Rezension: ‚Nullzeit‘ von Juli Zeh

NullzeitTitel: ‚Nullzeit‘

Autorin: Juli Zeh

Sprache: Deutsch

Verlag: Schöffling & Co.

erschienen: 1. August 2012

Format: Hardcover

Länge: 256 Seiten

Inhaltsangabe (amazon):

Eigentlich ist die Schauspielerin Jola mit ihrem Lebensgefährten Theo auf die Insel gekommen, um sich auf ihre nächste Rolle vorzubereiten. Als sie Sven kennenlernt, entwickelt sich aus einem harmlosen Flirt eine fatale Dreiecksbeziehung, die alle bisherigen Regeln außer Kraft setzt. Wahrheit und Lüge, Täter und Opfer tauschen die Plätze. Sven hat Deutschland verlassen und sich auf der Insel eine Existenz als Tauchlehrer aufgebaut. Keine Einmischung in fremde Probleme – das ist sein Lebensmotto. Jetzt muss Sven erleben, wie er vom Zeugen zum Mitschuldigen wird. Bis er endlich begreift, dass er nur Teil eines mörderischen Spiels ist, in dem er von Anfang an keine Chance hatte.

Zum Buch:

Ein Thriller, der mal nicht mit einem Mord anfängt, sondern offenbar auf einen hinausläuft. Das ist schon mal außergewöhnlich. Wir beginnen nicht mit einer Leiche. Noch nicht mal mit einer Rückblende. Stattdessen spüren wir schon auf den ersten Seiten, dass wir uns in einen Sog hinein begeben, an dessen Ende jemand sterben muss.

Was nur kurz nach Ferienlaune auf Lanzarote aussieht, wird schnell Unheil verkündend. Nicht nur muss Tauchlehrer Sven auf dem Flughafen ein äußerst exzentrisch wirkendes Paar abholen, bei dem unser sechster Sinn direkt Alarm schlägt. Auch die Atmosphäre birgt etwas Bedrohliches. Juli Zeh’s Lanzarote ist ein Paradies, das gleichzeitig schön und kalt wirkt. Die abweisende Kargheit der Lavalandschaft und das im Nirgendwo angesiedelte Feriendomizil verursachen trotz Sommertemperaturen leichte Gänsehaut.

Da hat der Aussteiger Sven sich aber auch Kundschaft eingehandelt: Das Künstlerpärchen Theo und Jola verbindet eine schizophrene Hassliebe, und sie verbergen ihre Gefühle in keinster Weise. Dem armen Sven dreht sich der Kopf, als sich der Schriftsteller und die Schauspielerin vor seinen Augen abwechselnd leidenschaftlich an die Wäsche gehen und sich ganz offenbar gegenseitig umzubringen versuchen.

Gleichzeitig kann er sich den unverholenen Anmachversuchen Jola’s schwer entziehen und verstrickt sich in eine Dreiecksbeziehung – oder nicht? Widersteht er Jola, und das fatale Bäumchen-wechsel-dich-Spiel entstammt nur ihrer Phantasie? Wer spielt hier eigentlich mit wem?

Ganz geschickt wechselt Svens in der Vergangenheit geschriebene Perspektive mit Einträgen aus Jolas Tagebuch ab. Und noch geschickter beginnen beide Sichtweisen, immer mehr auseinander zu gehen und die Ereignisse gegenteilig darzustellen. Bald weiß man als Leser gar nicht mehr, was man glauben soll. So naiv kann Sven doch gar nicht sein, oder? Treibt Jola ein Spiel mit ihm, oder ist es vielleicht der Tauchlehrer, der die Kontrolle verliert? Und was ist mit Theo? Der ist doch Schriftsteller – was also hat er hier mit Fiktion und Wirklichkeit zu tun? Und dann gibt es ja auch noch Antje, Sven’s bodenständige und unspektakuläre Freundin. Was wird ihre Rolle in diesem Drama sein?

Faszinierend, wie Juli Zeh die Geschichte mit steigender, nach außen hin recht unterkühlter Dramatik auf den Schlußakkord zustreben lässt. Besonders schön gelingen ihr die Tauchszenen. Hier drehen sich die Rollen. Unter Wasser wird Sven wird zum souveränen Profi, der das Kommando übernimmt. An Land dagegen verliert er alle Sicherheit und verliert komplett die Übersicht. Im Wasser kann ihm Gefahr nichts anhaben. An Land macht sie ihn kopflos.

