Rezension: „So ruhet in Frieden“ von John Ajvide Lindqvist

So ruhet in Frieden von John Ajvide LindqvistTitel: So ruhet in Frieden
Originaltitel: Hanteringen av Odöda
Autor: John Ajvide Lindqvist
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Schwedisch
Übersetzer: Paul Berf
Sprecher: Sascha Rotermund
Format: Hörbuch
Verlag: Lübbe Audio
erschienen: 29.10.2009
Länge: 07:24 Std., gekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95. Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von Audible.

Inhalt:

Stockholm, August 2002: Nach einer extremen Hitzewelle legt sich ein elektrisches Feld über die Stadt. Lampen können nicht mehr gelöscht, Maschinen nicht mehr ausgeschaltet werden. Die Menschen leiden unter Kopfschmerzen, ein Chaos droht. Doch plötzlich ist alles wieder vorüber. Oder doch nicht? Irgendetwas ist verändert. Als der pensionierte Journalist Gustav Mahler einen Anruf aus dem nahegelegenen Krankenhaus bekommt, will er nicht glauben, was ihm berichtet wird: Die Toten seien erwacht…

Zum Hörbuch:

Auf der Suche nach ungewöhnlichen Zombie-Hörbüchern für meinen Artikel bei Audible wurde ich fündig: John Ajvide Lindqvists Roman SO RUHET IN FRIEDEN bricht komplett mit allen üblichen Erwartungen an dieses Thema. Statt eines blutigen Horrorschockers schrieb er einen unbequemen Roman, der moralische und gesellschaftliche Fragen über Tod, Verlust und die Definition von Leben stellt, ohne darauf Antworten zu geben.

Nicht Zombies, sondern „Wiederlebende“

Vergessen wir erstmal den Begriff „Zombie“, denn er trifft hier nicht zu. Die Toten, die – mit schweren geistigen, körperlichen und emotionalen Defiziten – wieder auferstehen, werden in Ermanglung eines passenden Begriffes und in hilfloser politischer Korrektheit als „Wiederlebende“ bezeichnet. Sie sind nicht gefährlich (wenn auch, aufgrund ihres Zustandes und undeutbaren, stummen Verhaltens, ziemlich gruselig). Sie laufen nicht rum und beißen Menschen. Sie infizieren niemanden. Sie wollen einfach nur eins: wieder nach Hause.

Wie geht man nun mit diesen… Menschen…Wiederlebenden…um? Wohin mit ihnen? Welche Rechte haben sie? Wer entscheidet über sie? Die Angehörigen oder der Staat?

Drei Schicksale

Am Beispiel von drei Familien und deren Wiederlebenden verfolgen wir die Geschichte: Eine ältere Dame, deren kürzlich verstorbener Ehemann plötzlich wieder vor der Tür steht und sich stumm an seinem Schreibtisch niederlässt; ein Großvater, dessen Tochter und ihr bereits verwesender, im Grab wieder erwachter kleiner Sohn; ein Ehemann, dessen Frau nach einem fürchterlichen Unfall vor seinen Augen im Krankenhaus auf einmal wieder verstümmelt, aber kerzengrade im Bett sitzt und als einzige ein paar Worte sprechen kann. Ihre Geschichten bringen uns zum erschauern, zum Nachdenken, lassen uns verstört zurück.

Was kommt nach dem Tod?

Das ist eine Frage, die sowohl die Figuren im Buch als auch man selbst gerne beantwortet hätte. Aber Antworten gibt es nicht. Die Wiederlebenden können fast alle nicht sprechen. Die wenigen, die zu kommunizieren versuchen, wirken wie geistig behindert, leer, verständnislos für ihre eigene Situation. Sie sind erloschene Flammen, stecken zwischen den Welten fest und stoßen ihrerseits auf hilfloses Unverständnis bei Angehörigen, Ärzten, Wissenschaftlern und der Regierung. Sie sind beunruhigend, und sie werden lästig. Man ist ratlos.

Übersinnlich gestreift

Etwas merkwürdig und ebenfalls verstörend wirkt ein telepathisches Phänomen, das die Wiederlebenden umgibt. Die Menschen in ihrer Nähe können gegenseitig und teils diffus Gedanken und Gefühle lesen. Warum, bleibt ein komplettes Rätsel. All diese offen bleibenden Fragen machen einen unruhig. Man sucht nach Erklärungen und bekommt überhaupt keine. Das ist für den einen frustrierend, scheint mir aber gerade der Sinn des Buches zu sein: Es stellt Fragen, die wir uns als Leser selbst mit Antworten zu füllen versuchen. Wir diskutieren mit uns, stellen uns die Frage, was wir tun würden. Und in keine Richtung gibt es einen Weg, der nicht beängstigend ist.

Besonnen: Sascha Rotermund

Sascha Rotermund liest diesen Roman mit einer Ruhe, die das leise Grausen und die Ratlosigkeit von Lindqvist’s Szenario noch intensiviert. Unaufgeregt, aber intensiv. Irgendwo zwischen journalistischer Berichterstattung und distanziertem Schock. Das geht unter die Haut.

Fazit

Ein Zombie-Roman, der tatsächlich ein Gesellschaftroman voller ethischer und moralischer Fragen ist. Gewaltfrei, so gut wie unblutig, dennoch nicht ohne Grauen. Lindqvist packt das Tabuthema Tod mit einer verstörenden Idee an, mischt einen menschenrechtlichen Disput hinein. Die drei Familienschicksale, die er als roten Faden benutzt, gehen schwer an die Nieren. Wer Antworten auf irgendetwas erwartet, ist hier jedoch fehl am Platz. Hier gibt es nur Fragen, die ins Leere verhallen, und das ist faszinierend, aber nicht leicht zu ertragen.

Bewertung:

Hörbuch: 8 von 10 Punkten
Sprecher: 9 von 10 Punkten

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