Rezension: „The Gap Of Time: The Winter’s Tale Retold“ von Jeanette Winterson

The Gap of Time von Jeanette WintersonTitel: The Gap Of Time: The Winter’s Tale Retold
dt. Titel: Der weite Raum der Zeit
Serie: Hogarth Shakespeare #1
Autorin: Jeanette Winterson
Sprache: Englisch
Format: Hörbuch-Download
Sprecher: Ben Onwukwe , Mark Bazeley , Penelope Rawlins
Anbieter: Random House Audiobooks
erschienen: 01.10.2015
Länge: 07:09 Std., ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 27,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von Audible.

Inhaltsangabe:

New Bohemia. America. A storm. A black man finds a white baby abandoned in the night. He gathers her up – light as a star – and decides to take her home.
London. England. After the financial crash. Leo Kaiser knows how to make money, but he doesn’t know how to manage the jealousy he feels towards his best friend and his wife. Is his newborn baby even his?
New Bohemia. Seventeen years later. A boy and a girl are falling in love, but there’s a lot they don’t know about who they are and where they come from.

Zum Hörbuch:

Ein ambitioniertes Projekt hat sich der 2012 wieder-gegründete Hogarth-Verlag da auf die literarischen Schultern gepackt: 8 preisgekrönte, erfahrene und bekannte Schriftsteller*innen schreiben für das Hogarth Shakespeare Project moderne Romanadaptionen von Shakespeare’s Theaterstücken. Den Anfang machte im Juni 2015 Jeanette Winterson mit „The Gap Of Time“, ihrer Version von „The Winter’s Tale“. (einen Überblick über die weiteren schon erschienenen und geplanten Romane findet ihr HIER.)

Das Originalstück

Hier zunächst ein schmachvolles Geständnis: Ich kenne „The Winter’s Tale“ nicht. Das liegt daran, dass ich Shakespeare’s Stücke bei der ersten Begegnung immer lieber auf der Bühne sehe, bevor ich sie lese (dafür sind sie schließlich gemacht). Und „The Winter’s Tale“ ist eben keins dieser Shakespeare’schen Dauerbrenner wie „Hamlet“ oder „Macbeth“, die immer wieder im örtlichen Theater aufgeführt werden. Vor dem Hören von „The Gap Of Time“ konsultiere ich deshalb das Internet und lese ein paar Zusammenfassungen. Was sich allerdings als unnötig erweist – das Hörbuch beginnt mit einer kurzen und prägnanten Inhaltsangabe des Originalstücks. Praktisch.

Die Adaption

„The Gap Of Time“ ist eine Mischung aus dem ursprünglichen, allerdings in eine andere Zeit und an andere Orte verlegten Plot, aus Shakespeare-typischen Tangenten, aus epischen inneren Monologen und zwischenmenschlichen Emotionsgeflechten.

Auftakt mit Bravour

Besonders der Anfang begeistert mich. Das liegt zum einen an den dramatischen Ereignissen, die dazu führen, dass Perdita bei anderen Eltern landet; zum anderen an der überraschend eingefärbten, sehr sensiblen Jugendliebe zwischen Xeno und Leo. Und – beim Hörbuch – an den krassen und äußerst passenden Unterschieden zwischen den verschiedenen Erzählern. Winterson kontrastiert die bodenständige, einfache und liebevolle amerikanische Adoptivfamilie mit Perditas komplexer, reicher, emotional in sämtliche Extreme ausufernder Herkunftsfamilie. Da prallen Poesie und Slang aufeinander, Eifersucht und bedingungslose Liebe. Ein opulenter, sprachlich imposanter erster Teil des Romans.

Es wird Arbeit

Dann wird es etwas schwieriger. Mittel- und Endteil kämpfen mit Ablenkungen, mit dem Gefühl, dass kaum etwas passiert – außer in der Gedankenwelt der Figuren, aber das so breit auszelebriert, dass der Roman irgendwie zu verschwimmen beginnt. Der rote Faden geht in Winterson’s Interpretation von Shakespeare’s Motiven der Zeit, der Familienbande, von Ursprung und Entwicklung, vom „verlorenen Kind“ etwas verloren. Da muss man sich schon sehr konzentrieren, um die Plotkrümel dahinter nicht zu übersehen.

Stilnote: sehr gut

Aber gut. Sprachlich ist das alles zum Feiern schön, gerade aufgrund der Kontraste, welche die verschiedenen Figuren, ihre Kultur, Klasse, Lebensart mitbringen. Trotz der modernen Sprache bleibt ein feinsinniger, theatralischer Rhythmus erhalten. Humor, auch mal derbe, ganz nach Art von Shakespeare, ist auch eine Zutat. Hinter allem scheint leises Bedauern zu stehen, das Verrinnen der Zeit, die selbst Vergebung und ein versöhnliches Ende nicht wieder zurückdrehen können.

Die Sprecher:

Großartige Stimmen krachen hier ineinander. Der beinahe adelige britische Singsang von Mark Bazeley verteilt sich gleichermaßen auf den cholerischen Leo, den verletzlichen Xeno und Mimi, das Opfer der falschen Eifersucht. Bazeley schafft diesen Spagat mit begeisternder Leichtigkeit. Als dann Ben Onwukwe überraschend mit breitem, afro-amerikanischen Südstaaten-Slang die Bühne betritt, spürt man den Kontrast mit körperlicher Wucht. Dritte im Bunde ist Penelope Rawlins, die Perdita fantastisch performed, deren tief gesetzte, langsame und künstlich wirkende Männerstimmen mir nach einer Weile aber auf die Nerven gehen, sodass ich mich unbewusst schon mal ausblende.

Fazit:

Eines von Shakespeare’s späten Stücken, weniger bekannt, hier im neuen, modernen Romangewand. Und das in der englischen Hörversion. Es fordert heraus. Komplexe Figuren und deren Beziehungen und Entwicklungen brauchen volle Aufmerksamkeit für alle Nuancen und Erkenntnisse. Sprachlich voller Kontraste, mit Poesie und zarten „Zwischenspielen“ ebenso durchsetzt wie mit Profanität und Fußvolk-Slang, gibt es ein ambitioniertes Spektrum zu erleben.
Vielleicht liegt es an der Vorlage des älter werdenden Barden, vielleicht aber auch an Winterson’s Interpretation des Stoffes, dass die Dinge etwas zu gedankenverloren und bedeutungsschwanger wirken. Nicht alles ist greifbar. Auf jeden Fall schafft „The Gap Of Time“ eines: ein erneutes Bewusstsein für die Bandbreite in Shakespeare’s Stücken und für deren zeitloses Adaptionspotential. Und macht große Lust auf die weiteren Romane des Hogarth Shakespeare Projects.

Bewertung:

Hörbuch: 7 von 10 Punkten
Sprecher: Ben Onwukwe, Mark Bazeley: 10 von 10 Punkten
Penelope Rawlins: 6 von 10 Punkten

Bisher im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projects erschienen (Stand Dezember 2016):

  • The Gap Of Time (Der weite Raum der Zeit) von Jeanette Winterson
  • Shylock Is My Name (Shylock) von Howard Jacobson
  • Vinegar Girl (Die störrische Braut) von Anne Tyler
  • Hag-Seed von Margaret Atwood

Die gesamte Übersicht gibt es hier.

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