Rezension: ‚Me before you‘ (‚Ein ganzes halbes Jahr‘) von Jojo Moyes

Me before youTitel: ‚Me before you‘HBCBadge_durchsichtig_ganzklein

(dt. Titel: ‚Ein ganzes halbes Jahr‘)

Autorin: Jojo Moyes

Sprache: Englisch

Sprecher: Jo Hall, Anna Bentinck, Steve Crossley, Alex Tregear, Owen Lindsay, Andrew Wincott

Anbieter: Whole Story Audiobooks

erschienen: 2012

Format: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo

Länge: 16 Std 37 min (ungekürzt)

Eine kostenlose Hörprobe findet ihr HIER, auf der Produktseite von audible.

Inhaltsangabe (amazon):

Lou & Will.

Louisa Clark weiß, dass nicht viele in ihrer Heimatstadt ihren etwas schrägen Modegeschmack teilen. Sie weiß, dass sie gerne in dem kleinen Café arbeitet und dass sie ihren Freund Patrick eigentlich nicht liebt. Sie weiß nicht, dass sie schon bald ihren Job verlieren wird – und wie tief das Loch ist, in das sie dann fällt. Will Traynor weiß, dass es nie wieder so sein wird wie vor dem Unfall. Und er weiß, dass er dieses neue Leben nicht führen will. Er weiß nicht, dass er schon bald Lou begegnen wird. Eine Frau und ein Mann. Eine Liebesgeschichte, anders als alle anderen. Die Liebesgeschichte von Lou und Will.

Zum Hörbuch:

Entschuldigung, aber erst mal muss ich mich fürchterlich über das Buchcover aufregen (und das gilt im selben Maße für das deutsche Buchcover, sowohl Print als Audio). Motiv, Farbgebung, Schrifttyp – alles schreit hier ‚chick lit‘ und ‚Kitschroman‘, und das ist leider Gottes völlig am Thema vorbei gegriffen. Ganz ehrlich: Die Verantwortlichen haben hier geschlafen und sorgen möglicherweise dafür, dass ME BEFORE YOU bei den falschen Lesern landet. Auch der Klappentext ist da wenig hilfreich und eher irreführend. Meine Güte, Leute!

Soviel dazu. *atmet tief durch*

Als ich das Hörbuch anfange, kommt mir die Geschichte ziemlich schnell erstmal ziemlich bekannt vor. Ein reicher Querschnittsgelähmter ohne Lebenslust. Eine junge Frau aus der Arbeiterklasse, die ohne den Schimmer einer Ahnung in den Job als Pflegerin hinein gerät. Hört sich das nicht an wie eine leicht veränderter Abklatsch von ZIEMLICH BESTE FREUNDE? Tatsächlich sind die Parallelen zu Beginn unerhört, und ich verziehe ein bisschen das Gesicht. Kommt da jetzt etwa eine ganz ähnliche Geschichte, nur dass sie in einer Romanze endet?

Hinzu kommt, dass der Beginn zwar ganz nett geschrieben ist (und als Hörbuch auch ganz unterhaltsam), aber trotzdem erstmal recht seicht. Stilistisch und sprachlich tut sich Jojo Moyes nicht hervor, und die Figuren wirken klischeehaft, von der naiv-sympathischen Lou über ihren sportverrückten Freund bis hin zum intellektuell vor sich hin brütenden Will und seiner verkrampft snobistischen Mutter.

Auch was den Handlungsverlauf angeht, möchte ich ein paar Mal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Einiges ist furchtbar vorhersehbar (Lou hat mal als Friseuse gejobbt, und Will trägt ungepflegte Zottelmähne – naaah?). Anderes ist für normal denkende Menschen schlicht haarsträubend (wenn ein vom Hals ab Gelähmter fiebernd und kaum noch ansprechbar im Bett liegt, dann ruft man Herrgott nochmal einen ARZT!). Alles scheint auf ein zwar unterhaltsames, aber recht bedeutungslos kitschiges Ende hinauszulaufen.

Und dann tut Jojo Moyes etwas Tolles: Sie nimmt meine Erwartungen und stopft sie mir in den Hals, dass ich fast daran ersticke. Nix mit Chick Lit. Nix mit Romantik. Nix mit ‚hach‘ und ’seufz‘ und ‚Ende gut, alles gut‘. Lou erfährt, warum ihr Arbeitsvertrag auf ein halbes Jahr begrenzt ist (Achtung: wer das Buch lieber völlig ahnungslos lesen möchte, der sollte jetzt ganz schnell weggehen. Ich verrate den Schluß natürlich nicht, aber jetzt kommt ein kleiner SPOILER!):

Will ist nicht einfach nur depressiv und lebensmüde. Er muss nicht einfach nur aufgemuntert werden. Es ist viel schlimmer: Er hat schon einen festen Termin bei ‚Dignitas‘ in der Schweiz für einen assistierten Selbstmord. Und zwar, wegen eines Deals mit seinen Eltern, in genau sechs Monaten.

Wie es weitergeht, sei nicht verraten. Nur, dass es ganz anders weitergeht, als die Geschichte zu Beginn vermuten lässt. Ich jedenfalls kann das Hörbuch nach dieser Erkenntnis kaum noch weglegen. Schwanke zwischen Bangen, Hoffen, Verzweifeln, Verständnis, Empörung und all meinen eigenen ethischen Überzeugungen. Was seicht angefangen hat, wird immer mehr zu einem sehr pragmatisch aufgeworfenem Diskurs über große Fragen: Wann ist ein Leben lebenswert? Wer bestimmt das? Was ist mit Selbstbestimmung? Ist Selbstmord nicht furchtbar egoistisch? Und die Liebe? Ist die nicht stärker als alles andere?

