Frische Freaks im Bücherregal: Mein #indiebookday

Logo #indiebookday 2016

Um Punkt 9 stehe ich, bewaffnet mit einer ausgedruckten Liste betitelt ‚Unabhängige Verlage‘ vor dem Buchladen im Nachbarort, um den #indiebookday zu begehen. Wer nicht weiß, was das ist: vom mairisch Verlag ins Leben gerufen, werden alle Buchmenschen am #indiebookday dazu aufgerufen, in die Buchläden zu gehen und dort Bücher aus unabhängigen Verlagen zu kaufen.

Das sind meist kleine (oft winzig kleine) Verlage, die keinem großen Verlagskonzern oder -konglomerat angehören. Sie werden geführt von Buchmenschen mit Herzblut, aus Überzeugung, und bieten oft unentdeckte Perlen der Literatur: anders, besonders, bereichernd. Selbst, wenn das Geld verdienen damit nicht einfach ist und sie im Kampf um die Auslage in Buchläden meist den Mainstream-Bestsellern unterliegen.

Diese Bücher sind also die Freaks unter den Veröffentlichungen. Und ich habe ein Herz für Freaks. Also los.

In geheimer Mission: Mein #indiebookday Erfahrungsbericht

In der Buchhandlung rütteln mich Gefühle der Ambivalenz. Als ich eine der Angestellten frage, ob sie mir zum #indiebookday Bücher aus unabhängigen Verlagen empfehlen kann, ernte ich verwirrte Blicke. „Indie…was?“ Damit habe ich ein bisschen gerechnet. Weiß ich doch, dass besagte Buchhandlung zwar gut sortiert, aber allergisch gegen das Internet ist. Ohne Facebook-, Twitter- oder Instagramaccount verpasst man sowas Tolles wie den #indiebookday schnell. Tja.

Aber ich bin bereit aufzuklären und bete herunter, was am #indiebookday Sache ist. Entsetzt bin ich dann aber, dass besagte Angestellte nicht weiß, was ‚unabhängige Verlage‘ sind. Ich atme durch und erkläre, dass dies konzernunabhängige kleine Verlage sind. „Ach so. Hm. Da weiß ich nicht… Die gibt’s ja kaum…“

Auch Buchhändler wissen nicht immer alles

Ich seufze. Und krame meine ausgedruckte Liste aus der Tasche. Die Dame guckt erleichtert und überlässt mich mir selbst. Hinter mir höre ich, wie sie der Ladenbesitzerin mein Anliegen verunsichert mitteilt. Die ist eigentlich mit anderen Kunden beschäftigt (es ist voll im Laden, juhuu!), kommt aber wenigstens kurz bei mir vorbei und deutet auf ein paar Bücher, von denen ein paar Indies sind (Mare, Kein & Aber), ein paar aber auch nicht (KiWi gehört zu DuMont, meine Verehrteste, und Galiani gehört zu KiWi!).

Hier ist offensichtlich auch in Buchhandlungen noch fleißige Aufklärung nötig, und ich beneide diejenigen, von denen ich auf Twitter ganz andere Eindrücke bekomme: Buchhandlungen, die richtig auf zack sind, Indie-Empfehlungen geben und den #indiebookday richtig zelebrieren. Die gibt es also auch.

Zum Trost: reichlich Indies im Regal

Die Enttäuschung wird sehr gemildert, als sich bewahrheitet, was ich von diesem Buchladen kenne: In den Regalen schlummern trotz der relativen Ahnungslosigkeit meiner ersten Beraterin tatsächlich reihenweise Indies. Die Auswahl ist richtig groß! Wer auch immer hier ein Herz für unabhängige Verlage hat – er oder sie könnte damit heute richtig punkten. Das reicht locker für einen ganzen Tisch voller Indies. Schade – Chance verpasst. Beim nächsten Mal vielleicht?

Ich bleibe letztlich fast eine Stunde im Buchladen, stöbere in aller Ruhe, lasse mich von Klappentexten, ersten Seiten und meiner Intuition zu meinen Fundstücken leiten. Eins wollte ich kaufen. Bei so viel Auswahl sind es dann sogar drei Bücher geworden. Hier sind meine neuen Freaks im Regal:

Fundstück Nr. 1

GUSTAV von Wolf Kampmann, Osburg Verlag, 2014
Gustav von Wolf Kampmann

»Was Wahrheit ist, entscheide ich!« Diese Maxime trägt Gustav Bülow durch die siebzig Jahre seines Lebens, vom Ende des Zweiten Weltkrieges über den Zusammenbruch der DDR bis zur Jahrtausendwende. Er ist Künstler, Forscher, Womanizer und Weltenretter. Sein Bezugssystem ist das Reich der Fantasie. »Wer Probleme damit hat, ist ein Idiot.« Er erfindet blutstrotzende Kriegsabenteuer, samt einer mysteriösen Begegnung mit Hitler persönlich, eine Ehe mit einer Mohawk in Kanada und Abenteuer mit Wölfen mitten in der Zivilisation. Die Wirklichkeit ist Gustav stets dicht auf den Fersen, doch er ist der Wahrheit immer eine Nasenlänge voraus.

