Rezension: ‚The Bone Season‘ von Samantha Shannon

the bone seasonTitel: ‚The Bone Season‘

deutscher Titel: ‚Die Träumerin (The Bone Season 1)

Sprache: Englisch

Format: Hörbuch

Sprecherin: Alana Kerr

Anbieter: Audible for Bloomsbury

erschienen: 20.8.2013

Spieldauer: 14 Std 57 min (ungekürzt)

Das Hörbuch erhaltet ihr im Download bei audible.de, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo €9,95 (Normalpreis €27,95).

Eine Hörprobe gibt es HIER, auf der Produktseite von audible.

Sie ist stark, sie ist schnell, und sie kann etwas, was sonst niemand kann: die Gedanken anderer auskundschaften. In einer Welt, in der Freiheit verachtet und Träume verboten sind, wächst die junge Paige zu einer Kämpferin heran. Doch dann wird sie erwischt und in eine geheime Stadt verschleppt, in der ein fremdes Volk herrscht, die Rephaim. Und wo sie Warden trifft, den jungen Rephait mit den goldenen Augen. Er ist das schönste und unheimlichste Wesen, das sie je gesehen hat. Seine Gedanken sind ihr ein Rätsel. Und ausgerechnet ihm soll Paige von nun an als Sklavin dienen…

Zum Hörbuch:

Ihr wisst ja, dass ich ein leidenschaftlicher Verfechter von Hörbüchern bin. Fast ALLE Bücher kann man genausogut hören als lesen. Manche werden durch einen fantastischen Sprecher sogar noch besser.

Es gibt aber auch Romane, bei denen das Hörbuchformat weniger gut geeignet ist. Wo man immer mal wieder ‚zurückblättern‘ und etwas ’nachlesen‘ möchte. Wo man ein Glossar, eine Grafik oder Tabelle braucht, um etwas nachzuschlagen und zu verstehen. Wo optische Hilfen Not tun und die rein akustische Umsetzung nicht ausreicht.

Tja. THE BONE SEASON ist so ein Roman.

Als die jetzt erst 22 Jahre alte Samantha Shannon THE BONE SEASON schrieb, wusste sie schon, dass es der Anfangsband einer mehrteiligen Reihe sein sollte. Inzwischen sind nicht weniger als sieben (!) Teile geplant. Wer so viel vorhat, und das im Mischgenre Science Fiction/Dystopie/Fantasy, der muss zuerst einmal eine ganze Welt entwerfen.

Und das tut Shannon. Oh ja. THE BONE SEASON hat natürlich auch eine Handlung. Aber gefühlte 70% werden dafür verwendet, uns die wundersame neue Zukunftswelt der Paige Mahoney vorzustellen. Und eine Welt ist noch nichtmal genug! Gerade mache ich mir ein einigermaßen scharfes Bild von London unter Scion-Herrschaft, als ich lernen muss, dass es da auch noch den Untergrund bei den ‚Seven Seals‘ gibt, wo sich Paige mit einer illustren Mischung aus ‚Voyants‘ unter Jaxon Halls Führung rumtreibt. Bevor ich DAS recht verstanden habe, wird Paige nach Oxford entführt und nach Sheol I – wieder in eine andere Welt. Die der ‚Rephaim‘.

Was sind eigentlich ‚Voyants‘? Wer sind die ‚Rephaim‘? Sind die sich im ‚Aether‘ herumtreibenden Geister etwas anderes als das, was ich normalerweise darunter verstehe? Was sind ‚Pink Shirts‘? ‚Bone-grubbers‘? ‚Dreamwalker‘? Und wer zur Hölle sind die berüchtigten, Zombie-Monster-Alien-mäßigen ‚Emim‘?!

Unzählige Kategorien von Charakteren aus verschiedenen Spähren treiben sich im Hier und Jetzt und nicht ganz so hier und jetzigen Orten und Zeiten herum. Sie alle müssen vorgestellt und erklärt werden. Einige von ihnen – das Ensemble der Haupt- und Nebenfiguren – natürlich genauer. Und sie alle werfen mit fantasievollen Fachbegriffen um sich, deren Bedeutung man sich nicht unbedingt beim ersten Hören merken kann.

Ihr merkt es – die Welt von THE BONE SEASON ist sehr, sehr komplex. Sie ist schön und schrecklich zugleich, voller unglaublicher Ideen, Details und liebevoll ersonnener Mystik. Bis ins i-Tüpfelchen fährt Shannon einen Kosmos auf, der atemberaubend ist. In der Schwemme der Dystopien das Rad nochmal neu zu erfinden, ist wahrlich nicht leicht. Shannon schafft es, auch, indem sie altbekannte Muster variiert. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie (zumindest bisher) das klassische Dreiecksmuster einer starken jungen Frau zwischen zwei buhlenden Herren etwas aufbricht. Der eine ist lange Zeit Paige’s Feind, während der andere kaum in Erscheinung tritt und Paige’s Gefühle nicht im selben Maße erwidert.

Viel Freude macht auch die Sprache von THE BONE SEASON. Aus archaischen Begriffen in Kombination mit eigenen Wortschöpfungen macht Shannon ein eigenes linguistisches Universum. Fans der Reihe können sich untereinander in einer Terminlologie unterhalten, die sich für Außenstehende nach einer Geheimsprache anhören muss.

