Rezension: ‚Verschwörung‘ (Millenium #4) von David Lagercrantz

Verschwörung von David Lagercrantz - HörbuchTitel: Verschwörung
Originaltitel: Det som inte dödar oss
Autor: David Lagercrantz
Reihe: Millenium-Trilogie, #4
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Schwedisch
Format: Hörbuch, mp3-CD
Verlag: Random House Audio
erschienen:27.08.2015
Länge: ca. 9 Std. 10 Min. (gekürzte Lesung)

Das Hörbuch ist direkt bei Random House Audio erhältlich oder beim (Hör)Buchhändler eures Vertrauens.

Inhalt

Mikael Blomkvist steht vor einer Entscheidung: Böse Zungen behaupten, er sei nicht länger der Journalist, der er einst war. Lisbeth Salander hingegen ist aktiv wie eh und je. Die Wege kreuzen sich, als Franz Balder, einer der weltweit führenden Experten für künstliche Intelligenz, ermordet wird. Kurz vor seinem Tod hatte er Bomkvist brisante Informationen versprochen. Als Blomkvist erfährt, dass Balder auch in Kontakt zu Lisbeth Salander stand, nimmt er die Recherche auf. Die Spur führt zu einem US-amerikanischen Softwarekonzern, der mit der NSA verknüpft ist. Blomkvist wittert seine Chance, die Enthüllungsstory zu schreiben. Doch wie immer verfolgt Salander ihre ganz eigene Agenda.

Zum Hörbuch:

Kein Zweifel: David Lagercrantz tritt ein schweres Erbe an. Die Millenium-Trilogie des viel zu früh verstorbenen schwedischen Investigativjournalisten Stieg Larsson hat bei Millionen von Fans die Latte sehr hoch gehängt. Die Fortsetzung durch Lagercrantz ist in den Augen von Fans und Feuilleton – je nach Ansichtssache – unnötig, ein Sakrileg oder mutig.

Der Vergleich Larsson vs. Lagercrantz bleibt nicht aus

Ich gehe bedingt neutral an die Sache heran. Für mich ist die Lektüre der Trilogie schon Jahre her, und ich fand sie gut, aber nicht so großartig wie andere. Mir war Larsson damals etwas zu missionarisch, zu Zeigefinger-betont journalistisch. Ohne einen stillen Vergleich geht es aber natürlich nicht.

Clever, dass Random House mit Dietmar Bär denselben Sprecher gewählt hat wie in Teil 1-3. Da muss man sich nicht umgewöhnen. Und Neulingen macht die warme Erzählstimme des Kölner ‚Tatort-Kommissars‘ den Einstieg leicht.

Wiedersehen mit ‚Kalle‘ Blomkvist und der coolsten Hackerin Schwedens

Auch sonst trifft man Einiges, was bekannt vorkommt: Die Hauptfiguren, Mikael ‚Kalle‘ Blomkvist und Lisbeth Salander sind sich im Kern treu geblieben. Beide wirken etwas älter. Vor allem Mikael hat im Rahmen des strauchelnden Millenium-Magazins und der Cyberspace-Thematik etwas von einem Dinosaurier an sich, kommt aber wie gewohnt in die Gänge, als er journalistisch erstmal Blut geleckt und Lisbeth rekrutiert hat.

Lisbeth hat die psychische Instabilität der Vorgängerbände hinter sich gelassen. Nach wie vor ist sie ein Freak, ein Rebell und macht, was sie möchte. Aber Sorgen macht man sich nicht um sie. Im Gegenteil: Lisbeth stiehlt Mikael immer mehr die Show und wird zu einem regelrechten Kick-Ass-Charackter inklusive Action-Einlagen.

So sind unsere Helden wieder zu erkennen, aber etwas geschliffener um die Kanten herum, einen Hauch weniger komplex – was für den einen Grund zum Murren ist, den anderen freuen wird, da es anders herum bedeutet, dass der Plot mehr Raum bekommt.