Der Hamburger Osburg Verlag publiziert seit 2008 und widmet sich „mit besonderer Aufmerksamkeit der Geschichte von Menschen, die in Vergessenheit geraten sind und die es wiederzuentdecken gilt.“

Fundstück Nr. 2

HIMMELFARB von Michael Krüger, haymon tb, 2016

Himmelfarb von Michael KrügerAls Richard zu seinem achtzigsten Geburtstag ein Brief in die Hände fällt, ist mit einem Mal alles anders: Seine finstere Vergangenheit holt ihn ein. Fünfzig Jahre ist es her, dass er vom brasilianischen Dschungel heimgekehrt ist. Auf einer zweijährigen Reise, quer durch indianische Lebenswelten, hatte der jüdische Emigrant Himmelfarb den Ethnologen und Rasseforscher des Dritten Reichs begleitet. Ohne ihn wäre Richard verloren gewesen, doch hindert ihn das letztlich nicht, den Freund zu verraten. Ist es tatsächlich Himmelfarb, der nun auf Vergeltung pocht?

Haymon tb gehört zum seit 1982 existierenden Haymon Verlag, der sich Belletristik, Lyrik und Erzählungen widmet. Haymon tb hat seinen Sitz in Österreich.

Fundstück Nr. 3

WIE GANZ ZUFÄLLIG AUS MEINEM LEBEN EIN BUCH WURDE von Annet Huizing, mixtvision, 2016

Wie ganz zufällig aus meinem Leben ein Buch wurde von Annet HuizingKatinka ist dreizehn und hat einen großen Traum: Sie möchte Schriftstellerin werden! Eines Tages nimmt sie all ihren Mut zusammen und bittet ihre Nachbarin, die berühmte Autorin Linda, um Tipps. Mit Lindas Hilfe schreibt Katinka ihre eigene Geschichte auf – von der neuen Frau an der Seite ihres Vaters, die sie nicht als neue Mutter akzeptieren kann. Ob es ein Happy End geben wird?

Schöne Idee: Dem Buch liegt ein hübsches Notizbuch bei, damit die jungen Leser die Schreibtipps gleich selbst in die Tat umsetzen können.

Der mixtvision Verlag aus München ist ein junger Kinder- und Jugendbuchverlag, der seine Wurzeln in der Fernsehen- und Medienwelt hat. Entsprechend wird Wert auf digitale Vernetzung gelegt. Mixtvision betont als Qualitätsmerkmal, dass alle Bücher von Beginn an in Deutschland produziert und gedruckt werden.

<h3>Und ihr? Habt ihr auch den #indiebookday zelebriert? Welche Indies sind in eure Regale eingezogen?</h3>

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7 Gedanken zu “Frische Freaks im Bücherregal: Mein #indiebookday

  1. Sam (Buchflimmern) 26. März 2016 / 20:47

    Schöner Beitrag! Du warst ja echt gut organisiert.
    Ich habe gezielt ein Buch gewählt, dass schon länger auf meiner Wunschliste stand:111 Kölner Orte, die man gesehen haben muss aus dem Kölner Emons Verlag. Seit einigen Monaten wohne ich in Köln und wollte sowieso ein derartiges Buch kaufen, um meine Stadt besser erkunden zu können.
    Viel Spaß mit deinen indie books!

    • papercuts1 27. März 2016 / 12:18

      Hallo Sam!

      Ich hatte letztes Jahr am #indiebookday schon mal die Erfahrung machen müssen, dass im Buchladen nicht klar war, welche Verlage unabhängig waren und welche nicht. Daher habe ich mich diesmal mit der Liste ausgerüstet.
      Köln! Meine deutsche Lieblingsstadt! Ist auch nur ca. eine Dreiviertelstunde von mir entfernt, und dein #indiebookday Buch hört sich daher auch für mich spannend an. Muss ich mal reinschauen!

