Rezension: Delicious Foods von James Hannaham

Delicious Foods von James HannahamTitel: Delicious Foods
Autor: James Hannaham
Sprache: Amerikanisch
Format: Hörbuch
Sprecher: James Hannaham
Anbieter:Hachette Audio
erschienen: 17.03.2015
Länge: 11 Std. 06 Min., ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 20,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von audible.

Inhalt:

Darlene, once an exemplary wife and a loving mother to her young son, Eddie, finds herself devastated by the unforeseen death of her husband. Unable to cope with her grief, she turns to drugs and quickly forms an addiction. One day she disappears without a trace.

Zum Hörbuch:

Herrjeh. Da bin ich wochenlang um DELICIOUS FOODS rumgeschlichen, und dann das: Ich komme mit dem Hörbuch nicht klar, finde keinen Zugang, keine Nähe.

Anfangsrätsel um eine Amputation

Sicher, es fängt packend an: Da taucht dieser Jugendliche mit schlecht verbundenen Armstümpfen in einem Diner auf, zu dem er gerade selbst irgendwie hingefahren ist. Wo kommt der her? Was ist passiert? Wer um Gottes Willen hat ihm die Hände abgetrennt? Und warum ruft keiner Hilfe?

Nun, dieser Junge ist von einer Farm geflohen, wo seine crack-süchtige Mutter und viele weitere armen Teufel gegen einen Hungerlohn ihre immer größer werdenden Schulden ‚abarbeiten‘. Aussichtslos, da der Besitzer freimütig Drogen austeilt und den Ausgebeuteten auf Pump verkauft.

Die Droge als Erzähler: Scotty

Erzählt wird ein Großteil der Geschichte von einer vorlauten, aufgekratzten afro-amerikanischen Männerstimme in Straßendieb-Amerikanisch: Dieser Erzähler ist Crack, die Droge selbst. Er nennt sich Scotty, erzählt von seiner obsessiven ‚Beziehung‘ zu Darlene, Eddie’s süchtiger Mutter. Crack redet MIT Darlene. FÜR sie. In ihrem Kopf. Oder so.

Ja, das ist seltsam. Das ist böse, bissig, alles andere als weichgespült oder leicht verdaulich. Das ist auf morbide Art auch schon mal witzig, aber das Lachen bleibt einem schnell im Halse stecken.

Sprecher = Autor = Artist

Ich muss mich schwer reinhören in DELICIOUS FOODS. Was Hannaham, der Autor selbst, als Sprecher vollführt, vor allem als Stimme der Droge, ist richtig beeindruckend (wenn auch für ungeübte Ohren erstmal schwer verständlich). Er hört sich high an, gewieft, umgarnend, überzogen lässig, wie ein elektrisierter Derwisch. Sowas erlebt man selten. Wow.

Ein Blick in Hannaham’s Biografie zeigt, dass er Autor ist, und außerdem ‚conceptual artist‘, ‚Performer‘, ‚prose professional‘. Das erklärt ein bisschen, warum er DELICIOUS FOODS in einem artistischen Stil schreibt, der aber ohne Netz und Boden ist, bizarr, wie eine befremdliche Zirkusnummer.

Ich verstehe auch, dass das Leben auf der Farm eine Parabel über die Erfahrungen der amerikanischen Sklaven ist. Dass Darlene, so sehr sie der Droge auch verfallen ist, einen großen Kampf kämpft und man sich am Ende fragt, wie sie aus diesem Sumpf eigentlich hinaus findet.

Das Problem: Was will diese Geschichte sein?

Trotzdem. Mein Problem ist, dass Parabel, Roman, exzentrisches Erzählexperiment, Abstraktion und dreckiger Realismus eine Liäson eingehen, die ich nicht auseinanderklamüsern kann. Was ist ganz wortwörtlich gemeint, was im übertragenen Sinne, was als Überhöhung der Wirklichkeit? Mehrmals beschleicht mich der Eindruck, dass ich von dieser ganzen Welt und dem amerikanischen Sklaventrauma, von Drogensümpfen (gottlob) zu weit weg bin, um zwischen den Zeilen lesen zu können. Einiges entgeht mir bestimmt.

Nicht einfach auch die Personen. Darlene vernachlässigt Eddie für die Droge, reißt ihn in einen Albtraum hinein und kriegt ihn nur unter höchsten Kosten wieder heraus. Für ihre Sucht und ihr Versagen als Mutter fehlt mir das emotionale Verständnis. Zumal Hannaham’s Stil aber auch gar nichts auf Rosen bettet: Diese Geschichte stinkt vor Hühnerdreck, ungewaschenen Junkies und Blut.

Erst relativ am Ende klärt sich, wie Eddie seine Hände verlor – eine bizarre Horroszene, gut geschrieben aber lang und kaum erträglich. Absurd. Auch da das Aufeinanderprallen von Fiktion, Abstraktion und Realität, mit dem ich nicht klarkomme.

Bis hin zu einem Schluss, der unerwartet hoffnungsvoll ist für diese trostlose Geschichte und ebenso ungreifbar für mich wie der Rest.

Fazit:

James Hannaham hat mit DELICIOUS FOODS eine literarische Tour de Force vor die Füße seiner Leser geknallt, die man entweder liebt oder nicht leiden kann. Die abstrahierte Parabel über Sklaverei und Drogensumpf spielt mit realitischen und surrealen Elementen, mit mehr als ungewöhnlichen Erzählperspektiven, einem harten Stil und einem Bodensatz an Charakteren. Eine Droge als Ich-Erzähler, dann auch noch so milieupointiert gesprochen vom Autor selbst – das ist außergewöhnlich. Als besonderes literarisches Experiment kann das gefallen. Oder eben auch nicht. Oder man steht etwas ratlos davor, weil man einfach nicht versteht, was man mit diesem gewagten Mix anfangen soll. So wie ich.

Bewertung:

Hörbuch: 4 von 10 Punkten
Sprecher: 9 von 10 Punkten

Blick über den Tellerrand:

DELICIOUS FOODS wird von anderen Rezensenten, gerade aus dem Feuilleton, hoch gelobt. Deshalb lohnt sich der Blick auf andere Meinungen:

New York Times
The Guardian

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Ein Gedanke zu “Rezension: Delicious Foods von James Hannaham

  1. Janice 5. September 2015 / 16:34

    Hallo Ute!

    Hmm, zuerst klingt das Buch vielversprechend, dann denke ich mit dem Hörbuch würde ich keine Freude haben mit meinen ‚britischen Ohren‘ 😀 Dein Fazit gab mir den Rest! Na ja, bleibt mehr Lesezeit für lohnenswertere Bücher, oder? Trotzdem schade eigentlich …

    Liebe Grüße
    Janice

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