Rezension: ‚Es‘ von Stephen King

EsTitel: ‚Es‘

Originaltitel: ‚It‘

Autor: Stephen King

Format: Hörbuch

Sprache: Deutsch

Sprecher: David Nathan

Anbieter: Audible

erschienen: 12.04.2011

Spieldauer: 51 Std 52 min

Das Hörbuch ist erhältlich aus Download bei audible.de, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95, der reguläre Preis beträgt € 39,95.

Beschreibung (audible):

Die elfjährigen Freunde Bill Denbrough, Mike Hanlon, Ben Hanscom, Beverly Marsh, Stan Uris, Richie Tozier und Eddie Kaspbrak haben zusammen den „Club der Verlierer“ gegründet. Gemeinsam wollen sie stärker sein als jeder einzelne von ihnen, da jeder im Club eine besondere Schwäche hat: Bill stottert, Mike ist schwarz, Ben ist übergewichtig, Beverly ist arm, Stan ist Jude, Richie ist vorlaut und Brillenträger und Eddie klein und kränklich. Sie tun sich zusammen, um vor allem Henry Bowers die Stirn zu bieten, ein 12-jähriger Junge, der gerne kleinere Kinder verprügelt, und der es immer auf einen von ihnen abgesehen hat. Doch die größte Angst haben die drei vor einem grauenhaften Mysterium in ihrer Kleinstadt Derry. In gewissen Abständen werden Kinder kaltblütig ermordet oder verschwinden spurlos. Als Bills jüngerer Bruder Georgie eines Tages Opfer einer dieser grausamen Taten wird, beschließen die Jugendlichen, den Täter oder die Ursache dieser grausamen Morde zu finden. Alles was sie haben, ist eine vage Spur.

Genau 27 Jahre liegen jeweils zwischen den Morden in Derry. Der Club der Verlierer macht sich auf die Suche und begegnet Es in der Kanalisation, wo sie Es aufspüren. Obwohl sie glauben, dem Grauen ein Ende setzen zu können, müssen die Jungen Jahre später als erwachsene Männer feststellen, das Es wieder da ist. Das Entsetzen beginnt von Neuem…

Zum Hörbuch:

Als nach 52 Stunden ES der vertraute Audible-Jingle das Ende des Hörbuchs verkündet, muss ich ganz tief durchatmen. Es fühlt sich an, als wäre ein ganzer Lebensabschnitt zu Ende gegangen. Als hätten sich diese 52 Stunden Hörzeit, in mein Leben verteilt auf etliche Wochen, irgendwie ausgedehnt und viel mehr Platz eingenommen, als es den Anschein hat.

Klar – 52 Stunden sind an sich schon kein Pappenstiel für ein Hörbuch. Mein längstes bisher. Wichtiger noch, dass die Geschichte, die King so umfassend erzählt, für sich einen Zeitraum von 27 Jahren beansprucht. Sie beginnt mit 11jährigen Kindern und endet mit gestandenen Erwachsenen in den mittleren Jahren. Genau genommen packt King zwei Geschichten in ein Buch: Parallel, abwechselnd, hin- und herspringend, werden wir Zeuge, wie a) der Club der Verlierer sich findet und als Kinder ‚Es‘ auf die Spur kommt und b) wie der Club der Verlierer sich als Erwachsene durchs Leben schlägt, um sich dann nochmals in Derry ‚Es‘ zu stellen.

King wäre nicht King, wenn er uns die Protagonisten nicht ausführlich vorstelllen würde. Tatsächlich dauert es die Länge eines ’normalen‘ Hörbuchs, bis wir sie überhaupt alle kennengelernt haben, jeweils mit 11 Jahren und mit 38, bevor die Handlung in der Gegenwart angekommen ist. Das hätte langatmig werden können. Ist es aber nicht. Zu markant und sympathisch ist dieser Haufen Loser-Freunde, in denen jeder Hörer ein Stück von sich wiederfinden kann. Man mag sie ganz schnell, den dicken Ben, Eddie mit seinem allgegenwärtigen Asthmaspray, Richie mit der großen Klappe, den unsicheren Juden Stan, den schwarzen Mike, den stotternden Bill und Beverly, von häuslicher Gewalt geplagt. Und es ist sehr gekonnt, wie King diese Kinder nimmt, ihre Essenz herausarbeitet, und auf sehr authentische Erwachsene überträgt.

Der Horror ist eine Sache, aber für mich geht es in ES vor allem um die Entwicklung dieser sieben Freunde. Es geht um das, was die Persönlichkeit eines Menschen prägt. Es geht um Stärken und Schwächen. Um das, wovor man Angst hat, und darum, sich seinen Ängsten zu stellen. Es geht um Überwindung. Und natürlich um die Kraft der Freundschaft. Gemeinsam stellt sich der Club der Verlierer zunächst dem Fiesling Henry Bowers (heute würden wir das Thema ‚Mobbing‘ nennen), dann dem ultimativ bösen ‚Es‘, und bei alledem stellen sie sich sich selbst.

