Rezension: ‚The Demonologist‘ von Andrew Pyper

the demonologistTitel: ‚The Demonologist‘

Autor: Andrew Pyper

Sprache: Englisch

Format: Hörbuch-Download von audible.de für €9,95 im Flexi-Abo (Normalpreis €27,95)

Sprecher: John Bedford Lloyd

Anbieter: Simon & Schuster Audio

veröffentlicht: 2013

Länge: 9 Std 15 min (ungekürzt)

Eine kostenlose Hörprobe findet ihr HIER, auf der Produktseite von audible.

Inhaltsangabe (audible):

Professor David Ullman ist Experte in Sachen dämonologische Literatur – speziell John Milton’s Paradise Lost. Was allerdings nicht bedeutet, dass er tatsächlich an Dämonen glaubt.

Das wird sich ändern.

Eine mysteriöse Frau taucht bei ihm auf, mit der Bitte, er solle nach Venedig reisen, um dort ein ‚Phänomen‘ zu beurteilen. Auch wenn Ullman sich nicht ganz wohl dabei fühlt, kommt ihm der Ausflug nach Italien ganz recht: Er steckt mitten in der Trennung von seiner Frau und muss die schwere Erkrankung einer guten Freundin verdauen.

Zusammen mit seiner kleinen Tochter Tess trifft er in Venedig ein – und erlebt dort etwas, das seinen Unglauben an dämonische Kräfte grausam ins Gegenteil verkehrt. Die Reise wird zu einem Höllentrip, und mit Hilfe seiner Kenntnisse über Milton’s Paradise Lost versucht David, sich und seine Tochter zu retten.

Zum Hörbuch:

Der literarische Horror-Thriller des Kanadiers Andrew Pyper geistert seit seinem Erscheinen im März auf der kanadischen Bestseller-Liste herum, und auch die New York Times widmete ihm eine begeisterte Rezension. Dazu das Versprechen einer literarischen Schnitzeljagd durch Venedig gepaart mit Horror-Elementen. Dan Brown meets Stephen King – so habe ich mir das jedenfalls vorgestellt.

Zu Beginn bin ich auch sehr, sehr angetan von THE DEMONOLOGIST. Unterschwelliger Schauder begleitet mich von der amerikanischen Ostküste bis nach Venedig. Nicht nur die knochige Fremde mit ihrem seltsamen Auftrag sorgt für Gänsehaut, sondern vor allem David Ullman, die Hauptfigur selbst. Wir erfahren schnell, dass er seine eigene Finsternis mit sich schleppt: Ein Trauma aus der Vergangenheit, das erst im Laufe des Buches ganz erklärt wird. Und den Hang zur Melancholie – womit in diesem Fall keineswegs romantisch verklärte Traurigkeit gemeint ist, sondern die geradezu physische Verfolgung durch etwas Dunkles.

Auch David’s Situation ist recht trostlos. Seine Frau hat ihn verlassen, die 11jährige Tochter Tess wirkt belastet und zurückgezogen. David’s beste Freundin hat für ihn Neuigkeiten, die ihm noch mehr den Boden unter den Füßen wegzureißen drohen.

Das Böse, so spüren wir bereits hier, ist mehr als ein Abstraktum in dieser Geschichte. Und die Hölle ist sehr real: Tod, Einsamkeit, Verlust, Angst, Schuld … Sie machen ihre Aufwartung. Werden von bösen Ahnungen zu nackter Realität.

In Venedig schlägt die Geschichte um. Nichts ist mehr subtil, als David in einem versteckten Zimmer besagtem ‚Phänomen‘ entgegentritt. Und gar nichts ist mehr abstrakt, als der arme Professor kurz danach nicht verhindern kann, dass seine Tochter…. STOPP! Das verrate ich nicht. Diese grausige Passage und das kalte Entsetzen, das sie bringt, möchte ich nicht vorwegnehmen. Ein Alptraum. Gut geschrieben, ohne Zweifel. Genau DAS verstehe ich unter Horror pur. Nicht die Art, wo Blut spritzt und Eingeweide durch die Gegend fliegen. Sondern die, wo das Unerträgliche geschieht und die schlimmsten Urängste eines Vaters wahr werden.

Uff. Starker Tobak.

Allerdings auch die ersten Momente, wo ich die Stirn runzele. In Interviews und Artikeln betont Pyper gerne, dass es ein Aspekt des Buches ist, wie David Ullman allmählich vom Ungläubigen zum Gläubigen in Sachen ‚Dämonen‘ wird. Tatsächlich geschieht es aber ruck-zuck und ohne Zweifel. Sehr schnell wird David und auch dem Hörer klar, dass es um Paranormales geht, und dass es keine logische Erklärung für die Ereignisse gibt. Ich persönlich hätte mir mehr Raum für Skepsis gewünscht. Einen Übergang, in dem sowohl der Professor als auch der Hörer sich an Erklärbares klammern, vielleicht am Geisteszustand David’s zweifeln. Die Konvertierung geht mir zu schnell.

