Rezension: ‚Inside the O’Briens‘ von Lisa Genova

Lisa Genova Inside the O'BriensTitel: ‚Inside the O’Briens‘
Autorin: Lisa Genova
Sprache: Amerikanisch
Format: Hörbuch
Sprecher: Skipp Sudduth
Anbieter: Simon & Schuster Audio
erschienen: 07.04.2015
Länge: 11 Std. 13 Min., ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 23,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von Audible.

Inhalt:

Joe O’Brien is a 44-year-old Boston police officer from the Irish Catholic neighborhood of Charlestown, Massachusetts. A devoted husband, a proud father of four children in their 20s, and a respected, seasoned law enforcement officer, Joe begins experiencing bouts of disorganized thinking, uncharacteristic temper outbursts, and strange, involuntary movements. He initially attributes these episodes to aging and the cumulative physical and psychological stress of his job, but as these symptoms worsen, he agrees to see a neurologist and is handed a diagnosis that will change his and his family’s lives forever: Huntington’s disease.

Zum Hörbuch:

Eine kurze persönliche Note zum Anfang: Wer meinen Blog verfolgt, merkt, dass dies nicht das erste Buch über Huntington’s ist, das ich lese. Das liegt daran, dass eine Familie in meinem Umfeld mit dieser Erbkrankheit leben muss. Für mich gehört das Lesen darüber zur Auseinandersetzung mit Huntington’s. Die Erkrankten treffen oft auf Unverständnis, werden für betrunken gehalten oder für geisteskrank. Ein Grund mehr, warum mehr Menschen über Huntington’s Bescheid wissen sollten. Vielleicht ja auch durch diesen Roman.

Ein kleiner medizinischer Exkurs:

Huntington’s Disease (auf Deutsch auch ‚Chorea Huntington‘ genannt) ist eine neuro-degenerative Erbkrankheit, die meist mit Anfang vierzig einsetzt und innerhalb von zehn bis zwanzig Jahren unweigerlich zum Tode führt. Die Symptome der früher auch als ‚Veitstanz‘ bezeichneten Erkrankung reichen von unkontrollierbaren Bewegungen über starke Stimmungsschwankungen bis hin zum völligen Kontrollverlust über die gesamte Motorik. Die Patienten können am Schluss weder sprechen noch schlucken und sterben oft an durch Unterernährung bedingtem Organversagen.

Nachkommen von Huntington’s-Patienten haben ein 50%-iges Risiko, den verantwortlichen Gendefekt zu erben. Liegt der Gendefekt vor, bricht die Krankheit unweigerlich auch aus. Die Symptome können zwar zunächst medikamentös gemildert werden, aber die Krankheit lässt sich nicht aufhalten oder gar heilen.

Betroffen und stark: die O’Briens

Kommen wir zur Familie O’Brien, denn um die geht es in Lisa Genova’s (STILL ALICE) neuem Roman. Joe, gestandener irischstämmiger Polizist in Boston, ist ein Pferd von einem Mann und Vater von vier gerade erwachsenen Kindern. Die ersten Symptome und die Diagnose treffen die O’Briens aus dem nichts. Zwar stellt sich heraus, dass Joe’s Mutter auch an Huntington’s starb, aber davon war damals nichts bekannt: Sie galt als Alkoholikerin, die sich ‚kaputtgetrunken‘ und ihr Leben in einer Anstalt beendet hatte.

Neben dem Schock über die Diagnose, den Sorgen um Joe’s Beruf als Polizist, den finanziellen Hürden der Zukunft und Joe’s Ängsten vor dem Verfall zieht Huntington’s noch viel weitere Konsequenzen nach sich: Was ist, wenn Joe’s Kinder das Gen geerbt haben? Oder die Enkel?

Was ist mit den Kindern?

