Rezension: ‚Fates and Furies‘ von Lauren Groff

Fates and Furies von Lauren GroffTitel: Fates And Furies
Autorin: Lauren Groff
Sprache: Amerikanisch
Format: Hörbuch
Sprecher: Will Damron, Julia Whelan
Verlag: Penguin Audio
erschienen: 15.09.2015
Länge: 14:09 Std., ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 33,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von Audible.

Inhalt:

Every story has two sides. Every relationship has two perspectives. And sometimes, it turns out, the key to a great marriage is not its truths but its secrets. At age 22 Lotto and Mathilde are tall, glamorous, madly in love, and destined for greatness. A decade later their marriage is still the envy of their friends, but with an electric thrill we understand that things are even more complicated and remarkable than they have seemed.

Zum Hörbuch:

In der Tat hat jede Geschichte zwei Seiten. Und es wird umso spannender, wenn in einer Beziehung der eine keine Ahnung hat, was der andere verbirgt. Und auf diese Art und Weise letztlich die Ehe zusammenhält.

Lotto: Der musische Narziss

Was Lauren Groff’s literarischen Roman so gewieft macht und für stockenden Atem sorgt, ist die perspektivische Aufteilung. Die erste Hälfte erzählt Lotto (oder vielmehr ein Erzähler, der meist aus Lotto’s, mal auch aus allwissender Sicht die Dinge schildert und kommentiert). Lotto, das begabte, privilegierte, hübsche Wunderkind, steigt als Autor von Theaterstücken zu (verblassendem) Ruhm empor. Mit seinem Charme gewinnt er wie im Fluge das Herz von Mathilde, die loyal an seiner Seite bleibt.

Wie eine Sonne umkreist dieser erste Teil das Zentrum ‚Lotto‘, in metaphernreichem Prosa, mit Theatertermini und an griechische Chöre erinnerden Kommentaren gespickt. Lotto’s selbstverliebter Aufstieg, sein weinerlicher Fall, die junge Tragödie. Seine Ehe mit Mathilde wirkt fest, seine Frau ein sicherer Halt irgendwo zwischen natürlich-abstoßendem Hippitum und ätherisch-enigmatischer Persönlichkeit.

Mathilde ist nicht greifbar in diesen Zeilen, bleibt außerhalb von Lotto’s Rampenlicht im Schatten.

Aber dann. Teil 2 des Romans.

Mathilde, das unbekannte Wesen

Die Perspektive wechselt zu Mathilde, reist zurück in ihre Kindheit. Die wird gleich mal geprägt von einem traumatischen Ereignis, das uns erschüttert und in tiefe Skepsis wirkt: Ist Mathilde ein völlig anderer Mensch, als wir bisher geglaubt haben? Als Lotto geglaubt hat?

Ohne dessen Wissen hat Mathilde Abgründe durchlaufen, sie überbrückt, zugeschüttet. Es ist ihrem Wirken, Walten und Manipulieren zu verdanken, dass das gemeinsame Leben und Lotto’s Karriere so funktionieren, wie sie es tun. Zwischen Hinterlist und Rettungsgriffen sind Mathilde’s Taten ganz und gar ambivalent. Wüsste Lotto, was sie tut – es wäre nicht auszudenken. Aber wir stellen auch fest: Ohne Mathilde’s Eingriffe – so verwerflich sie auch teils sind – und ohne ihre verschwiegene Vergangenheit wäre nicht nur diese Ehe sondern auch Lotto’s Leben unmmöglich gewesen.

Kennen wir uns wirklich?

Da bleibt einem schon mal die Spucke weg. Nicht so sehr über Mathilde’s Taten. Was so tief beunruhigt, ist, dass es so glaubhaft erscheint, dass ein Mensch sich selbst dem Ehepartner nicht so zeigt, wie er ist. Dass sich hinter einer Fassade ganz etwas anderes abspielt. Man überträgt das auf den eigenen Erfahrungshorizont: Was wissen wir schon wirklich über die Menschen, die uns umgeben? Und – ebenso – wie wirkt sich das auf uns aus? Und wollen wir wirklich wissen, was in Wahrheit vor sich geht? Wäre das überhaupt gut für uns?

Sprachlich ein Meisterwerk

Diese unangenehmen Fragen wirft uns Lauren Groff in ausschweifendem Prosa hin, ebenso bildhaft wie ungeschönt. Zwischen Poesie und dreckigem Sex ist es nicht weit. Lyrische Deskription trifft auf ungeschminkte Wahrheit. Manche Zeilen möchte man auswendig lernen, so schön sind sie. Vor manchen möchte man die Augen verschließen, weil sie einem die Faust in die Magengrube schlagen.

Groff’s Schreibstil lehnt sich – vor allem in Lotto’s Romanhälfte – stark an die Theatersprache an, sowohl in den großen Gesten als auch in der Thematik. Wer ein Faible für die Bühne hat, der wird hier keine Längen empfinde. Andere vielleicht schon.

Mathilde’s Anteil wirkt wie in schwarze Tusche getaucht. Das hat ein bisschen GONE GIRL Feeling, aber das hat nichts mit der Romanhandlung selbst zu tun, sondern nur mit dem doppelten Boden, der sich plötzlich unter einem auftut. Es geht zwar nicht um Mord, Hass und Totschlag, jedoch reichen die Geheimnisse Mathilde’s ein ums andere Mal, um die Augenbrauen in die Höhe schießen zu lassen. Zumal Groff ihre Figure mit fast mitleidiger Abgebrühtheit berichten lässt.

Zu den Sprechern:

Will Damron vermag, für sich einzunehmen. Seine mal weiche, mal attraktiv virile Stimme umgreift den Raum, den diese Figur für sich beansprucht. Dazu passt eine gewisse Theatralik, die aber nicht in den Vordergrund tritt. Julia Whelan, die ich sonst aus jungen Romanen kenne, überrascht mit lasziver Distanziertheit und mit einer Stimme, die sich anhört, als hätte sie schon mehr erlebt als beim ersten Hinhören greifbar. Von beiden eine großartige Leistung!

Fazit:

Die zwei Seiten einer Ehe, die eine blind gegenüber der anderen. Ein Mann, der nicht ahnt, was seine Ehefrau verbirgt, wer sie eigentlich ist. Zu seinem Glück, sind es doch eben diese Geheimnisse und das Fädenziehen im Hintergrund, die sein Leben und diese Beziehung erhalten.
Faszinierend, raumgreifend, überraschend und mit großer literarischer Geste geschrieben. Von zwei hervorragend ausgesuchten Sprechern dicht am Stoff vorgetragen. Sowas findet man nicht alle Tage.

Bewertung:

Hörbuch: 9 von 10 Punkten
Sprecher: 10 von 10 Punkten

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