Rezension: ‚Wassermanns Zorn‘ von Andreas Winkelmann

Wassermanns Zorn

Titel: ‚Wassermanns Zorn‘

Autor: Andreas Winkelmann

Sprache: Deutsch

Sprecher: Simon Jäger

Verlag: argon hörbuch

HBCBadge_durchsichtig_ganzkleinFormat: CD

Länge: 6 CDs, insgesamt ca. 6 Std. 46 min

Inhaltsangabe (argon):

In dunklen Gewässern lauert das Grauen …Eingekeilt zwischen Baumwurzeln und Treibgut liegt im seichten Teil des Sees eine Frauenleiche – ertränkt. Gleich an ihrem ersten Tag im Morddezernat muss sich Manuela Sperling mit dieser toten Prostituierten und einer irritierenden Spurenlage befassen: Das Wasser in der Lunge des Mordopfers stammt nicht aus dem See, und auf dem Bauch der toten Frau prangt eine grausige Botschaft – ausgerechnet an Manuelas Chef, Kriminalhauptkommissar Eric Stiffler. Bald steht Manuela mit ihrem Eifer im Präsidium allein da, nur Kollege Peter Nielsen ist auf ihrer Seite. Da ertrinkt erneut eine junge Frau im See, direkt vor Manuelas Augen. Und ihr Chef dreht durch …

Zum Hörbuch:

Völlig ahnungslos lasse ich mich in dieses Hörbuch plumpsen. Auf der Frankfurter Buchmesse hatten mich der Titel gelockt und die Tatsache, dass es sich um einen deutschen Thriller handelt, dessen Autor ich nicht kannte, dafür aber den Sprecher: Simon Jäger.

Es zeigt sich rasch, dass der Spontankauf nicht verkehrt war. Alle Zutaten für einen gut funktionierenden, spannenden und unterhaltsamen Thriller kommen zügig auf den Tisch: Es gibt eine Leiche, einen unheimlichen Mörder sowie ein Ensemble an Polizisten und in den Fall hinein gerutschter Unbeteiligter, die keine Langeweile aufkommen lassen.

Hört sich nach dem üblichen Schema F an. Ist es zum großen Teil auch. Wir haben die Ermittler, die den ‚Wassermann‘ jagen und sich mit bekannten Problemen rumschlagen: Da ist der Rookie Manuela, die sich gegenüber ihren erfahrenen Kollegen behaupten muss. Da ist der abgehalfterte Kommissar mit Gepäck aus der Vergangenheit. Wir haben tapfere Zivilisten und mögliche nächste Opfer. Und Winkelmann lässt auch den ‚Wassermann‘ selbst zu Wort kommen. Aus seiner Sicht erfahren wir in Rückblicken mehr zu den Hintergründen der Morde.

Alles ganz gut gemacht, aber alles auch nicht wirklich neu oder überraschend. So oder so ähnlich habe ich den Mix aus Erzählperspektiven und Zeitebenen schon zigmal erlebt.

Ein paar Unterschiede gibt es aber doch, sowohl im Positiven als auch im Negativen:

Zu Letzterem gehört, dass ich am Anfang Probleme habe, die Hauptfigur zu erkennen, an die ich mich dranhängen soll. Zuerst bietet sich Eric Stiffler an. Der jedoch wird mir einfach nicht wirklich sympathisch und verscherzt es sich mit mir immer mehr, als dass ich mit ihm warm werde. Oder soll mich der wirklich nette Taxifahrer Frank an die Hand nehmen? Er ist jedenfalls die spontan freundlichste Figur, auch wenn mir seine Gutgläubigkeit manchmal etwas zu viel ist. Außerdem haben wir da die sich verfolgt fühlende Lavinia. Und schließlich Manuela, die junge Polizistin. Es dauert, bis sie sich zum Anker der Geschichte mausert und ich weiß, auf wessen Seite ich mich am besten schlage.

Was mir auch zu schnell geht und unglaubwürdig erscheint, ist die spontan entflammte Zuneigung und das nicht wirklich realistische Zutrauen zwischen Frank und Lavinia. Ganz ehrlich – im echten Leben brauchen Vertrauen und Nähe wesentlich mehr Zeit. Und ich kann beim Hören auch nicht ganz verstehen, wieso vor allem Lavinia niemanden sonst hat, der ihr helfen kann.

Die positiven Überraschungen bewahrt Winkelmann bis fast zum Schluss auf. Tatsächlich baut er in die ansonsten konventionelle Geschichte eine schöne Wendung ein, die ich nicht erwartet hatte. Und traut sich sogar, Figuren um die Ecke zu bringen, für die man eigentlich ein Happy End vorausgesagt hätte. Alle Achtung – das bringt schön viel Verunsicherung, und man rechnet mit fast allem am Schluss.

