Rezension: „Nutshell“ (Nussschale) von Ian McEwan

Nutshell von Ian McEwanTitel: Nutshell
dt. Titel: Nusschale
Autor: Ian McEwan
Sprache: Englisch
Format: Hörbuch
Sprecher: Rory Kinnear
Verlag: Random House Audiobooks
erschienen: 01.09.2016
Länge: 05:26 Std., ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 25,95 ). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von Audible.

Inhaltsangabe:

Trudy has betrayed her husband, John. She’s still in the marital home – a dilapidated, priceless London townhouse – but not with John. Instead, she’s with his brother, the profoundly banal Claude, and the two of them have a plan. But there is a witness to their plot: the inquisitive, nine-month-old resident of Trudy’s womb.

Zum Hörbuch:

Ganz schön gewagt: Der gefeierte britische Autor Ian McEwan lässt uns in seinem Neuling Zeugen eines an Shakespeare’s „Hamlet“ angelehnten Mordkomplotts werden – und zwar aus Sicht eines Fötus im Mutterbauch.

Zeugenbericht aus der Gebärmutter

Die Schwierigkeiten der ungewöhnlichen Erzählperspektive liegen auf der Hand: Das Erleben und Wissen des Erzählers beschränkt sich auf das, was er durch die Bauchdecke hört, und auf das physiologisch Gefühlte. So gehören der erstaunlich eklektische Radiokonsum seiner Mutter Trudy, die Dialoge mit den jeweils Anwesenden und Trudy’s Herzschlag, Blutdruck und Alkoholkonsum zur Wahrnehmungsebene. Aus ihnen zieht der Erzähler seine Weltsicht und verfolgt das Geschehen.

Das funktioniert so nicht wirklich. Altklug und gelehrt kommt der Erzähler herüber, von einer kognitiven Reife und einer emotionalen Balance, wie sie nicht logisch erklärbar ist. Da weiß jemand mehr – viel mehr – als er aus seiner Mikroperspektive und mit seinem pränatalen Verstand wissen kann.

Ein Experiment mit Schönheitsfehlern

Aber wollen wir das McEwan wirklich zum Vorwurf machen? Bereits mit der Wahl des Blickwinkels und des ungeborenen Dokumentators war doch klar, dass es hier um etwas Experimentelles geht, um ein Abstraktum. Da kann man nicht herkömmlich drüber urteilen. Das kann nicht perfekt sein.

Mir gefällt der Mut, so zu erzählen, und die offensichtliche Freude McEwans, seine Wahl auszuloten. Dass unser Erzähler dabei übermäßig ins Philosophieren gerät, von einem werdenden Baby gar nichts an sich hat und so abstrakt erscheint, dass ich emotional nie Nähe zu ihm entwickele, macht nicht viel aus. Zu groß ist mein Genuss, wenn es um McEwans Ausdrucksweise geht, um die sprachlichen Fühler, die er ausstreckt.

Sein oder Nichtsein?

Und dann ist da natürlich das Mordkomplott. Zum hilflosen Zeugen verdammt, der alles unmittelbar mitbekommt, aber machtlos ist, erleben Erzähler und Hörer gleichermaßen das vertraute, fatale Gefühl einer bühnenreifen Tragödie. Und das ist es ja auch! Was sich teils anfühlt wie ein Kriminalschauspiel, beruht auf William Shakespeare’s mörderischem Drama „Hamlet“.

Aus Gertrude wird die verlotterte, junge und hoch schwangere Trudy, die ein Techtelmechtel mit ihrem Schwager Claude (=Claudius) eingegangen ist. Nun steht Trudy’s Ehemann und Claude’s Bruder John im Weg, dessen Haus die beiden gerne für sich hätten. Ein Plan reift: John soll einem vergifteten Getränk zum Opfer fallen. Und sein Baby nach der Geburt meistbietend verhökert werden.

Wer „Hamlet“ kennt, wird Spaß an den Querverweisen auf das Stück haben. Und besser mit dem etwas künstlichen Gefühl des Romans klar kommen. Das ist ein modernes, experimentelles Roman-Drama, das wir hier erleben. Und anstatt an dessen Fehlern herumzumäkeln, lohnt es sich viel mehr, das zu genießen, was daran gut gelungen ist.

Zum Sprecher:

Rory Kinnear? Doch, ihr kennt ihn. Seit „Ein Quantum Trost“ verkörpert er in den James Bond-Filmen M’s Assistenten Bill Tanner. Außerdem hat er eine feste Rolle in „Penny Dreadful“. Der ausgebildete Theatermime hat eine erwartungsgemäß geformte Stimme und Aussprache. In „Nutshell“ entspricht er dem literarischen Sprechertyp: er wahrt Distanz, wirkt intellektuell statt emotional. Das ist etwas gleichtönig, passt aber zum verkopften Text.

Fazit:

Aus dem Mutterbauch heraus lässt Ian McEwan seinen Erzähler Zeuge eines perfiden Mordplans an dessen eigenem Vater werden. Die Geschichte kennen wir als Grundkonstellation aus „Hamlet“. Die Perspektive ist ebenso tückisch wie interessant; der Erzähler ein abstraktes Experiment, teils gelungen, teils nicht. Sprachlich ist das alles gut zu goutieren. Ja, „Nutshell“ ist sicher nicht perfekt. Aber hier traut sich ein Schriftsteller etwas Neues, und es ist allemal interessant, ihm dabei zu folgen.

Bewertung:

Hörbuch: 8 von 10 Punkten
Sprecher: 7 von 10 Punkten

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