Rezension: Benedict Cumberbatch Reads Sherlock Holmes‘ Rediscovered Railway Mysteries

Benedict Cumberbatch reads Sherlock Holmes' Undiscovered Railroad MysteriesTitel: Benedict Cumberbatch Reads Sherlock Holmes‘ Rediscovered Railway Mysteries: Four Original Short Stories
Autor: John Taylor
Sprache: Englisch
Sprecher: Benedict Cumberbatch
Format: Audio-CD
Länge: ca. 2 Std.
Verlag: Penguin Random House/BBC
erschienen: 20.08.2015

Das Hörbuch ist auf CD bei amazon erhältlich, als Download bei audible.de und bestimmt auch über den örtlichen Buchhändler eures Vertrauens, wenn ihr nett fragt!

Inhaltsangabe:

In a drawer in his bureau, Dr Watson keeps a locked cedarwood chest – a ‘box of secrets’. It contains an archive of notes referring to some of Holmes’ cases that, for one reason or another, never saw the light of day. Now, for the first time, Watson has decided to reveal the truth to the world… In these four thrilling stories, Holmes experiments with the science of ballistics, locates some missing gold bullion, investigates the theft of a large amount of money and solves the baffling mystery of the Stovey murder.

Zum Hörbuch:

Neues von Sherlock Holmes…

Machen wir uns nichts vor. Es gibt zwei Gründe, warum man dieses Hörbuch hört: Entweder man ist ein Fan von Sherlock Holmes oder von Benedict Cumberbatch. Oder beides. Und genau das ist bei mir der Fall. Wie bei vielen Gleichgesinnten, ist meine Leidenschaft für den Meisterdetektiv durch die britische TV-Serie „Sherlock“ so richtig entbrannt. Ich habe die Originalgeschichten von Arthur Conan Doyle schon als Kind gemocht, lese sie gerade mit neuen Augen alle noch einmal. Jedes Pastiche, jedes Spin-Off, das mir in die Finger kommt, lese ich ebenfalls. Dazu kommen inzwischen jede Menge Hörspiele der alten und neu erfundenen Fälle. Bis zur neuen „Sherlock“ Staffel im Januar halte ich es trotzdem kaum noch aus.

…gelesen von „Sherlock“

Da kommt mir das hier gerade recht: Benedict Cumberbatch, der Darsteller von Sherlock Holmes aus der BBC-Serie, liest mit seinem in Honig getränkten Bariton höchstpersönlich vier neue Fälle des „consulting detective“ vor!

Nicht so gut wie das Original…

Geschrieben hat die vier Kurzgeschichten der in Frankreich lebende britische Autor John Taylor. Und er bemüht sich redlich, Arthur Conan Doyle’s Stil treu zu bleiben. Ich will hier nicht auf jede Geschichte einzeln eingehen – sie sind so kurz, da ist jedes Wort schon zu viel verraten. Aber ein kurzer Vergleich muss natürlich sein.

Es gibt auch hier das vertraute Muster, dass ein Klient bei Holmes und Watson in der Baker Street auftaucht, viel erzählt und Holmes dann im Rahmen einer Tatort-Exkursion den Fall löst und seine Deduktionen erklärt. Die Fälle sind, wie im Original, von Dr. Watson erzählt, der, ebenfalls typisch, als Holmes‘ begriffsstutziger Sidekick herhalten und ihn für dessen Genialität bewundern muss. Auch kommt wenig Gewalt vor, und Mord ist eher die Ausnahme – das kennen wir so, denn bei Holmes geht es traditionell eher um Betrug und Diebstahl.

…nicht ganz so clever…

Dennoch kommt Taylor nicht ans Original heran. Das liegt zum einen daran, dass Holmes‘ Deduktionen nicht ganz so gewitzt sind wie bei Conan Doyle. Teils kann man vorzeitig erraten, wie die Lösung aussieht. Da ist der Original-Holmes ein Stück genialer.

