Rezension: ‚Revival‘ von Stephen King

Stephen King_Revival_175Titel: Revival
Autor: Stephen King
Sprache: Amerikanisch
Format: Hörbuch
Sprecher: David Morse
Anbieter: Simon & Schuster Audio
erschienen: 11.11.2014
Länge: 13 Std. 24 Min. (ungekürzt)

Das Hörbuch erhaltet ihr als Download bei audible.de, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 25,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von audible.

Inhaltsangabe (audible):

In a small New England town, over half a century ago, a shadow falls over a small boy playing with his toy soldiers. Jamie Morton looks up to see a striking man, the new minister. Charles Jacobs, along with his beautiful wife, will transform the local church. The men and boys are all a bit in love with Mrs. Jacobs; the women and girls feel the same about Reverend Jacobs – including Jamie’s mother and beloved sister, Claire. With Jamie, the Reverend shares a deeper bond based on a secret obsession. When tragedy strikes the Jacobs family, this charismatic preacher curses God, mocks all religious belief, and is banished from the shocked town.

Jamie has demons of his own. Wed to his guitar from the age of 13, he plays in bands across the country, living the nomadic lifestyle of bar-band rock and roll while fleeing from his family’s horrific loss. In his mid-30s – addicted to heroin, stranded, desperate – Jamie meets Charles Jacobs again, with profound consequences for both men. Their bond becomes a pact beyond even the Devil’s devising, and Jamie discovers that revival has many meanings.

Zum Hörbuch:

„Stephen King kehrt zum Horror zurück“, hatte es im Vorfeld geheißen. Jetzt kommt es natürlich darauf an, was man unter ‚Horror‘ versteht.

Ein ungutes Gefühl beschleicht einen jedenfalls von Beginn an, als dieser Schatten über dem draußen spielenden Jamie auftaucht und sich als Charlie Jacobs, der neue Pastor, entpuppt. Eigentlich mögen den ja alle, und es gibt auch keinen Grund, warum man das nicht tun sollte – bis auf King’s subtile Art und Weise, ihn zu beschreiben. Der Mann hat irgendetwas Besessenes an sich. Und geht bei seinen Experimenten mit Elektrizität zu hohe Risiken ein.

Dass man sich so unwohl fühlt, hat natürlich auch mit King’s Talent zu tun, uns seine Figuren mit Geduld und weitem Ausholen so nah ans Herz zu legen, dass man sich automatisch um sie sorgt. Jamie’s große Familie kommt uns, als das Unheil seinen Lauf nimmt, wie die eigene vor. Was den Schmerz des Verlustes später nur umso größer macht. Stephen King, du alter Hund.

Und so lesen (oder hören) wir lange einen Roman, der einfach nur Jamie’s Leben erzählt – als kleiner Junge, als heroinsüchtiger Musiker, geläutert mit Anfang fünfzig –, der aus Jamie’s Erzählperspektive immer wieder Fatales ankündigt, jedoch nur von einigen wenigen gruseligen Szenen gesprenkelt ist. Die allerdings haben es in sich, verursachen traumatische Brüche in der Geschichte und Entsetzen beim Leser. Wie man Grauen hervorruft, auch ganz ohne Monster, nur mit den furchtbaren Dingen, die im wahren Leben geschehen können, hat King wirklich raus. Himmel!

Apropos Himmel: Neben Jamie’s Lebensgeschichte geht es natürlich auch um Charlie Jacobs. Es geht um Besessenheit, um Glauben und dessen Verlust, um falsche Prediger, Betrug und das gefährliche Spiel mit einer Wahrheit, die man nicht verträgt. Und schließlich, in den letzten Kapiteln, geht es um-

Nein. Das verrate ich hier nicht. Seid nur gewarnt: Am Ende kommt der Horror. Und was ihn so furchtbar macht, ist der nagende Gedanke, dass es so oder ähnlich tatsächlich sein könnte. Abwinkend tönen wir: ‚Klar. Stephen King. Muss ja so grauenhaft sein. Aber ist ja nur Fiktion. Da ist ja in echt nix dran.‘ Um dann ins Bett zu gehen und wach zu liegen und nachzudenken.

Was mich mitgenommen hat, ist das Gefühl, dass der allmählich alt werdende King sich hier die eigenen Ängste vom Leib schreibt. Ob das so ist, weiß ich nicht. Aber mir wird kalt bei dem Gedanken, weil ich diese Angst verstehe. Wir alle, denke ich. Insgeheim. Nur, dass man sie normalerweise nicht ans Licht zerrt und auf eine Weise mit Millionen von Menschen teilt, die weder Trost noch Hoffnung zulässt.