Apropos Schluss: Auch der ist kein hübsch zugeschnürtes Paket sondern angenehm unbequem. Das hätte ich Winkelmann nach der zuvor sehr typisch verlaufenden Geschichte gar nicht zugetraut. Und auch wenn mir das Ende nicht rundum gefällt, so gefällt mir aber doch sehr, dass es kein sauberes und damit eher unrealistisches Finale gibt. Das hat dann etwas Authentisches und bringt WASSERMANNS ZORN  definitv einen Zusatzpunkt ein.

Zum Sprecher:

Simon Jäger, der alte Routinier, weiß auch diesen deutschen Thriller zu schaukeln. Ich fühle mich beim Hören sehr an seine Fitzek-Vertonungen erinnert, mit denen er mich schon so begeistert hatte. Jäger ist einer dieser Sprecher, die weich genauso können wie hart. Seichte Gewässer meistert er genauso wie tiefe Abgründe. Gruselig ist auch gar kein Problem, wie Jäger bei WASSERMANNS ZORN unter Beweis stellen kann.

Das Einzige, was mir ab und an aufgefallen ist, ist der nicht konstante norddeutsche Dialekt des Taxifahrers. Mal ist er zu hören, mal nicht. Das kann man aber auch darauf zurückführen, dass Frank bei Aufregung eher in seinen Dialekt verfällt als sonst. Ist im wahren Leben ja auch oft so. Möchte ich also nicht zu hoch aufhängen, aber es ist mir eben aufgefallen.

Insgesamt eine wiedermal sehr gute Leistung von Simon Jäger.

Fazit:

WASSERMANNS ZORN ist ein größtenteils gattungstypischer Thriller mit allen gängigen Elementen. Er unterhält gut, ist leicht gruselig, spannend, aber eben recht konventionell. Die Hauptfiguren machen ein bisschen Bauchschmerzen: Bis man weiß, wen man mögen soll, vergeht etwas Zeit.

Für Überraschung sorgt das letzte Drittel des Buches: nicht erwartete Todesfälle, eine schöne Wendung und ein Schluss mit ein paar Ecken und Kanten machen WASSERMANNS ZORN dann doch noch zu etwas Eigenem. Nicht perfekt, aber am Ende doch besser als gedacht.

Für Fans von guten deutschen Thrillern bedenkenlos zu empfehlen.

Bewertung:

Geschichte: 6/10

Sprecher: 9/10

Hinweis: Diese Rezension ist mein 1. Beitrag zur  Hörbuch-Challenge 2013. Die Regeln und alle weiteren Rezensionen findest du hier.

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2 Gedanken zu “Rezension: ‚Wassermanns Zorn‘ von Andreas Winkelmann

  1. Purzel 22. Januar 2013 / 5:45

    War das Hörbuch gekürzt? Das führt bei mir auch manchmal zu solchen Momenten, wo ich Szenen unlogisch oder verwirrend finde. Deswegen versuche ich auch gekürzte Hörbücher größtenteils zu meiden.

    Wobei ich damit letztlich mit Garth NIx‘ Die Schlüssel zum Königreich-Reihe eine sehr gute Erfahrung gemacht habe. Da fand ich die gekürzte (von Oliver Rohrbeck gelesene) Fassung sehr gut gemacht. Kenne aber den Originaltext nicht, sodass ich nicht einschätzen kann, inwiefern da bei der Kürzung wesentlicher Inhalt verloren gegagen ist. Wenigstens beim Hören wäre so etwas hier nicht aufgefallen.

    Der Bibliothekskatalog sagt mir, dass das Hörbuch von Wassermanns Zorn bei uns theoretisch verfügbar sein müsste, vielleicht gebe ich ihm mal eine Chance, wenn ich es erwische.

    • papercuts1 24. Januar 2013 / 20:18

      Hallo Purzel!

      Auf der CD-Box steht ‚autorisierte Lesung‘, und da das Buch über 400 Seiten hat, kommt mir das Hörbuch doch gekürzt vor.
      Und du hast Recht – Kürzungen führen dazu, dass sich Dinge zu schnell oder ohne guten Grund zu entwickeln scheinen. Da gibt’s dann gefühlte Löcher, und das mag auch hier der Fall sein. Gut möglich.

      So wie du, greife ich deshalb, wenn’s geht, lieber zu ungekürzten Versionen oder eben auch mal zum gedruckten Buch. Das hier war eine der seltenen Ausnahmen. Lag eben zum Messepreis direkt vor meiner Nase. 😉

      Wenn du das HB in die Finger kriegst, dann hör ruhig mal rein. Ich fand’s übrigens richtig gut, dass es hier mal ohne grausige Folterszenen und großes Blutvergießen anging. Auch ein Pluspunkt.

      Schön, dass du vorbei geschaut hast!

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