Rezension: ‚Brilliance‘ von Marcus Sakey (Brilliance Saga #1)

brillianceTitel: ‚Brilliance‘ (Brilliance Saga #1)

dt. Titel: ‚Die Abnormen‘, erschienen 29. April 2014)

Autor: Marcus Sakey

Sprache: Englisch

Format: eBook

Verlag: Thomas & Mercer

erschienen: 16. Juli 2013

Seitenzahl der Printausgabe: 453 Seiten

Beschreibung:

In Wyoming kann ein kleines Mädchen in der Art, wie jemand seine Arme verschränkt, seine dunkelsten Geheimnisse lesen. In New York erkennt ein Mann Muster im Auf und Ab der Börse und rafft 300 Milliarden Dollar zusammen. Man nennt sie „Abnorme“ oder „Geniale“, Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Seit 1980 kommt ein Prozent aller Neugeborenen „abnorm“ zur Welt – und seitdem ist alles anders.

Einer von ihnen ist der Agent Nick Cooper. Seine Gabe macht ihn zum erfolgreichen Terroristenjäger. Er wird auf den vielleicht gefährlichsten Mann der Welt angesetzt, einen Genialen mit dem Blut vieler Menschen an den Händen. Um an ihn heranzukommen, muss Cooper gegen all seine Grundsätze verstoßen… und andere seinesgleichen hintergehen.

Zum Buch:

Wenn man so die Inhaltsangabe liest, fühlt man sich an ‚X-Men‘ erinnert, oder?

Falsch. In Brilliance gibt es keine magnetischen, Laserstrahlen erzeugende oder bei Berührung todbringende Sonderlinge. Die Fähigkeiten der ‚Abnormen‘ sind subtiler und beschränken sich auf den geistigen Bereich. Das Erkennen von Mustern aller Art erlaubt ihnen, Ereignisse, Handlungen, Reaktionen vorherzusagen. Manchmal sogar, Gedanken oder Gefühle zu ‚lesen‘.

Aber anders als bei ‚X-Men‘ stehen diese Begabungen nicht im Vordergrund. Worum es vielmehr geht (und da ähnelt ‚Brilliance‘ der Comic-Reihe dann wieder) ist, wie die Gesellschaft mit diesen ‚Abnormen‘ umgeht. Die Begeisterung der ersten Jahre ist Argwohn und Furcht vor den Fähigkeiten der Begabten gewichen. Einige haben ihre Talente benutzt, um Verbrechen zu begehen und Akte von Terrorismus. Die Regierung reagiert darauf mit ‚Früherkennung‘ und Zwangskontrolle: alle Kinder werden im Alter von 8 Jahren getestet, und besonders Begabte in speziellen Akademien internalisiert – auch gegen den Willen der Eltern. Außerdem hat das Justizdepartment eine spezielle Einsatztruppe geschaffen: Die DAR, in der auch Nick Cooper arbeitet, spürt kriminelle ‚Abnorme‘ auf und eliminiert sie.

Das Problem: Cooper ist selbst ein ‚Abnormer‘. Ihn begleiten wir dabei, wie seine schön geordnete Welt aus den Fugen gerät. Zum einen zeigt seine Tochter Anzeichen von ‚Abnormität‘ der höchsten Stufe. Zum anderen kommt es zu einem Terroranschlag, der zu einer gewagten Undercover-Aktion Cooper’s führt. Was er dabei erfährt, stellt alles in Frage, woran Cooper bisher geglaubt hat.

Hört sich spannend an, oder? Ist es auch. Wenn auch nicht gleich zu Beginn, und nicht ganz so wie man denken sollte. Das Buch lässt sich Zeit mit seiner Einführung und kommt erst mit dem Terroranschlag richtig ins Rollen. Danach allerdings zeigt sich Sakey’s cineastisches Talent für Action: militärisch präzise, effizient und schnörkellos verfolgen wir Cooper durch Schießereien, Explosionen und Jagdszenen. Mein Kopf spielt mir in solchen Momenten automatisch den Soundtrack von ‚Jack Reacher‘-Filmen ein.

Hört sich auch gesellschaftskritisch an, stimmt’s? Ist es auch. Was die Regierung mit den Abnormen treibt, erinnert an die Kommunistenverfolgung und die Internierung zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Als Gegenentwurf bietet Sakey mit einer freien Abnormen-Kommune in Wyoming etwas an, das wie eine Mischung aus Utopia und ‚Schöne Neue Welt‘ anmutet. Für mich wird sich der Wert der Brilliance-Saga vor allem daran entscheiden, wie Sakey das Zusammenleben zwischen normalen Menschen und Begabten löst.

