Rezension: ‚Das Mädchen, das den Himmel berührte‘ von Luca Di Fulvio

Das Mädchen das den Himmel berührteTitel: ‚Das Mädchen, das den Himmel berührte‘

Autor: Luca Di Fulvio

Sprache: Deutsch

Format: Hörbuch-Download

Sprecher: Sascha Rotermund

Anbieter: Lübbe Audio

veröffentlicht: 2013

Länge: 29 Std 5 min (ungekürzt)

Dieses Hörbuch ist erhältlich bei audible.de für €39,95. Im Flexi-Abo bezahlen Abonnenten nur € 9,95. Nähere Infos dazu gibt’s hier.

Eine kostenlose Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von audible.

Inhaltsangabe (audible):

Wie wird ein junger Tagedieb, der seine Kindheit in einer Höhle verbracht hat, zu einem glühenden Verfechter der Freiheit? Wie wird ein jüdischer Betrüger zu einem berühmten Arzt? Und wie wird ein junges Mädchen ohne Perspektive zu einer einflussreichen Modeschöpferin? Die Antwort liegt in Venedig. Denn dort, im Labyrinth der Gassen und Kanäle der geheimnisvollsten Lagune Europas, zwischen der Pracht San Marcos und dem Elend der Spelunken von Rialto findet sich das gesamte Panorama des Lebens…

Zum Hörbuch:

Ganz ehrlich – ich habe es versucht. Ich habe es versucht, dieses Hörbuch richtig zu mögen. Mich hinein zu finden, darin zu verlieren und mit den Figuren mitzufiebern. Aber was soll ich sagen? Manchmal ‚klickt‘ es einfach nicht zwischen mir und einer Geschichte. Und nicht einmal ein Vollblut-Sprecher wie Sascha Rotermund kann daran etwas ändern.

Dabei hat DAS MÄDCHEN DAS DEN HIMMEL BERÜHRTE zunächst alle Trümpfe auf seiner Seite: Di Fulvio nimmt mich mit ins Veneding des frühen 16. Jahrhunderts und breitet einen Fächer aus Erzählsträngen und Charakteren aus, der mich begeistern sollte. Tatsächlich kann ich mir diesen Roman bestens als Vorlage für einen opulenten Fernseh-Mehrteiler vorstellen. Cineastisch ist die Story allemal, sowie reich an Ausstattung und historischem Flair.

Auch schön, dass es diesmal nicht primär um die Reichen und Mächtigen geht. Nicht in den Adels- und Herrscherhäusen spielt sich das Geschehen ab, sondern in den Straßen, armseligeren Häusern und Bordellen von Venedig. Man steckt mittendrin, zwischen den Gaunern, Huren und Taschendieben. Di Fulvio lässt dem Hörer den Geruch der dreckigen Gassen in die Nase steigen und man hört die Galeeren mit platschendem Ruderschlag über das Wasser der Kanäle Venedigs gleiten. An Beschreibungen und historischer Atmosphäre mangelt es nicht.

Trotzdem will sich der Zauber nicht einstellen. Möglicherweise stolpere ich über meine eigenen Erwartungen. Wenn ich Opulenz erwarte, muss in einem Buch für mich sprachliche Sinnlichkeit damit einhergehen und ein gewisses Maß an Poesie. Ich rechne mit Metaphern, mit melodiösem Stil, mit einer Wortwahl, die ruhig bombastisch sein darf, aber Schönheit ausstrahlen muss. Das kommt davon, wenn man einen literarischen Roman erwartet, der sich dann als historischer Mainstream herausstellt. Wobei das nicht abwertend gemeint ist – ich bin auch absoluter Mainstream-Leser! Aber bei DAS MÄDCHEN DAS DEN HIMMEL BERÜHRTE will ich mehr. Und bekomme es eben nicht.

Ein weiteres Problem: Die Charaktere lassen mich relativ kalt. Ich werde meine Distanz zu Mercurio und Co. einfach nicht los. Es gibt Szenen – vor allem zu Beginn und zum Schluss – wo das fast gelingt. Wo ich fast mein Herz verliere, vor allem eben an Mercurio. Aber auch da will der Funke nicht wirklich überspringen. Obwohl Di Fulvio seinen Figuren Hintergrund gibt und genug Dramatik aufbietet, hänge ich mein Herz nicht an sie. Vielleicht liegt es daran, dass auch den inneren Monologen der Figuren die Tiefe fehlt, die ich im gesamten Text vermisse. Di Fulvio kriegt sie zweidimensional hin, aber mehr nicht. Das fehlt etwas, das mich überzeugt.

Und die Handlung? Ist an sich wirklich unterhaltsam. Schauplätze und Perspektiven wechseln in gutem Rhythmus. Es wird geliebt, geweint, gestorben und gekämpft. Gut gefällt mir, was ich über die Situation der Juden im damaligen Venedig erfahre. Dass auch hier schon Stigmatisierung und Antisemitismus an der Regel waren, wusste ich nicht. Da lerne ich etwas dazu. Das gilt auch für den medizinischen Exkurs, auf den uns der Arzt Isacco mitnimmt. Sein verzweifelter Kampf gegen die ‚französische Krankheit‘ ist der Handlungsstrang, der mich am meisten interessiert. Zunächst freue ich mich auch über den düsteren Shimon und seinen Rachefeldzug. Er hat etwas wirklich Gruseliges an sich und bringt Pfeffer in die Sache. Doch auch Shimon ist nicht komplex genug für meine Bedürfnisse, und sein Wahnsinn wirkt überzeichnet.