Die Handlung: Mehr Stringenz, weniger Komplexität

Apropos Plot: Es geht – ganz zeitgemäß – um Datenklau, Hackingsoftware und künstliche Intelligenz, um Nutzen und Missbrauch all dessen. Mittendrin: Ein stummer Zeuge. Der autistische Sohn eines IT-Genies wird zum gejagten Objekt. Ein Plot-Device, das einem ein bisschen auf die Nerven geht, kommt der kleine August doch mit allen Savant-Klischees aus Lagercrantz‘ Feder, die wir kennen. Ebenso wie die Tatsache, dass sich sogenannte Erzieher wie Idioten verhalten und ein Teil des Showdowns auf etwas zu deutlich konstruiertem Timing beruht.

Was die Larsson-Trilogie im guten wie im schlechten auszeichnete war das investigativ-journalistische Herz. Larsson’s berufliche Leidenschaft brannte durch alle drei Millennium-Bände. Lagercrantz bemüht sich ganz deutlich, diesem Erbe in VERSCHWÖRUNG auch nachzukommen. Er verknüpft ein brisantes, aktuelles Thema mit persönlichen Geschichten und Thriller-Sequenzen. Trotzdem: Lagercrantz trägt es nicht weg, und sein Stil wirkt weniger dokumentarisch, weniger zeitungshaft und fühlt sich mehr nach Thriller-Mainstream an.

Zum Sprecher:

Als Fast-Kölner und bekennender Tatort-Fan liebe ich Dietmar Bär in seiner Rolle als Kommissar Freddy Schenk. Seine schöne Stimme wird im Fernsehen etwas von seiner gewichtigen Optik überdeckt. Im Hörbuch (und er hat schon viele eingesprochen) kommt eben diese Stimme ganz anders zur Geltung. Vollmundig, gereift und mit einer warmen Patina hört sich Herr Bär an, kann aber auch scharf klingen, wenn er das will. So gerne ich seinem angenehmen, sauber enunzierten Erzählen zuhöre, so sehr wundert es mich, dass er nicht noch mehr Differenzierung in die Charaktere bringt. Mikael hört sich unspektakulär an, und auch von Lisbeth hätte ich mehr Markanz erwartet. Teils hören die zwei sich sogar gleich an.

Dass Bär das drauf hat, beweist er in bei den Nebenfiguren. Vor allem nenne ich da Lisbeth’s ehemaligen Betreuer, Holger Palmgren. Der hatte einen Schlaganfall, und wie Bär sein halbseitig gelähmtes Genuschel authentisch und dennoch bestens verständlich macht, ist clever.

Ich verstehe zwar, dass Hörbuchsprecher für die Hauptperson(en) gerne ihre normale Stimme verwenden, aber hier ist mir ein bisschen zu wenig Charakteristik in Mikael und Lisbeth’s Sprechweise.

Fazit:

VERSCHWÖRUNG ist ein guter, ziemlich spannender Thriller rund um das brandheiße Thema Datenklau und Spyware. Und ein Wiedersehen mit zwei markanten Hauptfiguren: Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander. Im Vergleich mit Larsson’s Trilogie ist diese von David Lagercrantz geschriebene Fortsetzung durchaus stark an Larsson’s Vorgaben angelehnt. Im Positiven ist VERSCHWÖRUNG zeitlich geraffter, mit ordentlichem Thriller-Spannungsbogen und starken Momenten. Im Negativen geht ihm aber die journalistische Charakteristik ab, und sowohl Figuren als auch Plot wirken weniger komplex.

Für mich weniger ein vierter Millenium-Teil als ein guter Lagercrantz-Thriller, in dem lieb gewonnene Helden auftauchen. Die solide Leistung von Dietmar Bär passt dazu.

Bewertung:

Hörbuch: 7 von 10 Punkten
Sprecher: 6 von 10 Punkten

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