…ein bisschen zu glatt…

Außerdem wirken die Geschichten ironischerweise zu rund, zu glatt poliert. Bei Conan Doyle’s Geschichten gibt es immer mal Fehler, abrupte Wechsel, ausschweifende Tangenten, und manchmal hat man gar den Eindruck, dass er die Lust verloren und einen Fall schlagartig beendet hat. Dazwischen dann absolut atemberaubende Passagen, die vor Ideen, Charakterbeschreibungen und Sprachschönheit nur so blitzen und Fälle, die einen umhauen. Dieses Zick-Zack fehlt bei John Taylor’s Kurzgeschichten. Sie wirken ausbalanciert, aber eben auf einem unspektakulären Durchschnittslevel. Dass zwei davon mit Eisenbahnen zu tun haben und auch noch direkt aufeinanderfolgen, macht die Sache nicht einfacher und sorgt für Verwechselungsgefahr.

Ironischerweise gefällt mir gerade die Geschichte am besten, die am wenigsten an die Originale erinnert: „An Inscrutable Masquerade“ beinhaltet zu viel Action, Sherlock Holmes selbst verbringt den Fall größtenteils außer Sichtweite, und es fängt auch nicht mit dem Empfang eines Klienten an. Es kommt eine Holmes-typische Verkleidung vor, ja, aber ansonsten fällt die Sache völlig aus dem Rahmen. Vielleicht gefällt mir der Fall deshalb, weil er sich aufgrund seiner Andersartigkeit nicht dem direkten Vergleich stellen muss.

…aber zum Schnurren schön gelesen!

Naja, und dann haben wir da Mr. Cumberbatch. Was für eine Stimme! Braucht er für die eigentlich einen Waffenschein? Wer erwartet, den „Sherlock“ aus der TV-Serie zu hören, könnte allerdings enttäuscht sein, denn hier kehrt Cumberbatch stattdessen den viktorianischen upper class Gentleman heraus. Mit rollendem ‚r‘ und hochnäsigem Singsang portraitiert er den Original-Detektiv punktgenau, aber eben ganz anders als die moderne Fernseh-Version. Sein Watson als Erzähler kommt nur geringfügig hemdsärmeliger daher.

Sehr schön sind Cumberbatch’s unterschiedliche Londoner Arbeitsklasse-Dialekte sowie weitere englische Regionalvarianten. Die machen die Geschichten unterhaltsamer, als sie eigentlich sind. Nur sein Versuch, einen US-Akzent nachzuahmen, misslingt ziemlich, sorgt damit allerdings für Komik und Aufhorchen in einer eher schwachen Geschichte.

Fazit:

Wer stilecht eine Sherlock Holmes Geschichte hören möchte, ist mit John Taylor’s vier neuen Fällen und Benedict Cumberbatch’s bühnentrainierter Samtbrokatstimme sehr gut bedient. Dessen Lesung ist – offen zugegeben – das vorwiegende Argument für dieses Hörbuch. Aber das habt ihr doch nicht im Ernst anders erwartet, oder?
Jetzt müssten wir Mr. Cumberbatch nur noch dazu kriegen, die Original-Fälle einzulesen. Kann ihn jemand mal fragen?

Bewertung:
Hörbuch: 6 von 10 Punkten
Sprecher: 10 von 10 Punkten

Disclaimer: Das Hörbuch wurde mir von Penguin Random House als Rezensionsexemplar im Gegenzug für meine ehrliche Meinung zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

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9 Gedanken zu “Rezension: Benedict Cumberbatch Reads Sherlock Holmes‘ Rediscovered Railway Mysteries

  1. estel90 4. Dezember 2016 / 18:41

    Liebe Ute,

    ich freue mich, dass ich nicht die einzige bin, die Benedicts Stimme vergöttert 😉 Und obwohl die Stories irgendwie ja nicht so überzeugend klangen, wäre das durchaus eine Idee… ich bin ja so ein Hörbuch-Einschläfer. D.h. ich nutze tolle Sprecherstimmen und höre das Hörbuch beim Einschlafen – das lässt das Gedankenkarussell langsamer drehen. Und Benedicts Stimme wäre für sowas natürlich ideal… 😉

    Danke also für den Tipp und auch die tolle Rezension – schön, wie Du zwischen Geschichte und Sprecher unterscheidest!

