als Typen aber wunderbar bodenständig, und seine nüchterne Art balanciert die Überdrehtheit der anderen Figuren und Ereignisse gut aus.

Fairerweise auch noch eine Warnung: Wer von englischer bzw. speziell Londoner Kultur und Geschichte keine Ahnung hat und auch nicht willens ist, zwischendurch mal zu googlen, der verpasst einige Anspielungen und sogar wichtige Zusammenhänge. Und selbst als eingefleischter Anglist wird man nicht alle Andeutungen verstehen. Da beschleicht einen öfter mal das Gefühl, etwas nicht mitbekommen zu haben oder bei einem Witz außen vor zu sein.

Wenn man das weiß, kann man RIVERS OF LONDON aber trotzdem herrlich finden – und einiges dabei lernen. Wenn ich das nächste Mal an einem Geköpften rieche, nehme ich jedenfalls vorher sicherheitshalber die Batterien aus meinem Handy…

Zum Sprecher:

Kobna Holdbrook-Smith hat nicht nur eine mit Sand geschliffene schwarze Samtstimme, sondern auch noch ein unglaubliches Repertoire an Dialekten zu seiner Verfügung. Constable Grant spricht zeitgemäß hemdsärmeliges London-Englisch, Inspector Nightingale pures RP, Mama Thames stammt eindeutig aus Afrika, und der schottisch-muslimische Gerichtsmediziner hört sich an wie frisch aus den Highlands importiert. Und das ist nur ein kleiner Auszug. Wirklich beeindruckend!

Für Nicht-Muttersprachler ist das nicht unbedingt einfach zu verstehen, aber nach etwas Eingewöhnung ein Fest für die Ohren. Die Passagen, die Aaronovitch etwas zu sehr in die Länge geraten sind, kann Holdbrook-Smith zwar auch nicht ganz retten, trumpft dafür aber am Schluss mit dem schaurig-hysterischen Gekreische eines wirklich Irren ganz groß auf. Kino für die Ohren!

Fazit:

Das moderne London. Ein Mord. Ein ganz normaler Constable. Und ein Inspector, der ihm beibringt, Äpfel schweben zu lassen und Vampire zu verbrennen, während sie einen durchgedrehten Geist jagen. In Aaronovitch’s London liegen Realität und Magie ganz dicht beieinander, und da sind Reibungen vorprogrammiert.

Mit ganz viel schräger Fantasie und unterkühltem britischem Humor wirft der Autor einen coolen Constable ins Rennen, den man erstaunt auf seinen ersten Schritten in die Welt der Zauberei begleitet. Niedlich und nett ist das weniger – dafür bizarr und teils dicht am Wahnsinn. Mit Inspector Nightingale hat Peter Grant dabei eine starke, väterliche Figur an seiner Seite, von der man gerne mehr erfährt.

Teilweise mit Längen oder zu stark ausgeschmückt, bietet der Roman aufgeschlossenen Lesern/Hörern mit Faible für etwas ‚ganz Anderes‘ dennoch eine starke Alternative zu den üblichen Urban Fantasies. Es sind der Genre-Mix, der freche Witz und die wohl geformten Charaktere mit Potential, die RIVERS OF LONDON zu einem königlichen Vergnügen machen. Es ist selten, dass einem eine fiktionale Welt unterkommt, wie man sie noch nie zuvor erlebt hat – hier ist das der Fall.

Dazu noch der passende Sprecher, und die Sache ist geritzt. Für alle zu empfehlen, die sich gerne außerhalb ausgetretener Pfade umschauen!

Bewertung: 8/10

Zur Info:

DIE FLÜSSE VON LONDON gibt es auch in einer deutschen Hörbuchversion, gelesen von Dietmar Wunder (und zwar hier). Die Hörprobe macht einen großartigen Eindruck, und bei Dietmar Wunder kann man das auch erwarten. Allerdings ist das deutsche Hörbuch sehr stark gekürzt. Ob das der Geschichte gut tut oder nicht, kann ich nicht beurteilen, ist aber bestimmt den Versuch wert für diejenigen, die sich das englische Hörbuch nicht zutrauen.

