Rezension: ‚Das Lächeln meiner Mutter‘ von Delphine de Vigan

12Titel: ‚Das Lächeln meiner Mutter
Originaltitel: Rien ne s’oppose à la nuit
Autorin: Delphine de Vigan
aus dem Französischen von: Doris Heinemann
Format: gebundene Ausgabe
Verlag: Droemer
erschienen: 01. März 2013
Länge: 384 Seiten

Inhalt (Droemer):

»Du bist nicht so wie andere Mütter« – Von klein auf weiß Delphine, dass ihre Mutter talentierter, schöner, unkonventioneller ist als andere. Wie wenig diese jedoch dem Leben gewachsen ist, erkennt die Tochter erst als Erwachsene. Warum hat Lucile sich für den Freitod entschieden? Diese Frage treibt Delphine seit dem Tag um, an dem sie ihre Mutter tot aufgefunden hat. Sie trägt Erinnerungsstücke zusammen, spricht mit den Geschwistern ihrer Mutter, mit alten Freunden und Bekannten der Familie. Es entsteht das Porträt einer widersprüchlichen und geheimnisvollen Frau, die ihr ganzes Leben auf der Suche war – nach Liebe, Glück und nicht zuletzt nach sich selbst. Gleichzeitig zeichnet Delphine das lebendige Bild einer französischen Großfamilie im Paris der 50er und 60er Jahre. Erinnerung um Erinnerung lernt sie ihre Mutter und schließlich auch sich selbst zu verstehen.

Zum Buch:

Obwohl der Klappentext unmissverständlich klar macht, dass es um Selbstmord geht, stürze ich wenige Kapitel ins Buch hinein kopfüber in einen emotionalen Abgrund. Das Thema Suizid ist ja sehr präsent derzeit, sowohl in der Literatur als auch in sonstigen Medien. Ich habe in letzter Zeit mehrere Jugendromane gelesen, die sich damit auseinandersetzen, konnte dazu aber immer gut eine gewisse Distanz halten.

Das gelingt mir hier nicht. Vielleicht, weil der Roman keine Fiktion ist, sondern die auf sorgfältigster Recherche beruhende Auseinandersetzung der Autorin Delphine de Vigan mit dem tatsächlichen Freitod ihrer Mutter.

Anmutung eines Romans, Kälte der Realität

Vielleicht, weil große Teile des Buches sich lesen wie ein Roman, dicht, voller Atmosphäre und griffiger Dialoge, einen hineinziehen in diese Familie – um sich dann mit den Reflektionen Vigans über den Schreibprozess und ihre Emotionen abzuwechseln. Eine Achterbahn, die einen zwischen prosaischer Erinnerung und kalter Wahrheit hin- und herschleudert.

Satte, wundervolle Sprache

Vielleicht ist es auch die Sprache des Romans. Vigan schreibt mit lebendiger Fülle und in deftigen Farben von ihrer Familie. Sie baut ein geradezu dreidimensionales Bild auf, dem man sich nicht entziehen kann. In saftigen Tönen, sprudelnd vor Energie turnt eine fröhliche, lärmende, charmante Großfamilie durch die Seiten. Vigan charakterisiert jeden einzelnen treffsicher und intensiv, manchmal schon mit dem ersten Satz. Welche Gruppe von Adjektiven zu welchem Familienmitglied gehört, weiß sie genau. Ihre Beschreibungen sind nicht schnörkelig, aber prall und frei von Zögern.

Meine Großmutter Liane konnte wunderbar erzählen. Wenn ich an sie denke […] dann sehe ich sie wieder in ihrer Küche sitzen, wie ein verschmitzter Kobold oder ein ins Haus gezogener Waldgeist in einen verrückten selbstgestrickten Schlafanzug aus roter Wolle gekuschelt […] und mit blitzenden Augen und melodiösem Lachen zum hundersten Mal dieselbe Geschichte erzählen.