    Liebe Grüße
    Sarah

    • papercuts1 7. Dezember 2016 / 20:38

      Hallo estel90,

      nein, du bist definitiv nicht die Einzige. Geh‘ mal auf Goodreads und lies die Rezensionen dort durch – kollektives Fangirlen über Benedict. Ich LIEBE seine Stimme einfach, und das gebe ich auch gerne offen zu. Dunkle Stimmen, die trotzdem einen großen Umfang haben, mag ich einfach am meisten, und seine ist dann auch noch so ausgebildet und technisch perfekt. Und ja, zum Runterkommen vor dem Einschlafen ist das ein gutes Hörbuch. Nur wenn du beim Fall mitknobeln willst, solltest du noch wach genug sein.

      Und klar unterscheide ich zwischen Geschichte und Sprecher. Manchmal ist eine Geschichte toll und der Sprecher eher mäßig oder umgekehrt – das kann man doch nicht in einen Topf werfen bei der Bewertung.

      Ach, und wenn du Benedict gerne hörst – im Hörspiel NEVERWHERE von Neil Gaiman ist er auch dabei und hat dort eine ganz tolle Sprechrolle als Angel of Islington. Bombastisch!

      Gruß,

      Ute

  2. Ascari 6. Februar 2017 / 16:32

    Hey 🙂

    Ich bin grad auf der Suche bei Google zu dem Hörbuch bei dir gelandet. Und ich gestehe, ich habe sie gelesen, ehe ich angefangen habe, das Hörbuch zu hören 😀 … Bis auf ein paar Kleinigkeiten muss ich dir außerdem recht geben, sowohl was die Art der Lesung (Okay, ich muss mich jetzt schuldig bekennen, aber Benedict hat meine vor sich hin schlummernde Leidenschaft für Sherlock Holmes wieder sehr, sehr wach werden lassen) als auch die Geschichten angeht.

    Auch mir hat die erste Geschichte am besten gefallen und genauso wie du finde ich auch, dass er den amerikanischen Akzent nicht besonders gut hinbekommen hat … Wobei so richtig umgeworfen hat mich wohl Benedicts Performance als Smaug – Hammer, wie er da den Drachen rübergebracht hat! Und dann dachte ich ja zuerst, seine Stimme wäre für den Drachen mit dem Computer verfremdet worden, aber der Ausschnitt von der Comic Con auf Youtube hat mich eines besseren belehrt (Stichwort: Button Lady 😉 ).

    Als Sherlockian kann ich dir übrigens Mattias Boströms „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ nur ans Herz legen (falls du es nicht schon kennst), da kann man so richtig in die Geschichte um den Hype um den Meisterdetektiv eintauchen. Seit ich das Buch gelesen habe, treibe ich mich so viel wie schon lange nicht mehr auf Youtube herum, da kann man jede Menge Schätze finden 😀 … Besonders was die alten Verfilmungen von früher angeht (Ich sag nur Christopher Lee und Peter Cushing in „Der Hund der Baskervilles 😉 ).

    Liebe Grüße
    Ascari

    • papercuts1 6. Februar 2017 / 17:46

      Hallo Ascari,
      „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ habe ich letztes Jahr gelesen (nur noch nicht rezensiert), und ich fand’s hoch interessant.
      Ja, Benedict Cumberbatch als Smaug war ein Erlebnis! Aber ich denke schon, dass seine Stimme ein bisschen geboostet wurde dafür – auch wenn nicht viel nötig war… 😉
      Kennst du eigentlich das Hörspiel „Neverwhere“ von Neil Gaiman? Da spricht Benedict Cumberbatch den Angel Islington – der Wahnsinn.

