Von Ozeanen, Minis und dem Kind im Mann: Neil Gaiman-Lesung in Köln

Neil Podium 2 AusschnittPladderregen. Sturmböen. Es wird urplötzlich düster. Bestes Neil Gaiman-Wetter, als wir am Dienstag Abend Richtung Köln aufbrechen. Der englische Ausnahme-Autor mag ja auch in seinen Geschichten, Romanen und Comics einen finsteren Touch. Passt also.

neil ticketsIm ‚Belgischen Haus‘ in der Kölner Innenstadt angekommen, bin ich froh, die Karten für die Lesung früh bestellt zu haben: Eine Schlange windet sich durch die ganze Vorhalle. Der Laden ist ausverkauft. Umso schöner, dass wir (meine bessere Hälfte und ich) einen Platz recht weit vorne ergattern. Der Saal ist allerdings auch nicht so riesig – weniger als 200 Plätze – und alle können etwas sehen.

Das Ambiente ist angestaubt-edel: Knarzender Holzboden und schwere, braune Vorhänge hinter dem Tisch auf der Bühne. Am Tisch drei noch leere Plätze. Ein Blick auf’s Handy: Neil Gaiman beruhigt auf Twitter die Zuspätkommer damit, dass er gaaanz langsam sprechen wird, bis alle da sind. Geht also gleich los.

Dann kommen sie von hinten, gehen an uns vorbei: Felicitas von Lovenberg, die Moderatorin; dahinter Neil Gaiman, wie gewohnt in Schwarz und weit über den benötigten Friseurtermin hinaus; dann Gerd Köster, Schauspieler, Rocker und heute der deutsche Vorleser.

Neil PodiumSie nehmen Platz, und es geht wirklich los: Ein wunderschöner Abend mit einer perfekt ausgewogenen Mischung aus Interview, englischer und deutscher Lesung.

Wenn ihr wissen möchtet, wie es sich anhört, wenn Neil Gaiman selbst aus ‚The Ocean at the End of the Lane‘ vorliest, dann müsst ihr euch nur das Hörbuch besorgen. Das spricht er selbst, und zwar ganz und gar wundervoll, mit ruhiger, sinistrer, schalkhafter Stimme. Bei der Lesung ist es mucksmäuschenstill. Das Publikum ist geradezu andächtig. Und lacht an den richtigen Stellen – die meisten können hier Englisch.

Für die, die es nicht beherrschen, sorgt Gerd Köster tief, rauchig-warm und komplex für ebensolch andächtiges Zuhören bei den deutschen Passagen. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand auch nur annähernd an Neil Gaiman’s Vortragsart herankommt, aber Köster überzeugt restlos. Umso mehr betrübt es, dass er nicht die deutsche Hörbuchversion spricht. Die macht Hannes Jaenicke, und – sorry – da liegt die Latte für ihn einfach zu hoch.

Ganz spannend sind die Fragen, die von Lovenberg ihrem Stargast stellt. Klug, zapfen vieles an, wirken begeistert. Noch spannender natürlich Gaiman’s Antworten. So erfahren wir, dass dies Gaiman’s bisher persönlichstes Buch ist. Es ist das erste Mal, dass er es für eine bestimmte Person geschrieben hat (seine Frau, Amanda Palmer), und er hat tatsächliche Kindheitserlebnisse eingebaut. Die Geschichte mit dem geklauten Mini und dem Selbstmörder ist wahr!

the ocean at the end of the laneÜberhaupt: Kindheit. Wieso – und WIE – aus der Perspektive eines 7jährigen erzählen? Gaiman berichtet, wie viel Freude ihm das gemacht hat. Kinder, so sagt er, stellen auch sonderbare Dinge nicht in Frage. Noch recht neu auf dem Planeten, nehmen sie sie einfach hin. So wie z.B. Schnippsel von Porno-Heftchen am Straßenrand, von denen Neil als Kind immer annahm, dass sie von den Büschen entlang des Bürgersteigs produziert werden. So wie – im Roman – die Tatsache, dass ältere Damen von Zetteln wissen, die ganz woanders in anderer Leute Brusttaschen stecken, und was darauf steht.

Noch eines, betont Gaiman, ist wichtig, was das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen angeht: Kinder sind, bis zu einem gewissen Alter, komplett unter der Kontrolle der Erwachsenen. Diese bestimmen, wann Kinder ins Bett gehen, was sie essen, was sie bekommen und was nicht. Kinder sind der Macht der Erwachsenen bis zu einem gewissen Alter hilflos ausgeliefert. Darum, so Gaiman, müssen sie die Erwachsenen genau im Blick halten, sie beobachten, sich genau überlegen, was sie ihnen mitteilen und was nicht. Daraus resultiert die Distanz zwischen Groß und Klein, die im Buch zu spüren ist.

