Rezension: ‚Abschied von Atocha‘ von Ben Lerner

5Titel: ‚Abschied von Atocha‘

Originaltitel: ‚Leaving the Atocha Station‘

Autor: Ben Lerner

Sprache: Deutsch (Originalsprache: Englisch)

Format: gebundenes Buch

Verlag: Rowohlt

Erscheinungsdatum: 6. September 2013

Länge: 256 Seiten

Beschreibung (Klappentext):

Der junge amerikanische Lyriker Adam Gordon verbringt ein Jahr als Stipendiat in Madrid, auf der Suche nach sich selbst und seiner Rolle als Künstler. Schon beim Frühstück auf dem Dach seiner winzigen Mansarde (starker Kaffee und ein dicker Joint) horcht er in sich hinein und sucht nach einer, nach irgendeiner greifbaren Authentizität. Doch ob vor den verehrten Bildern im Prado, beim Zusammensein mit seinen beiden spanischen Geliebten, denen er das Blaue vom Himmel herunterlügt, oder auf der Bühne vor einem befremdlich begeisterten Publikum – immer bedrückender wird sein Verdacht, dass ihn und die Welt ein unüberwindlicher Graben trennt. Das liegt beileibe nicht nur an seinem holprigen Spanisch, das Anlass zu den kuriosesten Missverständnissen gibt, sondern an seiner wachsenden Überzeugung, dass er selbst eine ebensolche Fälschung ist wie seine nach dem Zufallsprinzip komponierten Gedichte. Immerhin, was ihm an Echtheit fehlt, ersetzt er durch blühende Phantasie. Doch dann geschieht der blutige Al-Qaida-Anschlag auf den Bahnhof Puerta de Atocha, und seine spanischen Freunde wollen ein politisches Bekenntnis von ihm …

Zum Buch:

‚Ich sagte mir, dass die Gedichte, ganz gleich, was ich tat, glanz gleich, was überhaupt irgendein Dichter tat, Flächen bilden würden, auf die die Leser ihren eigenen verzweifelten Glauben an die Möglichkeit einer poetischen Erfahrung – wie auch immer diese aussehen mocht – projizieren konnten oder die ihnen Gelegenheit bieten würden, deren Unmöglichkeit zu betreuern. […] nicht so sehr Gedichte als vielmehr eine Anhäufung von Materialien, aus denen sich Gedichte bauen ließen; sie waren reine Potenzialität, die der Artikulation harrte.‘

Ben Lerner, Abschied von Atocha

ABSCHIED VON ATOCHA ist eins der Bücher aus meinem Adventskalender und erweist sich für mich als Herausforderung, die ich nicht ganz meistere. Zumindest erschließt sich mir nicht, was an diesem Roman ’sehr lustig‘ sein soll, wie ein Kritiker des berühmten THE NEW YORKER behauptet. Gibt es da Missverständnisse zwischen mir, Ben Lerner, und Adam Gordon?

Überhaupt: Missverständnisse. Die ziehen sich – ungewollt und ebenso gewollt – durch das Buch. Adam’s Spanisch ist (zumindest zu Beginn) nur fragmentarisch vorhanden und führt neben anfänglicher hauptsächlicher Sprachlosigkeit seinerseits zu einer Menge falsch verstandener Aussagen –  aber auch zu einem Phänomen, das ich spannend finde: Adam spricht Sätze oft nicht zuende, weil ihm die Worte fehlen, oder er umschreibt, drückt sich nur vage aus. Sein spanischer Gegenüber nimmt diese Fragmente und füllt sie für ihn, gibt seinen Aussagen den Sinn, der darin zu liegen scheint (es aber oft gar nicht tut). Selbst leere Satzfetzen, mit denen Adam ein ums andere Mal seine eigene Ahnungslosigkeit überspielt, werden so durch die Interpretation des Gesprächspartners zu bedeutungsschweren Statements. Adam wird sich dieses Phänomens gewahr und benutzt es gezielt, um geistreicher und kreativer zu erscheinen, als er es eigentlich ist.

