Rezension: ‚Die Ordnung der Sterne über Como‘ von Monika Zeiner

Foto 3Titel: ‚Die Ordnung der Sterne über Como‘

Autorin: Monika Zeiner

Sprache: Deutsch

Format: gebundenes Buch

Verlag: Blumenbar (Aufbau Verlag)

erschienen: 6. März 2013

Länge: 607 Seiten

Klappentext:

Wie viel Liebe verträgt eine Freundschaft?

Dieser Roman handelt vom verpassten und verspielten Glück und von dem Unglück, im rechten Moment die falschen Worte gesagt zu haben. Er erzählt die Geschichte zweier Männer und einer Frau, die ihre Freundschaft und ihre Liebe aufs Spiel setzen.
Tom Holler, halbwegs erfolgreicher Pianist und frisch getrennt von seiner Frau, tourt mit seiner Berliner Band durch Italien. In Neapel hofft er seine große Liebe wiederzutreffen: Betty Morgenthal. Doch je näher ihre Begegnung rückt, desto tiefer taucht Tom in die Vergangenheit ein. Denn vor vielen Jahren verunglückte Marc, sein bester Freund und Bettys Lebensgefährte. Er hat keine andere Wahl, als die fatale Dreiecksgeschichte noch einmal zu erleben.
Berlin und Italien, Leichtsinn und Schwermut, Witz und Dramatik, die lauten und die leisen Töne – dieser Debütroman ist voller Musik.

Zum Buch:

‚Angehörige, dachte sie, indem sie sich kaum merklich mit ihrem Drehstuhl hin und her bewegte, was für ein seltsamer Ausdruck im Deutschen, den sie in Gedanken auch noch nach Jahren benutzte, weil es für ihn im Italienischen keine Entsprechung gab, der ausschließlich für negative, ja beinahe stets den Tod betreffende Gelegenheiten, wie schwere Krankheiten, Unfälle etc., benutz zu werden schien, niemals für erfreuliche. Einem Menschen angehörig schien man erst dann zu sein, wenn man dieses verlor.‘

Monika Zeiner, Die Ordnung der Sterne über Como

Der Titel des Romans von Monika Zeiner, Jahrgang 1971, ist lang und sperrig, gleichzeitig poetisch und damit sinnbildlich für das gesamte Buch. Die 607 Seiten kommen nicht von ungefähr. Gleich einem Jazz-Stück (und Jazz spielt eine der Hauptrollen in der Geschichte), wo improvisiert, angehängt, sich auf Tangenten verloren und ganz woanders hin gejammt wird als geplant, mäandert Zeiner’s Geschichte über Freundschaft und Liebe durch Bandwurmsätze, die sich gewaschen haben. Rekordverdächtig sind die Satzkonstruktionen allemal, und durchsetzt von Wortspielen, Wortschöpfungen, Wortbildern. Da bleibt nichts dem Zufall überlassen. Man hat beim Lesen das Gefühl, die Autorin habe einem Bildhauer gleich an jedem Satz herumgefeilt und ihn zig mal überdacht, bis er seine endgültige Form erreichte.

Das ist gleichzeitig die große Stärke und Schwäche von DIE ORDNUNG DER STERNE ÜBER COMO. Es ist eine sprachgewaltige Geschichte, die in den Bann zieht, aber manchmal unter der Übermacht der Sprache zum Nebenzweck degradiert wird. Was Zeiner über das Beziehungsdreieck zwischen dem Pianisten Tom Holler, seinem besten Freund Marc und der gemeinsamen Liebe Betty zu erzählen hat, ist gleichzeitig jugendlich naiv und von philosophischer Tiefe, dass es einen schwindelt. Wo Zwanzigjährige sich ihrem Übermut als auch ihrer Wertherschen Schwermut hingeben, kann die Sprache ebenso ausdrucksstark wie selbstverliebt werden. Bei Zeiner wird sie manchmal übermächtig.

Es ist also eine Herausforderung. Volle Konzentration ist bei solchen Endlos-Sätzen mit mehrfachem Gehalt dringend geboten. Das ist kein Roman für nebenher. Durch die fragile Spracharchitektur muss man auf die Geschichte selbst blicken können.