Im Buchhandel sind auf Englisch bereits die Bände 2 und 3, ‚Moon Over Soho‘ und ‚Whispers Under Ground‚, erschienen. Auf Deutsch gibt es seit Juli 2012 Band 2, ‚Schwarzer Mond über Soho‘, allerdings noch nicht als Hörbuchversion.

Ben Aaronovitch hat eine unterhaltsame Website unter http://www.the-folly.com/, die einen Besuch lohnt.

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6 Gedanken zu “Rezension: ‚Rivers of London‘ (Midnight Riot, Peter Grant #1)

  1. Sunsy (@sunsy37w) 10. November 2012 / 13:36

    Ist zum Lesen nebst Folgeband auf meinen Wunschzettel gewandert 😀 – Dankeschön, Liebelein !!!

    glg, Elke

    • papercuts1 10. November 2012 / 13:51

      Aber gerne doch! Für dich mit deinen Verbindungen zu Großbritannien hoffentlich besonders unterhaltsam.
      Bei mir steht Band 2, ‚Moon over Soho‘, als nächstes an, sobald ich den neuen Zafon ausgehört habe. Vielleicht höre ich das aber auch sogar parallel. Wäre ein netter Kontrast, und ich bin zu neugierig, wie’s mit Peter Grant und Thomas Nightingale weiter geht!

      Danke für’s Vorbeischauen! 🙂

  2. pimisbuecher 29. November 2012 / 14:07

    Das Buch lese ich gerade und dank deiner Rezi habe ich noch mehr Lust auf die Story 🙂 „dafür bizarr und teils dicht am Wahnsinn“ klingt ganz nach meinem Geschmack 🙂
    Das mit der Londoner Geschichte verunsichert mich allerdings gerade ein bisschen… So bewandert bin ich da nämlich nicht…

    • papercuts1 29. November 2012 / 15:31

      Schön, dass du vorbei schaust! 🙂

      Und lass dich von der ‚Londoner Geschichte‘ nicht abschrecken! Ich weiß eben, dass sich an solchen Dingen die Geister scheiden: Die einen finden’s interessant und schlagen gerne mal was nach, die anderen überschlagen solche Pasagen genervt.

      Wenn du für irrwitzige Geschichten etwas übrig hast, ist ‚Rivers of London‘ so oder so etwas für dich.

      Ich bin mal gespannt auf deine Meinung ‚hinterher‘. Gibt’s dann ja bestimmt auf deinem Blog zu lesen.

  3. Rena 15. Januar 2015 / 7:43

    Ich habe das Buch gerade durch und meine eigene Rezension verfasst. Auf der Suche nach anderen Meinungen bin ich hier gelandet und habe mich sehr über die tolle Rezension des Hörbuches gefreut, macht wirklich Lust drauf es noch einmal auf Englisch zu hören.
    Gut das ich noch ein Hörbuch Guthaben habe… 😉

    • papercuts1 15. Januar 2015 / 11:31

      Hallo Rena,

      habe gerade auf deinem Blog deine Rezension gelesen. Respekt schon mal, dass du dich als Urban Fantasy-Anfänger gleich an Ben Aaronovitch rangewagt hast! Den finde ich als Einstieg gleichzeitig bestens geeignet und nicht ganz einfach wegen der vielen Nebengeschichten und wirklich merkwürdigen Ideen.
      Die zugehörige englische Hörbuchreihe kann ich dir nur wärmstens ans Herz legen. Vielleicht lässt du dir Teil 2, ‚Moon over Soho‘, ja dann von Kobna Holdbrook-Smith vorlesen? Vorher aber unbedingt mit der Hörprobe testen, ob’s dir gefällt!

      Gruß,
      Ute

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