Rezension: ‚Abgeschnitten‘ von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos

AbgeschnittenTitel: ‚Abgeschnitten‘

Autoren: Sebastian Fitzek, Michael Tsokos

Sprache: Deutsch

Sprecher: Simon Jäger, David Nathan

Format: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo

Länge: 9 Std 47 min (ungekürzt)

Eine kostenlose Hörprobe findet ihr auf der Produktseite von audible.

Inhaltsangabe (von audible.de):

Rechtsmediziner Paul Herzfeld findet im Kopf einer monströs zugerichteten Leiche die Telefonnummer seiner Tochter. Hannah wurde verschleppt – und für Herzfeld beginnt eine perverse Schnitzeljagd. Denn der psychopathische Entführer hat eine weitere Leiche auf Helgoland mit Hinweisen präpariert. Herzfeld hat jedoch keine Chance, an die Informationen zu kommen. Die Hochseeinsel ist durch einen Orkan vom Festland abgeschnitten, die Bevölkerung bereits evakuiert. Unter den wenigen Menschen, die geblieben sind, ist die Comiczeichnerin Linda, die den Toten am Strand gefunden hat. Verzweifelt versucht Herzfeld sie zu überreden, die Obduktion nach seinen telefonischen Anweisungen durchzuführen. Doch Linda hat noch nie ein Skalpell berührt. Geschweige denn einen Menschen seziert…

Zum Hörbuch:

Um das direkt aus dem Weg zu kriegen: Fast hätte ich das Hörbuch abgebrochen. Das mache ich fast nie, suche ich meine ‚Hörlektüre‘ doch immer sorgsam aus. Außerdem bin ich der Meinung, dass man ein Buch oder Hörbuch nur wirklich beurteilen kann, wenn man es ganz gelesen hat. Was auch letztlich der Grund war, ‚Abgeschnitten‘ nicht empört an die Seite zu legen, sondern bis zum Schluss zu hören.

Warum hätte ich fast abgebrochen? Um hier nicht groß zu spoilern, muss ich das etwas vage ausdrücken. Es hat jedenfalls nichts mit den Obduktionsszenen zu tun. Da bin ich recht hart gesotten und medizinisch zu sehr interessiert. Als zart besaitet würde ich mich auch nicht bezeichnen. So schnell ekele ich mich nicht.

Aber ein Problem habe ich, wenn Gewalt, und besonders sexuelle Gewalt drastischer dargestellt wird, als es für den zu erzielenden Effekt nötig gewesen wäre. Um die Not der Opfer zu verstehen, müssen Fitzek und Tsokos in ‚Abgeschnitten‘ drastisch sein, das ist richtig. Die psychische Qual der Opfer spielt eine wichtige Rolle für die Geschichte. In einer Sequenz ziemlich am Anfang eskaliert das aber. Beim Hören bin ich schon angemessen von Grauen und Wut auf den Täter gepackt, als die Autoren noch einen draufsetzen. Und noch einen. Ganz im Sinne der immer ‚kreativeren‘ Foltermethoden heutiger Thriller wird es noch viel heftiger, als es sein müsste, damit ich verstehe. Es wird mir zu plakativ, zu sehr Effekthascherei.

Mir. Das möchte ich hier betonen. Jeder Leser hat seine Grenzen, und das ist meine. Wo die liegt, definiert sich aus vielen kleinen und großen Gründen, und bei mir spielt die Tatsache, Frau und dazu noch Mutter einer Tochter zu sein, bestimmt keine ganz unwesentliche Rolle. Hier ein Urteil zu fällen, ob Fitzek und Tsokos zu weit gehen, ist also nicht objektiv möglich. Für mich persönlich gehen sie zu weit, und aus meiner Sicht wäre das für die Geschichte nicht nötig gewesen. Das muss letztlich aber jeder für sich beurteilen. Grundsätzlich würde ich mir einfach wünschen, dass Thriller ihre Stärke und ihre Effekte wieder mehr aus der Psychologie und den Charakteren beziehen als aus Brutalität und Grenzüberschreitungen.

