Rezension: ‚Night Film‘ von Marisha Pessl

night filmTitel: ‚Night Film: A Novel‘

dt. Titel: ‚Die amerikanische Nacht‘

Autorin: Marisha Pessl

Format: Hardcover

Sprache: Englisch

Herausgeber: Random House

erschienen: 20. August 2013

Seiten: 624

Beschreibung (amazon):

Ashley ist tot – gerade mal vierundzwanzig – eine Leiche in einer verlassenen Lagerhalle Manhattans. Ein Unfall? Oder Selbstmord? Und was hat Cordova – der übermächtige Vater und besessene Filmemacher mit ihrem Tod zu tun? Der Schlüssel zum Geheimnis liegt in seinen magischen Filmen, die nach und nach zu einer Wirklichkeit werden, aus der es kein Entkommen gibt.
Ein Meisterwerk – souverän, tödlich, perfekt.

Zum Buch:

Mal wieder so ein Buch, das mit vielen Vorschusslorbeeren auf einer Welle der Begeisterung aus Amerika zu uns herüberschwimmt. Da muss ich ja testen, ob es die Aufregung tatsächlich wert ist.

Optisch ist NIGHT FILM auf jeden Fall etwas Besonderes: Die silberne Schrift auf dem Schutzumschlag wechselt je nach Lichteinfall irrisierend die Farbe, und schlägt man das recht schwere und großformatige Buch auf, entdeckt man nicht nur Buchstaben, sondern etliche Illustrationen: Kopien aus Krankenakten, Vermisstenanzeigen, Screenshots von Internetseiten, SMS-Konversationen… – ganz in Schwarz/Weiß gehalten, fügen sie der Geschichte ebensoviel Authentizität wie Düsternis hinzu. Schon allein deshalb geht hier meine Empfehlung einmal klar in Richtung Printausgabe.

NIGHT FILM gibt sich also mysteriös, und dieser Look entspricht voll und ganz dem Inhalt. Wir haben es im Grunde genommen mit einem ‚murder mystery‘ im klassischen Sinn zu tun, dem Pessl durch ein paar geschickte Zutaten einen neuen Spin verleiht. So macht der Prolog schon mal klar, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Ein Geist in einem roten Mantel huscht durch das nächtliche New York. Oder spielen dem diskreditierten Journalisten Scott McGrath seine Sinne nur einen Streich? Vermutlich. Wahrscheinlich. Oder doch nicht?

Scott rutscht aufgrund offener Rechnungen und alten Grolls hinein in die Ermittlungen um den Selbstmord von Ashley Cordova, Tochter des ebenso berühmten wie mysteriösen Filmregisseurs Stanislas Cordova. Dessen verstörende Horrorfilme werden nur noch heimlich im Untergrund gezeigt, von einer anonymen Fangemeinde, deren Verehrung für Cordova etwas Sektenähnliches an sich hat. Was genau diese Filme enthalten, wird nur nach und nach und auszugsweise klar, aber eins ist sicher: Sie gehören zum Gruseligsten, was je gedreht wurde, und lassen die Zuschauer am Rande des Wahnsinns zurück.

Als Scott sich auf die Suche nach der Wahrheit hinter Ashley’s Tod macht, sucht er ebenso nach deren Vater. Weder ist klar, wo Cordova sich aufhält, noch ob er überhaupt noch lebt. Ja, es gibt sogar Gerüchte, dass es Stanislas Cordova gar nicht wirklich gibt, dass jemand anders seine Rolle nur gespielt hat bei den wenigen öffentlichen Auftritten der Vergangenheit.

Bei seinen Ermittlungen stößt Scott auf wenig Eindeutiges. Widersprüchliches, Bruchstücke, verschwundene Zeugen und Menschen, die nicht die sind, für die sie sich ausgeben. Es gibt Ausflüge in schwarzmagische Rituale und Flüche. An Orte, wo Wirklichkeit und Einbildung miteinander verschwimmen. Der Höhepunkt spielt sich auf dem geheimnisumwehten Anwesen des Horrorfilmers ab, wo Kulissen und Realität ineinander übergehen und nichts mehr verlässlich ist, bis hin zu Raum und Zeit.

