Rezension: ‚Altes Land‘ von Dörte Hansen

Dörte Hansen_Altes Land_HBTitel: ‚Altes Land‘
Autorin: Dörte Hansen
Format: Hörbuch
Sprecherin: Hannelore Hoger
Anbieter: Random House Audio
erschienen: 16.02.2015
Länge: ca. 5 Std. 13 Min., gekürzt

Das Hörbuch ist erhältlich direkt bei Random House Audio, über buchhandel.de oder beim Buchhändler eures Vertrauens.

Vielen Dank an Random House Audio für das Rezensionsexemplar!

Inhalt:

Das „Polackenkind“ ist die fünfjährige Vera auf dem Hof im Alten Land, wohin sie 1945 aus Ostpreußen mit ihrer Mutter geflohen ist. Ihr Leben lang fühlt sie sich fremd in dem großen, kalten Bauernhaus und kann trotzdem nicht davon lassen. Bis sechzig Jahre später plötzlich ihre Nichte Anne vor der Tür steht. Sie ist mit ihrem kleinen Sohn aus Hamburg-Ottensen geflüchtet, wo ehrgeizige Vollwert-Eltern ihre Kinder wie Preispokale durch die Straßen tragen – und wo Annes Mann eine Andere liebt. Vera und Anne sind einander fremd und haben doch viel mehr gemeinsam, als sie ahnen.

Zum Hörbuch

Eine Geschichte über zwei zwei Frauen, die fliehen und lange brauchen um anzukommen. Ein Roman mit zwei Seiten: Die eine wie eine knorrige alte Geschichte über Land und Leute, aus dem Munde einer barschen, weisen Großmutter erzählt; die andere feinsinnige, spöttische Beobachtung moderner Stadtmütter zwischen musikalischer Früherziehung und Bio-Feinkost.

Zwei Frauen, zwei Flüchtlinge

Da haben wir als erstes Vera, die wir 1945 als kleines Mädchen bei der Ankunft auf dem Hof im ‚Alten Land‘ begegnen. Verlaust und ausgehungert nach einer Flucht durch den Schnee, wo das kleine Geschwisterchen am Wegesrand erfroren zurückgeblieben ist. Mit einer Mutter, die sich mit der Hofbesitzerin, ihrer Schwiegermutter, in einen Krieg stürzt und schließlich verschwindet. Vera bleibt zurück, bei der alten Ida und dem im Krieg schwer traumatisierten Ziehvater.

Der zweite Flüchtling ist Veras Nichte Anne, ehemalige Musikstudentin, gelernte Schreinerin. Auch sie strandet auf dem Hof, hinter sich eine gescheiterte Ehe, die sowieso nie Wurzeln hatte, erst recht nicht im hippen Hamburger Stadteil Ottensen. Im Schlepptauch: ihr Sohn, ein zartes Stadtkind, das im ‚Alten Land‘ allmählich erblüht.

Zaghafte Annäherung

Durch die Zeit hindurch, umgeben von kommenden und gehenden Begleitfiguren, deren Nähe immer nur flüchtig anmutet, driften diese zwei Frauen aufeinander zu wie zwei Schiffbrüchige. Verbunden von dem Gefühl von Heimatlosigkeit, von Verlust und fehlendem Vertrauen, fällt beiden eine Bindung schwer. Sich selbst zu kennen, zu sich zu stehen und sich zu werten ist für beide eine Herausforderung. Unzuverlässige, schwierige Mütter haben sie beide geprägt.

Es sind Frauen mit Fehlern, nicht leicht zu nehmen, mit Stacheln und darunter verborgener Unsicherheit. Es braucht eine ganze Geschichte, bis sie sich treffen und aufeinander zugehen. Als sie es tun, in kleinen Schritten, fühlt es sich an wie ein sich schließender Kreis.

