Rezension: Auerhaus von Bov Bjerg

Auerhaus von Bov BjergTitel: Auerhaus
Autor: Bov Bjerg
Sprache: Deutsch
Format: eBook, Kindle Edition
Verlag: Blumenbar (Aufbau Verlag)
erschienen: 16.07.2015
Seitenzahl der Printausgabe: 241 Seiten

AUERHAUS ist direkt über den Aufbau Verlag erhältlich, online bei buchhandel.de oder beim Buchhändler eures Vertrauens.

Inhalt:

Sechs Freunde und ein Versprechen: Ihr Leben soll nicht in Ordnern mit der Aufschrift Birth – School – Work – Death abgeheftet werden. Deshalb ziehen sie gemeinsam ins Auerhaus. Eine Schüler-WG auf dem Dorf – unerhört. Aber sie wollen nicht nur ihr Leben retten, sondern vor allem das ihres besten Freundes Frieder. Denn der ist sich nicht so sicher, warum er überhaupt leben soll.

Zum Buch:

„Auerhaus“. Als Kind der 80er und Anglistin braucht mein Hirn nur Sekundenbruchteile, um die Verbindung zum Chartbreaker der Band ‚Madness‘ zu ziehen und das Ding auf Endlosschleife in meinem Kopf abzuspielen. Das reicht schon: Dieses Buch ist gekauft.

Die WG zum Hit der 80er

Natürlich ist schon der Schreibstil ein Hingucker: In simplem Alltags-Teenagerish, so wie die Schnauze dem jugendlichen Helden gewachsen ist, erfahren wir die Geschichte einer ungewöhnlichen WG. Erste Bewohner des „Auerhaus“ sind der namenlos bleibende, erzählende Abiturient und sein Freund Frieder, der nach einem Suizidversuch nicht mehr bei seinen Eltern, aber auch nicht alleine leben soll. Dazu gesellen sich die privilegierte Cäcilia, die klauende Vera, der schwule Harry und die pyromanische Pauline.

Eine Zeit ohne Regeln

Scheinbar losgelöst von den Regeln, Normen und Zwängen der Erwachsenenwelt verbringt dieses Trüppchen einen Sommer zwischen Ladendiebstahl und Party, zwischen Sinnsuche und Sinnlosigkeit, zwischen Jugend und dem Stemmen gegen das Erwachsenwerden.

Gut gemacht ist das haltlose Driften, das Schwimmen zwischen unangepasster Wildheit und drohender Verantwortung. Alles wirkt irgendwie cool und witzig, doch wenn man hinter die kurzen Sätze des Erzählers schaut und auf seine Sorge um Frieder, hat AUERHAUS eine durchgängige Melancholie an sich. Das Gefühl des Verlorenseins oder Nicht-Wissens wo man hin will tränkt die vordergründige Flappsigkeit des Erzähltons. Eine passende Darstellung dieser schwierigen Lebensphase.

Ein Ende ohne und mit Überraschung

Es ist klar, dass die Gemeinschaft im AUERHAUS nicht von Dauer sein kann. Das Ende kommt mit einer Grenzüberschreitung, die man erwartet hat – und mit einem Faustschlag in die Magengrube, den man nicht hat kommen sehen. Oder nicht sehen wollte, weil er vermutlich unvermeidbar war. Gestohlene Zeit – das ist das AUERHAUS in letzter Konsequenz. Eine Rebellion – gegen das Anpassen, gegen die Musterung, gegen Besitz und Bewertung – die sich ausbrennen musste wie der Weihnachtsbaum, der irgendwann arg symbolisch im Buch in Flammen aufgeht.

Der Stil: Lässt aufhorchen und macht müde

Das ist originell geschrieben und macht erst mal Spaß. Allerdins wird Bov Bjergs Stil zunehmend anstrengend. Die Kürze, die Auslassungen wirken zu gewollt. Die – für einen Abiturienten – arg schlifflose Ausdrucksweise ist nicht immer passend. Man meint, hinter der Reduktion einen Zaunpfahl schwingen zu sehen, der brüllt: Guck mal, da steckt VIEL MEHR DAHINTER! Zu absichtlich wirkt das und killt ein bisschen die Authentizität und Natürlichkeit, die Bjerg wohl bezweckt hat.