Lisa Genova geht den gesamten Alptraum Schritt für Schritt durch. Nach Joe’s Tests, Diagnose und Therapiebeginn stehen die Kinder vor einer unmöglichen Entscheidung: Sie können per Bluttest feststellen, ob Huntington’s in ihnen schlummert. Oder sie können wählen, im Unwissen zu bleiben. Erschwerend kommt hinzu, dass seltene Frühformen der Krankheit schon Anfang zwanzig auftreten können. Die vier Geschwister sehen also hinter jedem Stolpern, hinter jedem fallen gelassenen Glas Gespenster.

Gnade kennt Genova nicht. Sämtliche Szenarien werden durchexerziert: Während der/die eine der O’Briens positiv getestet wird, gibt es ebenso das Geschwisterkind, das nicht wissen möchte, was geschehen wird. Es gibt gute Nachrichten und es gibt sehr schlechte. Es gibt Angst, Verzweiflung, Wut.

Ein bisschen unter ferner liefen: Rosie

Es ist ein Alptraum, für jeden Beteiligten, vielleicht aber am meisten für Joe’s Ehefrau, Rosie. Hilflos muss sie miterleben, wie ihr Mann in Richtung Pflegebedürftigkeit schlittert, und hilflos wird sie eventuell eigene Kinder mit Huntington’s in den Tod begleiten. Es ist mehr als grausam, und man kann kritisieren, dass Rosie’s ein bisschen zu kurz kommen in diesem Buch. Wie tapfer sie ist, erscheint angesichts der grausamen Zukunftsperspektive nicht nachvollziehbar.

Ein bisschen zu viel Yoga: Katy

Ein weiterer kleiner Knackpunkt: die jüngste Tochter, Katy. Auf ihr liegt ein zweiter Fokus des Romans. Sie ist eine tolle Person, eine sanfte, junge, liebevolle Figur mit den Unsicherheiten einer weniger begabten, nicht ganz so hübschen kleineren Schwester. Als passionierte Yoga-Lehrerin gehören Ganzheitlichkeit und Balance zu ihren angestrebten Lebensinhalten. Da hinein schlägt Huntington’s eine wüste Schneise, und während zwischen Katy und Joe mehr Nähe entsteht, ist das ganze Yoga-Gedöns manchmal ein bisschen viel des Guten. Hätte man kürzen können. Aber gut – Yogafans werden das anders sehen.

Es geht nur gemeinsam

Zum Glück betont Genova aber auch eine positive Seite: Die Kraft einer Familie, die zusammenhält. Die O’Briens lassen sich nicht unterkriegen, und man kann nur jedem von Huntington’s Betroffenen einen solchen Rückhalt wünschen wie diesen toughen fiktionalen Clan.

Zum Sprecher:

Skipp Sudduth ist ganz der kerlige, bodenständige Bostoner Straßencop, nach dem er sich anhören soll. Eine Stimme von nebenan, mit einer toughen Schale und dem Herz am rechten Fleck. Mit dem Verlauf der Geschichte wird Sudduth’s Stimme eine kleine Nuance weicher, nachdenklicher, mitgenommener. So passt das, und auch bei Katy und den anderen Frauenfiguren leistet dieser Sprecher einen glaubhaften Job. Perfektes Casting.

Fazit:

INSIDE THE O’BRIENS klärt umfassend darüber auf, was Huntington’s Disease ist und was die Diagnose mit einer betroffenen Familie anstellt. Das geht an die Nieren, geht ans Herz, und man lernt viel über eine Erbkrankheit, von der die meisten noch nie gehört haben. Wie in ihrem Bestseller STILL ALICE nimmt Lisa Genova die Fakten ernst, beschönigt nichts und bricht ihren Lesern damit das Herz. Aber nicht, ohne auch Noten von Respekt, Kraft und positivem Denken trotz allen Elends mit in die Geschichte zu bringen.

Wer mit solchen ‚Krankheitsbüchern‘ nichts am Hut hat – bitte weggehen und etwas anderes machen.

Wer STILL ALICE mochte und/oder sich für Huntington’s interessiert, sollte INSIDE THE O’BRIENS lesen oder hören.

Bewertung:

Hörbuch: 7 von 10 Punkten

Sprecher: 9 von 10 Punkten

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