Neil AusschnittZum ‚Bösewicht‘, der Babysitterin Ursula Monkton, muss der Autor natürlich auch etwas sagen. Die Erklärung der Moderatorin, sie sei die ’nanny straight from hell‘ kommentiert er so: ‚Hell would be a step up for her.‘ Sie ist also noch schlimmer. Und zwar, weil sie kein Bewusstsein dafür hat, etwas Falsches zu tun. Im Gegenteil: Sie tut Böses in dem Glauben, dass sie etwas Gutes, das Richtige tut. In einem Nebensatz zieht Gaiman Parallelen zu Fanatikern aller Art und betont, dass diese Art von Bösem die Schrecklichste ist: Wer glaubt, das Richtige zu tun, den kann man nicht bekehren, der ändert sich nicht. (Recht hat er.)

Schmunzeln kommt auf, als von Lovenberg von der Schwierigkeit spricht, Gaiman’s Werke einem bestimmten Genre zuzuordnen. Hierzulande findet man ihn häuftig im  ‚Fantasy‘-Regal. In Südamerika steht er beim ‚Magical Realism‘. Und in den USA, so Gaiman, ‚they gave up and simply put ‚fiction‘ on my books‘. So sollte das vielleicht überall gehandhabt werden, denn auch von Lovenberg gibt zu, dass das Label ‚Fantasy‘ sie bis vor kurzem davon abgehalten hat, Gaiman überhaupt zu entdecken. Ihm persönlich ist es egal, wo er im Buchladen hingesteckt wird, ‚as long as people find me there‘.

Er erzählt natürlich noch mehr. Und zwar auf eine überlegte, eloquente, selbstbewusste und dennoch zurückhaltende Art, die sehr beeindruckend und genauso sympathisch ist. Auch während der deutschen Übersetzung und Lesung bleibt er konzentriert und schenkt von Lovenberg und Köster seine Aufmerksamkeit. Das ist Wertschätzung, und das mag ich sehr an einem Menschen, besonders, wenn er berühmt ist.

Neil signatureNach der Veranstaltung signiert Gaiman. Und zwar alles, was ihm vorgelegt wird. Manche haben ganze Bücherstapel mitgebracht, seine Comics, T-Shirts, Poster… Im Gegensatz zu den meisten Signierstunden gibt es keine Beschränkungen. Dazu kommt noch, dass Gaiman nicht einfach nur unterschreibt, sondern bei jedem noch eine kleine Zeichnung oder ein paar extra kunstvolle Schnörkel hinzufügt. Mit fast jedem wechselt er auch ein paar freundliche Sätze. Als ich ihm sage, was und warum mir ‚The Ocean at the End of the Lane‘ so viel bedeutet, bekomme ich einen ganz lieben Kommentar, einen tiefen Blick und dann auch noch einen festen Händedruck von Neil Gaiman. Was dazu führt, dass mich meine Englischkenntnisse kurzfristig im Stich lassen und ich nur noch vor mich hinstammele. Schnappatmung.

Als wir nach Hause fahren (und auch mein Mann, tief beeindruckt, jetzt unbedingt auch ‚Der Ozean am Ende der Straße‘ lesen will), schauen wir auf einen ganz wunderbaren Abend zurück. Ich habe ja schon ein paar Lesungen besucht, aber eins ist sicher: Das war bisher die beste – ehrlich, spannend, informativ, charmant, mit viel Tiefgang und Nähe. Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss los und mir auch noch die restlichen Bücher von Neil Gaiman besorgen.

 

 

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2 Gedanken zu “Von Ozeanen, Minis und dem Kind im Mann: Neil Gaiman-Lesung in Köln

  1. Janice 29. Oktober 2014 / 19:50

    Hallo liebe Ute!

    Oh mann, ich beneide dich so! Was für ein Erlebnis! Ich habs viel zu spät erfahren, dass er in Wien sein wird und hätte heulen können 😥
    Ich freue mich aber für dich, dass du so einen wunderbaren, tollen Abend hattest!

    Ganz liebe Grüße, Janice

    • papercuts1 29. Oktober 2014 / 19:56

      Das hat mir so leid getan, dass du Neil Gaiman in Wien verpasst hast! Der muss seine Lesetouren besser promoten – man bekommt ja kaum mit, wenn er mal hier ist! Und dann sind seine Lesungen trotzdem ruckzuck ausverkauft.
      Na, wenn er nochmal hier rüberkommt und auch nach Wien, werde ich das mit Sicherheit hier ausposaunen!
      Und ja – es war ein unvergesslicher Abend. 🙂

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