Ist das wirklich ernst gemeint?

Noch ein Problem: Soll AUERHAUS realistisch sein oder abstrakt? Vom Psychiatriepatienten, den die Eltern völlig zügellos lassen, bis hin zu der Gesetzlosigkeit, mit der die WG durchkommt, wirkt das Szenario zu anarchisch, um echt zu sein. Da fragt man sich schon mal, ob das AUERHAUS als Überhöhung gemeint ist, als Parabel? Dass ich das nicht erkennen konnte, hat mich beim Lesen aus der Geschichte gezogen.

Auf der Suche nach einer Aussage

Bei Romanen schaue ich immer nach einer Botschaft. Hier hatte ich Probleme, eine zu finden. Ich glaube, es gibt keine. Mir scheint AUERHAUS wie die Dokumentation einer schwierigen Zeit. Kein Roman über das Erwachsenwerden, sonder vor dem Erwachsenwerden. Ein Sommer des Zwischenstadiums, undefiniert, vage, nur scheinbar frei.

Unter’m Strich ist mir das am Ende zu schwammig. Der Stil zu gewollt. Sicher ein Leseerlebnis abweichend ausgetretener Pfade. Aber was ich damit hinterher anfangen soll, ist mir nicht ganz klar.

Fazit:

AUERHAUS will ungewöhnlich sein, und das ist es auch. Der poppig-reduzierte Erzählstil ist bemerkenswert, strengt aber auch an. Die Geschichte ist rebellisch, aber auch neblig. Witz wird unterwandert von Traurigkeit. Am Ende steht man mit einem dumpfen Gefühl da und ohne Antworten oder Botschaften.

Soll es um die Sinnsuche auf dem Weg ins erwachsene Leben gehen? Falls ja, steht nur eines fest: Im AUERHAUS finden die Bewohner ihn auch nicht. Und möglicherweise ist das dann doch wieder eine Botschaft.

Bewertung: 6 von 10 Punkten

Vielen Dank an den Blumenbar Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

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3 Gedanken zu “Rezension: Auerhaus von Bov Bjerg

  1. Kathrin 1. November 2015 / 21:09

    Danke, liebe Ute, für diese detaillierte und vielschichtige Besprechung. Ich habe inzwischen so viele Beiträge über dieses Buch gelesen, aber deine Rezension ist die erste, bei der das Buch für mich wirklich greifbar wird, weil du nicht in die bedingungslosen (und schnell auch langweilig gewordenen) Lobgesänge einsteigst, sondern das Positive und Negative so gut gegeneinander abwägst. Ironischerweise hast du es damit aber auch als erste Leserin geschafft, meine Neugier zum Selber-Entdecken des Romans zu wecken. Chapeau! 🙂

    • papercuts1 1. November 2015 / 21:46

      Hallo Kathrin,
      du hast recht: Über AUERHAUS kursieren vor allem begeisterte Rezensionen. Umso überraschter war ich, als die Lektüre für mich auch Kritisches zutage brachte, und umso wichtiger war mir deshalb eine sorgfältige Rezension. Dass diese dich – trotz oder gerade wegen der Kritik – neugierig auf AUERHAUS macht, bestätigt mich in meiner Art zu rezensieren.
      Es ist für mich übrigens auch oft so: Ecken und Kanten sind reizvoller als glatte Lobeshymnen. Was nicht heißt, dass die nicht gerechtfertigt sind: Jeder sieht jedes Buch anders. Hier bin ich nur eben eine, die von der Mehrzahl abweicht.
      Jetzt bin ich gespannt, was du zu AUERHAUS selbst sagen wirst!

      LG,

      Ute

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