Für die erstaunliche Komplexität bezahlt THE BONE SEASON aber auch einen Preis. Oder eher zwei:

Wir kennen das aus anderen Buchreihen. Der Anfangsband ist vor allem eine Einführung in die Welt, Zeit und Figuren. Das eigentliche Geschehen setzt entweder mit Verspätung ein oder wechselt sich immer wieder mit längeren Passagen der Erklärens und/oder Rückblicken ab. THE BONE SEASON ist so hoch komplex, dass die eigentliche Handlung oft zur Nebensache gerät. Viel ‚Fachchinesisch‘, viele Erläuterungen, viel Introspektion und viele, viele Dialoge sorgen für Längen und nehmen den spannenden Passagen immer mal den Wind aus den Segeln. Die Balance stimmt nicht wirklich.

Ein weiteres Problem ist wirklich, dass man nicht immer alles direkt begreift, zum Teil wieder vergisst, von zu vielen Informationen überwältigt wird. Und da kommen ganz gravierend die Schwächen dieses Hörbuchs zutage. Man kann eben nicht mal eben ein paar Seiten zurückblättern. Es gibt keine erläuternden Listen oder ein Glossar zum Nachschlagen. (Achtung: In der deutschen Hörbuchversion von audible gibt es eine ‚mitgelieferte‘ PDF! Wie hilfreich die ist, kann ich nicht sagen.) Wenn man das Hörbuch in Ruhe zuhause, in Computernähe hört, kann man natürlich mal eben ein Wiki konsultieren. Für Leute wie mich, die beim Autofahren, auf dem Laufband oder sonstwie unterwegs hören, geht das aber nicht. Ein großes Manko. Ich blicke beim Hören einfach nicht immer richtig durch, und das lenkt sehr ab.

Mein Urteil über die Geschichte selbst ist daher getrübt. Es gibt Spannung, meines Erachtens aber nicht genug davon. Einige der Figuren sind extrem interessant – vor allem der geheimnisvoll-charismatische Warden und der janusköpfige Jaxon – während ich mit Paige nicht immer glücklich bin. Ihr Hin und Her gegenüber Warden ist verständlich, aber nicht immer nachvollziehbar. Die langsame Annäherung der beiden zu beobachten, macht Spaß, zieht sich aber und ist mir persönlich zu dialoglastig. Was die ganze Sache mit den Emim, den Rephaim und den Voyants angeht, ist die Idee interessant, das Drumherum aber einfach ein bisschen zu viel, zu ablenkend.

Etwas weniger wäre meines Erachtens in THE BONE SEASON mehr gewesen. Samantha Shannon hat viel vor und einen brennenden Enthusiasmus, den sie Verständlichkeit und Fluss zuliebe aber ein klein wenig zügeln sollte.

Zur Sprecherin:

Eigentlich dachte ich, ich hätte mit Alana Kerr einen guten Fang gemacht. Ihre Stimme ist jugendlich, ohne dabei piepsig oder nervig zu sein. Der irische Akkzent passt zur Hauptfigur, Paige. Die relativ dunkle Stimmfarbe für eine junge Sprecherin ist angenehm im Ohr.

Allerdings spricht Kerr die reinen Erzählpassagen wenig animiert. Ob es um Erklärungen geht oder um eine schnelle, actiongeladene Szene – ihre Stimme bleibt ruhig und leider recht monoton. Da gibt es kaum Variationen im Sprechtempo oder atmosphärische Interpretation.

Was verwunderlich ist, denn dass Kerr auch anders kann, beweist sie in den Dialogen. Da leuchten verschiedene Akkzente, stimmliche Charakterisierungen und Emotionen. Warden klingt wunderbar enigmatisch, Paige angemessen trotzig und Nashira Sargas verschlagen-kalt.

Kerr kann das also, mit ihrer Stimme Leben in die Bude bringen. Warum sie das außerhalb der Dialoge aber nicht tut, ist mir ein Rätsel.

Fazit:

Der wuchtige, komplexe Auftakt zu einer 7-teiligen Buchreihe, die uns in eine prächtige andere Welt entführt. Die Geschichte um die übersinnlich begabte Paige, die als ‚Sklavin‘ in die Dienste des Rephait Warden gerät, wird viele Jugendliche und auch Erwachsene begeistern. Dieser erste Teil gerät dabei etwas zu komplex, zu handlungsarm und ist nur mit Nachschlagen, Zurückblättern und dem Erlernen neuer ‚Fachterminologie‘ zu bewältigen. Alles kein Problem – wenn man THE BONE SEASON als gedrucktes Buch in die Hand nimmt, und nicht in dieser englischen Hörbuchversion. Ohne Glossar geht es nicht gut. ‚Nebenher hören‘ ist keine gute Idee, und eine monotone Sprecherin macht es in diesem Fall auch nicht besser. Vielleicht ist die deutsche Hörbuchversion , gesprochen von Laura Maire, ja geeigneter? Die Hörprobe klingt sehr lebendig.

Ich rate jedenfalls zu voller Konzentration und einer blätter-fähigen Version von THE BONE SEASON. Oder einer anderen Hörversion mit ‚Extras‘ zum Konsultieren. Dann wird das eher was.

Bewertung:

Geschichte: 6 von 10 Punkten

Sprecherin: 4 von 10 Punkten

Zu THE BONE SEASON gibt es eine sehr hilfreiche Webseite mit Glossar, Landkarte und ‚Voyants‘-Stammbaum. Die hätte ich mir als Beigabe zum Hörbuch gewünscht: http://www.boneseasonbooks.com/extras

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