Rezension: ‚Hausfrau‘ von Jill Alexander Essbaum

Jill Alexander Essbaum_Hausfrau_175Titel: Hausfrau (der Titel ist auf Englisch und Deutsch derselbe!)
Autorin: Jill Alexander Essbaum
Sprache: Amerikanisch
Format: Hörbuch
Sprecherin: Mozhan Marno
Anbieter: Random House Audio
erschienen: 17.03.2015
Länge: 09 Std. 43 Min., ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 26,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von audible.

Auf Deutsch ist HAUSFRAU ab 10. September 2015 im Eichborn-Verlag erhältlich. Die deutsche Hörbuchversion, gelesen von Eva Mattes, erscheint ebenfalls am 10. September.

Inhalt

Anna Benz, an American in her late thirties, lives with her Swiss husband, Bruno – a banker – and their three young children in a postcard-perfect suburb of Zürich. Though she leads a comfortable, well-appointed life, Anna is falling apart inside. Adrift and increasingly unable to connect with the emotionally unavailable Bruno or even with her own thoughts and feelings, Anna tries to rouse herself with new experiences: German language classes, Jungian analysis, and a series of sexual affairs she enters with an ease that surprises even her.

But Anna can’t easily extract herself from these affairs. When she wants to end them, she finds it’s difficult. Tensions escalate, and her lies start to spin out of control. Having crossed a moral threshold, Anna will discover where a woman goes when there is no going back.

Zum Hörbuch

Anna, die Protagonistin, kommt im Klappentext ein wenig rüber wie die verwöhnte, gelangweilte ‚desperate housewife‘, die eigentlich doch alles hat. Es braucht allerdings nicht lange, und man spürt, dass hinter ihren Affairen und ihrer Lethargie mehr steckt: Es geht um Isolation, um Lähmung und Depression. Sprachlich isoliert in einem Land, das nie ihre Heimat geworden ist, wird Anna ihre schwermütige Veranlagung zum Verhängnis. Auch ein Deutschkurs, die Freud’sche Analyse durch eine burschikose Therapeutin und eskalierende Affairen können Anna nicht davor bewahren, dass sie innerlich immer mehr zerfällt.

Anna’s conclusions were these – that fire is beautifully cruel; that fusion only occurs at a specific heat; that blood, in fact, can boil; that the  dissolution of an affair is an entropic reaction and the disorder it tends toward is flammable. That a heart will burn. And burn. And burn. And burn.

Jill Alexander Essbaum, Hausfrau

Anna – eine Figur zum Verzweifeln

Anna macht es einem nicht leicht. Mindestens einmal pro Kapitel will ich sie durchrütteln und ihr den Kopf waschen. Ich möchte sie in den Hintern treten, sie anbrüllen und immer wieder auch in den Arm nehmen und halten. Eine sperrige, fehlerbesetzte, verzweifelte Figur, die sehenden Auges auf die Katastrophe zusteuert und nichts dagegen unternimmt. Die es einfach nicht kann. So eine Protagonistin ist nicht leicht zu ertragen.

Harter Sex, harte Sprache

Schwierig für den ein oder anderen sind wohl auch die ungeschönten, ungezügelten Sexszenen. Anna scheint nur noch etwas empfinden zu können, indem sie es heftig mit einem Kerl treibt. Anders lässt sich das nicht ausdrücken. Was sie mit ihren Liebhabern da tut, hat nichts mit Liebe zu tun. Da geht es, wie Anna es ständig beschreibt, ums ‚Ficken‘. Tiefe Verzweiflung schwingt auch da mit, eine Sehnsucht nach dem Ausbruch aus der Gefühllosigkeit.

Mittendrin ganz allein

Die Hilfe, die sie bräuchte, bekommt sie nicht. Weder von Bruno, ihrem erfolgreichen und eigentlich ganz nett wirkenden Ehemann und liebevollen Vater, neben dem sie aber nur noch herlebt. Annas drei Kinder geben ihr einen gewissen Halt, doch auch da gibt es befremdliche Dissonanzen und Ereignisse, die sie als Mutter nur noch tiefer in den Schlund der Traurigkeit reißen. Freunde hat Anna nicht. Dafür sorgt sie selbst, obwohl sie nichts dringender bräuchte.

Wer’s immer noch nicht begriffen hat: HAUSFRAU ist eine Tragödie. Eine Abwärtsspirale. Von Beginn an fatal. Regenbögen und Einhörner geht ihr besser woanders suchen.

Poesie mit dem Seziermesser

Dass dieser Roman dennoch von unfassbarer Schönheit ist, begründet sich in Essbaums virtuosem Umgang mit Sprache. Man merkt, dass die Autorin aus dem Bereich der modernen Lyrik kommt: HAUSFRAU ist glasklar und messerscharf. Essbaum benutzt Worte, Satzkonstruktionen, Analogien mit der Präzision eines Skalpells und der Ästhetik einer Künstlerin. Unglaublich, wie sie aus den Deutschlektionen von Annas Lehrer Parallelen, Lebensweisheiten und Erkenntnisse zieht. Da werden reflexive Verben zum Sinnbild für Selbstbezogenheit und die Bildung des Partizip Perfekt zu einer Parabel über starke und schwache Menschen.

The five most frequently used German verbs are all irrgular. Their conjugations don’t follow a pattern – to have, to have to, to want, to go, to be. Possession, obligation, yearning, flight, existence. Concepts all, and irregular, these verbs are the culmination of insufficiency. Life is loss. Freuquent, usual loss. Loss doesn’t follow a pattern either. You survive it only by memorizing how.