Begleitet wird Scott auf seinem Trip von nicht weniger mystriösen Figuren. Die seltsame Nora mit ihrem uralten Papagei und grenzenlosen Enthusiasmus pflanzt sich unverblümt in Scott’s Leben. Dazu kommt und geht der mehr oder wenige obdachlose Hopper, dessen Beziehung zu Ashley nur langsam ans Licht kommt.

Zwei Dinge kennzeichnen Pessl’s Roman:

Zum einen das Spiel mit Schein und Sein. Je mehr die Geschichte fortschreitet, umso unsicherer wird der Leser. Was ist gespielt? Was ist echt? Was ist nur eine Inszenierung? Und auf Scott als Erzähler kann man sich auch nicht verlassen, traut er sich doch irgendwann selbst nicht mehr über den Weg. Natürlich passt dieses Spielchen hervorragend zum Meta-Thema ‚Film‘ und zieht sich als roter Faden durch die gesamte Geschichte. Mit Stanislas Cordova kreiert Pessl eine unglaublich beeindruckende Figur, ebenso plastisch wie ungreifbar. Einen lebenden Mythos, dessen Filme man am Ende der Geschichte geradezu als existent begreift. Mehr als einmal erwische ich mich beim Lesen bei dem Wunsch, einen dieser Filme mal zu sehen und muss mich selbst zur Ordnung rufen. Das ist doch alles nur erfunden. Oder?

Zum zweiten erschafft Pessl durch die Vermischung von Realität und Illusion gekonnten und gepflegten Grusel. In NIGHT FILM begegnen dem Leser keine Monster oder wahnsinnige Killer. Blutiger Splatter ist nicht Cordova’s Ding und auch nicht Pessls. Vielmehr durchstreift der kalte Hauch des Erahnten, aber nicht Fassbaren die Seiten. Wo man sich keinen Reim darauf machen kann, was wahr ist und was Fiktion, da kommt die Fantasie ins Spiel. So wie Scott greifen wir die unheimlichen Appetithäppchen auf und spinnen die Fäden weiter, bis die Angst heraufkriecht. Man wird paranoid, verliert mit Scott den Boden unter den Füßen, glaubt niemandem mehr, und schon gar nicht der eigenen Wahrnehmung.

Das ist sehr clever gemacht. Allerdings wirkt es über die gesamte Strecke des Buches etwas sehr gewollt und damit konstruiert. Alles ist dauernd mysteriös, was sogar mal langweilig werden kann. Kommt der Roman nach einem tollen Prolog nur schwer in Schwung, geht einem die Aufhäufung an Mystery hinterher nicht nur an die Nieren sondern nervt auch etwas. Zumal die Hauptfigur, Scott McGrath, nicht gerade ein Sympathieträger ist. Wäre da nicht seine Tochter als emotionaler Faktor und der einzige Mensch, der ihm wirklich etwas zu bedeuten scheint, ich hätte nicht ein bisschen um diesen Typen gezittert.

Wo so viel Verwirrung herrscht, ist ein überzeugender Schluss das A und O. Hätte ich mir bei NIGHT FILM sehr gewünscht. Ich erwarte ja nicht, dass in einem so rätselhaften Buch alles schlüssig aufgeklärt wird. Bloß nicht. Ein Hauch von Geheimnis muss da zurückbleiben. Am besten ein Kniff, wo man glaubt, man hat’s kapiert, und wo der Autor einem seine Erkenntnis dann mit einem Augenzwinkern um die Ohren haut und alles nochmal umdreht. Oder vielleicht ein paar lose Enden, auf die man sich selbst einen Reim machen kann.

Aber bei NIGHT FILM bleibt am Ende zu viel in der Schwebe. Für ein paar ans Licht gekeerte Tatsachen und Erklärungen gibt es doppelt so viele neue Rätsel. Pessl macht es sich für meinen Geschmack hier zu einfach. Wer A sagt, muss auch B sagen. Wer den Leser so in die Irre führt, muss ihn am Ende zumindest wieder ein bisschen an die Hand nehmen. Vor allem die letzte ‚Cordova-Szene‘ im Buch verliert völlig den Bodenkontakt. Wirklich schade.

Fazit:

Ein echtes Mystery-Buch in toller Aufmachung, das seinen Anspruch letztlich zu weit treibt: Es ist rätselhaft und gruselig, und Pessl schafft eine düstere Atmosphäre, die gekonnt und mit subtilen Mitteln Angst einjagt. Der Leser wähnt sich in einem von Cordova’s Horrorfilmen und weiß – ebenso wie die Hauptfigur – nicht mehr, wo die Inszenierung aufhört und die Wirklichkeit anfängt.

