Rezension: ‚Ein ganz normales Paar‘ von Isabelle Minière

Ein ganz normales PaarTitel: ‚Ein ganz normales Paar‘

(franz. Originaltitel: ‚Un couple ordinaire‘ )

Autorin: Isabelle Minière

Sprache: Deutsch (Originalsprache: Französisch)

Verlag: Diogenes

Format: Hardcover

erschienen: April 2007

Länge: 203 Seiten

„Ich fühle mich so leer … Nur noch eine Hülle, nur noch Staffage, aber im tiefsten Innern, hinter den Kulissen, ist nichts. Nicht mehr. Ohne es gemerkt zu haben, bin ich irgendwo auf der Strecke geblieben.“

Inhaltsangabe (amazon):

Sie ist die Schönste, Intelligenteste, die ideale Mutter und Ehefrau – aber eine Tyrannin. Er ist nichts mehr, um des lieben Friedens willen, hat Angst. Doch es gibt keine normalen Paare, nur glückliche!

Zum Buch:

Isabelle Minière’s kleiner Roman lag unter meinem Weihnachtsbaum als Geschenk. Ich kannte weder den Titel noch die Autorin – ein echtes Ü-Ei also! Und zwar eins, dessen Inhalt sich als bittersüßer, zartbesaiteter Glücksgriff herausstellte.

Doch von Anfang an: Wir lernen das ‚ganz normale Paar‘ Benjamin und Béatrice beim Möbelkauf kennen. Es geht um einen neuen Couchtisch, und die Suche danach – lustvoll bei Béatrice, lustlos bei Benjamin – erleben wir durch Ben’s Augen. Mitten zwischen den Ausstellungsstücken sorgt ein hohler Couchtisch für eine plötzliche Erkenntnis: Genauso hohl wie der Tisch fühlt sich Benjamin. Leer. Das, was ihn einmal gefüllt hat, ist verschwunden, und er schleppt sich nur noch als Hülle durch den Tag. Der Grund dafür: Béatrice.

Urplötzlich begreift Benjamin, dass ihn seine Ehefrau zu einem angepassten Nichts hat werden lassen. Seine schöne Béatrice, die Liebe mit Dominanz verwechselt, hat ihn erdrückt – und er sich um des lieben Friedens willen erdrücken lassen. Was soll er jetzt nur tun?

Zwischen Resignation, Angst vor den Folgen eines Aufbegehrens und Momenten der Rebellion hin- und hergerissen, begleiten wir Benjamin auf dem Weg in die Befreiung. Wir erleben, wie inhaltslos seine Beziehung zu Béatrice geworden ist, und wie erfüllt im Gegensatz dazu seine Liebe zur kleinen Tochter, Marion. Auch aus der Furcht heraus, die Kleine zu verlieren, windet sich Benjamin und braucht lange, um sich ein Herz zu fassen für den Ausbruch.

Wir werden Zeuge, wie die herrische und dennoch verletzliche Béatrice damit umgeht. Und wir möchten Benjamin’s Chef um den Hals fallen, der mit leisen Worten und der Hilfe von Plutarch dem hilf- und mutlosen Ben einen Weg weist.

Wie schön, dass sich in Minière’s kleinem Roman ein großes Drama im ganz Kleinen abspielt. In apartem Gegensatz trifft Benjamin’s Sanftheit auf die laute, scharfkantige Isabel, und ihr schmerzhafter Weg spielt sich trotz allen Geheuls und aller Vorwürfe vor allem leise, im Inneren ab. In Ben’s Innerem. Wir folgen seinen scheuen Gedankengängen, wo sich die große Veränderung ohne lauten Auftritt anbahnt. Durch seine Augen lässt uns Minière seine tyrannische Frau sehen. Diese keifende, ihn an die Wand redende Frau mit all ihrem explosiven, unübersehbaren Drama. Karikaturhaft wirkt diese Béatrice, und natürlich sind wir mit dem Herzen ganz beim friedliebenden Benjamin, der sich nach all dem sehnt, was seine Frau nicht für ihn ist: Zärtlichkeit, Nähe, zarte Lust. Und Respekt. Anerkannt werden. Erkannt werden und sein dürfen.

Denn dafür macht Minière sich insgeheim besonders stark: Liebe bedeutet, den anderen zu lassen. So sein zu lassen, wie er ist, und ihn nicht zu überrollen mit den eigenen Ansprüchen. Eine Beziehung, in der einer den Ton angibt und der andere nur nach seiner Pfeife tanzt, ist keine.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber in ein wunderschönes, melancholisches Buch verpackt, das – umso erstaunlicher – von feinsinnigem Witz durchzogen ist. Bei aller Bitterkeit bringt uns Minière’s Benjamin zum Schmunzeln. Durch die Traurigkeit sieht man ein Lächeln. Durch den Sarkasmus leichtfüßigen Charme. Und das Schönste: Am Ende des Tunnels winkt ein schüchternes Licht.

Fazit:

Mit leichter Hand schreibt Isabelle Minière über einen schweren Gang: Den Ausbruch des unterwürfigen Benjamin aus seiner Ehe mit der dominanten Béatrice. Sarkasmus vereint sich mit Esprit in dieser bittersüßen Geschichte. Es geht um Anerkennung, um Respekt, um den Mut, man selbst zu sein. Es geht um leise Wahrheiten anstatt laute Lügen.

Ein kleines, feines Buch, das man leicht übersehen kann, aber auf keinen Fall sollte!

Bewertung: 9/10

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