Rezension: ‚Die Kunst des Feldspiels‘ von Chad Harbach

Die Kunst des FeldspielsTitel: ‚Die Kunst des Feldspiels‘

(Originaltitel: ‚The Art of Fielding‘)

Autor: Chad Harbach

Sprache: Deutsch (Originalsprache: Amerikanisch)

Format: Hardcover

Verlag: Dumont

erschienen: August 2012

“The doctor said a ball hit me. But I don’t remember batting.”

“You were in the dugout. Henry made a bad throw.”

“Henry did? Really? Are you sure?”

“Yes.”

“Well, it’s always the ones you least suspect.” Owen let his eyes fall shut. “I don’t remember anything at all. Was I reading?”

Affenlight nodded. “I warned you. It’s a dangerous pastime.”
― Chad Harbach, The Art of Fielding

Inhaltsangabe (amazon):

Der Gott des Spiels hat Henry Skrimshander ein Geschenk in die Wiege gelegt: Der schmächtige, unscheinbare Junge aus der Provinz ist das größte Baseball-Talent seit Jahrzehnten. Als er in die Mannschaft des Westish College aufgenommen wird, scheint sein Aufstieg in den Olymp vorprogrammiert. Monatelang macht er nicht einen Fehler. Doch dann geht ein Routinewurf auf fatale Weise daneben und die Schicksale von fünf Menschen werden untrennbar miteinander verknüpft.
Henry hat einen neuen Gegner: den Selbstzweifel. Sein Mentor Mike Schwartz macht die bittere Erfahrung, dass er Henry zuliebe sich selbst vergessen hat. Henrys schwuler Mitbewohner Owen muss sich von einem herben Schlag erholen. Rektor Affenlight lernt spät im Leben die wahre Liebe kennen und schlittert in eine gefährliche Affäre. Und seine Tochter Pella flieht vor ihrem Mann nach Westish um auf dem Campus mehr als nur Sex zu finden.
Während das dramatische Endspiel unerbittlich näher rückt, sind sie alle gezwungen, sich mit ihren tiefsten Wünschen und Abgründen auseinanderzusetzen. Am Ende wird einer von ihnen gleich zweimal bestattet, und die Leben der anderen werden nie mehr dieselben sein.

Zum Buch:

Baseball. Kann ich ja gar nicht mit. Obwohl ich’s wirklich versucht habe und die Grundregeln verstehe. Und dann einen ganzen Roman lesen, der sich um Baseball dreht? Obwohl die Kritiker sich förmlich überschlagen vor Lob? Ich weiß ja nicht.

Gottseidank weiß es mein Mann besser, der mir DIE KUNST DES FELDSPIELS unter den Weihnachtsbaum legt. Und so kommt es, dass ich zwischen Schneeschauern und Weihnachtsfeierei und diesmal auf Deutsch in einem wundervollen, wundervollen Buch versinke.

Man muss das schon können, eine 600 Seiten lange Geschichte zu schreiben, in der an und für sich gar nicht so viel passiert. Und in der trotzdem so viel passiert. Das geht nur, wenn man charismatische Charaktere ins Leben ruft und einen Schreibstil drauf hat, der die Seiten geradezu von selbst umblättert. Chad Harbach kann das.

Er gibt uns den schmächtigen Henry, einen Rohdiamanten auf der Suche nach Führung. Und auf der Suche nach sich selbst. Man schlägt sich gleich auf Henry’s Seite. Wer tut das nicht, bei so einem netten Underdog. Ob er nun den amerikanischen Traum verkörpern soll, ist mir egal – ich mag Figuren, die für etwas brennen, dabei aber ohne jede Überheblichkeit auskommen und auch mal über ihre eigenen Füße stolpern.

Zum Glück nimmt sich Mike Schwartz unseres ‚Helden‘ an. Mike, der Sportler mit den kaputten Knien, einem großen Herz und der klassischen rauen Schale. Im Vergleich ist er der komplexeste Charakter des Buches und gleichzeitig der glaubhafteste. Nicht Henry, sondern ‚Schwartzy‘ ist der Leim, der die Geschichte am Ende zusammen hält und außerdem wunderbar erdet.

Nicht nur aufgrund seines fortgeschrittenen Alters sticht Uni-Präsident Affenlight aus dem Ensemble hervor. Er bringt Elemente in die Geschichte, die ihr Reife und Gewicht verleihen. Gleichzeitig vermittelt die Liebesgeschichte um Affenlight unerwartete Zartheit und den leisen Schmerz verlorener Jugend. Gerade für ältere Leser ist er eine wichtige Identifikationsfigur und ein nötiges Gegengewicht zu den ‚Jungspunden‘.

Affenlight’s Tochter Pella ist die einzige weibliche Hauptfigur, die zu Worte kommt. Und obwohl auch sie überzeugt, umgibt sie nicht der gleiche literarische Zauber wie die männlichen Mitspieler. Das mag ebenso daran liegen, dass der Autor ein Mann ist, wie daran, dass in diesem Fall die Leserin eine Frau ist. Pella lässt mich zwar alles andere als kalt, aber zu ihr behalte ich am meisten Distanz.

Als Fünften im Bunde darf man Owen nicht vergessen. Ach, den kann man gar nicht vergessen. Owen ist die vom Zen getragene, entspannte Lichtgestalt des Romans. Als schwuler (aber niemals femininer) Feingeist ist er fast schon zu perfekt und vermutlich die fiktionalste, klischeehafteste Figur. Das aber derart attraktiv und sympathisch, dass man Chad Harbach trotzdem um den Hals fallen möchte.