 

Und was ist er eigentlich? Das ist für mich beim Lesen die große Frage. Wohl auch für Adam selbst. Er ist mir nicht gerade sympathisch. Er klüngelt sich mit seinem Lyrik-Stipendium kiffend und saufend und Tabletten einwerfend durch sein Jahr in Madrid. Hat er eine echte psychische Erkrankung, oder ist die auch nur ein Vorwand? Seine Gedichte sind – ebenso wie seine verschleierten Konversationen – eine Mischung aus Zufall, Geklautem, Zusammengewürfeltem, das er so kunstvoll zusammenhanglos in Gedichtform gießt, bis man es schon wieder für große Lyrik hält. Hier wiederholt sich das Thema von oben – die Rezipienten füllen aufgrund von Erwartungen etwas mit Sinn, das eventuell gar keinen keinen Sinn beinhaltet und nur den Anschein vorgibt.

Auch den Frauenfiguren der Geschichte gegenüber tritt Adam alles andere als ehrlich auf. Er lügt tatsächlich das Blaue vom Himmel herunter, teils, um interessant zu erscheinen, teils aus Unsicherheit. Denn wenn man dieses cool-bekiffte Künstlerdasein mal genauer betrachtet, findet man unter all diesem Geflunker und Gefake einen jungen Mann, der Angst hat. Angst, nicht ‚echt‘ zu sein, gar kein Künstler, überhaupt keine eigene Identität zu haben, keinerlei Authentizität.

Authentizität. Manches erschließt sich mir nicht in ABSCHIED VON ATOCHA, aber doch, dass es genau darum geht: Bei sich zu sein, zu wissen, wer man ist, dazu zu stehen, und das auch auszudrücken, erst recht als Künstler. Oder eben nicht – so wie Adam. Im Gegensatz zu ihm wirken sämtliche anderen Figuren wahrhaftiger, sich ihrer selbst sicherer als er.

Als der Anschlag am Bahnhof von Atocha geschieht (schlagt das nach wenn ihr’s nicht mehr wisst, dieser Teil ist keine Fiktion), sieht es aus, als müsste Adam endlich Farbe bekennen und Position beziehen.

Ob er das tut oder nicht, könnt ihr selbst lesen, wenn ihr möchtet. Ihr solltet aber wissen, dass auch dieses Attentat aus dem Roman keinen handlungsgetriebenen Reißer macht, sondern dass es bei dem bleibt, was sich schon auf den ersten Seiten abzeichnet: Das Beobachten von Figuren. Introspektion. Sprache als untersuchter Gegenstand. Ein Zeit- und Generationenporträt. Sinnsuche. Selbstsuche.

Am Schluss schafft Ben Lerner dann den Kunstgriff, Adam’s scheinbar luftleere Persönlichkeit doch noch mit einem Hauch Identität zu füllen. Zumindest erwische ich mich dabei, dass ich in seinen Gedichten doch etwas sehe, das nicht gefaked sondern echt ist. Und in Adam entdecke ich angedeutetes Potential, jemand zu sein. Es ist klein, und vielleicht falle auch ich darauf herein, etwas Sinnloses automatisch mit Sinn zu füllen, aber da ist etwas.

Und wenn ihr ABSCHIED VON ATOCHA lest, dann kommt noch mal vorbei und diskutiert diesen Schluss mit mir aus. So ganz sicher fühle ich mich weder mit dem Roman noch mit der Bedeutung, die sich mir erschließt. Vielleicht ist genau das von Ben Lerner so gewollt: Dass ich denke, dass mehr daran ist, als ich sehen kann. Womit wir wieder bei Authentizität wären. Der Kreis schließt sich.

Fazit:

Ein amerikanischer Student wird durch ein Lyrik-Stipendium nach Madrid verschlagen. Von Zweifeln am eigenen Talent und der eigenen Authentizität durchtränkt, ist er ständig bemüht, beides vorzutäuschen. Zwischen Joints, Tabletten und Besäufnissen, zwischen Affären und Lesungen laviriert sich Adam durch den Anschein eines bedeutungsvollen Künstlerdaseins. Die politischen Ereignisse um den Anschlag auf die Bahnstation von Atocha zwingen ihn, Stellung zu beziehen. Oder doch nicht?

Ein kurzer, anspruchsvoller, nicht immer sympathischer Roman um Sprache, Authentizität, Missverständnisse und den Nebel der wahren  Bedeutung. So sehe ich das jedenfalls.

Bewertung:

6 von 10 Punkten

 

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