‚Anna Karenina‘ Teil 4 – Höhepunkte zur Halbzeit

Anna Kaernina dtvZusammen mit der lieben @Liedie40 lese ich Anna Karenina von Leo Tolstoi. Näheres dazu erfahrt ihr HIER. Verfolgen könnt ihr unser Vorankommen auf Twitter unter dem hashtag #TeamTolstoi. Außerdem ziehe ich nach jedem der 8 Teile, in die der Roman sich splittet, eine kurze Bilanz. 

Teil 4 – Höhepunkte zur Halbzeit

Die Hälfte ist geschafft! 659 Seiten, und eigentlich ging das recht flott. Es war aber auch allerhand los in diesem Teil. Nichts mit dem so oft üblichen Durchhänger in der Mitte eines Buches! Stattdessen Dramen zuhauf.

Was geschieht:

Die Situation zwischen Anna, ihrem Mann Alexej Alexandrowitsch und Wronski ist immer noch ungeklärt. Alexej erkundigt sich bei einem Anwalt über die juristischen Voraussetzungen für eine Scheidung und scheint dazu entschlossen.

Da erreicht ihn Nachricht, dass Anna im Sterben liegt. Sie hat Wronskis Baby zur Welt gebracht und ist am Kindbettfieber erkrankt. Alexej Alexandrowitsch eilt zu ihr. Beim ihrem Anblick erwacht seine Liebe zur ihr wieder. Auch für den Sohn und sogar für das neugeborene Mädchen (es heißt ebenfalls Anna) erfasst ihn eine plötzliche, überwältigende Zuneigung.

Wronski ist ebenfalls herbeigeeilt. Die Zweifel, die ihm zwischenzeitlich an seiner Liebe zu Anna gekommen waren, sind wie weggeblasen, und er bangt erschüttert um ihr Leben.

Annas Tod scheint unausweichlich. Wronski kehrt in sein Quartier zurück, greift dort zur Pistole und schießt sich selbst in die Brust. Da er sein Herz verfehlt, überlebt er die Verletzung jedoch. Und auch Anna wird entgegen aller Erwartungen wieder gesund.

Stepan und Betsy begreifen, dass die einzige Möglichkeit für Anna weiterzuleben eine endgültige Trennung vom Ehemann ist. Sie wirken auf Alexej ein, aber er ist genauso unwiligl und unfähig, eine Entscheidung zu treffen wie Anna.

Wronski sollte eigentlich auf eigenen Wunsch hin versetzt werden, aber als er zu Anna kommt, um sich zu verabschieden, entbrennt er abermals in Liebe zu ihr und kann sie nicht zurücklassen. Er quitiert stattdessen den Dienst und reist mit Anna und dem Baby ins Ausland. Anna bleibt jedoch mit Alexej Alexandrowitsch verheiratet – sie betrachtet es als eine Art Selbstbestrafung, die Scheidung abzulehnen und sich somit selbst die Freiheit zu verwehren.

Während sich das ganze Drama abspielt, begegnen sich bei einem Diner endlich Lewin und Kitty wieder. Es kommt zu einer sehr verliebten Szene, in der die beiden per verschlüsselter Kreidebotschaften auf einem Kartentisch ihre gegenseitige Zuneigung bekunden. Lewin hält daraufhin bei Kittys Eltern um ihre Hand an und bekommt den Segen zur Vermählung. Auch, als Lewin Kitty seine Tagebücher aushändigt, um keine Geheimnisse vor ihr zu haben (inklusive seiner bereits verlorenen Unschuld), ändert es letztlich nichts an den Heiratsabsichten der zwei.

Meine (unsortierten) Eindrücke zu Teil 4:

  • Die Achterbahn fährt weiter

Spätestens beim Schreiben der Inhaltsangabe fällt mir auf, wie oft sich sämtliche Figuren der Geschichte umentscheiden. Es ist nach wie vor ein ständiges Hin und Her und Auf und Ab. Urplötzliche 180°-Wendungen ohne Vorankündigung. Wie oft sich allein Wronski in diesem Teil ent- und verliebt in Anna kann man kaum zählen. Warum, ist auch nicht immer ganz klar. Teils scheint es um die gesellschaftlichen Probleme zu gehen, die sich aus der Liaison ergeben, um Stolz, Furcht vor dem Abstieg, Anstand. Teils sind die Figuren aber auch emotional so wankelmütig wie die Fähnchen im Wind. Große, plötzliche Gefühle. Überschwang. Verklärte Höhenflüge und tiefe Abstürze.

