Rezension: ‚Bring up the bodies‘ (‚Falken‘) von Hilary Mantel

Bring up the bodiesTitel: ‚Bring up the bodies‘

dt. Titel: ‚Falken‘, erscheint 25. Februar 2013

Autorin: Hilary Mantel

Sprache: Englisch

Sprecher: Simon Vance

Verlag: Whole Story Audiobooks

erschienen: 2012

Format: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo

Länge: 24 Std 26 min (ungekürzt)

Eine kostenlose Hörprobe findet ihr auf der Produktseite von audible.

“Your love of glory must conquer your will to survive; or why fight at all? Why not be a smith, a brewer, a wool merchant? Why are you in the contest, if not to win, and if not to win, then to die?”
― Hilary Mantel, Bring Up the Bodies

Kurzbeschreibung (amazon):

„Sieh meinen Sohn Thomas böse an, und er sticht dir ein Auge aus. Stell ihm ein Bein, und er schneidet es dir ab“, sagt sein Vater über den jungen Cromwell. 35 Jahre später hat Thomas Cromwell die bescheidenen Verhältnisse des Elternhauses hinter sich gelassen. Sein Aufstieg am Hofe von Henry VIII verläuft parallel mit dem von Anne Boleyn, Henrys zweiter Frau, deretwegen dieser mit Rom gebrochen und eine eigene Kirche gegründet hat. Doch Henrys Verhalten hat England ins Abseits manövriert, und Anne konnte ihm keinen Thronfolger gebären. In Wolf Hall verliebt sich der König in die stille Jane Seymour. Cromwell begreift, was auf dem Spiel steht: das Wohl der gesamten Nation. Im Versuch, die erotischen Fallstricke und das Gespinst der Intrigen zu entwirren, muss er eine „Wahrheit“ ans Licht bringen, die Henry befriedigen und seine eigene Karriere sichern wird. Doch weder Minister noch König gehen unbeschadet aus dem blutigen Drama um Annes letzte Tage hervor. Falken ist die kühne Vision einer Tudor-Gesellschaft, deren Schatten bis in unsere Zeit reicht. Und es ist das Werk einer großen Autorin auf der Höhe ihres Könnens.

Zum Hörbuch:

Wer in London den Tower besucht, bekommt bei der Führung interessante Häppchen erzählt: Von den Tudors und Thomas More. Vom Frauen verschleißenden König Henry VIII. Und steht vor dem Torbogen, unter dem hindurch die des Hochverrats angeklagte Anne Boleyn per Boot in den Tower gebracht wurde. Für mich nach einem London-Besuch Anlass, meine Kenntnisse in englischer Geschichte mal wieder auf Vordermann zu bringen – und zwar per historischem Roman.

Hilary Mantel’s BRING UP THE BODIES  ist bestens geeignet dafür. Es ist die Fortsetzung von WOLF HALL (‚Wölfe‘), das bereits sehr erfolgreich auch hierzulande in den Buchläden herumgereicht wird. Während sich WOLF HALL mit dem Aufstieg Anne Boleyn’s befasst, zeigt ‚Bring up the bodies‘ die erschreckende, systematische Demontage der Königsgattin, gewünscht vom König, inszeniert von Thomas Cromwell.

Es geht um Macht und ihre schmutzigen Spielarten und um die launenhafte Willkür des Henry VIII. An seiner Seite: Der smarte Emporkömmling Thomas Cromwell. Mit List und klarem Kalkül biegt er die Dinge so zurecht, wie Henry sie haben möchte. Da werden Gerüchte gestreut, da wäscht eine Hand die andere. Auch vor falschen Zeugenaussagen und Folter schreckt man nicht zurück. Selbst, wenn am Ende die Köpfe von Unschuldigen rollen.

Wer diesen historischen Roman liest oder hört, spürt Empörung. Es ist unfassbar, wie insbesondere die Männer an der Macht mit den Frauen umgehen. Selbst die Königin(nen) sind den Spielchen des Königs hilflos ausgeliefert. Wer – wie Catherine und danach Anne Boleyn – dem König keinen Thronerben gebiert, ist nutzlos und im Zweifelsfall eine Hexe oder aber zumindest an jeder Fehlgeburt selbst Schuld. So werden wir ungläubig Zeuge, wie Cromwell auf Henry’s Betreiben hin in einer gewieften Schmutzkampagne Anne Boleyn systematisch verunglimpft und schließlich vor den Augen des ganzen Volkes zur Hochverräterin stilisiert. Der König selbst muss sich dabei die Finger nicht schmutzig machen.

