Rezension: ‚The Interestings‘ von Meg Wolitzer

The InterestingsTitel: ‚The Interestings‘

(bisher nicht auf Deutsch veröffentlicht)

Autorin: Meg Wolitzer

Sprache: Amerikanisch

Sprecherin: Jen Tullock

Format: Hörbuch-Download von audible.de für € 9,95 im Flexi-Abo (Normalpreis € 31,95)

Anbieter: Penguin Audio

veröffentlicht: 2013

Länge: 15 Std 41 min (ungekürzt)

Zum Hörbuch bei audible geht es HIER.  Eine kostenlose Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von audibe.

“And didn’t it always go like that–body parts not lining up the way you wanted them to, all of it a little bit off, as if the world itself were an animated sequence of longing and envy and self-hatred and grandiosity and failure and success, a strange and endless cartoon loop that you couldn’t stop watching, because, despite all you knew by now, it was still so interesting.”
― Meg Wolitzer, The Interestings

Inhaltsangabe:

In einem Sommercampfür künstlerisch begabte Jugendliche treffen sich in den 70ern in den USA sechs Teenager: Jules, Ash, Goodman, Ethan, Kathy und Jonah. Zusammen bilden sie die eingeschworene Gemeinschaft ‚The Interestings‘. Auch nach den Ferien bleiben sie Freunde. Über vier Jahrzehnte hinweg zeigt sich, wohin der Weg sie führt. Welche Rolle spielen Talent, Geld, Glück auf ihrem Weg? Wie beeinflussen richtige und falsche Entscheidungen ihre Entwicklung? Auch Neid kommt auf. Bleiben sie trotz allem Freunde?

Zum Hörbuch:

Es gibt kaum eine bessere Hörbuch-Empfehlung als die gerade noch kohärente Begeisterungs-Email einer Freundin, die sich vor Überwältigung kaum noch artikulieren kann. Dazu nehme man noch überschwingliche Kritiken etlicher amerikanischer Bücher-Foren, und die Sache ist entschieden. THE INTERESTINGS landen auf meinem iPod.

Der inzwischen 9. Roman der Amerikanerin Meg Wolitzer wird mit den Werken Jonathan Franzen’s und Jeffrey Eugenides‘ verglichen. Es drängt sich die Frage auf, ob man Amerikaner sein muss, um dem zuzustimmen. Ich nehm’s vorweg – muss man nicht. (Und aus diesem Grunde hoffe ich inständig, dass sich ein deutscher Verlag entscheidet, THE INTERESTINGS auch hierzulande zu veröffentlichen! Bitte!)

THE INTERESTINGS beginnt zwar in einem für priveligierte amerikanische Kids typischen Setting – einem Sommercamp – und die sechs Protagonisten stammen aus New York. Im Hintergrund des Romans spielt sich als Randnote amerikanische Geschichte ab. Aber die großen Themen des Romans sind universell gültig. Es geht um Beziehungen, und wie sie sich unter dem Einfluss verschiedener Faktoren entwickeln. Es geht primär um Talent, Geld, Neid, Glück und die richtigen (oder falschen) Entscheidungen.

Sechs unterschiedliche 15- bis 16-jährige treffen in einem Ferienlager in den 70er Jahren zusammen. Lasst sie mich kurz vorstellen:

Da ist der Guitarre spielende Jonah, Sohn einer berühmten Folk-Sängerin. Da sind die schauspielernden, attraktiven Geschwister Ash und Goodman aus offensichtlich reichem Hause. Kathy, emotional und sexy, tanzt klassisches Ballet. Ethan sieht zwar alles andere als gut aus, besitzt aber ein Talent zum Cartoons zeichnen. Und schließlich Julie, fortan genannt Jules. Sie ist die Haupterzählerin der Geschichte und fällt etwas aus dem Rahmen. Als Einzige stammt sie aus bescheidenen Verhältnissen und stößt unsicher zu den anderen fünf hinzu. Auch sie will Schauspielerin werden – am besten Comedy.

Wer kennt sie nicht, die intensiven, tiefen Bande, die sich in einer Teenager-Clique schmieden? Prägend und scheinbar unzertrennlich sind diese Grüppchen. Und tatsächlich bleiben die sechs, die sich in einem Anfall von Selbstironie ‚The Interestings‘ taufen, auch nach der Teenie-Zeit befreundet. Wer hier genau welchen Weg geht, möchte ich nicht verraten. Aber es kommt, wie es im Leben kommen muss: Während sich das Talent des Einen entfaltet und zu einer Karriere führt, scheitert der andere oder kommt gar nicht erst in die Gänge.

Das Potential, das so groß in allen steckt, ist nur die halbe Miete. Als entscheidender Faktor stellt sich neben schierem Glück und Willen das Geld heraus. Beziehungen und Einfluss können weit bringen. Oder aber, im anderen Fall, gar nichts nützen, weil ein böser Fehler bestimmend für den Rest des Lebens sein kann. Und wo Erfolg ist, ist der Neid nicht weit: Ein Ungleichgewicht zwischen den Freunden stellt sich ein. Materielle Dinge sollten keine Rolle spielen, tun es aber doch. Man fragt sich, was fair ist und was nicht. Beobachtet als Leser bzw. Hörer, in wie weit der Charakter eine Rolle spielt, und wo dann doch der Kontostand mindestens ebenso wichtig ist. Wo ein Wendepunkt von der Figur selbst eingeleitet wird, und wo er von außen kommt, aus Zufall, aus Unbedachtheit, aus Liebe.