Viele gute Aspekte also. Das Problem ist, dass dem Buch trotzdem etwas fehlt. Es ist etwas zu flach. Die Action ist da, aber zu steril. Die Gesellschaftskritik ist da, aber etwas holzhammerhaft und unausgegoren. Die Spannung ist da, trotzdem bleibt die Handlung merkwürdig vorhersagbar. Humor? Ja, auch den gibt es in kleinen Dosen, in coolen Sprüchen. Ganz hinten im Buch. Emotionen – die könnten es rumreißen, könnten die Geschichte zu einem Knaller machen. Es gibt auch emotionale Momente. Cooper ist ein authentischer, sympathischer Kerl, der auch mal den Tränen nahe sein kann. Doch auch da gilt das durchgehende Problem: etwas fehlt. Alles ist etwas zu glatt, zu eindeutig, zu geradlinig.

Unterm Strich möchte ich Cooper gerne weiter begleiten und werde das auch tun. Ich mag ihn und zwei, drei andere Figuren und will wissen, wie es ausgeht. Ich habe auch Spaß an der Popcorn-Kino-Action. Was ich mir für den nächsten, bereits erschienenen Teil 2 aber wünsche, ist mehr Ambivalenz, mehr Tiefe und ein Muster, das ich nicht (als wäre ich selbst ‚abnorm‘) schon beim ersten Hingucken erkennen kann.

Fazit:

Sakey hat eine Buchreihe mit einer faszinierenden Ausgangsidee in die Welt gesetzt, die ihr Potential (noch) nicht ausschöpft. Die Idee einer Welt mit 1% Begabten oder ‚Abnormen‘ (je nach Sichtweise) verspricht gesellschaftskritische Sci-Fi Fantasy von Format. Was dabei bisher rumkommt, ist eine Undercover-Agenten-Story mit betonten Actionelementen. Den ‚Abnormen‘ fehlt ein wenig das Schillernde. Ihre Talente könnten mehr Ausmalung gebrauchen. Das gesellschaftpolitische Begabten-Problem ihrer Existenz kommt zum Tragen, aber es fehlt (noch) die tiefere Ausleuchtung, über Nick Cooper’s persönliche Betroffenheit hinaus.

Auch wenn das Lesen Spaß macht, nimmt die Vorhersagbarkeit der Geschichte etwas den Schwung. Auch die Figuren könnten weitere Facetten vertragen, um sie über erste Sympathie hinaus noch spannender und weniger klischeehaft zu machen.

Alles in allem ein guter Anfang, aber da ist noch mehr drin. Hoffen wir, dass Sakey in Band 2, A Better World, den kreativen Hahn noch weiter aufdreht! Ich werde jedenfalls mit dabei sein.

Bewertung: 6 von 10 Punkten

 

 

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4 Gedanken zu “Rezension: ‚Brilliance‘ von Marcus Sakey (Brilliance Saga #1)

  1. buechermonster 20. August 2014 / 11:56

    Würde ich (mal wieder) so unterschreiben. Ich fand’s auch nicht schlecht, aber so richtig mitgerissen hat es mich leider nicht. Die Charaktere sind ein bisschen flach, die Story wie du schon sagst weitestgehend vorhersehbar und was mich am meisten gestört hat: Die Abnormen und ihre Fähigkeiten sind ziemlich langweilig. Gerade der Klappentext verspricht hier viel mehr und lässt fast schon Superkräfte erwarten, da ist das bisschen Körpersprache lesen oder ähnliches leider ein wenig öde und nicht so besonders, dass man darum das ganze Geschrei machen und die Abnormen ausrotten müsste…

    Bis zum deutschen Hörbuch des zweiten Teils dauert es ja bestimmt noch ein bisschen, bis dahin werde ich dann überlegt haben ob ich noch wissen will wie es weitergeht…^^

    • papercuts1 24. August 2014 / 18:19

      Ja, wir sind uns einig. Die Vorhersagbarkeit hat mich dabei am meisten gestört. Nahm einfach viel Spannung weg, obwohl Sakey eigentlich spannend schreiben kann, zumindest innerhalb der Szenen.

      Allerdings stört mich das mit den etwas unter Wert gehandelten ‚Superkräften‘ nicht so sehr wie dich. Tatsächlich finde ich es ganz erfrischend, dass diese Kräfte von außen nicht sichtbar sind und sich rein auf die geistigen Fähigkeiten beziehen. Das macht die Sache für mich realistischer. Und gleichzeitig unberechenbarer. Denn da bin ich anderer Meinung als du: Wenn jemand durch das Erkennen und Vorhersagen von Mustern die Börse beeinflussen und hochintelligente Viren-Software schreiben kann, dann IST das sehr gefährlich.

      ‚Langweilig‘ finde ich die Abnormen mit ihren Kräften also nicht. Gebe dir aber Recht, dass man da aufgrund des Klappentextes wesentlich Spektakuläreres erwartet und somit zwangsläufig etwas enttäuscht ist.

      Für mich gut genug zum Weiterlesen bzw. hören. Luke Daniels spricht die englische Hörbuchversion, und dazu werde ich wohl greifen. Der ist ein so toller Sprecher, dass er mit Sicherheit mehr aus der Sache rauskitzelt. Bin gespannt!

      LG,
      Ute

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