Rezension: ‚Gone Girl‘ von Gillian Flynn

gone girlTitel: ‚Gone Girl‘

(dt. Titel: ‚Gone Girl – Das perfekte Opfer‘)

Autor: Gillian Flynn

Sprache: Amerikanisch

Medium: eBook

Verlag: Phoenix

Erscheinungsdatum: 22. Mai 2012

(die deutsche Ausgabe erscheint am 22. August 2013)

Seitenanzahl der Printausgabe: 412 Seiten

“We weren’t ourselves when we fell in love, and when we became ourselves – surprise! – we were poison. We complete each other in the nastiest, ugliest possible way.”
― Gillian Flynn, Gone Girl

Beschreibung (amazon):

„Was denkst du gerade, Amy?” Diese Frage habe ich ihr oft während unserer Ehe gestellt. Ich glaube, das fragt man sich immer wieder: Was denkst du? Wie geht es dir? Wer bist du? Wie gut kennt man eigentlich den Menschen, den man liebt?

Genau diese Fragen stellt sich Nick Dunne am Morgen seines fünften Hochzeitstages, dem Morgen, an dem seine Frau Amy spurlos verschwindet. Die Polizei verdächtigt sogleich Nick. Amys Freunde berichten, dass sie Angst vor ihm hatte. Er schwört, dass das nicht wahr ist. In seinem Computer findet die Polizei merkwürdige Hinweise. Er erhält sonderbare Anrufe. Was geschah mit Nicks wunderbarer Frau Amy?

Zum Buch:

Schon im Frühjahr 2012 schwappte aus amerikanischen Buchblogs Begeisterung über den großen Teich. Gepaart allerdings mit Kommentaren, wo es um die unsympathischen Figuren in GONE GIRL und die abgrundtiefe Bösartigkeit der Geschichte ging. Starker Tobak also.

Jetzt, ein paar Tage vor der deutschen Veröffentlichung, habe ich mich nach langem Zögern doch an diesen ‚Krimi noir‘ gewagt. Geschrieben wurde er von Gillian Flynn, die – ebenso wie die Hauptfigur Nick Dunne – aus Missouri stammt und für Entertainment Weekly als Journalistin gearbeitet hat, bevor Sie zur Bestsellerautorin wurde.

Es ist furchtbar schwierig, auch nur irgendetwas über GONE GIRL zu sagen, ohne schon zu viel zu verraten. Ich werde mich am Riemen reißen, um euch den Genuß dieses rabenschwarzen Romans nicht zu versemmeln. Versprochen.

Der Klappentext gibt die Ausgangssituation wieder: Nick’s Frau Amy verschwindet plötzlich, und alles sieht nach einem Gewaltverbrechen aus. Schnell fällt der Verdacht auf Nick, und die Indizien häufen sich, dass er etwas mit der Sache zu tun hat. Soweit der Sachverhalt.

Es dürfte klar sein, dass Nick auch deshalb verdächtig ist, weil es um seine Ehe mit Amy nicht zum Besten bestellt ist. Die beiden sind sehr verschiedene Typen aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen.  Nick stammt aus Missouri, dem mittleren Westen mit Südstaaten-Touch, aus dem ‚Nirgendwo‘. Zumindest verglichen mit Amy, einer waschechten New Yorkerin und Tochter eines reichen Schriftsteller-Ehepaars. Ihr Eltern haben ihr Geld mit einer Kinderbuch-Reihe gemacht, die sich um ein perfektes Mädchen namens Amazing Amy dreht. Ähnlichkeiten mit ihrer Tochter Amy sind natürlich alles andere als rein zufällig.

Aus Nick’s rückblickenden Erzählungen und den eingeschobenen Tagebucheinträgen von Amy erfahren wir die Geschichte ihrer Beziehung. Vom verliebten Kennenlernen, ihrer erfolgreichen Zeit in New York bis zu ihrem Umzug nach Missouri, in Nick’s Heimat, wo die Dinge und ihre Ehe dann den Bach runtergehen.

Wer gerade vorhat zu heiraten, sollte GONE GIRL vielleicht nicht lesen. Oder aber besonders aufmerksam. Neben einem raffinierten, rabenschwarzen Krimi ist der Roman nämlich auch die messerscharfe Sezierung einer scheiternden Ehe. Wenn man einmal hinter die so grundverschiedenen Charaktere guckt, geht es um übergeordnete Fragen, die sich jeder in einer Beziehung stellen kann und wird: Wer bin ich? Zeige ich mich so, wie ich bin? Trage ich eine Maske? Oder bin ich vielleicht nur, wer ich bin, weil mein Partner mich dazu macht?

GONE GIRL rechnet schonungslos mit diesen Fragen ab und erweist sich als Spiel mit doppeltem – ach was! – dreifachem Boden. Von vorneherein ist der Leser skeptisch gegenüber den mitspielenden Figuren. Da muss etwas faul sein! Aber was sich tatsächlich hinter Amy’s Verschwinden verbirgt, das ist ganz perfide ausgeklügelt und kommt nur häppchenweise zum Vorschein.

Flynn benutzt dabei eine Sprache, die klar und atmosphärisch sowie völlig schnörkellos ist. Sätze, die klingen wie Ohrfeigen. Und reichlich Schimpfwörter. Aus der Ich-Perspektive erzählt, haben wir teil an den Gift und Galle spuckenden Gedankengängen der Hauptfiguren. Das ist nicht poetisch. Das ist nicht schön. Aber sehr authentisch und passend.