Soviel dazu. Denn ich habe nicht abgebrochen, weil ich – wie gesagt – das Hörbuch in seiner Gänze beurteilen wollte, und nicht anhand dieser einen Szene. Zum Glück!

Ansonsten ist ABGESCHNITTEN nämlich eine starke Mischung aus genau dem, was den Thriller-Schreiber Fitzek und den Gerichtsmediziner Tsokos ausmacht: haarsträubend spannend und ein gefundenes Fressen für Liebhaber forensischer Pathologie. Und da zähle ich mich dazu.

Sehr schön wechselt die Perspektive zwischen Herzfelds Rennen gegen die Uhr und Lindas unfreiwilliger Leichenbeschau auf ihrer einsamen Insel hin und her. Das sorgt für Abwechslung und die für Fitzek typischen zahlreichen Cliffhanger. Dazu noch die beiden Erzähler David Nathan (er spricht Linda’s Handlungsstrang) und Simon Jäger (Herzfelds Anteil), die sich hier geradezu ein Duell liefern. Man mag das Hörbuch gar nicht mehr aus den Ohren nehmen.

Und bei den an sich recht ekligen und leicht voyeuristischen Autopsie-Szenen schaffen Fitzek und Tsokos, was in der Vergewaltigungsszene zuvor nicht der Fall war. Mit wissenschaftlichem Anspruch, Sympathie für die Charaktere und reichlich Comic Relief werden Lindas Rumschnitzereien an der Leiche interessant, lehrreich und lustig, und der Hörer kann genügend Distanz entwickeln, um sich nicht zu sehr aufregen zu müssen. Ja, auch hier sind die Ereignisse natürlich gerade darauf hin konstruiert, etwas in der Realität völlig Absurdes zu präsentieren. Klar, da haben Fitzek/Tsokos sich etwas Sensationelles zusammengestrickt. Aber es funktioniert!

Gleiches gilt für Herzfelds Jagd auf den Täter. Wie schon im AUGENSAMMLER, fiebern wir auch hier mit, unser Herz ganz bei einem Vater in Angst, der trotzdem den Polizistenkopf auf den Schultern behält. Fitzek/Tsokos schaffen es mühelos, mich auf Herzfelds Seite zu bringen, und zwar bei allem, was er tut.

Linda dagegen braucht ein bisschen, um zu überzeugen. Zu Beginn kommt sie mir paranoid und unsicher vor. Das ändert sich zum Glück spätestens, als sie ein Skalpell in die Hand nehmen muss. Die Frau ist tougher als es zunächst erscheint, und auch ihr Handlungsstrang, der mir anfangs etwas auf die Nerven geht, zieht mich immer mehr in Bann.

Dazu kommt ein unterhaltsames Knobelrätsel um den Täter, mit von Fitzek gewohnten halsbrecherischen Wendungen, falschen Fährten und filmreifen Action-Szenen, wo es um Leben und Tod geht. Das Thema beinhaltet einen erhobenen Zeigefinger, was Justiz und Strafrecht angeht. Es gibt eine runde, schockierende Auflösung ohne Längen, aber mit überraschend viel Nachdenklichkeit. Bei Fitzek geht es oft so schnell, dass Reflektion etwas zu kurz kommt, und in ABGESCHNITTEN ist das etwas anders.

Das Ende ist unerwartet, nimmt sich Zeit und hat ein paar angenehm ungeschliffene Ecken und Kanten und Zwischentöne. Schön auch, dass Fitzek/Tsokos uns nicht an einem nervenzerfetzenden Cliffhanger baumeln lassen. Es gibt lose Enden, aber ich muss nicht mit blutig gekauten Fingernägeln auf eine Fortsetzung warten, um zufrieden zu sein.

Die Sprecher:

ABGESCHNITTEN wird gelesen vom ‚dynamischen Duo‘ der derzeitigen deutschen Sprecher-Szene: Simon Jäger und David Nathan. Nicht nur, dass die beiden zu den besten und universell einsetzbaren Sprechern überhaupt gehören, sondern sie machen auch schon seit längerer Zeit gemeinsame Sache. Die Live-Lesungen der zwei sind Hochgenuss für Fans, und sie werfen sich die Bälle zu, dass es ein Vergnügen ist.