Erschreckend auch, dass selbst unter den Frauen kein Fünkchen Solidarität herrscht. Die sterbende Ex-Königin Catherine, in Ungnade gefallen und für Anne Boleyn vom Thron geschubst, hegt keinerlei Mitleid für ihre Nachfolgerin, als diese dasselbe Schicksal ereilt. Und auch Anne würde Catherine bis zuletzt gerne beide Augen auskratzen. Wirkliche Sympathie hegt man auch für diese beiden Frauenfiguren nicht.

Interessant ist, dass Mantel es schafft, in diesem Sumpf aus Machtmissbrauch und Verlogenheit Thomas Cromwell als die eigentliche Identifikationsfigur zu etablieren. Der hoch intelligente, düstere Helfershelfer des Königs hat etwas von einem attraktiven Bösewicht an sich. Keinesfalls stellt sich Mantel auf Cromwell’s Seite. Aber im Gegensatz zu Henry gibt sie ihm etwas Authentisches. Während der König nur allzu bereit ist, sich seine Lügen selber zu glauben, weiß Cromwell genau, was er tut, und macht auch keinen Hehl daraus. Er ist eine eindrucksvolle Figur und letztlich als Einziger wirklich er selbst.

Als historischer Roman ist BRING UP THE BODIES ziemlich kopflastig, was Ausstattung und Dialoge angeht. Tatsächliche Handlung im Sinne von ‚action‘ ist wenig vorhanden. Dafür aber ein schwer überschaubares Ensemble, dass sich ausgedehnt in umständlicher und machtgieriger Kommunikation übt. Mehrfach wünsche ich mir einen Personenindex zum Nachschlagen, um die ganzen Sirs und Ladies samt ihrer politischen und geografischen Verflechtungen zuordnen zu können. Und ich gebe zu, dass es bei den vielen, vielen Dialogen manchmal schwer ist, die Konzentration oben zu halten.

Alles in allem ist es die Geschichtsstunde aber wert. Mantel wirft einen informativen, unterhaltsamen und recht finsteren Blick auf die Tudor-Zeit und stellt dabei vor allem die oft vernachlässigte Figur des Thomas Cromwell in den Vordergrund. Den Hagel an Auszeichnungen, den der Roman zur Zeit einheimst, hat er verdient.

Zum Sprecher:

Simon Vance spricht BRING UP THE BODIES mit dem geschliffenen, noblen Englisch eines Shakespeare-Mimen. Er rollt das ‚r‘, betont knackig und hat die fehlerlos deutliche Aussprache eines perfekt ausgebildeten Sprechers. Dass er Akkzente aus dem Effeff beherrscht, zeigt sich spätestens bei dem stark französisch eingefärbten Englisch der Ex-Königin Catherine. Allerdings sind es doch unzählig viele Figuren, die sich in BRING UP THE BODIES die Hand reichen, und sie alle voneinander stimmlich abzugrenzen, ist selbst Vance nicht möglich.

Die wichtigsten Personen kann man jedoch gut unterscheiden: Henry wirkt kapriziös und gewollt unsympathisch. Die Frauenfiguren haben, je nachdem, stille Würde, Schärfe oder unspektakuläre Einfalt. Cromwell schließlich bekommt ein dunkleres Timbre, das seine Intelligenz und sein Selbstbewusstsein passend unterstreicht.

Vance ist keiner der lauten, hoch dramatischen Sprecher. Seine Art mag manche nicht vom Hocker reißen, aber wer es feiner und distinguierter mag, ist bei ihm gut aufgehoben. Absolut der passende Sprecher für historische Erzählungen.

Fazit:

Mantel rollt ein unrühmliches Kapitel der englischen Königsgeschichte auf. Der Niedergang der Anne Boleyn und das korrupte männliche Machtgefüge der Tudor’s unter Henry VIII wird in einer authentisch daher kommenden Geschichtsstunde ans Licht gezerrt: Dreckige Spielchen. Männlicher Machtmissbrauch. Die Willkür des Monarchen. Und als Joker der mit allen Wassern gewaschene Thomas Cromwell. Wer mit dialoglastigen historischen Stoffen und einem großen Figuren-Ensemble kein Problem hat, wird das mögen. Dabei hilft die passende, elegante sprachliche Umsetzung durch den völlig fehlerfreien Simon Vance.

Übrigens: BRING UP THE BODIES kann man auch problemlos hören oder lesen, ohne den Vorgänger WOLF HALL zu kennen. Ein bisschen historische Recherche ist zum besseren Verständnis für beide Romane aber angeraten.

Bewertung:

Hörbuch: 7/10

Sprecher: 9/10

Info:

BRING UP THE BODIES erscheint unter dem deutschen Titel FALKEN am 25. Februar 2013 als eBook und Hardcover. Die Hörbuchversion mit Frank Stöckle als Sprecher erscheint am 1. März

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