Und die ist ebenso klein wie groß. Wie alltäglich wirkt es, wenn sich zwei Freunde in dieselbe Frau verlieben. Wie trivial. Wenn die Freundschaft selbst aber von einer ungewöhnlichen, an Liebe grenzenden Intensität ist, wird so ein Dreieck zur Tragödie. Vor allem bei so vielschichtigen Charakteren, wie Zeiner sie zeichnet.

Da haben wir Tom Holler. Er ist Pianist. Jazz-Pianist. Natürliche Schwermut umwölkt ihn von Beginn an. Der Hang zur Lethargie ist ihm ebenso eigen wie die Lust, sich von anderen mitreißen zu lassen. Ohne großes Zutun saugt ihn sein Umfeld in Abenteuer. Dazu gehören die Affäre mit seiner verheirateten Klavierschülerin (die mich unweigerlich an Mrs. Robinson in ‚Die Reifeprüfung‘ erinnert) ebenso wie seine durchgejazzten Nächte mit Marc und Schneeballschlachten mit der bezaubernden Betty.

Toms bester Freund ist Marc. Wir erleben mit, wie die beiden sich bei einem Band-Auftritt als ‚Ersatzmusiker‘ kennen lernen, und was sich an diesem Abend abspielt, ist so intensiv und Hals-über-Kopf wie der Beginn einer Liebesbeziehung. Tiefe Freundschaft ist schließlich auch nichts anderes als wahre Liebe, oder? Es klickt einfach zwischen dem eher passiven Tom und dem leidenschaftlichen, unbekümmerten Marc. ‚Seelenverwandschaft‘ – so kann man das nennen, wenn man einen zu Unrecht als kitschig abgewerteten Ausdruck bemühen möchte. Ganze Nächte können diese zwei Freunde fortan damit verbringen, zu reden, Jazz zu improvisieren, zu rauchen und dabei über alles und nichts zu philosophieren.

Dritte im Bunde ist Betty. Natürlich, freundlich und geerdet trifft sie beide – Tom und Marc – ins Herz. Und auch, wenn sich alle Beteiligten (allen voran Tom) größte Mühe geben, die Freundschaft zwischen allen dreien nicht darunter leiden zu lassen, so geschieht es natürlich doch. Ohne irgendetwas vorweg zu nehmen, was der Klappentext nicht schon tut: Es wird dramatisch.

Zwischen Jetztzeit und Vergangenheit sowie Tom und Betty als Erzähler hin- und herwechselnd, erfahren wir mit Ruhe und Geduld die ganze, sich immer mehr verdichtende Geschichte bis zu einem Ende, das jeder für sich selbst zu beurteilen hat.

Nicht zu vergessen sollte man die Musik. Jazz – das ist der Sound dieses Romans. Tom, Marc und Betty teilen die Leidenschaft für dieses Genre, komponieren, improvisieren, interpretieren bei Auftritten und in langen Freundschaftsnächten bis zum Morgengrauen. Nun habe ich keine wirkliche Ahnung von Jazz. Aber ich weiß um die fließende, wandlungsfähige Natur dieser Musik. Stücke haben ein Gerüst, natürlich. Doch sie haben auch Freiraum und verlangen sogar die Improvisation während des Aufführens. Es gibt eine Richtung, so habe ich den Eindruck, aber wie genau man sich fortbewegt, und was das Ziel ist, zeigt sich erst ‚unterwegs‘.

Diese Wesenszüge kann ich auch im Roman entdecken. Er bietet von Beginn an die Aussicht auf die Kreuzung zweier Lebenswege. Wie das geschieht, was davor lag, was auf dem Weg dorthin passiert, formt sich während des Lesens. Es wird mäandert auf dem Pfad, der ‚Bandleader‘ wechselt, und mit ihm der Fokus. Die Stimmung fühlt sich grundsätzlich nach Adagio an, hat aber auch leichte, swingende Passagen und einen dramatischen Höhepunkt vor einem Schluss, der viele Möglichkeiten anbietet.