Juli Zehs Sprache ist schnörkellos und in Jolas Tagebuchpassagen geradezu giftig. Mit klaren Strichen zeichnet sie ein bedrohlich wirkendes Bild von Lanzarote, und eiskalt ist das Drama, das sich dort abspielt. Wie schön, dass es dabei komplett ohne blutige Horrorszenen abgeht. Geht auch. Und zwar bravourös!

Über den Schluss sei hier nicht mehr verraten als dass er der Geschichte gerecht wird und mich restlos überzeugt. Sehr cool gemacht.

Fazit:

Ein Thriller wie ein Schleudertrauma. Im Ferienparadies Lanzarote wissen weder Sven noch der Leser, wo ihnen der Kopf steht. Wollen Jola und Theo sich gegenseitig umbringen? Ist das nur ein exzentrisches Spiel? Und was sollen Jolas schamlose Anmachversuche?

Wir geraten mit in den Sog einer gefährlichen Dreierkiste, die – so fühlen wir – nur böse enden kann. Das alles ist kalt und clever geschrieben und in eine ungewöhnliche Struktur gepackt. Geradezu kammerspielartig steigert sich der Druck bis zur Implosion. Dazu noch reizvolle Tauchszenen, die für Spannungsmomente sorgen. Und ein Ende, das sich gewaschen hat.

Hut ab, Juli Zeh! Das ist doch mal etwas ganz anderes im Thriller-Mainstream-Einheitsbrei. Mehr!

Bewertung: 10/10

Achtung: Video enthält Spoiler!!! Erst hinterher gucken!

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7 Gedanken zu “Rezension: ‚Nullzeit‘ von Juli Zeh

  1. Sunsy (@sunsy37w) 22. Januar 2013 / 11:54

    Oh, das hört sich gut an… ich hab das Hörbuch, freu mich schon drauf 😀

    • papercuts1 24. Januar 2013 / 20:25

      Ja, dann nix wie ran! Könnte mir denken, dass es dir gefällt. Ist kein Fitzek, aber solide deutsche Thrillerkost mit Gruseltouch. Warte dann gerne auf deine Rezi dazu! 🙂

  2. buzzaldrinsblog 22. Januar 2013 / 13:27

    Hört sich sehr gut an. Ich habe das Buch hier schon stehen, hatte aber gar nicht gewusst, dass es sich um einen Thriller handelt. Ich freue mich schon auf die Lektüre. 🙂

    • papercuts1 24. Januar 2013 / 20:24

      Mit dem Label ‚Thriller‘ habe ich ja öfters Probleme, und auch bei ‚Nullzeit‘ habe ich die. Aber gut – das Buch wird als ‚Psychothriller‘ angepriesen, und wenn man auf viel hektisches, actionlastiges Tamtam verzichten kann, trifft es das auch. Kommt eben darauf an, was genau man von einem Thriller erwartet.

      Ich denke, ‚Nullzeit‘ könnte dir gefallen, weil es eben gerade kein Mainstreamthriller ist, sondern ein spannendes, psychologisches Kammerspiel, das seinen Reiz aus der Figurenkonstellation zieht. Deine Meinung interessiert mich sehr!

  3. pimisbuecher 29. Januar 2013 / 14:49

    Ich habe von Juli Zeh noch nichts gelesen, aber nach deiner Rezenison wandert sie jetzt, auf jeden Fall mal auf meine To-Read-Liste. Klingt nämlich ganz so, als könnte mir das gefallen 🙂

    • papercuts1 29. Januar 2013 / 15:00

      War auch mein erstes Buch von Juli Zeh. Mir hat der Mix aus Roman, Psychothriller und cooler Erotik wirklich gefallen, weil er in kein einfaches Schema passt. Man darf nur nichts für’s Herz erwarten – Wärme und Zuneigung sind in ‚Nullzeit‘ Fehlanzeige!

      Schön, dass meine Rezi dich anlockt. Danke, dass du’s mich wissen lässt! 🙂

      • pimisbuecher 29. Januar 2013 / 15:11

        Ja, das hatte ich aus deiner Rezi auch schon so herausgelesen, also das mit dem Herz und so 🙂
        Und natürlich interessieren mich deine Rezensionen immer sehr, nur was das kommentieren angeht, da muss ich noch dran arbeiten 🙂 Aber es wird…

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