Ein bisschen unfair ist, dass dieser Roman (ich würde ihn so einordnen – als Roman) hauptsächlich an seinem Ende gemessen wird. Darüber verblassen sowohl die Stärken als auch die Schwächen von allem, was davor kommt. King’s wundervolle Art zu erzählen. Seine voll ausgemalten Figuren. Die ganze Lebenserfahrung des Autors, seine eigenen Lebensthemen, die aus den Seiten hervorspringen. Aber auch die Längen, die sich in der Mitte einstellen. Wie man das Gitarre spielen erlernt, muss ich nicht so detailliert wissen. Dafür hätte ich lieber eine bessere Begründung gehabt, warum Jamie drogensüchtig wird, als nur das Rockband-Milieu. Wie Charlie an seine ‚andere‘ Elektrizität drankommt, wird auch nicht wirklich erklärt.

Alles in allem muss man wirklich sagen, dass King schon besser geschrieben hat. Der Anfang und der Schluss sind grandios, der Rest eher King’sches Mittelmaß.

Zum Sprecher:

Inzwischen habe ich mich ja von meiner David Nathan-Fixierung gelöst und komme auch mit anderen King-Sprechern klar. Diesmal also David Morse, dessen Name euch vielleicht nicht gleich etwas sagt, aber ihr habt sein Gesicht bestimmt schon im Fernsehen gesehen.

In ‚Revival‘ muss er einen Erzähler von der Kindheit an bis ins beginnende Altwerden verkörpern. Auch, wenn er in den Dialogen die Kinderstimmen durch Sanftheit und altkluge Naivität erstaunlich gut hinbekommt, ist seine Erzählerstimme zu Beginn zu alt und brüchig für den kleinen Jamie. Tatsächlich wächst er mit dem Verlauf der Geschichte in Jamie hinein, bis es am Schluss wirklich passt. Da hört er sich so gebrochen, fast betäubt an, dass es einen zusätzlich schaudert.
Zu Charlie dagegen passt David Morse’s Stimmfarbe von Anfang an. Sein fast schleppender Tonfall hat etwas undefinierbar Schauriges an sich, und das passt zu dieser Figur bis zum bitteren Ende.

Fazit:

Definitv nicht Stephen King’s bester Roman. Aber definitiv das prägendste Ende, dass je ein King-Roman hatte. Und schon allein deswegen wird ihn jeder lesen.

‚Revival‘ streckt seine kalten Fühler auf verstörende Weise aus der Fiktion heraus in die reale Welt. Mehr noch: es rührt an unseren tiefsten Ängsten.

Was nun also? Horror oder Roman? Meines Erachtens sprengt King’s Neuling diese Genregrenzen ganz einfach und macht sein eigenes Ding. Und zwar eins, das mich zurückgelassen hat wie nach einem Verkehrsunfall: geschockt, verwundet und mit Bildern und Gedanken, die ich so schnell nicht mehr loswerde.

Bewertung:

Geschichte: 6 von 10 Punkten
Sprecher: 6 von 10 Punkten

 

Advertisements

4 Gedanken zu “Rezension: ‚Revival‘ von Stephen King

  1. Kathrin 28. November 2014 / 13:03

    Ich bin ja ebenfalls sehr verwöhnt von David Nathan – er ist aber eben auch einer der besten Sprecher. Davon abgesehen tu ich mich generell schwer mit Hörbuchsprechern – die meisten lesen mir zu monoton oder zu gekünstelt oder haben einfach eine Stimme, der ich nicht lange zuhören kann (z.B. zu kratzig, zu hoch …). Nach deinem Tipp werde ich mal reinhören, wir mir David Morse gefällt.

    „Revival“ steht auf jeden Fall schon auf der Wunschliste, eben weil es nicht der klassische King-Horror ist. Ich mag ja, dass King nicht nur Wert auf die Handlung oder aufs Schocken legt, sondern uns seine Figuren immer so nahe bringt, auch wenn dadurch gelegentlich Szenen vorkommen, die zur eigentlichen Story nicht so viel beitragen – irgendwie macht es seine Bücher dadurch aber „realer“ und – wie auch du oben schreibst – man wird mit den Figuren sehr vertraut, ganz so als würde man sie persönlich kennen. Daher schreckt mich auch dein Hinweis, dass es zwischendrin einige Längen gibt, nicht ab 😉