Ich frage mich beim Lesen, wieviel von dieser Achterbahnfahrerei zu Tolstois Zeiten in der Literatur einfach normal war und in wiefern es vielleicht Tolstois persönliche Art ist, seine Figuren zu steuern. Mir fehlen immer mal rationale Motive für die ständigen Sinneswandlungen – oder sehe ich sie einfach nicht, weil ich die Entscheidungen der Figuren nicht aus deren Sicht, sondern meiner, aus dem 21. Jahrhundert betrachte? Steht zwischen den Zeilen mehr, als ich verstehe? Oder war das einfach ‚in‘ damals, diese ‚Im Rausch der Gefühle‘-Wendungen?

  • Wronski macht mich wild

War ich ja zu Beginn noch regelrecht verschossen in den feschen Oberst, so traue ich meinen Augen kaum, was ich da in Teil 4 lese. Wronski bemängelt nicht nur, dass Anna ‚in die Breite‘ gegangen ist, sondern äußerst sich plötzlich insgesamt sehr abfällig über ihr Aussehen und ihr Verhalten. Jetzt, das sie aus Liebe zu ihm bis über beide Ohren im Dilemma steckt, scheint er sich anders zu besinnen und den Schwanz einzukneifen. Die rosarote Brille hat er abgenommen und lässt nun den arroganten Chauvi raushängen. Und dann schafft er es (als Soldat!) noch nicht mal, sich selbst richtig zu erschießen und behauptet hinterher sogar, er hätte sich ‚aus Versehen‘ in die eigene Brust geschossen. Pffft.

  • Turteltäubchen

War die Romantik zu Beginn Anna und Wronski überlassen, übernehmen diesen Part nun zwei andere: Es ist sehr süß, wie Lewin und Kitty sich verklausulierte Liebesbotschaften auf einem Filztisch schreiben. Ich begreife zwar nicht ganz, wie man nur anhand der Anfangsbuchstaben einen ganzen Satz erraten kann, aber nun gut – die Liebe verleiht ja nicht nur Flügel, sondern tut auch merkwürdige Dinge mit dem Gehirn. Besonders vergnüglich ist es, gerade dem bodenständigen Lewin dabei zuzusehen, wie er auf Wolke 7 entschwebt. Während Anna und Wronski offenbar schon wieder aus allen Wolken fallen und den Leser mit ihrem Drama geradezu nerven, klammert man sich dankbar an Lewin und Kitty als neues Traumpaar

  • Um Leben und Tod

Es fällt mir auf, dass es – passend zur allgemeinen Theatralik – immer wieder um Leben und Tod geht, und zwar in Teil 4 gegenläufig. War zu Beginn Lewin noch derjenige, der sich mit düsteren Gedanken ob seines sterbenden Bruders plagte und im Leben keinen Sinn sehen konnte, hüpft er am Ende lebensbejahend und verliebt herum. Indes ist die glühende Leidenschaft und Lebensfreude von Anna und Wronski erloschen. Anna ahnt zunächst ihren Tod, liegt (vorübergehend) tatsächlich im Sterben und wäre damit wohl auch glücklicher gewesen. Wronski beendet Teil 4 gar mit einem missglückten Selbstmordversuch.

Ich bin gespannt, ob sich das wieder dreht. Und ich bin mir sicher, irgendjemand wird in dieser Geschichte noch ins Gras beißen.

  •  Doppelte Lottchen

Ich fand’s ja schon irritierend, dass sowohl Annas Ehemann als auch Annas Geliebter mit Vornamen ‚Alexej‘ heißen. Jetzt gibt es auch noch zwei Annas! Ich kann nur hoffen, dass Annas Tochter Anna keine so große Rolle spielen wird im Verlauf des Buches. Soviel Namensverwirrung macht mich schwindelig. Mal ehrlich, Herr Tolstoi – war das Absicht, oder ist Ihnen nichts Besseres eingefallen?

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