Delphine de Vigan, Das Lächeln meiner Mutter, S. 42

Die erste Hälfte: Luciles Kindheit

Fatal schlägt man sich deshalb schnell auf die Seite dieser liebenswürdigen Familie. Das erste Drittel trägt uns dabei weit zurück in die Vergangenheit: In die Kindheit von de Vigans Mutter Lucile. Dort, mit den vielen Geschwistern, mit den Eltern und Großeltern, in Paris und im Sommerhaus in Pierremont, trägt sich fast die Hälfte des Buches zu. Dass unter dem quirligen Radau des Clans eine tragische Note anklingt, wird früh klar: Es geschieht ein furchtbares Unglück. Ein Kind stirbt. Dieser Tod wirft einen Schatten über Luciles Familie, der sich von nun an immer mehr vergrößert. Der Tod wird weitere Mitglieder aus dieser Familie reißen.

Was ist passiert, als Folge welcher Störung, welchen schleichenden Gifts? Ist der Tod der Jungen eine hinreichende Erklärung für die Bruchlinie, die Bruchlinien? Denn die Jahre danach sind nicht zu beschreiben ohne die Begriffe Tragödie, Alkohol, Irrsinn, Suizid, die genauso zu unserem Familienwörterbuch gehören wie die Wörter Fest, Spagat und Wasserski.

Delphine de Vigan, Das Lächeln meiner Mutter, S. 154

Die zweite Hälfte: Luciles Abstieg

Schlagartig finsterer wird das Buch zur Halbzeit. Da springt die Handlung nach vorn. Lucile ist erwachsen, Mutter geworden. Delphine de Vigan berichtet nun nicht mehr nur gestützt auf die Erinnerungen der Verwandten, sondern auch von ihren eigenen als Tochter. Und die sind geprägt von dem Abgleiten ihrer Mutter in eine Psychose. Drogen, Tabletten, Alkohol, Verwahrlosung, Armut, Vernachlässigung. Angst um die Mutter, Angst vor der Mutter. Alptraumhafte Erlebnisse prägen die junge Delphine. Geheimnisse treten zu Tage, die Abgründe auftun. Und immer wieder gibt es Todesnachrichten aus dem Kreis ihrer Lieben: der Hang zum Selbstmord durchzieht die Familie wie ein Fluch.

Am Ende: Erkenntnis und Akzeptanz

Der letzte Teil zeigt Lucile als gezähmte Patientin, bemüht um ein normales Leben, aber innerlich erlöschend. De Vigan erlebt, wie sich die Rollen umdrehen, wie sie zur Sorgenden, zur Verantwortlichen wird, die sich um die eigene Mutter kümmern muss. Es mündet am Schluss nicht in einem Happy End. Es mündet – wie die ersten Seiten schon klar machen – in Luciles Selbstmord. Aber das Schreiben darüber mündet für de Vigan auch im Entdecken von Ursachen, in möglichen Erklärungen, in Aufarbeitung, in Bewältigung. Und in einem neuen Verständnis der Tochter für die faszinierende, gequälte Mutter.

Fazit:

DAS LÄCHELN MEINER MUTTER ist die dunkle, leuchtende Vergangenheitsbewältigung einer großartigen Schriftstellerin. Romanhaft anmutend, durchsetzt mit psychisch erschöpfter Realität und der Erklärung des Schreibprozesses, entwickelt die Geschichte von de Vigans Familie einen düsteren Sog. Neben der schmerzhaften Aufarbeitung ist das Buch aber auch ein farbenfrohes Porträt einer Pariser Großfamilie in den 50ern, erzählt von Miteinander ebenso wie von Gegeneinander, von dem Bedürfnis nach Nähe, selbst wenn sie wehtut. Ein komplexes Netzwerk aus Charakteren, in dem durch Unglücke, Geheimnisse und psychische Erkrankungen die Liebe nicht ausreicht, um die Abgründe zu überbrücken.

Emotional extrem bedrückend, dabei gleichzeitig von romanhafter Lesbarkeit und sprachlich beglückend, weiß man nach der Lektüre von DAS LÄCHELN MEINER MUTTER hinterher nicht so ganz, ob man das Buch verschlungen hat, oder ob man umgekehrt vom Buch verschlungen wurde.

Bewertung: 10 von 10 Punkten

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