      Gruß,
      Ute

  2. Marion 27. März 2016 / 10:24

    Trotz Indiebook-Verwirrung stehen da tatsächlich sehr „seltene“ Verlage im Regal. Als Buchhändlerin tut man sich damit ja manchmal schwer, ich will mich da keinesfalls ausnehmen. Umso besser, dass sie bei dieser Buchhandlung im Sortiment sind und gute Auswahl!

    • papercuts1 27. März 2016 / 12:29

      Hallo Marion!

      Meine Theorie: ausgerechnet DIE Buchhändlerin, die all diese Indie-Schätze in die Regale verteilt hat, war am #indiebookday nicht da. Oder hat mich zumindest nicht beraten. Anders kann ich mir die Diskrepanz in der Beratung nicht erklären. Du hast also Recht: Trotz der Verwirrung GAB es dort tolle Indie-Bücher. Unterm Strich also trotzdem eine gute Bilanz. Ich hoffe, besagter Buchladen schöpft sein offenbar verborgenes Indie-Potential am nächsten #indiebookday mal voll aus und protzt damit!
      Interessanten Blog hast du da übrigens. Ungewöhnliche Titel. Das ist ein definitives ‚Follow‘ von mir.

      Gruß,
      Ute

      • Marion 27. März 2016 / 13:35

        Dankeschön!
        Was die BuchhändlerInnen angeht – da gibt es tatsächlich gewaltige Diskrepanzen. Manche sind sehr engagiert und interessiert und andere haben fünf Tage nach der Verleihung noch nicht gemerkt, dass schon wieder jemand den Literaturnobelpreis bekommen hat.
        Bücher von Kleinverlagen sind eben Arbeit für den Buchhandel. Die muss man lesen und verkaufen, die kann man nicht einfach im Stapel irgendwohin stellen und zugucken, wie alles weggeht. Die Werbung übernimmt keine Marketingabteilung, das muss man selber machen. Da hat halt nicht jeder Bock drauf.
        Man muss aber auch wirklich das Publikum am Ort haben. In einigen Buchhandlungen verstehe ich zumindest betriebswirtschaftlich völlig, warum da nur Massenware in den Regaln steht.

      • papercuts1 27. März 2016 / 18:42

        Ich zitiere dich:“…die muss man lesen und verkaufen.“ Genau diese Chance wurde gestern bei mir leider nicht genutzt. Das war ja so schade. Ich verstehe auch, dass das“an den Mann bringen“ von Indies richtige Arbeit ist, und dass das nicht jede Buchhändlerin leisten und erst recht nicht jeder Buchladen anbieten kann. Das muss sich schließlich wirtschaftlich rechnen. Da sehe ich aber auch die Chance der kleineren Buchläden vs. große Ketten mit Mainstream-Publikum: Wo persönliche Beratung das A und O ist und auch mal etwas Besonderes von den Kunden erwartet wird (und das tue ich in unabhängigen, eher kleinen Buchläden), da kann man mit ein paar ausgesuchten Indies vielleicht punkten. Vor allem, wenn das mit so einer Aktion wie gestern gekoppelt ist. Oder sehe ich das falsch?

        Gruß,
        Ute

  3. Marion 27. März 2016 / 20:02

    Das siehst du vollkommen richtig. Gerade in kleinen Buchläden mit Stammkundschaft muss man beraten und eben auch Titel empfehlen, die nicht auf der Bestsellerliste stehen. Sicher hat da jeder einen anderen Schwerpunkt, ich bin auch die totale Fachidiotin und bei Krimis eine Beratungskatastrophe. Je nach Größe des Teams kann man damit auch arbeiten. Und wenn dann jemand beispielsweise nur Young Adult liest ist doch super, dann kann man da eben toll beraten. Wird ja genauso gekauft.
    Gerade kleinere, traditionellere Buchläden können oft gut beraten, gehen von da aber nicht mehr weiter und verpassen Trends und Aktionen, die für ihre Kundschaft interessant sein könnten oder vielleicht sogar neue bringen könnte. Sowas wie den Indiebookday haben die dann einfach nicht auf dem Schirm. Ich blogge seit fast einem Jahr und lese auch erst seitdem wirklich ernsthaft Blogs und kriege deswegen wirklich sehr viel schneller Trends mit, schneller als Verlage oder Vertreter das erfassen und kommunzieren können. Wenn ich sehe, dass ein Buch auf drei Blogs unabhängig voneinander besprochen wird, dann kaufe ich das ein und stelle es in den Laden, auch wenn ich es sonst nicht getan hätte. Verkauft sich dann nicht immer, aber oft. Aber dafür muss man eben dranbleiben.
    Das ist in einigen Fällen personell nicht zu leisten, wird oft aber auch einfach (aus Desinteresse?) nicht gemacht.

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