Ja, die Liebe. Die spielt natürlich auch eine Rolle. Wer mit wem zusammenkommt und -bleibt. Wer Kinder bekommt, und wie diese Kinder sich wiederum entwickeln. Was Ehe vor dem jeweiligen beruflichen und finanziellen Hintergrund bedeutet. Wo sich die Wege der ‚Interestings‘ trennen und wo nicht.

Die Erzählperspektive wechselt dabei in zwischen den Freunden in größeren Abständen hin und her. Hauptsächlich ist es allerdings Jules, durch die wir die Geschichte erleben. Ach, was heißt Geschichte – eine direkte Handlung gibt es nicht. Eine gewisse Einleitung zwar, aber keinen wirklichen Höhepunkt oder Schluss. So etwas wie einen Spannungsbogen sucht man vergeblich. Tatsächlich ist der ‚Roman‘ eher wie eine Dokumentation.Viele kleine Hoch- und Tiefpunkte durchziehen die Geschichte der Freunde, wie im echten Leben. Statt Handlung bestimmen Beschreibungen, Dialoge und Introspektion vornehmlich den Roman.

Das alles ist fiktiv und sprachlich eindeutig literarisch erzählt, aber sehr real und authentisch wirkend. Einschließlich der treffenden Lebensweisheiten und Erkenntnisse, die Wolitzer hier und da wie dicke Wassertropfen fallen lässt. So klug und wahr und ungeschönt, dass man manchmal schlucken muss. Einen solchen Roman kann nur jemand schreiben, der schon einige Lebenserfahrung hat (Wolitzer wurde 1959 geboren). Was im Umkehrschluss bedeutet, dass THE INTERESTINGS vermutlich auch eher eine Leserschaft jenseits der Dreißig ansprechen dürfte. Vieles erschließt sich sonst nicht.

Auch die Referenzen zur Zeitgeschichte von den 70ern bis heute dürften jüngere Leser weniger berühren als diejenigen, die sich selbst noch daran erinnern können: An die Ära der Folksongs und ihres musikalischen Protestgehalts. An die beginnenden 80er und die Angst vor einer neuen Krankheit: AIDS. An handgezeichnete Animationsserien und prä-digitale Zeiten. Neben diesen geschichtlichen Markern greift Wolitzer ganz nebenbei noch mehr Themen auf, ohne dass es irgendwie plakativ wird: Homosexualität, Depression, Autismus, Drogen, religiöse Sekten…und letzten Endes geht es auch um Krankheit, Verlust und Tod.

Auch wenn sehr viel drin steckt in THE INTERESTINGS – laut wird dieses Buch nie. An keiner Stelle. Das Tempo ist ruhig, beständig fließend. Es wird viel geredet und nachgedacht. Trotzdem ist es an keiner Stelle langweilig. Wolitzer’s feine Charakterzeichnungen sind stark und rundum überzeugend. Ihre Analytik, was gesellschaftlichen Stand und Erfolg angeht, ist bestechend. Alles wirkt ungeheuer echt.

Am Ende blickt man mit Jules zurück auf einen langen Weg, fühlt jedes emotionale Gepäck, Erfolg und Mißerfolg. Das Sommercamp und die 15jährigen Jugendlichen, die sich dort trafen – das alles scheint am Schluss tatsächlich vierzig Jahre zurück zu liegen, und nicht nur knappe 16 Hörstunden.

Zur Sprecherin:

Jen Tullock bekommt die Monsteraufgabe, gleich sechs Hauptfiguren gut differenziert zu vertonen – und das im Alter von 15 bis Anfang 50! In einem Roman, der so viel Dialog enthält, kann das nur eine ganz starke Sprecherin bewältigen. Tullock ist offenbar so eine. Und das hätte ich zu Anfang nicht gedacht.

Ihre Stimme klingt zu Beginn absolut Teenie-mäßig. Von knatschig nasal bis flapsig cool stellt sie die sechs Freunde im Sommercamp vor. Das passt so gut, dass man sich nicht vorstellen kann, wie Tullock später vom Leben abgeschliffene Mit-Vierziger darstellen soll. Aber sie lässt die Stimmen sanft reifen, verleiht ihnen mehr Gewicht und Alter. Ihre Nuancierung ist sanft, und sie bewältigt auch die Herausforderung, Kinder und einen Autisten überzeugend zu sprechen.

Tullock’s Stimme ist nicht unbedingt spektakulär oder markant, aber das hätte zu einem so leise auftretenden Roman wie THE INTERESTINGS auch nicht gepasst. Wie groß die Leistung ist, die sie vollbringt, wird einem erst am Schluss richtig klar, wenn man zurückblickt auf eine Geschichte, in die Tullock 40 Jahre Leben hineinlesen musste.

Fazit:

Ein Buch wie ein Leben. Sechs Jugendfreunde, und wie sich ihr Leben und ihr Beziehungsgeflecht entwickeln. Am Anfang steht Potential. Was daraus wird, und welche Einflüsse Erfolg und Mißerfolg bestimmen, zeigt THE INTERESTINGS in ruhiger, unspektakulärer Dramaturgie – und fesselt dabei mit fein gezeichneten Charakteren in der Hand einer scharf beobachtenden Autorin. Von den 70ern bis in die 2000er begleiten wir die ‚Interestings‘ durch die Höhen und Tiefen ihres Miteinanders. Das hört sich wenig spannend an, ist tatsächlich aber intensiv, authentisch und ganz und gar überzeugend – inklusive der unangenehmen Wahrheiten, vor denen Wolitzer nicht zurückschreckt.

Für mich schon jetzt eines der besten Bücher des Jahres 2013.

Bewertung:

Hörbuch: 10/10

Sprecherin: 10/10

Webseite der Autorin: http://www.megwolitzer.com/

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