Erdige Lyrik

In punktgenau poetischer Sprache, ebenso harsch wie klingend, portraitiert Dörte Hansen diese zwei Frauen und ihre Umgebung. Mit wenigen markanten Sätzen lässt sie Figuren aufleuchten, fängt das ‚Alte Land‘ in erdbraun und kirschrot ein. Der alte Hof wird in Hansens Händen zur eigenen Figur, kalt und abweisend zu Beginn, zum Schluss eine sichere Basis, eine Möglichkeit von Heimat und Willkommen.

Eine Stimme wie das Alte Land

Vom rauen Wind gegerbt und ohne Blatt vor dem Mund ist diese Sprache, und die perfekte stimmliche Ergänzung dazu ist Sprecherin und Schauspielerin Hannelore Hoger. Nicht nur beherrscht sie das Plattdeutsch und den Hamburger Akzent. Es ist – neben ihrer dunkel gefärbten Stimme – auch ihre Erzählweise: Sie lässt den Worten Zeit, um zu wirken. Übers Knie gebrochen wird hier nicht ein einziger Satz. Ungeduldige Hörer mag diese etwas altmodisch wirkende Vortragsweise nerven. Diejenigen mit Geduld und Sinn für langsamen Genuß werden finden, dass Text und Lesung sich in beglückender Harmonie begegnen.

Fazit:

Ein Roman über das Fliehen, Suchen und Ankommen. Über Heimat und Heimatlosigkeit, tatsächliche und gefühlte. Eine Geschichte von Einsamkeit, Familie und Freundschaft. Und eine norddeutsche Landschaftsmalerei, gepinselt in den Tönen ihres Grund und Bodens.

Ein Hörbuch für stille Abende mit Zeit und Raum zum Zuhören. Leider gekürzt, und vielleicht kommt daher der Eindruck, manche Passagen huschten unpassend schnell vorbei in dieser Geschichte, die sich nicht zur Hetze eignet. Man würde gerne über die volle Länge verweilen.

Bewertung:

Hörbuch: 8 von 10 Punkten (davon 1 Punkt Abzug für die gekürzte Version)
Sprecherin: 9 von 10 Punkten

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2 Gedanken zu “Rezension: ‚Altes Land‘ von Dörte Hansen

  1. absinthefreund 21. Juni 2015 / 20:10

    Ach, gekürzte Hörbücher sind immer schade. Warum die eine Romanwuchtbrumme in voller Länge und eine Geschichte von nicht mal dreihundert Seiten gekürzt? Hat das bloß ökonomische Gründe? Aber dann wiederum reizt mich deine Beschreibung der Erzählstimme sehr …

    • papercuts1 24. Juni 2015 / 19:02

      Hallo absinthefreund!

      Ich weiß es nicht, aber ich denke schon, dass das ökonomische Gründe sind. Studio und Sprecher müssen länger bezahlt werden, das gibt dann mehr CDs, größere Verpackung… So wird das jedenfalls in der Regel erklärt. Mir will es nur nicht wirklich einleuchten, weil ich ja auch sehr viele englische Hörbücher höre, und die sind – zumindest was Downloads angeht – im Normalfall ungekürzt. Da sind gekürzte Hörbücher tatsächlich die Ausnahme, und ich glaube nicht, dass englische Hörbücher preiswerter zu produzieren sind als deutsche…

      Ich hoffe, dass die beharrliche Nachfrage nach ungekürzten Produktionen und der ständige Hinweis auf ‚leider gekürzt‘ schließlich und endlich Früchte tragen. Wenn wir das – konstruktiv und höflich – immer wieder an die deutschen Hörbuchverlage herantragen, werden hoffentlich auch hier ungekürzte Versionen die Regel, und nicht mehr länger die Ausnahme. Steter Tropfen höhlt den Stein!

      Und zur Erzählstimme: Hör‘ dir die Hörprobe an! Wenn’s das für dich ist, würde ich dem Ganzen trotzdem eine Chance geben. Ging mir ja auch so. Hannelore Hoger sticht wirklich heraus.

      Gruß,

      Ute

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