Rezension: ‚The Wolf Border‘ von Sarah Hall

The Wolf Border von Sarah HallTitel: The Wolf Border
Autor: Sarah Hall
Sprache: Englisch
Format: Hörbuch-Download
Sprecherin: Louise Brealey
Anbieter: Audible Studios
erschienen: 24.03.2015
Länge: 13:14 Std., ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kosten im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 23,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von audible.

Inhalt:

For almost a decade, Rachel Caine has turned her back on home, kept distant by family disputes and her work monitoring wolves on an Idaho reservation. But now, summoned by the eccentric earl of Annerdale and his controversial scheme to reintroduce the grey wolf to the English countryside, she is back in the peat and wet light of the Lake District. The earl’s project harks back to an ancient idyll of untamed British wilderness.

Zum Hörbuch:

Zwei Dinge bewegen mich, THE WOLF BORDER von der mir völlig unbekannten englischen Autorin Sarah Hall runterzuladen: 1. Ich liebe seit meinen Uni-Tagen das ’nature writing‘. 2. Ich liebe seit ‚Sherlock‘ und GIRL ON THE TRAIN Louise Brealey.
Beides erweist sich als guter Grund für dieses Hörbuch. Mich erwischt ein ganz und gar außergewöhnlicher Roman, ungewöhnlich vorgetragen.

‚Nature Writing‘ – was ist das denn?

Wisst ihr, was ’nature writing‘ ist? Simpel gesagt, ist das nichts anderes als das Schreiben über die Natur, ausgehend von wissenschaftlichen Fakten. Das begann ganz klassisch mit Charles Darwin’s Aufzeichnungen über seine Entdeckungen und Expeditionen, setzte sich fort über den schottisch-amerikanischen Autoren John Muir und seine Beschreibungen der US-Nationalparks und landete dann bei Schreibern wie Annie Dillard und Edward Abbey, in deren Reflektionen über Landschaft und Natur ein immer zentraleres Element die Betrachtung des Menschen als Teil dieser Natur. Meist in der 1. Person geschrieben, mit zunehmend naturalistischer Poesie erfüllt, erlebt das ’nature writing‘ gerade eine kleine Renaissance, vor allem in Großbritannien.

Genug erklärt? THE WOLF BORDER ist jedenfalls ein perfektes Beispiel. Darin begleiten wir die Engländerin Rachel, die sich nach vielen Jahren Forschungsarbeit über Wölfe in den USA zurück in die Heimat locken lässt. Die Herausforderung: Auf dem weiträumigen Gelände eines naturbegeisterten Adligen ein Reservat für Wölfe einzurichten – die ersten freilebenden in England seit der Ausrottung.

Mensch und Natur – in Konflikt und Einklang

Bei ihrer Arbeit sieht sich Rachel mit den Bedenken der Anwohner konfrontiert, mit der zwiespältigen Pseudo-Freiheit eines umzäunten Reservats, mit den Wünschen des schwer durchschaubaren Earls, mit dem schwierigen Verhältnis zu ihrer in einem Pflegeheim lebenden Mutter, mit den Problemen ihres Bruders – und mit der eigenen, ungewollten Schwangerschaft.

Das hört sich nach viel an, aber tatsächlich ist der Plot weder überladen noch von hoher Pace. Was sich an Dramatik ereignet, ist überschaubar, eher zurückhaltend unspektakulär, obwohl in seiner inneren Dramatik bedeutsam. Apropos innen: Neben vielen Naturbeschreibungen über das Wolfspärchen und sein Habitat ist THE WOLF BORDER vor allem eine Betrachtung der Natur des Menschen.

Der Stil: biologische Poesie

Sarah Hall’s Stil ist primär deskriptiv und naturalistisch. Liebe, Sex, Konflikt – das beschreibt sie über Haptik, Duft, Instinkte, Reflexe, Physis. Der Mensch als animalische Kreatur, seine Gefühle als Resultat seiner Biologie. Hauptfigur Rachel ist derartig verbunden mit ihrer Arbeit, dass sie sich im Denken und Handeln sehr an dieser biologischen Wahrnehmung orientiert und sich und ihr Umfeld darüber versteht. Da gibt es keine Romantisierung: Das gibt es nur die pure, ehrliche, nackte Beobachtung und Schlussfolgerung aus dem Erleben.

Der Kreislauf des Lebens

Natürlich kann in einer solchen Betrachtungsweise das Thema Leben und Tod nicht fehlen. Ob es um die Wölfe geht, um das Töten von und durch Tiere, oder um den Tod eines Menschen – in diesem Roman hat das etwas ebenso Ursprüngliches wie Tektonisches. Das Gleiche gilt für das Leben, eindrucksvoll vertreten durch Rachel’s Mutterwerden. Noch nie habe ich eine Schwangerschaft, eine Geburt, Mutterschaft so instinkt-basiert und im wahrsten Sinne natürlich beschrieben gesehen wie hier.

Rachel: Ein Wolfsmensch

So rückt der Fokus von den Wölfen zu Rachel. Von den Tieren zum Menschen, der letztlich auch nichts anderes ist als ein Säugetier, dessen komplexere kognitive Fähigkeiten das Leben nicht unbedingt einfacher machen. Über den Plot, der im nature writing noch nie die größte Rolle spielte, stellt sich Sarah Hall’s fazinierender Schreibstil und ihre ruhige, im wahrsten Sinne des Wortes natürlich schöne (oder auch hässliche) Betrachtung des Tiers im Menschen. Oder des Menschen im Tier? Das lässt sich in THE WOLF BORDER nicht trennen.

Zur Sprecherin:

Louise Brealey ist eine englische Schauspielerin, die hierzulande vor allem aus ‚Sherlock‘ bekannt ist, ansonsten aber auch auf der Theaterbühne oder eben als Hörbuchsprecherin zu finden ist. Meine erste Hör-Begegnung mit ihr hatte ich in THE GIRL ON THE TRAIN und war begeistert. Hier ist Brealey’s Stil ähnlich: Leise, fast monoton, ohne große Ausschläge. Trotzdem legt sie viel Intensität und Ausdruck in alles, was sie sagt. Eine unterschwellige Bedeutsamkeit. Man kann das Interesse verlieren an dieser Vortragsart – oder sich davon vereinnahmen lassen, wie es bei mir geschieht.

Fazit:

Leises, feines ’nature writing‘ im modernen englischen Stil. Nicht die ausschweifende, überwältigende Betrachtung weiter Landschaften und wilder Tiere. Sondern der Fokus auf ein Wolfspaar in halber Freiheit, mitten in der zivilisierten Welt, und auf die beschreibende Reflektion der Hauptfigur und ihre menschlische Natur. Ein Erlebnis von stiller Intensität, ungewohnt, unvollkommen, sehr dicht an dem, was den Menschen ausmacht: Seine Biologie und seine Wahrnehmung.

Hörbuch: 8 von 10 Punkten
Sprecherin: 8 von 10 Punkten

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