Im direkten Vergleich höre ich Jäger und Nathan bei ABGESCHNITTEN zum ersten Mal. Und natürlich drängt sich die Frage auf, wer hier den besseren Job hinlegt. Nathan hat es dabei etwas Schwerer: Er muss Lindas Perspektive und größtenteils die der weiblichen Opfer vertonen. Das macht er auch gut, wenn ich mich auch instinktiv frage, ob eine weibliche Sprecherin als Gegenpart zu Jäger hier nicht viel sinnvoller gewesen wäre. Glänzen kann er natürlich mit dem leisen Grauen, das seine Stimme so effektiv produzieren kann. Nicht umsonst vertont Nathan gerade bei Audible reihenweise Stephen King-Bücher. Ohne großes Tamtam verursacht er ganz subtil Entsetzen und nackte Angst.

Simon Jäger überrascht mich. Seine Stimme hat für mich eine gewisse Wärme, die ich in Thrillern nicht immer intensiv genug finde. Oh, was belehrt er mich hier des Gegenteils! Jäger darf Herzfeld vertonen, und er macht dessen gesamte Charakter- und Gefühlspalette hörbar: Coolness und Verwundbarkeit; Verzweiflung und tiefe innere Stärke; Härte und etwas, das sich nach zerbrochenem Glas anhört. Auch das immer mehr anziehende Tempo der Handlung nimmt Jäger auf und verursacht in den Actionszenen gekonntes Kopf-Kino.

Mit Sicherheit werden die Herren Jäger und Nathan sagen, dass es sich bei ABGESCHNITTEN nicht um ein Duell, sondern um ein Gemeinschaftsprojekt handelt. Trotzdem: Für mich ist es auch ein Wettstreit, und wenn man mich fragt, hat Simon Jäger am Ende leicht die Nase vorn.

Fazit:

Eine gelungene Mischung. Fitzek und Tsokos sorgen für forensische Spannung mit Hochgeschwindigkeit, schnell genommenen Plot-Kurven und zwei Hauptfiguren, denen man besorgt hinterher hetzt. Der Logik wird – trotz aller sichtbarer Konstruiertheit – genüge getan, und das Thema ist abscheulich düster.

Apropos abscheulich: Die Gewaltdarstellung ist, besonders in einer frühen Szene des Hörbuchs, schwer erträglich und – meines Erachtens – in ihrer Heftigkeit und Eskalation unnötig. Die Geschichte hätte auch gut funktioniert, wenn Fitzek und Tsokos hier weniger rabiat zur Sache gegangen wären. Andere Hörer/Leser sehen das anders und können das auch ruhig anders sehen, für mich bedeutet das aber eine Abwertung eines ansonsten wirklich spannenden Thrillers, den ich – von dieser Szene abgesehen – sogar besser fand als DER AUGENSAMMLER oder DER AUGENJÄGER.

Den beiden Sprechern kann man dabei keinerlei Vorwurf machen. Im Gegenteil: Mit David Nathan und Simon Jäger haben sich hier zwei ganz Große vor’s Studiomikrofon gehockt und bestens abgeliefert. Das geht gar nicht besser. Zum ersten Mal möchte ich die Bewertung deswegen aufteilen.

Bewertung:

Story (Inhalt, Sprache, Stil): 6/10

Sprecher: 10/10


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3 Gedanken zu “Rezension: ‚Abgeschnitten‘ von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos

  1. Nelly 9. April 2015 / 8:58

    Huhu, ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich deine Rezi auf meinem Blog verlinkt habe

    Viele liebe Grüße
    Nelly von Nellys Leseecke

    • papercuts1 10. April 2015 / 11:41

      Ja klar! Wie ich gelesen habe, fandest du ABGESCHNITTEN ja ohne Einschränkung klasse. Wir sind also nicht ganz kongruent in unserer Meinung. Umsomehr freue ich mich, dass du meine Rezension verlinkt hast!

      Gruß,
      Ute

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