Es ist ein steiniger Weg, den ich mit Lou und Will bis zum Ende des Hörbuchs gehe. Und – bei aller Düsternis – bleibt es ein unterhaltsamer Weg. Ich lerne nebenher ohne große medizinische Exkurse, aus Sicht der unbedarften Lou, einiges über Paraplegiker. Rege mich über Lou’s oberflächlichen Freund auf. Genieße leise prickelnde Szenen zwischen Will und Lou. Werde Zeugin, wie die gerade zu Beginn furchtbar jung und naiv wirkende Lou immer erwachsener wird. Zwischendurch kriege ich auch eine feministische Krise, weil die Geschichte einen ‚My Fair Lady‘-Anstrich bekommt und ich es nicht leiden kann, wenn ein weltgewandter reicher Sack meint, einem einfachen Mädchen vorschreiben zu müssen, dass es die Welt erobern muss.

Pardon.

Es ist eben eine ziemliche Achterbahn.

Ob Will am Ende lebt oder stirbt, verrate ich nicht.

Am Schluss bin ich jedenfalls voller Emotionen, sehe nach wie vor Schwächen in ME BEFORE YOU, bin aber hoch zufrieden mit der Entwicklung der Geschichte. Von wegen ‚Schema F‘ und aufgebackene Bestseller-Rezepte. Jojo Moyes macht es sich nicht einfach und kneift auch nicht, als es um definitive Entscheidungen geht. Ein offenes Ende wäre feige gewesen. Jojo Moyes ist es nicht.

Fazit:

Was zunächst schwer nach einer aufgegossenen Mischung aus ZIEMLICH BESTE FREUNDE und MY FAIR LADY aussieht, mausert sich zu einem Roman rund um das Thema Euthanasie. Was macht das Leben lebenswert? Wer bestimmt das? Und wenn es nichts mehr wert zu sein scheint – ist Selbstmord dann gerechtfertigt?

Jojo Moyes wirft das Stärkste ins Feld, was man gegen die Lebensmüdigkeit einsetzen kann: die Liebe. Ein Paraplegiker, der keinen Sinn mehr im Weiterleben erkennen kann, bekommt es mit einer lebensfrohen, liebevollen jungen Frau zu tun. Dazu noch mit einer Frau, der er neue Welten zeigen kann. Das ändert alles. Oder nicht?

ME BEFORE YOU ist keine hohe Literatur. Aber es ist auch alles andere als ein seichter Liebesroman. Das sollte man wissen, bevor man sich in Lou’s und Will’s Geschichte hinein begibt. Zunächst nur knöcheltief in einem unterhaltsam dahin plätschernden Roman, steckt man später urplötzlich im tiefsten emotionalen und ethischen Sumpf, das Wasser bis zum Hals.

Mir hat das gefallen.

Zu den Sprechern:

ME BEFORE YOU wird von mehreren Sprechern gelesen. Allerdings werden 90% der Geschichte von Lou bestritten, und ihre Perspektive von derselben Sprecherin: Jo Hall. Da passt die Zuordnung von Stimme und Erzählweise: Hall klingt jung, unbedarft (manchmal arg unbedarft) und sympathisch. Sie hat Energie in der Stimme und kriegt später auch die Kurve zur Ernsthaftigkeit. Da hört man Lou’s wachsende Angst und Verzweiflung genauso wie ihren unerschütterlichen Optimismus.

Wechselt die Geschichte (jeweils einmal innerhalb des Romans) zu Will’s Mutter, dem Pfleger Nathan oder Lou’s Schwester Trina, wechselt auch der Erzähler. Hier lässt sich nichts Negatives sagen. Sie machen alle einen guten Job, und vor allem Will’s Mutter wird auf’s i-Tüpfelchen von Anna Bentinck vertont. Tatsächlich empfand ich die Reife und subtile Zerbrechlichkeit in ihrer Stimme als sehr angenehm im Gegensatz zur doch manchmal etwas flippigen Lou.

Insgesamt keine großartige, aber eine gute Leistung. Kann man unbesorgt empfehlen.

Bewertung:

Hörbuch: 7/10

Sprecher: 7/10

Info:

ME BEFORE YOU erscheint unter dem Titel EIN GANZES HALBES JAHR am 21. März 2013 auf Deutsch bei Rowohlt.

Das deutsche Hörbuch erscheint ebenfalls am 21. März 2013 bei Argon.

ME BEFORE YOU ist übrigens mein März-Beitrag zur Hörbuch-Challenge 2013!

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3 Gedanken zu “Rezension: ‚Me before you‘ (‚Ein ganzes halbes Jahr‘) von Jojo Moyes

  1. buzzaldrinsblog 20. März 2013 / 12:21

    Oha, schon wieder ein so verlockende Rezension zu diesem Buch und eigentlich dachte ich noch, das wäre wohl eher nichts für mich. Buch wird gekauft! 🙂

    • papercuts1 20. März 2013 / 12:29

      Also, wenn ich das mit den Büchern vergleiche, die du sonst liest, ist es eigentlich auch eher nichts für dich. Literarisch ist ME BEFORE YOU wenig anspruchsvoll und hat, wie gesagt, auch sonst ein paar Schwächen. Wenn dich das Thema aber interessiert, und wenn du dich auch von der Wendung, die die Geschichte nimmt, und von den Figuren fesseln lassen kannst, dann versuch es mal!

      Jojo Moyes hat jedenfalls eine erstaunlich ‚alltagstaugliche‘ Weise gefunden, ernste Fragen in eine berührende Geschichte zu packen. Nach hinten raus packt einen der Roman unerwartet an den Nieren.

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