Darauf folgt eine Art verfluchter Road Trip. David jagt den Dämon und wird selbst gejagt. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie wirkt diese Reise auf mich merkwürdig losgelöst und verwaschen. Meine Erwartungshaltung hatte mit Dan Brown zu tun. Mit dem Entziffern von Symbolen an realen Orten, mit handfester Recherche und nachvollziehbaren Logikketten. Stattdessen bekomme ich teils recht weit hergeholte Interpretationen von Paradise Lost, lose geographische Zusammenhänge und einen ganzen Haufen Zufälle.

Ja, sicher. Milton’s berühmtes Gedicht dient als literarischer Anker, und das hat seine Momente. Anglisten werden ihren Spaß haben, und so manch einer (wie ich) wird den ein oder anderen Blick in das Gedicht werfen oder aber googlen, was es damit eigentlich auf sich hat. Aber das ist mir zu wenig. Zu arbiträr. Zu spekulativ. Bei dieser literarischen Schnitzeljagd muss man viel Toleranz mitbringen und sollte wenig Nachvollziehbarkeit erwarten. Hm.

Auch das Ende ist mir zu mysthisch verschwurbelt. Zwar durchaus spannend und nicht unbedingt vorhersehbar, kocht Pyper beim Showdown doch mit etwas zu viel höllischem Dampf. Es wirkt zu dick aufgetragen, und ich vermisse den klaren Durchblick. Etwas verärgert frage ich mich nach der letzten Zeile, was das jetzt gerade bitteschön sollte.

Lohnt sich THE DEMONOLOGIST trotzdem?

Ja. Der Roman lohnt sich am meisten da, wo es um den Horror in uns Menschen selbst geht. Ganz stark schreibt Pyper über die geradezu Fleisch werdende Furcht vor dem Tod, über die Last von Schuld und die Angst davor, geliebte Menschen zu verlieren. Die Hölle ist das Alleinsein. Das Unvermögen, Verlust verhindern zu können. Eine permanente Rettungslosigkeit liegt der Geschichte zu Grunde. Das verursacht die größte Gänsehaut.

Und das muss man Pyper auch lassen – Horror schreiben kann er. Die ein oder andere Szene lässt einem wirklich überall die Haare zu Berge stehen. Viel passiert da zwischen den Zeilen. Am besten funktioniert das, wo dem Leser/Hörer Raum bleibt für die eigenen Schlussfolgerungen und die eigene Phantasie. Im Dunkeln habe ich THE DEMONOLOGIST jedenfalls vorsichtshalber nicht gehört.

Zum Sprecher:

Viel gibt es nicht zu sagen zu John Bedford Lloyd. Was bei mir in der Regel bedeutet, dass er ein guter Sprecher ist und eine angemessene Arbeit abgeliefert hat. Differenzierung, Sprechtempo, passende Düsternis – alles ist vorhanden. Bei den Horrorpassagen kriecht einem die Kälte die Arme hoch, und seine Stimme hat eine tiefe Farbe, die zum Stoff passt.

Als außergewöhnlich würde ich seine Stimme oder Leistung nicht bezeichnen, aber das ist ja auch nicht nötig. Gut gemacht. Punkt.

Fazit:

Wo ‚literarischer Horror-Thriller‘ draufsteht, ist ein mystischer Horror-Road-Trip mit literarischem Aufhänger drin. An Dan Brown’s nachvollziehbare Schnitzeljagden kommt Andrew Pyper nicht heran. Da kann er noch so sehr die Rolle von John Milton’s Paradise Lost für diese Geschichte betonen. Logik kann man ziemlich schnell vergessen, will man THE DEMONOLOGIST verstehen. Vieles bleibt großzügiger Interpretation und dem Zufall überlassen.

Will man aber etwas über Andrew Pyper’s Version der Hölle lernen, über menschliche Angst und deren physische Erscheinung, dann ist man hier gut aufgehoben. Das Böse als körperliche Präsenz, als reale Besessenheit beschreibt Pyper mit hohem Gänsehautfaktor. Es geht düster zu, durch und durch.

Schade nur, dass es am Ende mit Pyper zu sehr durchgeht. Ein geerdeterer Schluss hätte der Geschichte gut getan.

Bewertung:

Hörbuch: 6/10

Sprecher: 7/10

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