Am Ende aber bleibt zu viel ein Geheimnis und zu wenig wird aufgeklärt. Das ist dann nicht mehr mysteriös, sondern einfach nur ärgerlich.

Bewertung: 6 von 10 Punkten

Achtung!

Zum Buch gibt es eine kostenlose NIGHT FILM DECODER App.

night film appMit Hilfe der Smartphone-Kamera lassen sich auf bestimmten Seiten zusätzliche Inhalte freischalten wie Audio-Interviews, Zeitungsartikel u.ä. Das macht Spaß und verstärkt noch das Gefühl, selbst an den Ermittlungen beteiligt zu sein. Leider wird in meiner Print-Ausgabe erst am Ende des Buches auf die App verwiesen, was wirklich zu dumm ist. Ladet euch die App am besten gleich zu Anfang herunter und benutzt sie beim Lesen mit dazu.

Noch ein Hinweis zu den verschiedenen Ausgaben:

Von NIGHT FILM gibt es zwei verschiedene englische Hardcover-Ausgaben. Und die deutsche Ausgabe ist sowieso ganz anders. Meine Ausgabe (s. Coverfoto) sieht zwar hübsch aus, aber ich habe mich geärgert: Der Umschlag wellt sich extrem nach außen und nervt dadurch. Die Seiten selbst sind sehr dünn, so dass man sie schlecht umblättern kann und die Schrift der nächsten Seite durchschimmert. Normalerweise habe ich da keine hohen Ansprüche, aber gerade bei einem so stylisch angelegten Buch fällt das negativ auf. Vielleicht versucht ihr es lieber mit der anderen englischen Ausgabe oder eben einfach mit der deutschen.

Für Hörbuchfans gibt es NIGHT FILM natürlich auch, auf Deutsch, und auf Englisch. Falls ihr euch für diese Ausgaben entscheidet, würde mich eure Meinung sehr interessieren!

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5 Gedanken zu “Rezension: ‚Night Film‘ von Marisha Pessl

  1. Ela 23. Oktober 2013 / 14:42

    Huhu,
    eine großartige Rezension. Ich hab das Buch schon auf meiner WL und du machst mir schon fast Lust es sofort zu lesen, trotz der Schwächen 🙂
    Bin echt gespannt wie es mir gefallen wird.
    LG Ela

    • papercuts1 23. Oktober 2013 / 14:47

      Hallo Ela!
      Lies es bitte! Viele sind so begeistert, dass ich mir fast schon komisch vorkomme. Und selbst, wenn einem das Buch nicht so sehr gefällt, ist es schon ein ungewöhnliches Leseerlebnis. Allein dafür lohnt es sich.

      Danke für’s Reinschauen!

      • Ela 23. Oktober 2013 / 15:25

        Gerne doch 🙂
        Ich werd dann berichten wie es mir gefiel 🙂

  2. Zeilenkino 24. Oktober 2013 / 16:40

    Ich gehöre ja auch zu denen, die von dem Buch schwer begeistert waren, allerdings teile ich Deine Einwände gegen den Schluss. Auf den letzten 200 Seiten verliert die Geschichte an Tempo, den Schluss fand ich dann allzu gewollt. Zuvor hatte ich sehr große Freude an den Filmverweisen und so, also hier dran 😉 http://zeilenkino.de/die-amerikanische-nacht-marisha-pessl (wenn ich darf).

    • papercuts1 27. Oktober 2013 / 15:33

      Für einen Kino-Profi für dich war ‚Night Film‘ bestimmt ein gefundenes Fressen. Du hast recht – die Verweise haben viel Spaß gemacht, auch wenn mir viele bestimmt entgangen sind. (Mein Favorit bleibt ja der rote Mantel à la ‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘).

      Mein Problem war vielleicht, dass ich mit sehr hohen Erwartungen an das Buch rangegangen bin. Da war die Fallhöhe extrem. Unterm Strich bleibt es einfach so, dass ich ‚Night Film‘ für seine Ausgefallenheit in Sachen Thematik, Atmosphäre und Aufmachung wirklich mochte, mir die Geschichte aber zu wuschig blieb und am Schluss einfach überhaupt nicht mehr die Kurve bekam.

      Schön, dass es dich so sehr begeistern konnte!

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