Der Auslöser ist eins der übelsten, bösartigsten Geschöpfe, die ich jemals in einem Roman erlebt habe. Ausgerechnet einen Kinderliebling – den Clown – benutzt Stephen King als dessen Verkörperung. Mit List und dem Wissen um deren größte Ängste, lockt der Clown Pennywise die Kinder ins Verderben. Dabei nimmt es für jedes eine andere Form an, allesamt furchtbar und eklig und grauenerregend. King hält sich nicht zurück, wenn es um das abstoßend Böse geht. Diese Passagen lassen einem die Haare zu Berge stehen, das Herz in die Hose rutschen und das Mittagessen wieder hochkommen. Sorgsam eingebettet in eine Geschichte, in der es um viel größere Themen als blanken Horror geht, ist das fantastisch gemacht. Nur eben nichts für Hasenherzen.

Auf dem Höhepunkt, so muss ich jedoch sagen, geht es mit dem guten Herrn King ein wenig durch. Mit dem kathartischen Gruppensex unten in den Tunneln konnte ich nicht viel anfangen. Und als der Club der Verlierer ‚Es‘ endlich von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, ist dessen tatsächliches Aussehen irgendwie enttäuschend. Da hatte ich mehr Einfallsreichtum erwartet. Und diese komische Welt hinter der Tür? Alles etwas zu wuschig. Der Bodenkontakt geht da verloren, und mit der Realität auch der Horror.

Gut, dass ganz am Ende der Schlussbogen wieder stimmt. King schließt den Kreis recht ordentlich, lässt dabei aber genug Mysterien durch den Abspann wabern, um uns auch noch was zum Denken übrig zu lassen.

Zum Sprecher:

Ich verbeuge mich tief vor David Nathan. Nicht ein einziges Mal lässt er in diesen 52 Stunden auch nur ein bisschen nach. Selbst die ausschweifendsten Passagen nimmt er mit wehenden Fahnen und lebt sich in die Figuren ein, dass einem Angst und Bange wird vor solcher Intensität. Richie ringt ihm haarsträubende Stimm-Imitationen ab. Eddie bringt ihn mit seinen Asthma-Anfällen hilflos zum Keuchen. So authentisch, wie Nathan sich als Bill durch die Geschichte stottert, mache ich mir ernsthaft Sorgen, ob er danach einen Logopäden braucht. Und wenn Pennywise ‚Wir fliegen alle hier unten!‘ krächzt, mache ich mir vor Angst fast in die Hose.

Was David Nathan hier leistet, ist einfach unfassbar! Dafür lasse ich bedenkenlos die englische Originalversion links liegen. Mit das Beste, was ich jemals in Sachen Hörbuchsprecher gehört habe.

Fazit:

Horrorgeschichte, Coming-of-age-Buch, Abenteuerroman, ein Loblied auf die Freundschaft. Stephen King nimmt sich ganz viel Zeit für überzeugende Figuren und lässt uns Teil haben an ihrem Kampf gegen das Böse und gegen die eigenen Schwächen und Ängste. Klar, er schweift auch ab. Das kennt man. Zu genüge. Und auch in ‚Es‘ ist der Horror in Sachen Grauen und Ekel kaum zu überbieten.

Aber es passt. Alles. Die episch angelegte Geschichte. Der Club der Verlierer, den man so sehr ins Herz schließt. Die wandelnden Alpträume und Horrorgestalten. Und der beste deutsche Sprecher, den Stephen King sich wünschen kann.

Ein Stephen King-Klassiker, bei dem es (so gut wie) nichts zu meckern gibt, und den man einfach kennen sollte. Sonst hat man etwas Großes verpasst.

Bewertung:

Hörbuch: 10/10

Sprecher: 11/10 (und damit ein Fall für meine Lieblingsliste)

Interview mit David Nathan zu den Aufnahmen von ES: http://www.hoerbuecher-blog.de/besuch-bei-david-nathan-im-tonstudio/

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3 Gedanken zu “Rezension: ‚Es‘ von Stephen King

  1. Sunsy (@sunsy37w) 15. Oktober 2013 / 19:29

    Eine wundervolle Rezension! Ich ziehe meinen Hut, nicke hier ständig bestätigend und bin völlig deiner Meinung 🙂

    Und ich freue mich, dass dir das Hörbuch auch so gut gefallen hat wie mir :))

    Ganz liebe Grüße, Elke

    • papercuts1 15. Oktober 2013 / 19:37

      Ich kann dir nur danken, dass du mich mit der Nase auf ‚Es‘ gestoßen hast – und davor auf ‚Todesmarsch‘. Ohne deinen kleinen Stups hätte ich mich nicht mehr auf Stephen King eingelassen und viel versäumt.
      ‚Es‘ hat ein paar kleine Schwächen, wenn man genau hinhört. Aber im Großen und Ganzen ist das Hörbuch so überwältigend, dass ich großzügig darüber hinwegsehe.

      LG,
      papercuts1

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