      • Ascari 7. Februar 2017 / 10:01

        Guten Morgen!

        Ich hab gestern noch mit nem Freund von mir darüber geredet, der ein bisschen in der Geek-Szene daheim ist. Er meinte, da wär nichts bearbeitet worden bei Smaugs Stimme … Wie auch immer: Er kam einfach toll rüber :D.

        Das Hörspiel kenn ich bis jetzt nur dem Namen nach (Musste natürlich in der Zwischenzeit schauen, was Benedict sonst noch Schönes gemacht hat). Ich kenn zwar vom Autor nur „Sternwanderer“, wollte aber auch immer mal „American Gods“ lesen … Werde daher auf jeden Fall mal reinhören, danke für den Tipp!

        Liebe Grüße
        Ascari

      • papercuts1 12. Februar 2017 / 20:15

        Wow. Wenn das wirklich gar nicht bearbeitet worden ist… wow. Muss ich nochmal gucken und genau hinhören.
        Neil Gaiman kann ich dir -ob mit oder ohne Benedict – nur ans Herz legen. Mein derzeitiger Lieblingsautor!

        LG,
        Ute

  3. Ascari 7. Februar 2017 / 10:06

    Entschuldige, wenn ich jetzt noch einen Kommentar hinterherschiebe, aber wenn du jemandem etwas empfehlen müsstest, der noch nie Sherlock gelesen hat, was wäre das? Ich schwanke derzeit zwischen „Eine Studie in Scharlachrot“, weil es ja den Anfang beschreibt, und zwischen „Der Hund der Baskervilles“. Oder sollte ich einen der Geschichtenbände wählen?

    Der Hintergrund ist, dass ich einen Blogartikel dazu plane. Ich habe da eine Art Serie ins Leben gerufen, wo ich immer zu einem Thema sechs verschiedene Bücher vorstelle :). Und ich möchte gern ein bunte Mischung zwischen Kanon und Pastiches zusammenstellen …

    Liebe Grüße
    Ascari

    • papercuts1 12. Februar 2017 / 20:18

      Also, „A Study in Scarlet“ ist mit sicherheit eine ganz typische Sherlock Holmes-Geschichte, in der alle klassischen Elemente direkt enthalten sind. Und wer auch noch die TV-Serie mag, wird riesigen Spaß damit haben, weil „A Study in Pink“ sich besonders eng an die Vorlage hält. Ist also mit Sicherheit ein guter Anfang.
      Wem die Geschichte für den Start zu lang ist, dem empfehle ich „The Speckled Band“ – das ist einfach eine der spannendsten Kurzgeschichten, die richtig Spaß macht.
      Da muss ich aber mal gucken auf deinem Blog…

      LG,
      Ute

      • Ascari 13. Februar 2017 / 8:09

        Guten Morgen!

        Danke für deine Antwort :). Dann werde ich „A Study in Scarlet“ nehmen. Was mich daran erinnert, jetzt mal den Plan umzusetzen, immer erst die Originalgeschichte zu lesen und dann die jeweils darauf aufbauende „Sherlock“-Episode zu gucken ;). Und wenn vorhanden, die dazu passende Folge mit Jeremy Brett (Ich hab die DVDs zwar noch nicht, aber Youtube ist mein bester Freund ;)).

        Kennst du die alte Serie? In der Zwischenzeit kann ich schon ein wenig nachvollziehen, warum so viele Brett als Sherlock so sehr mögen … Wobei die alte und die neue Serie zu vergleichen, sollte man tunlichst lassen, denke ich, das erinnert an den oft strapazierten Äpfel- und Birnenvergleich.

        Liebe Grüße
        Ascari

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