Jill Alexander Essbaum, Hausfrau

Dazwischen die freudianische Analytik der mit schnarrendem deutsch/schweizerischen Akkzent sprechenden Dr. Messerli. Sie seziert Annas Träume und Verhalten wie eine Chirurgin. Das ist interessant, schmerzhaft und – wie so vieles andere auch – nur ein Blick auf die offene Wunde, ohne sie zu heilen.

Kontroverser Schluss

Über das Ende kann man sich aufregen. Ist das jetzt ein moralischer Zeigefinger? Oder einfach nur ein konsequenter Schluss? Wäre es überhaupt anders gegangen? Man spielt die Möglichkeiten im Kopf durch. Empört sich über eine Figur, die entgegen alle Erwartungen handelt. Ach was – ZWEI Figuren. Oder war auch das nicht einfach unausweichlich?

Bei der Schlussszene erinnert man sich an einen russischen Klassiker, zwischendurch an einen französischen. Ich will nicht spoilern, aber ihr werdet’s merken, wenn ihr’s gelesen habt. Es gibt viel zu grübeln.

Zur Sprecherin:

Mozhan Marno ist das Beste, was mir in Sachen Hörbuchsprecherin seit einer ganzen Weile begegnet ist. Nicht nur, weil sie sich bravurös mit vielen deutschen Begriffen und Dr. Messerli’s hartem Akkzent herumschlägt, sondern vor allem, weil sie Annas Gefühlsleben so feinfühlig reflektiert. Man hört Annas emotionale Abgestumpftheit, den fast gelangweilten, oberflächlich wirkenden Tonfall. Und hört doch gleichzeitig, was sich darunter verbirgt: ein schwarzes Loch, viel zu viel Gefühl zum Aushalten, die verschüttete Wärme einer liebevollen Mutter und sich nach Liebe sehnenden Frau.

Marno hat eine erwachsene Stimme, die hart, zerbrechlich, lasziv, eiskalt klingen kann, und das nur mit winzigen Veränderungen im Ausdruck. Wo die Sprache selbst zu einem wichtigen Inhalt des Romans wird, fällt der Hörbuchsprecherin eine ganz besondere Bedeutung zu. Marno liefert hier ein stimmliches Kammerkonzert ab. Intensiv, stimmungsreich. Großartig!

Fazit:

Ein unbequemer Roman um eine verzweifelte und tief depressive Frau auf dem Weg in den moralischen und emotionalen Abgrund. Jill Alexander Essbaum benutzt deutsche Grammatiklektionen und englische Sprachkunst als Klingen, um Annas Tragödie tief in die Haut zu ritzen. Das tut weh, empört, erschüttert.
Wer diese Geschichte als Gewese um eine gelangweilte, fremdgehende Hausfrau abtut, hat nichts verstanden und sehr viel verpasst.

Ich gehe dann mal Jill Alexander Essbaum’s Gedichte lesen.

Bewertung:

Hörbuch: 10 von 10 Punkten
Sprecherin: 10 von 10 Punkten

…und damit ein Fall für meine Lieblingsliste

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8 Gedanken zu “Rezension: ‚Hausfrau‘ von Jill Alexander Essbaum

  1. Nina 1. Mai 2015 / 17:43

    Weil ich das Buch ja noch nicht rezensieren darf (was für ein ausgegorener Blödsinn) unterschreibe ich das jetzt einfach mal so. Danke fürs „in Worte fassen“

    Ich wünsche Dir ein erholsames Wochenende und lasse dir liebe Grüße hier
    Nina

    • papercuts1 3. Mai 2015 / 19:33

      Das ist wirklich Blödsinn… Aber umso mehr freue ich mich über deine ‚Unterschrift‘ unter meiner Rezension und darüber, dass du HAUSFRAU zum deutschen Erscheinungstermin mit deiner eigenen Rezension nochmal ins Rampenlicht setzen wirst. Wirst du doch, oder? ^^

      LG,
      Ute

  2. Janice 5. Mai 2015 / 11:13

    Hallo Ute!

    Ich habe mir das Buch besorgt! Kommt nicht so oft vor, dass du 10/10 vergibst, da muss es wirklich gut sein! Du hast mich so neugierig gemacht, dass ich es vor deiner Rezi schon gekauft habe 😀

    Verstehe allerdings nicht, wieso Nina das Buch noch nicht rezensieren darf, oder ist es die noch nicht erschienene deutsche Ausgabe?

    Ganz liebe Grüße und eine schöne Woche wünsche ich dir
    Janice

    • papercuts1 5. Mai 2015 / 21:54

      Hallo Janice,

      ganz genau: Nina hat die noch nicht veröffentlichte deutsche Ausgabe gelesen. Da gibt es eine Sperrfrist für Rezensionen. Ich dagegen habe die amerikanische Originalausgabe gehört – für die gilt die Sperre hier nicht.

      Ich hoffe sehr, dass dir das Buch gefällt! Was ich an Rezensionen gelesen habe, war sehr gespalten. Die einen schwärmen, so wie ich. Die anderen können gar nichts damit anfangen. Du wirst es auf Englisch lesen, und da bin ich mir zumindest sicher, dass du Essbaum’s Sprache mögen wirst. Wie das ins Deutsche übertragen wird, kann ich mir noch nicht ganz vorstellen, aber Nina scheint ja auch begeistert zu sein.

      Mehr erfahre ich dann in euren beiden Rezensionen und bin ganz hibbelig darauf!

      LG,
      Ute

  3. Pfannen Fan 27 25. Februar 2016 / 18:15

    Das Buch scheint spannend zu sein. Ich als Hausfrau und Literaturfan werde es mir sicher bestellen. Danke für die Rezension 😀

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