Und auch wenn alle sagen, dass man von Baseball nichts verstehen muss, um DIE KUNST DES FELDSPIELS zu verstehen: Baseball ist die sechste Hauptperson in diesem Roman. Es hilft tatsächlich, zumindest die Grundregeln zu können, um den entscheidenen Spielen in der Handlung folgen zu können. Noch wichtiger aber ist, Baseball als eine hohe Kunst verstehen zu können, als meditative ‚Kampfsportart‘. Das Feldspiel erweist sich auch für den Laien in diesem Roman als komprimierte Version des Lebens: Entscheidungen, Talent, Intuition und menschliches Versagen auf den Punkt gebracht. Eine Handlung bedingt die andere. Ein Fehler löst den nächsten aus.

Und so werden wir Zeuge des Schmetterlingseffektes: Ein Fehlwurf Henry’s ist der Anstoß für Veränderungen und Verschiebungen im Leben der fünf Hauptpersonen. Leise, aber nicht minder bedeutsame Dramen spielen sich ab. Die meisten davon im Inneren der Fünf. Harbach beleuchtet sie alle mit soghafter Sprache und einem Schreibstil, der gleichzeitig leicht fließt und Gewicht hat. Die deutschen Übersetzer haben dabei ganze Arbeit geleistet und dieses leise Wunderwerk gekonnt in die deutsche Sprache hinüber getragen. Alle Achtung!

Fazit:

Ein Buch über das Leben. Über das Versuchen, Zweifeln, Gewinnen, Scheitern. Fünf Menschen suchen, finden und verlieren sich. Der Auslöser ist der Fehler eines von ihnen. Große innere und nicht ganz so sichtbare äußere Dramen ranken sich um Henry’s Moment des Scheiterns. Wie man damit umgeht, Entscheidungen zu treffen, sich selbst zu verzeihen und im richtigen Augenblick vielleicht doch noch das Richtige zu tun – das und vieles mehr erlebt der Leser in diesem zart melancholischen und höchst menschlichen Roman. Chad Harbach bedient sich dabei einer Sprache, die es schafft, gleichzeitig ästhetisch und einfach zu sein. Aus dem Hemdsärmel formuliert er erdige Erkenntnisse. Unverblümt und fragil zugleich ist seine Darstellung von Liebe und Jugend. Voller Sehnsucht sein Umgang mit dem Alter.

Ein Buch, an dem einfach alles stimmt, von vorne bis hinten. Pfeift darauf, dass ihr von Baseball keine Ahnung habt! Diese Sportart zu verstehen, ist zwar sehr hilfreich. Aber aus Unkenntnis über Baseball diesen wunderbaren Roman abzulehnen, wäre ein großer Fehler. Was für ein seltenes Juwel! Lesen, lesen, lesen!

Bewertung: 11/10 (und schafft es damit auf meine ‚Lieblinge‘-Liste!)

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7 Gedanken zu “Rezension: ‚Die Kunst des Feldspiels‘ von Chad Harbach

  1. Antje 23. Februar 2013 / 16:29

    Vielen Dank für deine Rezension! Ich schleiche schon länger um das Buch herum, und habe es bis jetzt noch nicht gekauft, weil es eben um Baseball geht und ich davon absolut keine Ahnung habe. Ich habe auch schon häufiger gehört, dass man diese auch gar nicht wirklich braucht. Dass du es sogar auf deine Lieblingsliste setzt, überzeugt mich, mir das Buch endlich doch zuzulegen. Es scheint sich auf jeden Fall zu lohnen! 🙂
    Liebe Grüße,
    Antje

    • papercuts1 23. Februar 2013 / 16:39

      Ich habe mit einer amerikanischen Freundin viel diskutiert, ob man für dieses Buch etwas von Baseball verstehen muss. Sie war der Meinung, es sei unerlässlich und war erstaunt, dass auch hierzulande der Roman so erfolgreich ist.
      Für mich zählt, dass es letztendlich um die übergeordneten Themen geht. Für die muss man Baseball nicht verstehen. Dafür muss man einfach nur ein bisschen gelebt haben.

      Die Lektüre wird sich lohnen, ganz bestimmt!

      Danke für deinen Besuch!

  2. buzzaldrinsblog 23. Februar 2013 / 18:27

    Vielen Dank für diese großartige Besprechung, dank der ich noch einmal eintauchen konnte, in die Geschichte des Buches. Ich habe den Roman letztes Jahr gelesen und war unheimlich begeistert, für mich eindeutig eines der Highlights des vergangenen Jahres. Überzeugt hat mich einfach auch die Vielfalt, die unterschiedlichen Personen, die mitreißend erzählte Handlung … ich hätte vorher nie glauben können, dass es mir schwer fallen würde, einen 600 Seiten dicken Roman über Baseball aus der Hand zu legen. 😉

    • papercuts1 23. Februar 2013 / 19:01

      Das Kompliment kann ich nur zurückgeben! Ich hatte letztes Jahr etliche englische Kritiken von ‚Die Kunst des Feldspiels‘ gelesen, blieb aber skeptisch, ob sich das auch auf das deutsche Publikum übertragen lässt.
      Dann hast du deine Rezension geschrieben, durchsetzt mit wundervollen Zitaten. Da habe ich schon gedacht, dass ich dem Buch doch eine Chance geben sollte. Recht hast du gehabt!
      Schön, dass wir uns in der Beurteilung so einig sind! 🙂

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