Es passiert nicht oft, dass ein Roman so gut wie keine Figuren bietet, die man leiden kann. Keinen emotionalen Anker. Und dass man diesen Roman trotzdem wie gefesselt liest und nicht aus der Hand legen kann. Hier ist das der Fall. GONE GIRL beinhaltet keine Schießereien, keine Verfolgungsjagden, keine ‚action‘. Und trotzdem ist die Geschichte von Nick und Amy ein absoluter Pageturner.

Das liegt an psychologischer Raffinesse vom Feinsten. Man glaubt, man ist der Wahrheit auf der Spur – und prompt dreht sich alles um 180 Grad. Man meint sogar, den Schluss vorausahnen zu können. Zumindest in etwa. Aber nein – DIESEN Schluss erratet ihr nicht! Selbst geübte Krimi-Leser werden am Ende dasitzen und sich fragen: Wie bitte?! WAAAS?!

Vielleicht, um dann, so wie ich, zu verstehen, dass die Geschichte genau das Ende nimmt, das sie verdient hat. Angemessener geht es eigentlich kaum, auch wenn Flynn damit des Lesers Empörung in Kauf nimmt.

Gibt es auch etwas zu meckern an GONE GIRL?

Nun, im Mittelteil hängt die Geschichte aus einer Perspektive etwas, wird für die betreffende Figur zu statisch. Das wirkt wie ein notgedrungener ‚Füller‘ für die andere, wesentlich spannendere Perspektive in dieser Phase. (Dafür ein kleines Pünktchen Abzug). Ich muss hier leider vage bleiben, um nichts zu verraten.

Der ein oder andere mag sich auch an der teils ziemlich ordinären Sprache stören. Im amerikanischen Original fällt regelmäßig das F-Wort, und ich glaube nicht, dass die deutsche Übersetzung zimperlicher ist. Aber letztlich passt auch das. Es sind die Gedankengänge der Hauptfiguren, in die wir Einblick erhalten, und die sind nunmal alles andere als liebevoll.

Am Ende bleibt auf jeden Fall das Gefühl zurück, einen ganz raffinierten, ganz bösen Ehe-Krimi gelesen zu haben. Ganz ohne Sensationen, ohne großes Blutvergießen, ohne cineastische Dramatik schafft es GONE GIRL zu fesseln. Das Tempo ist nicht hoch. Ruhig entfaltet sich eine Folge von menschlichen Abgründen. Die Rasanz entsteht aus der Psychologie. Meine Güte. Perfider geht es eigentlich nicht.

Fazit:

Ein bitterböser, rabenschwarzer Krimi. Mit dem Seziermesser nimmt Gillian Flynn die Ehe von Nick und Amy auseinander und liefert uns ein Katz-und-Maus-Spiel, das seinesgleichen sucht. Bitte anschnallen: GONE GIRL tut nur so harmlos. In Wirklichkeit habt ihr lange nichts Abgründigeres mehr gelesen.

Tut euch selbst einen Gefallen und geht am 22. 8. los, um GONE GIRL zu kaufen. Das ist ein Buch, bei dem man mitreden möchte.

Bewertung: 9/10

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2 Gedanken zu “Rezension: ‚Gone Girl‘ von Gillian Flynn

  1. buechermonster 6. September 2013 / 12:01

    Nachdem ja von diesem Buch anscheinend jeder total begeistert ist, will ich das auch unbedingt kennenlernen…^^

    Ich werde aber wohl zum Hörbuch greifen, Christiane Paul kenne ich zwar als Sprecherin noch nicht, aber Matthias Koeberlin hat mir schon bei „Apocalypsis“ gut gefallen.

    Ich muss mich vorher allerdings noch durch gut 20 Stunden „Les Misérables“ kämpfen… 😦

    LG,
    Sebastian

    • papercuts1 6. September 2013 / 19:24

      Naja, viele sind von ‚Gone Girl‘ begeistert – aber einige auch nicht. Inzwischen habe ich einige Rezensionen gelesen, und so mancher tut sich mit der ersten Hälfte des Buches schwer und findet sie langatmig. Andere finden die Story zu konstruiert und finden die Charaktere zu unsympathisch, um sich ins Buch einfühlen zu können. All diese Kritikpunkte kann ich in gewissem Sinne nachvollziehen, bin aber froh, dass mich persönlich das Buch begeistert hat – auf eine sehr bissige, böse Art. Ich habe ja auch lange mit dem Lesen gezögert, eben WEIL ich fürchtete, emotional keinen Anker in diesem Buch zu finden. Ich wusste, dass es hier keine Figur geben würde, die ich tatsächlich mögen könnte. Vermutlich hat mich dieses Vorabwissen gut vorbereitet, so dass ich von ‚Gone Girl‘ dann tatsächlich erwarten konnte, was ich bekam: eine ganz durchtriebene, ganz perfide Geschichte ohne das kleinste bisschen Liebenswürdigkeit.

      Bei dir bin ich gespannt, ob dir das nicht auch zu konstruiert vorkommt. Kann nach vorne und nach hinten losgehen. Lies‘ mal!

      LG,
      papercuts1

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