    Danke übrigens, dass du dich immer so vielen englischsprachigen Titeln widmest! Nachdem Bücherphilosophin Katarina im Frühjahr ihren Blog schloss, gibt es leider nicht mehr viele Blogger, die sich den englischsprachigen Titeln widmen. Ich lese einige Autoren (u.a. eben King) am liebsten im Original, sodass ich mich immer freue, wenn ich eine Besprechung finde, BEVOR das Buch auf Deutsch erscheint 🙂

    • papercuts1 28. November 2014 / 16:55

      Hallo Kathrin,

      danke DIR, dass du hier so fleißig kommentierst! Ja, es ist schade, dass die Bloggerlandschaft zu englischen Büchern in Deutschland so klein ist. Ich folge daher meist amerikanischen Buchbloggern, auch wenn ich wegen meines deutschsprachigen Blogs da immer etwas ‚außen vor‘ bin. Ich bin eben so ein exotischer ‚Zwitter‘.

      David Nathan ist fast unerreichbar in seiner Sprecher-Qualität. Andererseits finde ich, dass der deutsche Hörbuchmarkt von relativ wenigen tollen Sprechern dominiert wird, während in den USA und England die Sprecherpalette unendlich groß ist. Da finde ich immer wieder fantastische neue Stimmen, denen ich gerne zuhöre.

      ‚Revival‘ – ja, auch ich mag, dass King eben mehr als ’nur‘ Horror kann. Er hat mit zunehmendem Alter da sehr viel Reife in seinen Romanen gewonnen. ‚Joyland‘ habe ich z.B. geliebt, während viele da den Horror vermisst haben. Hast du das gelesen?
      Insofern hoffe ich, dass hierzulande die Leser nicht so sehr mit der Horror-Erwartung an ‚Revival‘ herangehen, obwohl der Titel ja unter dem Label angepriesen wird. Das könnte zu Enttäuschungen führen.

      Gruß,
      Ute

      PS: Ich habe auf deinem Blog so gern die ‚Sonntagsleserin‘-Posts gelesen. Schade, dass mit dem Blog der Buecherphilosophin diese Kategorie weggefallen ist. Sollte man mal – vielleicht unter anderem Namen, mit Variationen – wieder ins Leben rufen, oder nicht?

      • Kathrin 4. Dezember 2014 / 17:52

        „Joyland“ habe ich leider nicht gelesen, zum einen weil mich die Inhaltsangaben nie so richtig neugierig machen konnten, zum anderen auch wegen der extrem unterschiedlichen Meinungen. Es gibt so viele King-Bücher, die ich noch lesen möchte, da habe ich „Joyland“ erst einmal ans hintere Ende der Liste gesetzt. Wenn es dem Buch an Horror mangelt, stört mich das aber ganz sicher nicht 🙂

        Ja, die Sonntagsleserin-Beiträge … Als Katarina damals so plötzlich verschwand, haben fast alle Blogger mit den Beiträgen aufgehört. Ich selbst hätte sie gerne fortgesetzt und habe mir jeden Monat vorgenommen, wieder einzusteigen. Leider hatte mich dann aber meine Masterarbeit zunehmend in Beschlag genommen, sodass ich nicht mehr dazu kam, jede Woche in Ruhe die Beiträge der von mir abonnierten Blogs zu lesen. Ich möchte die Sonntagsleserin aber im neuen Jahr gerne wieder aufgreifen. Allerdings werde ich es dann auf einmal im Monat beschränken. Ob ich den Namen abändere oder Katarina zu Ehren beibehalte, weiß ich noch nicht – momentan tendiere ich zu Letzterem. Wenn du Lust hast, kannst du dann natürlich auch mitmachen – ich würde mich freuen, wenn sich die Blogger dadurch wieder stärker miteinander vernetzen, wie es bei Katarina damals der Fall war.

        Liebe Grüße
        Kathrin

      • papercuts1 6. Dezember 2014 / 13:22

        Ich fände es toll, wenn jemand die ‚Sonntagsleserin‘ weiterführt! Müsste man ggf. mit Katarina abklären, falls das überhaupt möglich ist. Ist ja immer so eine Sache, wenn man Memes von anderen Bloggern übernimmt… Oder dem Kind eben einen neuen Namen verfassen.
        Ich wollte da immer mal mitmachen. Bei mir ist nur das Problem, dass ich Sonntags selten zum Bloggen komme. Da ist bei uns Familientag, und die Computer bleiben aus. Für mich müsste es dann eher die ‚Montagsleserin‘ oder sowas sein. 😉

        Oh, und wenn du Stephen King ohne Horror magst, müsste JOYLAND dir sehr gut gefallen! Ich stehe dazu: ein toller coming-of-age Roman!

        Gruß,

        Ute

Verfass' einen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s