Die Sprache des Romans dagegen ist eindeutig und penibel komponiert. Zeiner hat keinen Satz dem Zufall überlassen. Sorgfältig und vielfältig setzt sie Metaphern ein, spielt mit der Bedeutung von Wörtern und Satzkonstruktionen, liebt ganz offensichtlich das Oxymoron. Dabei kommen wundervolle und perfekt anmutende Sätze heraus. Echte Kunstwerke eben. Andererseits wirkt Zeiners Sprache oft überkonstruiert und lenkt den Blick ab von der Geschichte. Wenn das so gewollt ist – gut. Wenn nicht –  ein wenig schade.

Fazit:

Eine sprachgewaltige Komposition von einem Roman. Ein sich leise steigerndes Drama über Freundschaft und Liebe. Zeiners Roman ist intensiv, hat interessante Charaktere und vor allem eine Sprache, die begeistert, herausfordert, manchmal zu viel des Guten ist. Wo Formulierungen so eindeutig und übersteigert komponiert sind, dominiert das Konstrukt über die Geschichte und sorgt für Distanz. Manchmal zuviel Distanz zu den Figuren, die ihrerseits manchmal zu sehr konstruiert wirken. Manchmal.

Alles in allem ist DIE ORDNUNG DER STERNE ÜBER COMO mit seiner Sprachlast, seinen Bandwurmsätzen und seinem emotionalen Crescendo aber ein Erlebnis. Wer leises, intensives Drama liebt und das kunstvolle Gestalten mit Wörtern, Syntax und Semantik, ist bei Monika Zeiner gut aufgehoben. Zurecht ist der Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2013 gelandet.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

Das Blumenbar-Programm des unabhängigen Aufbau-Verlages hat Interessantes zu bieten. Schaut mal rein: http://www.aufbau-verlag.de/blumenbar-programm

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6 Gedanken zu “Rezension: ‚Die Ordnung der Sterne über Como‘ von Monika Zeiner

  1. buzzaldrinsblog 25. Februar 2014 / 9:03

    Danke für deine lesenswerte Besprechung, die auch noch einmal meine eigenen wichtigsten Lektüreerlebnisse herausgreift: sprachlich ist das Buch ein Erleben, sicherlich – für mein Empfinden hat sich die Sprache aber ab und an zu stark über die Handlung gelegt. Dennoch habe ich diesen Roman als sehr interessante und auch ungewöhnliche Lektüre empfunden.

    • papercuts1 25. Februar 2014 / 21:21

      Ja, genau dass habe ich ja auch kritisiert – die Sprache raubt der Handlung schon mal die Oberhand. Allerdings habe ich viel übrig für ‚Sprachliebhaberei‘, und ich denke, dass es vielen Lesern so geht.
      Es geht eben um die Prioritäten – und die liegen hier eher dabei, WIE etwas gesagt wird, als WAS gesagt wird.

      Deine Rezension habe ich mir extra aufbewahrt, um sie erst zu lesen, wenn meine fertig ist. So kann ich besser vergleichen, ohne beeinflusst zu sein. Werde das in den nächsten Tagen mal tun!

      LG

  2. Bücherphilosophin 25. Februar 2014 / 18:59

    Wie gerne würde ich dieses Buch lesen. Es hört sich nach einem echten Erlebnis an. Ein bisschen werde ich mich noch gedulden müssen, aber bei meinem nächsten Deutschland-Urlaub geht es sofort in die Buchhandlung meines Vertrauens. Denn Bücher, die gekonnt und spielerisch mit Sprache umgehen, mag ich unglaublich gerne.

    LG, Katarina 🙂

    • papercuts1 26. Februar 2014 / 11:51

      Dann ist ‚Como‘ etwas für dich! Wenn man ausgefeilte Sätze und Sprachästhetik liebt, ist es eins DER Bücher, die ich empfehlen würde.

  3. Wortakzente/Kinderohren 5. März 2014 / 21:40

    Ah, das finde ich interessant. Ich war auf der Frankfurter Buchmesse bei der Lesung und keiner aus meiner Gruppe hat davon Lust bekommen, das Buch zu lesen. Aber klar, Bandwurmsätze sind noch schwerer nachzuvollziehen, wenn sie vorgelesen werden. Vielleicht sollte ich dem Buch doch noch eine Chance geben.

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