Rezension: ‚Station Eleven‘ von Emily St. John Mandel

Station ElevenTitel: Sation Eleven
Autorin: Emily St. John Mandel
Sprache: Amerikanisch
Medium: eBook
Anbieter: Picador
erschienen: 14. September 2014
Länge der Print-Ausgabe: 353 Seiten

Inhaltsangabe (goodreads):

One snowy night a famous Hollywood actor slumps over and dies onstage during a production of King Lear. Hours later, the world as we know it begins to dissolve. Moving back and forth in time-from the actor’s early days as a film star to fifteen years in the future, when a theater troupe known as the Traveling Symphony roams the wasteland of what remains-this suspenseful, elegiac, spellbinding novel charts the strange twists of fate that connect five people: the actor, the man who tried to save him, the actor’s first wife, his oldest friend, and a young actress with the Traveling Symphony, caught in the crosshairs of a dangerous self-proclaimed prophet.

Zum Buch:

Das hier ist keine Dystopie. Da darf man sich nicht täuschen lassen. Es ist auch kein Jugendbuch. Emily St. John Mandel’s Roman ist eine elegische, post-apokalyptische Erzählung. Ohne Bombast, aus fünf Perspektiven erzählt, immer Distanz haltend, betrachtet St. John Mandel das Leben der Protagonisten vor und nach einer tödlichen Seuche.

Ein hoch aggressives Grippe-Virus macht sich direkt zu Beginn über die Menschheit her: Innerhalb kürzester Zeit sterben 99% der Erdbevölkerung. Dieses Sterben wird erst mal recht kurz und knapp abgehandelt. Mandel wird später nochmal zu Details zurückkehren, zu einzelnen Mikro-Szenarien, aber um den akuten Zerfall geht es nicht in diesem Buch. Fast alle Szenen im ‚Danach‘ spielen 20 Jahre nach der Seuche.

Stattdessen nimmt Mandel ihre Figuren und untersucht vor- und zurückspringend, wer diese Menschen waren und jetzt sind, ihre Lebenswelt, was für sie wichtig war und was jetzt wichtig ist. Die Eitelkeiten des Schauspielers Arthur, seine Affairen, die Streitigkeiten mit seinen (Ex-)frauen wirken im Lichte der trostlosen Gegenwart geradezu dekadent. Ambitionen verpuffen. Technologie, Mobilität und Geld spielten mal eine Rolle und tun es jetzt nicht mehr.

Was in der Welt im 2. Jahrzehnt nach der Pandemie noch eine Rolle spielt, ist die Erinnerung. Anrührend ist das ‚Museum der Zivilisation‘, das Arthur’s Freund auf einem ehemaligen Flughafen hegt und pflegt und das Staunen der neuen Generation, die solche Dinge wie Handys, Fernsehen, elektrisches Licht nur aus Geschichten kennt. Wie Mahnmale stehen Flugzeuge auf den überwucherten Landebahnen, und dass sie mal fliegen konnten, hören die Kinder mit Ehrfurcht aus dem Mund der Überlebenden.

Wo man sich erinnert, da geht es auch um die Frage, was sich zu bewahren lohnt. Und da kommt Shakespeare ins Spiel. Seine Stücke (und dazu Sinfoniekonzerte der zusammengestückelten Konzerttruppe) sind es, die die ‚Travelling Symphony‘ in ihren Zelten in den wenigen bewohnten Ansiedlungen aufführt. Als kulturelle Ikone und Autor von Stücken, die von burleskem Spaß bis zu weltweisen Tragödien alles beinhalten, ist Shakespeare ein letztes Stück Kunst, Kultur und Zivilisation, an das sich die Schauspieltruppe und die Zuschauer klammern. Das ist Kirsten’s Perspektive, die, wenn sie nicht auf der Bühne steht, auch mit Messern klar kommen muss und für jede Person, die sie schon töten musste in dieser rauen, feindseligen Welt, ein Tattoo auf dem Arm trägt.

Mandel webt auch noch einen losen, unheimlichen Mystery-Faden hinein mit dem selbst ernannten Propheten und seinen mörderischen Absichten. Und dazu natürlich ‚Station Eleven‘ – ein Comic, von dem nur wenige Exemplare erschienen, und dessen wehmütige Geschichte einer verlorenen Welt die traurig-schöne Parallele zum Roman bildet.

Das alles geschieht mit Gemach. Wer Spannung erwartet, bekommt sie, aber sie bezieht sich nicht aus der Handlung, sondern aus den Personen, aus den zeitlichen Sprüngen, aus dem Gefühl, ein Puzzle unbedingt zusammen setzen zu wollen bis hin zu einem klaren Bild. Die Fäden zwischen den Figuren verbinden sich am Schluss, doch wer ein klares Ende, eine klare Moral erwartet, wird sich etwas verloren fühlen.

Insgesamt schwimmt dieser Roman ein wenig, hat durch die vielen Perspektiven keinen Ankerpunkt. Deswegen ist es auch schwer, emotional mit Kirsten, Arthur und den anderen mitzugehen. Die Distanz bleibt bis auf wenige Momente. Dafür aber ist der weite Rahmen, den Mandel spannt, beeindruckend und webt ein Bild von großem Ausmaß. Viele Gedanken werden angestoßen. Man kommt ins Grübeln über die Welt, über sich selbst. Es ist ein Roman mit einer recht geradlinigen Sprache, arm an Metaphern, geradezu unverblümt, dafür aber ehrlich und schonungslos und – in überraschenden Momenten – manchmal großartig.

Fazit:

Ein Abgesang auf das, was war, und eine von wenigen Hoffnungsschimmern durchzogene Betrachtung des Restes der Menschheit, ihrer Werte, ihrer Kultur. Es geht um die Nichtigkeiten der Vergangenheit und um das, was es doch zu bewahren gilt, woran man sich erinnert, damit die Welt nach der Untergang einen Grund hat, nach vorne zu sehen. Nicht umsonst trägt die ‚Travelling Symphony‘ den Star Trek-Spruch ’survival is inefficient‘ auf ihren Wagen: Das nackte Überleben reicht nicht. Menschsein definiert sich über mehr als durchkommen. Unter anderem über Musik, Comics und Shakespeare.

Das alles ist nicht überdurchschnittlich schön geschrieben, und Gefühle bleiben über weite Strecken außen vor. Aber Mandel’s klare Sprache und erbarmungslose Darstellung einer recht trostlosen Welt nach der Apokalypse machen die zarten, feinen Momente der Besinnung auf menschliche Kultur und Schönheit umso beeindruckender. Voller Bedauern und Zerbrechlichkeit, ist dieses Buch trotz Schwächen etwas Besonderes.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

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Ein Gedanke zu “Rezension: ‚Station Eleven‘ von Emily St. John Mandel

  1. Nina 21. Mai 2015 / 20:05

    Siehst du mich schmunzeln? Ich habe das Buch letzte Woche gelesen, und schon beim ersten Abschnitt (King Lear) an dich denken müssen, aber mir fehlte der Bezug. Jetzt weiß ich wieder warum. Ich hatte deine Rezi wohl noch irgendwo im Hinterstübchen gespeichert. Wenn „Das Licht der letzten Tage“ dann offiziell erschienen ist, unterhalten wir uns mal über die Übersetzung. 😉

    Ich lasse dir liebe und schmunzelnde Grüße hier
    Nina

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