Mercurio und Giuditta dienen als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Bei ihnen öffnet und schließt sich der Kreis. Genau dieselbe Kritik wie bei den anderen müssen sich diese zwei Gefallen lassen. Obwohl Mercurio es zum Ende hin gelingt, dass ich kurz um ihn bange, springt der Funke aber nur zwischen den zweien über, und nicht bis zu mir. Das letzte bisschen Tiefe fehlt, und irgendeine wichtige Zutat in der Chemie zwischen Figuren und Hörer.

So bleibt am Ende das Urteil ‚ganz nett‘, was bei einem Hörbuch von fast 30 Std. Länge allerdings für Durststrecken und Abdriften sorgt. Ich muss mich schon am Riemen reißen, um DAS MÄDCHEN DAS DEN HIMMEL BERÜHRTE nicht doch für etwas Fesselnderes an die Seite zu legen. Zumal sich der Hexenprozess im letzten Viertel wirklich zieht und ich froh bin, als die Figuren es aus dem Gerichtssaal heraus schaffen. Da kommt noch mal etwas Spannung auf, und die Sache löst sich zu einem unterhaltsamen, wenn auch vorhersehbaren Schluss auf. Ein Nachhall bleibt nicht.

Zum Sprecher:

Sascha Rotermund wirft sich mit wehenden Fahnen in diese Hörbuchproduktion. Er hat genau die Wandlungsfähigkeit und die Energie, die ein solches historisches Abenteuer nebst Liebesgeschichte braucht. Dazu ganz einfach eine angenehme Stimme, der man sehr lange zuhören kann, ohne dass man sie leid wird.

Besonders hervorheben möchte ich, dass Rotermund etwas beherrscht, woran viele Sprecher scheitern: Er kann überzeugend schreien. Ja, genau. Schreien. Wie oft habe ich schon gehört, wie Geschrei in Hörbüchern zu heiserem, gepresstem Hauchen verkommt. Auch bei den besten Sprechern. Ich frage mich, ob es dabei um die Lautstärke geht. Vermutlich will man nicht, dass den Hörern ohne Vorwarnung das Trommelfell platzt. Da sollten sichdie Kollegen an Rotermund ein Beispiel nehmen: Der kann das; authentisch rumbrüllen und schreien, ohne dass man als Hörer panisch die Kopfhörer rausrupft, und dabei voll überzeugen!

Ganz ehrlich: Rotermund ist für mich das Beste an diesem Hörbuch.

Fazit:

Ein netter historisch angehauchter Roman, den man ebenso problemlos runterlesen wie auch wieder vergessen kann. DAS MÄDCHEN DAS DEN HIMMEL BERÜHRTE bemüht sich um Atmosphäre, Historie und eine schöne Geschichte. Die bekommt der Hörer (oder Leser) auch, allerdings ohne literarisch, psychologisch oder sonstwie herausgefordert zu werden. Sprachlich ist das Ganze nicht schlecht, aber auch keine große Kunst.

Di Fulvio’s Venedig-Roman wäre eine gute Vorlage für einen unterhaltsamen Fernseh-Mehrteiler und ein gefundenes Fressen für Kulissenbauer, Kostümbildner und Szenenausstatter. Die Geschichte ist bestimmt auch prima geeignet als unbelastende Urlaubslektüre. Und Sascha Rotermund könnte sie tatsächlich nicht besser lesen.

Mehr ist DAS MÄDCHEN DAS DEN HIMMEL BERÜHRTE dann aber auch nicht. Bis auf ein paar historische Fetzen verschwindet die Geschichte schnell aus dem Gedächtnis, ohne emotionale Spuren zu hinterlassen. Und ist mir persönlich damit zu wenig.

Bewertung:

Hörbuch: 5/10

Sprecher: 9/10

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2 Gedanken zu “Rezension: ‚Das Mädchen, das den Himmel berührte‘ von Luca Di Fulvio

  1. Sunsy (@sunsy37w) 10. April 2013 / 19:19

    Und ich wollte es lesen… sollte ich wohl besser lassen und mir stattdessen die Hörbuchversion reinziehen, oder? 😉

    Ganz lieben Dank für deine Rezension (auch wenn ich sie erst im Nachhinein WIRKLICH lese 😉 )

    • papercuts1 11. April 2013 / 14:16

      Nein, nein – lies oder hör das bitte trotzdem! Ich könnte mir vorstellen, dass es dir viel besser gefällt als mir. Auch von anderen Lesern habe ich schon viel Positives über das Buch und Hörbuch gehört. Es passt nur einfach nicht zu mir. Ist ja manchmal so.

      Ich würde dir allerdings zum Hörbuch raten. Sascha Rotermund liest das wirklich klasse, und es gibt diesmal ja auch eine ungekürzte Version zur Auswahl!

      Würde mich wirklich interessieren, wie dir das Hörbuch gefällt.

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